Erwachen

[99] Schwüle Stille füllet die Rotunde;

um die blanken Säulen

hängt die Mittagsglut.

Auf der Marmorstufe

matt das Mädchen ruht;

eine Rose führet sie zum Munde.


Müde schwimmen ihre Kinderaugen;

in den kühlen Kelchgrund[99]

tief hineingetaucht,

lange Seufzer ihre

heiße Lippe haucht,

dürstender den linden Duft zu saugen.


Nach der Halle schaut sie, durch die gestern

Daidalos, der junge

Gastfreund, zog herein.

Und sie sinnt: »Warum wohl

gab er mir allein

heut die Blume? warum nicht den Schwestern?


Warum hat er so mich angesehen,

anders als die Schwestern,

da die Hand er gab? –

Bin ein kindisch Mädchen!

weiß nicht, was ich hab'!

Wie ich glühe! ich will baden gehen.«


Und sie hebt sich von der warmen Schwelle;

aus dem Blütenschoße

ein gelöstes Blatt

traumbefangen kosend,

wandelt sie zum Bad,

öffnet sie versunknen Blicks die Zelle.


Und sie steht gebannt, und steht und staunet:

vor ihr liegt der Gastfreund

schlafend hingedehnt.

Und verwirrt belauscht sie,

bang ans Thor gelehnt,

wie das Niegeschaute in ihr raunet.


Lauscht die starken nackten Jünglingsglieder,

lauscht sein schlummerselig

weiches Lächeln an,[100]

will davon – und weiß nicht,

was sie hält im Bann!

stillverwundert starrt sie auf ihn nieder.


Da erschrickt sie: dunkle Wünsche wallen

ihr ums Herz, ein lohend

Rot ihr Antlitz säumt!

und auf Einmal weiß sie,

was in ihr geträumt,

und die Rose läßt sie zitternd fallen –


und entflieht – ein Sehnsuchtslaut verwehet ...

Da erwacht der Jüngling,

sieht die Ros' am Thor, –

und auf Einmal, jauchzend,

reißt er sie empor:

»Klytia war hier! Ihr Götter – sehet!«

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 99-101.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Chamisso, Adelbert von

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In elf Briefen erzählt Peter Schlemihl die wundersame Geschichte wie er einem Mann begegnet, der ihm für viel Geld seinen Schatten abkauft. Erst als es zu spät ist, bemerkt Peter wie wichtig ihm der nutzlos geglaubte Schatten in der Gesellschaft ist. Er verliert sein Ansehen und seine Liebe trotz seines vielen Geldes. Doch Fortuna wendet sich ihm wieder zu.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon