Gruß des Frühlings[237] 1

Harfe! lange, lange

Hörte deinem Klange

Nur die trübe Winterhalle zu.

Komm o komm! Wir müssen

Jetzt den Lenz begrüßen.

Sieh! er kehrt! Ich singe, schalle du!

Sieh! er schwingt die Flügel

Ueber jenen Hügel,

Der uns öfter frischbekränzet sah.

Laß uns ihn besteigen!

Unten in den Zweigen

Ist die Schaar der Federbarden nah.


Willkommen, gewaltiger Erdebeleber!

Willkommen, freundlicher Blumengeber!

Dein Säuseln hat der Barde vernommen.

Gutthätiger Lenz! o sey mir willkommen.[238]

Hier setz' ich mich nieder, und blick' um mich:

Wie schmücket der frischere Morgen sich!

Wie stralen die Thürme der mächtigen Stadt,

Die meine Gebieter im Busen hat!

Wie stehen sie ruhig, und roth besonnt

Die Berge, wo schweigende Tugend wohnt!2

Wie zeichnen die blaulichen Düfte den Gang

Der Donau! Begrüsse, begrüsse, Gesang!

Den Lenz mit allen seinen Gaben.

Wem jetzt kein Lied entsteht, wann wird er eines haben?


Aber viel zu weit

Waret ihr umher verstreut,

Meine Blicke! durch das große Schöne.

Rund um meinen Fuß

Heischet alles meinen Gruß,

Heischet alles meiner Harfe Töne.

Veilchen, holdes Frühlingskind!

Freundlich trägt der Morgenwind[239]

Deinen süßen Hauch mir wieder zu.

Farbenreicher Thau

Ziert dein sittsam Blau;

Einem Fräulein gleichest du,

Das in ihrer Feyerhalle

Die gefliß'ne Mutter schmückt.

Ha, du würdest, dächten alle,

Wie dein Sänger, nie gepflückt.


Aber hat dein Veilchen nur

Meinen Gruß? o Mutter Flur!

Zeigst du mir nicht nah und ferne

Kleine silberweiße Sterne?3

Stralt nicht, nach geschmolz'ner Flockenhülle,

Deiner gelben Sonnen Fülle?4

Und ich grüßete dein Veilchen nur?

Du mein zweiter Himmel, Mutter Flur!

Blumen, nein! euch grüßet alle,

Die mein Auge wieder sieht,

Mit verjüngtem Harfenschalle[240]

Mein verjüngtes Lied.

Euch verletze keines Nordes Wuth

Aber seyd, o seyd der lieben Biene gut!

Geizet mit dem süßen Schatze nicht,

Der aus eurem Busen bricht!

Blumen! eures Schöpfers Bild!

Seyd dem allerkleinsten Flügelvolke mild,

Das auf euch, als seiner Welt,

Kurze, doch vergnügte Tage zählt.


Sie sind erwacht die kleinen Leben.

Ich sehe sie kriechen, und laufen, und schweben.

Sie schliefen in Erden, in Ritzen und Kluft,

Da traf, getragen von lauerer Luft,

Die Stimme des Lenzes ihr Ohr:

»Hervor, ihr kleinsten meiner Kinder!

Der Winter ist fort, die Sonne gelinder,

Zur Liebe, zur Kurzweil' hervor!«

Da öffneten Grillen ihr Thor

Da drängten die Käfergeschlechter empor,

Da brach die Raupe das Ey,

Da wurde der Schmetterling frei[241]

Von seiner goldgezierten Decke5.

Wie schnell war sein Lauf

Den Stamm der Pappel hinauf,

Wie heiß der Wunsch, daß bald sein Flügel sich strecke!

Nun ist er gestreckt, gerollet die Zunge;

Nun eilt er im kühnesten Schwunge

Bey Sined vorbey, ganz trunken von Freude,

Ein Jüngling im ersten Kriegsgeschmeide.

Nicht so sein nächtlicher Bruder.6 Der ruht

Der Rinde ganz ähnlich am Arme der Eiche.

(Mich täuschet er nicht) Sein Aug' ist Glut,

Sein Wunsch, daß bald die Sonne weiche!

Dann schwärmt er durch Ulmen und Eichen und Buchen

Die schönsten der Eulen zu suchen.7

Kleine Wesen! euch ergeben

Grüßet euch mein Lied und Spiel.

Nützet euer kurzes Leben,

Und erreichet euer Ziel!
[242]

Weiden, Erlen! die des Barden Hand erzieht,

Euch auch grüßet wieder Spiel und Lied.

Ha, wie schwellen eure Keime!

Bäumchen ha! bald seyd ihr Bäume!

Wann ihr dann mich dankbar in den Schatten nehmt,

Dann ist manches Jünglings Herz beschämt,

Der in meiner Halle lernend saß,

Und des Lehrers bald vergaß.

Höhle sey willkommen,

Deren Felsenschooß,

Wenn die Sommerstunden glommen,

Mich mit sanfter Kühlung immer übergoß.

Höhle! dich besuch' ich wieder.

Dich bewohnt der Geist der Lieder,

Haucht auf deine Quelle nieder,

Daß es durch den Kranz mir säuselt,

Daß sich ihre Fläche kräuselt;

Ihre Wasser lauten dann darein,

Und dann muß, dann muß ein Lied gesungen seyn.


Dich auch grüß' ich, stiller Teich!

Nach zerfloß'nem Winterschilde

Ward dein Busen wieder weich,

Pranget mit der Sonne Bilde.[243]

Von den Tiefen,

Wo sie schliefen,

Lockt ihr Schimmer

Deiner Schwimmer

Leichtes Volk empor.

Ihrem plätschernden Gewühle

Horchet bei der Morgenkühle

Froh des Barden Ohr. –

Aber nun schweigen sie wieder;

Denn dein Gebieter, der Schwan,

Segelt mit seiner Geliebten heran.

Hoch ist sein blendend Gefieder,

Stolz des Halses Bogen:

Die getheilten Wogen

Brausen hinter seinem Pfade fort.

O noch kennet er den Ort,

Wo zu ihm oft Sined niederhing,

Wo er Speis' aus meiner Hand empfing.


Vernehm't auch ihr, o junge Schatten!

Wo Ahorn sich und Esche gatten,

Vernehmet, Buchengänge!

Der Frühlingsharfe Klänge,

Des frohen Barden Gruß.[244]

Nun irrt sein freier Fuß

Durch den erwachten Wollusthain;

Er haucht Gesundheit ein,

Und lernet von den Federkehlen,

Die Busch und Wipfel hegt,

Den Ton zu seinen Liedern wählen,

Der menschenfreundliches Gefühl erregt.

Holde Federkehlen!

Lehrt mich Töne wählen,

Lehrt mich Töne schätzen,

Die kein Herz verletzen,

Laßt mich euer Spiele nahen Zeugen seyn!

Sollt ihr Barden scheu'n?

Sicher könnt ihr mich umfliegen,

Mir entdecken, wo die Brut

In den warmen Nestern ruht;

Sined ist verschwiegen,

Ist der Jugend gut.


Jetzund hebe dich vom Hügel

Mit der Morgenlerche Flügel,

Hebe dich zu dem, mein Lied!

Der auf seiner Werke Wonne

Freundlicher als Frühlingssonne,[245]

Niedersieht.

Er hat mir ein Herz gegeben,

Das sich mit dem kleinsten Leben,

Mit dem kleinsten seiner Wesen freuen kann.

Nehm' ich Gold dafür und Menschenherrschaft an?

Da sich Wald und Wiese kleiden,

Dank' ihm für die Frühlingsfreuden,

Die er diesem Herzen wieder gibt,

Das in seinen Werken ihn, den Meister, liebt.

Fußnoten

1 Der Schauplatz dieses Gesanges war der Garten des Theresianums.


2 Das ehemalige Kamaldulenser Kloster auf dem Kahlenberge.


3 Die Maßlieben. Bellis perennis. L.


4 Die Butterblumen. Leontodon taraxacon. L.


5 Die Puppe (Aurelia) der meisten Dornraupenarten hat goldene Flecken.


6 Die Phaläue.


7 Eine eigne Art der Nachtvögel, so genannt von ihren großen feurigen runden Augen, die tief liegen.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 237-246.
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