Erste Klage[36] 1

Schauerndes Lüftchen! woher?

Trüb ist der Tag. In dem entblätterten Haine

Weder Kehle noch Fittig. Kein Schwan berudert den Teich.

Voll der Winterbilder sitz' ich einsam

Auf mein Saitenspiel gelehnet,

Da kömmst du, Lüftchen! schwirrest mir

So kläglich, so kläglich die Saiten hindurch.

Ist es nicht Hauch des Grabes?

Ist es nicht Sterbeton?

Hat uns ein Held, ein Barde verlassen?

Schauerndes Lüftchen! woher?


Von dem Gestade der düsteren Pleiße

Komm' ich, o Barde! zu dir. Dort hab' ich geflattert

Um Gellerts Grab.[36]

In Blumen konnt' ich nicht seufzen;

Noch öde steht, bis ihn der Lenz

Mit Blumen deckt, des Grabes Hügel.

Ich hab' in blätterlosen Sträuchern

Umher geseufz't.


Lüftchen, genug! Kein stürmender Nord

Soll dich verschlingen, zärtlicher Trauerbot'!

Und ihr hinab, Saiten! hinab

Zur dumpfen, grabetiefen Todesklage!

Er ist hin, euer Lehrer, Kinder Teuts!

Er ist hin, euer Führer, Bardenchöre!

Er ist hin, dein Verkünder, Tugend!

Deine Freude, Jüngling! Mädchen! deine Lust.

In der Pleiße Rauschen

Quollen seine Lieder.

Ach, die Pleiße rauschet;

Aber nimmer, nimmer

Quillt von ihm ein Lied darein!

Seufzet, Ufer!

Blumen an den Ufern

Erlenschatten an den Ufern!

Nimmer, nimmer quillt von ihm ein Lied darein!
[37]

Vom Tannenberge wälzet sich manch' trüber Gießbach2

Und nun entspringt am Fuße des Berges

Ein laut'rer, himmelheller Quell.

Schnell hüpfen die Kinder des Waldes

Vom trüben Gießbach', und trinken den Quell:

So zogst du die dürstenden Völker an dich. –

Die Bienenköniginn sammelt ihr zahllos Heer,

Und führt es auf Wiesen voll Frühling's,

Und jede vom Heere

Kömmt honigträchtig zurück:

So setztest du den Söhnen Teuts

Die Süße deines Herzens in Bardenlehren vor!

Und dieses Herz durchgrub des Todes Stachel!

Trauert, ihr Völker! trauert, ihr Söhne Teuts!

Der Quell ist versiegt! der Frühling erstorben!


Ein Jüngling war ich, und jeglicher Trieb

Zur vaterländischen Bardenkunst[38]

Lag noch in meiner Brust in zweifelndem Schlummer.

Ich hörte dein Lied, und jeglicher Trieb

Entriß sich dem zweifelnden Schlummer3

Und horchet mir itzo mein Vaterland,

Und thuen mir ältere Barden

Ihr freundliches Herz auf,

Und schändet meine Scheitel

Den heiligen Eichenzweig nicht,

Dir bin ich es schuldig. O nimm, was ich vermag,

Ein Lied und Thränen! –


Aber hinauf, Saiten, hinauf

Zur hellen, himmelhohen Zukunft!

Mein Auge durchstrahlet das Wintergewölk',

Erblicket ihn, den satten Lebensgast,

Unter den Barden der Vorwelt.

Ein großes Erstehen

Von allen Wolkensitzen

Dem Lehrer der Tugend,[39]

Dem Sittenverbess'rer,

Dem Feßler der Herzen,

Dem holden, menschenfreundlichen Weisen.

Wie dünnere Frühlingsnebel

Von der gebärenden Flur,

So schwindet die zärtliche Schwermuth

Von dem Gesichte des Barden.

Aus den Umarmungen ewiger Sänger

(Ach nicht ewig für uns! Die neidische Zeit

Entriß uns ihre Sitten, ihr Lied,

Ihr Lied in freien Eichenhainen,

Ihr Lied im Mahle tapfrer Fürsten,

Ihr Lied im lauten Schlachtgetümmel

Unter bemaleten Schilden

Hervorgebraust!)4
[40]

Aus den Umarmungen dieser Sänger

Blicket er lächelnd herab

Auf sein geliebtes, erdewallendes Geschlecht,

Und sieh't sich von Enkel zu Enkel

In seinen Gesängen hinwieder geliebt, verewigt;

Und höret die Kinder der Fremden

Am Rhein und am Po

In ihren Zungen5 seine Lehren wiederholen,

Und Deutschland segnen, dem der Himmel

Einen Gellert gab.


Also mein Lied zur traurigen Wintergegend.

Aber du, Lüftchen! bist du noch hier

Im blätterlosen Ahorngange,

So nimm dir die besten Töne daraus,

Und decket der kehrende Lenz

Den Hügel des Barden mit Blumen,

Dann seufze sie nach in jenen Blumen,

Derer Haupt am Hügel

Schwerer und gesenkter ist.

Fußnoten

1 Ueber Gellerts Tod.


2 Die deutschen Fabeldichter vor Gellert.


3 Das erste, was dem Dichter aus der Hallerischen Epoche zu Gesicht kam, waren Gellerts Fabeln.


4 Celebrant germani carminibus antiquis (quod unum apud illos memoriae et annalium genus est) Tuistonem Deum terra editum, et filium Mannum, originem gentis conditoresque. – Ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu quem Barditum vocant, accedunt animos etc. Tacit. Germ. C. 2 et 3.


5 In französischen u. italienischen Uebersetzungen.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 36-41.
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