Dreißigstes Kapitel

[213] Was die Damen und Doktor Losberne von Oliver hielten.


Unter den redseligsten Versicherungen, daß die Damen durch den Anblick des Verbrechers nur angenehm überrascht sein würden, bot Doktor Losberne Miß Rose den Arm, Mrs. Maylie seine andre freie Hand und führte die beiden Damen mit umständlicher Galanterie die Treppe hinauf.

»Nun,« flüsterte er und klinkte leise die Türe auf, »wollen wir hören, wie Sie wohl über ihn denken. Er hat sich in letzter Zeit nicht rasiert, sieht aber trotzdem nicht struppig aus. Warten Sie aber, bitte, noch. Ich will mich zuvörderst überzeugen, ob er auch in der Lage ist, Besuch zu empfangen.«[213]

Voranschreitend warf er einen Blick ins Zimmer, dann winkte er den beiden Damen, ihm zu folgen, und schloß hinter sich die Türe ab. Dann zog er behutsam die Vorhänge zurück und auf dem Bett lag – statt eines Einbrechers mit geschwärztem Gesicht, den die Damen zu erblicken gemeint hatten, ein bleiches abgezehrtes Kind in tiefem Schlaf. Der verwundete Arm Olivers, in Bandagen gelegt und vom Blut gereinigt, ruhte auf seiner Brust. Der Kopf war ihm über den andern Arm gesunken, der von seinem langen reichen Haar halb verdeckt war.

Während Losberne im Anblick des Knaben versunken dastand, setzte sich Miß Rose ans Bett, beugte sich über Oliver und strich ihm leise das Haar aus der Stirn.

Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlaf, als erwecke dieser Beweis von Mitleid und Teilnahme einen lieblichen Traum in seiner Seele.

»Ich bin außer mir vor Staunen,« flüsterte die alte Dame. »Dieses arme Kind kann doch nun und nimmermehr ein Räuber oder Einbrecher sein.«

»Sünde und Laster,« seufzte der Arzt und ließ den Vorhang wieder zufallen, »schlagen ihren Wohnsitz in gar manchem Tempel auf. Sie erscheinen uns oft leider in lieblicher Gestalt.«

»Aber doch wohl nicht bei solcher Jugend?« fiel Miß Rose ein.

»Meine teure Miß,« antwortete der Arzt und schüttelte traurig den Kopf, »das Verbrechen ist nicht nur auf das Alter beschränkt. Oft sind Gottes jüngste und schönste Geschöpfe häufig die größten Verbrecher.«

»Können Sie glauben, daß dieses zarte Kind sich freiwillig dem Auswurf der Menschheit zugesellt hat?« fiel ihm Miß Rose in die Rede.

Der Arzt schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er so etwas sehr gut für möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit der kleine Patient, wie er sagte, nicht aufgeweckt würde.

»Aber selbst wenn er ein Verbrecher ist,« fing Miß Rose wieder an, »bedenken Sie doch seine Jugend! Vielleicht hat er nie eine liebevolle Mutter gehabt, vielleicht[214] nicht einmal ein Elternhaus gekannt, und wie wahrscheinlich ist es, daß er infolge schlechter Behandlung, Schlägen oder Hunger gezwungen war, sich Menschen anzuschließen, die ihn zum Verbrecher gemacht haben. Tante, liebe Tante, bedenke doch, ehe du zugibst, daß der arme Kleine ins Gefängnis geschleppt wird, – daß man ihm doch zuerst Gelegenheit zur Besserung geben müßte. Du hast mich erzogen und mich nie fühlen lassen, daß auch ich ein Waisenkind war, das leicht in dieselbe Lage hätte geraten können und jetzt ebenso hilflos und schutzlos dastünde wie dieser arme Junge – bitte, habe Erbarmen mit ihm, ehe es zu spät ist.«

»Mein liebes Kind,« sagte die alte Dame und schloß das weinende Mädchen in ihre Arme, »glaubst du denn, ich könnte ihm auch nur ein Haar krümmen?«

»O nein,« antwortete Miß Rose eifrig.

»Nein, nein, gewiß nicht,« versicherte die alte Dame. »Mein Leben neigt sich seinem Ende zu, und möge auch mir Erbarmen und Gnade zuteil werden, wie ich sie andern erweise. Was kann ich tun, um ihn zu retten, Herr Doktor?«

»Ich will mir die Sache überlegen, Madame,« sagte der Arzt, »ich will mirs überlegen.«

Und Doktor Losberne steckte die Hände in die Taschen, ging im Zimmer auf und ab, schaukelte sich auf den Zehen und zog die Stirn in schwere Falten. Nach allerhand Ausrufen, wie: jetzt hab ichs! und: nein, ich habs doch nicht, und nachdem er noch manches Mal auf- und abgeschritten und die Stirne gerunzelt hatte, blieb er endlich stehen und sprach:

»Ich glaube, die Sache wird sich machen lassen, wenn Sie mir unumschränkte Vollmacht geben, Giles und den Lausebengel, den Brittles, gehörig ins Bockshorn zu jagen; Giles ist ein ehrlicher, treuer Mensch und ein alter Diener Ihres Hauses, das weiß ich, und Sie können ihm ja nebenbei als unerschrockenen Schützen eine Belohnung zuteil werden lassen. Haben Sie dagegen nichts einzuwenden?«

»Wenns nichts andres gibt, um das Kind zu retten,« sagte Mrs. Maylie.

»Nein, ein andres Mittel gibt es nicht,« sagte[215] der Doktor. »Nein, absolut kein andres. Mein Ehrenwort darauf.«

»Dann gibt Ihnen meine Tante die gewünschte Vollmacht,« mischte sich Miß Rose, unter Tränen lächelnd, ins Gespräch. »Aber, bitte, verfahren Sie nicht zu hart mit dem armen Jungen, – nicht härter, als unumgänglich notwendig ist.«

»Sie scheinen zu glauben, liebes Fräulein,« versetzte der Doktor, »jeder, nur Sie nicht, seien zur Hartherzigkeit geneigt. Ich will nur um des heranwachsenden männlichen Geschlechtes willen hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, bei Ihnen werben kommt, wenn Sie sich in ähnlicher Gemütsverfassung befinden, mein Fräulein.«

»Sie sind ein ebenso großes Kind wie unser guter Brittles,« sagte Miß Rose errötend.

»Nun, das ist nicht schwer,« meinte der Doktor und lachte herzlich, »aber kommen wir jetzt wieder zum Thema zurück. Wie ich glaube, wird der Junge in einer Stunde aufwachen, und wenn ich dem Polizeikerl, der gleich kommen wird, einschärfe, daß er den Patienten weder anreden noch sonstwie stören darf, ohne sein Leben zu gefährden, so wird alles gut ablaufen. Ich schlage Ihnen folgendes vor: ich frage den Jungen in Ihrer Gegenwart aus, und würden wir aus seinen Antworten zur Überzeugung kommen, daß er ein Schlingel ist, so überlassen wir ihn seinem Schicksal, ohne uns weiter um ihn zu kümmern. Meinen Sie nicht?«

»Ach nein, Tante,« flehte Miß Rose.

»Ach ja, liebste Tante,« scherzte der Doktor. »Also, ist es abgemacht?«

»Der Junge kann gar nicht verstockten Sinnes sein. So sieht ein verhärteter Bösewicht nicht aus,« sagte die alte Dame, »das ist einfach unmöglich.«

»Also gut,« versetzte der Doktor, »um so mehr Grund haben Sie, meinen Vorschlag anzunehmen.«

Das Abkommen wurde getroffen, und alle drei setzten sich nieder und warteten, bis Oliver aufwachen würde. Es dauerte länger, als Mr. Losberne vorausgesagt hatte; es verging eine Stunde um die andre, und immer noch lag Oliver in festem bleischwerem[216] Schlafe da. Es wurde Abend, und da erst konnte der menschenfreundliche Arzt den Damen die Nachricht bringen, der Junge sei endlich so weit bei Kräften, um eine Unterredung ohne Gefahr für seine Gesundheit aushalten zu können. Der Junge, sagte er, sei sehr krank und durch Blutverlust sehr geschwächt, außerdem quäle ihn eine große Unruhe, eine Mitteilung zu machen, und daher sei es wohl besser, die Angelegenheit nicht bis zum nächsten Morgen hinauszuschieben, sondern sogleich mit dem Verhör zu beginnen.

Die Unterredung war von langer Dauer. Oliver erzählte den dreien schlicht und einfach die traurige Geschichte seines bisherigen Lebenslaufes und mußte oft, von Schmerz und Schwäche überwältigt, innehalten. Der schauerliche Bericht der langen Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, die hartherzige Menschen über ihn verhängt, hörte sich im Dunkel des Zimmers feierlich wie eine Anklage an.

Olivers Kissen wurde in dieser Nacht von Frauenhänden geglättet, und Liebreiz und Sanftmut wachten über seinem Schlummer. Er fühlte sich ruhig und glücklich und wäre, wenn es hätte sein müssen, ohne Murren gestorben.

Als die Unterredung zu Ende und fast augenblicklich darauf Oliver wieder fest eingeschlafen war, mußte sich der Doktor seine Augen trocknen und schimpfte lauter, als nötig war, über die Mißbill des Alters, die die Kurzsichtigkeit über die Menschen verhänge. Dann begab er sich hinab in die Küche, um einen Feldzug gegen Mr. Giles und die andern zu eröffnen.

Der Polizeimann war eingetroffen, trug einen großen Stecken bei sich, hatte einen dicken Schädel, ein aufgedunsenes Gesicht und machte den Eindruck, als habe er soeben eine tüchtige Portion Bier hinter die Binde gegossen, – was übrigens tatsächlich der Fall war.

Das Abenteuer der vergangenen Nacht beherrschte noch alle Gemüter, und Mr. Giles gab soeben eine langatmige Schilderung seiner Geistesgegenwart zum besten, als der Arzt eintrat, mit der Hand winkte und rief: »Still da, bleibt sitzen.«

»Danke, Sir,« sagte Mr. Giles. »Die gnädige[217] Frau hat uns Bier spendiert, Sir. Das ist der Grund, Sir, weshalb ich hier sitze und trinke.«

Mr. Brittles murmelte beifällig dazu als Dolmetsch der anwesenden Damen und Herren.

»Wie befindet sich der Kranke heute abend?« fragte Mr. Giles.

»So, so,« antwortete der Doktor. »Ich fürchte nur, Mr. Giles, Sie haben sich da eine böse Suppe eingebrockt.«

»Sie wollen damit doch nicht sagen,« fragte Mr. Giles, »daß der Junge mit dem Tode ringt? Wenn ich das annehmen müßte, könnte ich nie wieder glücklich sein. Ich möchte das Leben des Jungen nicht um alles in der Welt auf dem Gewissen haben. Nicht um alles Silbergeschirr im ganzen Land.«

»Das meinte ich damit nicht,« versetzte der Doktor geheimnisvoll. »Mr. Giles, sind Sie Protestant?«

»Ich glaube schon, Sir,« stotterte Mr. Giles, der sehr blaß geworden war.

»Und was sind Sie, junger Mann?« fragte der Doktor und wandte sich scharf an Brittles.

»Du lieber Gott, Sir,« antwortete Brittles und fuhr zusammen, »ich bin – ich bin, was Mr. Giles ist, Sir.«

»Dann antwortet mir,« sagte der Doktor streng, »und zwar beide zusammen: könnt Ihr unter Eid aussagen, – verstanden? daß der Junge, der da oben liegt, auch wirklich derselbe Junge ist, der gestern durchs Fenster einstieg? Heraus mit der Antwort! Schnell! schnell! Ich bin sehr neugierig, was Ihr sagen werdet.«

Der Arzt, sonst überall als äußerst gemütlicher Herr bekannt, stellte diese Frage in so wütendem Ton, daß Mr. Giles und Brittles, vom Biertrinken und der Aufregung nicht so ganz fest mehr auf den Füßen, einander wie betäubt anstarrten.

»Geben Sie genau acht, hören Sie, wie die Antwort lauten wird, Konstabler,« wendete sich der Arzt feierlich und den Zeigefinger hin und her bewegend und damit dem Polizeimann auf die Nase tippend, um ihn zum Scharfsinn zu ermahnen, »geben Sie genau acht. Die Folgen dieser Antwort sind nämlich sehr wichtig.«[218]

Der Polizeimann blickte so weise drein, wie es ihm nur irgend möglich war, und griff nach seinem Amtsstab, den er in die Kaminecke gestellt hatte.

»Es handelt sich nämlich um die Feststellung einer Person, verstanden?«

»Sehr richtig, Sir,« antwortete der Konstabler und mußte plötzlich husten; ein Schluck Bier schien ihm in die unrechte Kehle gekommen zu sein.

»Die Sache steht so,« begann der Doktor. »Hier im Haus wird eingebrochen. Ein paar Männer sehen bei Pulverdampf und in der Finsternis mitten im Tumult flüchtig einen Jungen. Am nächsten Morgen kommt ein Junge ins selbe Haus und, weil er zufällig den Arm verletzt hat, packen ihn diese beiden Männer, bringen dadurch sein Leben in Gefahr und schwören, er sei der Dieb. Nun fragt es sich, können die beiden Männer ihr Vorgehen rechtfertigen? Und in welche Lage versetzen sie sich damit?«

Der Polizeimann nickte tiefsinnig: ja, wenn das nicht Recht und Gesetz wäre, dann wisse er wirklich nicht mehr, was Recht und Gesetz sei.

Brittles richtete unsicher seine Augen auf Mr. Giles. Mr. Giles blickte unsicher auf Mr. Brittles. Der Konstabler kratzte sich hinterm Ohr und horchte dann gespannt, die Köchin, das Stubenmädchen und der Kesselflicker beugten sich neugierig vor, der Arzt sah sich triumphierend um, – da ertönte die Glocke am Haustor, und in demselben Moment wurde das Rasseln von Rädern hörbar.

»Das ist die Geheimpolizei,« erklärte Mr. Brittles sehr erleichtert.

»Wer, was?« rief der Doktor und machte plötzlich ein entsetztes Gesicht.

»Die Beamten aus der Bowstreet, Herr Doktor,« erklärte Brittles und griff nach der Kerze. »Mr. Giles hat sie heute morgen bestellt.«

»Was!«

»Jawohl. Ich habe durch den Kutscher die Anzeige machen lassen und wundre mich, daß die Detektivs nicht schon längst hier sind.«

»Das habt Ihr getan?! Dann hol Euch doch[219] dieser und jener –« brummte der Doktor und ging hinaus.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 213-220.
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