Venus Regina

[113] Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;

ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.

Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge

von Trauernden, so stehn wir auserwählt

in einem grauen Raume, dumpf beengt[113]

vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen,

vom Balsamdufte, den die Tote atmet.

Am Sarkophage, der von Eisen ist,

steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt

ein fahles Licht in die Rotunde, streift

sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert

zu seinen Füßen in der offnen Gruft.

Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,

zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;

der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.

Und auf der Truhe les'ich wie im Traum,

nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich

in großen, grauen, eisernen Buchstaben:

REGINA SEMPITERNA MORTUA –

seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,

die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:

der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!

Ich höre staunend, wie wir alle singen,

ich selbst mitsingend:


Selig trauern

Edle um ein edles Leben.

Nie verliert sich, was gewesen;

wenn du deines Grams genesen,

wird in Sehnsucht, wird in Schauern

dir dein Wesen

das Verlorne wiedergeben.


Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;[114]

er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:

ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,

im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:

ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,

mein einst in Lumpen umgekommener Freund,

in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser – nein:

ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst.

Ich winke. Meine Edeln nahn und heben

und senken mir mein Liebstes in die Gruft.

Ich höre die gestrafften Seile gleiten,

ich stehe abgewandt, ich weine nicht;

nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht,

nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft

nicht riechen mehr – o singt! singt mir das Lied,

ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,

ich will nicht schluchzen! Und im Chore schluchz'ich,

schluchzt das Gewölbe:


Selig preisen

Freie ein befreites Wesen.

Was lebendig ist, will leben;

lerne mit den Geistern schweben!

Wenn sie dich aus deinen Kreisen

mit sich heben,

bist du deines Grams genesen.


Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt

nach Licht. Und während hinter mir gedämpft[115]

die dunkle Halle tönt, tret'ich ins Freie –

taumle –: der blaue Mittagshimmel drückt mir

blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein

vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,

der Atem stockt mir, ich erinnre mich,

ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,

ich habe gestern ein Edikt erlassen

»Mein Volk soll fröhlich seine Toten ehren«

so wollte sie's – und wieder stürmt der Jubel.

Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,

vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,

ein weiter Park von Linden unter mir.

Ich steige nieder. Durch das schwärzliche

Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,

flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben

scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch

bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.

Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig –

nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,

ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt

zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:

sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,

im Reigen reichen sie die Blütenzweige

sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:

sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen

ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier

durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke

schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken

zartzarte Flügel wie von märchengroßen[116]

Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;

und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,

wer braun ist, feuerroten – nirgends Schwarz.

So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige

und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau

und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit'ich,

und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen

sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen

singend umwandelt:


Tröstliche Lüste

halten im Tode Leben verborgen.

Wissen macht Sorgen.

Wenn er sich drückte an meine Brüste,

wenn er mich küßte,

wußten wir nichts von gestern und morgen.


Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme

strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten

Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:

von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk:

es sind nur jugendliche Menschen da.

Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:

auch für die Alten ist doch Frühling! Aber

die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;

sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,

sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.

O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,

ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau –[117]

o lauter! Und das Laub der Linden bebt

vom Chor der Männer:


Lust ist Verschwenden,

leben heißt lachen mit blutenden Wunden,

Jahre sind Stunden!

Wenn sie an deinen beseligten Lenden

schien zu verenden,

hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!


Und immer wärmender wird ihr Geleucht,

und immer drückender mein Krönungskleid,

es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;

ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt

das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;

die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.

Die Bäume werden dichter, werden Wald;

ich komme in ein Tal voll alter Birken,

ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel

nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,

kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad

murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal

und biegt um einen Vorsprung, und der Quell

zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,

die wie ein Lied – nein: eine Stimme klingt –

das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten,

die Birken streun bewegte Schatten drauf,

ein Brückensteg – und am Geländer lehnen

von Sonnenlichtern überdämmert zwei[118]

der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde

ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche;

ich bebe – träum'ich denn? – sie sieht mich, Beide

sehn mich und singen:


Warum beben?

Nur im Herzen ist es dunkel.

Was die Tiefen uns gegeben,

auszuleben,

mahnt des Baches Quellgefunkel.


Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!

und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!

Du aber, Du da mit den Himmelsfarben,

du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,

du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! –

Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt.

Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste

zwischen den Birken auftaucht und verschwindet.

Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen

ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,

ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.

Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht

der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.

Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;

und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir

der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,

denn Du da, Du da mit den braunen Augen,

du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,[119]

du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! –

Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;

sie bleiben stehn, sie winken mich heran;

hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.

Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.

In meinem Krönungskleide breit'ich ihnen

die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.

Sie stehn und singen:


Kannst du schweben?

Aus dem Tal der Einsamkeiten,

wo die Kräfte sich erheben,

ruft das Leben

heim zum Wettspiel die befreiten.


Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,

wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.

Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen

im Gehn ihr Haar damit – o bleibt doch! wartet!

ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!

die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,

mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,

ich werf es ab! da liegt es! O wie leicht

atmet der nackte Mensch! – Das Wasser schäumt mir

um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich

erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.

Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich

bin auch beflügelt. Sausend, doppelfarbig,

aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,[120]

treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:

ich halte sie. Ich – Beide muß ich haben:

dich mit den braunen Augen will ich noch!

Jetzt! – Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.

Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe

begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen

tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.

Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen – ja:

hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar – und jetzt:

ich halte Beide... ach ... ich bin erwacht.


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Wie verschüchtert stehn die Sterne;

manche sind schon fast verschwunden.

In der zwielichtfahlen Ferne

mahnen sie an schwache Stunden.


Aus den hohen Häusern drüben gähnen

alle Fenster dicht verhangen.

Wieviel Lust mag da sich schämen[121]

unter den geschminkten Wangen.


Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt.

Freude, Freude, laß mich nicht verzagen!

Über jenes Dach wird bald,

bald der Morgenstern sich wagen.


Dunkle Allmacht, die ihn sendet,

hilf mein suchendes Herz behüten,

daß nicht neuer Trug es blendet!

Nein, hilf nicht! ich will's nicht hüten!


Trotz dem Notschrei des Propheten,

trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung,

will ich wieder und wieder beten:

führe, führe uns in Versuchung!


Sei gepriesen, ewige Leidenschaft!

Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen.

Laß uns mit geprüfter Kraft

aufstehn, wenn wir unterliegen!


Herz, vertraue deinem Triebe!

Seele, deine Weltbetrachtung

wird nur durch den Mut der Liebe

frei von Ekel, Reue und Verachtung.


O, schon spürst du's! Sieh, da steht sie wieder

trostreich vor dir, wie sie damals stand,[122]

als sie innerst aus dem Äther nieder

ihren Pfad in deine Kammer fand:

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 113-123.
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