Venus Homo

[106] Nun weißt du, Herz, was immer so

in deinen Wünschen bangt und glüht,

wie nach dem ersten Sonnenschimmer

die graue Nacht verlangt und glüht;

und was in deinen Lüsten

nach Seele dürstet wie nach Blut,

und was dich jagt von Herz zu Herz

aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.


In früher Morgenstunde

hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt:

Aus meinem Herzen wuchs ein Baum,

o wie er drückt! und schwankt! und nickt!

Sein seltsam Laubwerk tut sich auf,

und aus den düstern Zweigen rauscht

mit großen heißen Augen

ein junges Vampyrweib – und lauscht.
[106]

Da kam genaht und ist schon da

Apoll im Sonnenwagen.

Es flammt sein Blick den Baum hinan;

die Vampyrbraut genießt den Bann

mit dürstendem Behagen.

Es sehnt sein Arm sich wild empor,

vier Augen leuchten trunken;

das Nachtweib und der Sonnenfürst,

sie liegen hingesunken.


Es preßt mein Herz die schwere Last

der üppigen Sekunden.

Es stampft auf mir der Rosse Hast;

er hat sich ihr entwunden.

Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,

hohl fleht ihr Auge: bleibe!

Er stößt sie sich vom Leibe,

von Ekel zuckt des Fußes Wucht,

hin rast des Wagens goldne Flucht.


Es windet sich im Krampfe

und stöhnt das graue Mutterweib.

Mit ihren Vampyrfingern gräbt

sie sich den Lichtsohn aus dem Leib.

Er ächzt – ein Schrei – Erbarmen –: Ich,

mich hält der dunkle Arm umkrallt!

Da bin ich wach – – doch hör ich,

wie noch ihr Fluch und Segen hallt:
[107]

Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz,

das so von Wünschen bangt und glüht,

wie nach dem ersten Sonnenschimmer

die graue Nacht verlangt und glüht;

und sollst in deinen Lüsten

nach Seele dürsten wie nach Blut,

und sollst dich mühn von Herz zu Herz

aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Seltsam: plötzlich ist mein Keller,

ist mein ganzes Bett verdunkelt,

während jeder Stern noch heller

über jenen Häusern funkelt.


An der Straße stehn wie Schemen,

stehn erloschen die Laternen.

Soll ich's mir als Zeichen nehmen?

Ja! als Zeichen von den Sternen!


Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier,[108]

wie einst David Nachts vor Saul verborgen,

so voll Himmelshoffnung wart ich hier,

so voll Bangen auf den Morgen.


Denn ich fühl's, ich muß sie wiedersehn –

doch ein Zaudern, das ich kaum begreife,

raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn

als die Wissende, die reife

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 106-109.
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