Dreiunddreißigstes Kapitel

[238] Das Glück Olivers und das seiner Freunde erleidet einen plötzlichen Stoß.


Rasch schwand der Frühling dahin, und der Sommer kam, und alles grünte und blühte in vollster, üppiger Pracht. Die Bäume, früher verschrumpft, kahl und abgestorben, spendeten stille hehre Schatten und reckten ihre Arme schützend aus über den durstenden Boden. Die Erde war angetan mit ihrem glanzvollen grünen Mantel und schüttelte reiche Wohlgerüche aus ringsum.

Noch immer nahm das geruhige Leben Mrs. Maylies seinen Fortgang, und heiter und froh genossen alle die schöne Zeit. Oliver war gesund und kräftig geworden, aber er blieb immer der sanfte, zärtliche, liebevolle Knabe, der er gewesen, als er noch schwach und entkräftet an die Pflege seiner Wohltäterinnen angewiesen war. An einem schönen Abend hatten sie einen längeren Spaziergang unternommen, und am Himmel glänzte der Vollmond. Rose war sehr munter und wohlgemut gewesen, legte, als sie zu Hause angekommen waren, ihren Hut ab, setzte sich wie gewöhnlich ans Klavier, verfiel aber, nachdem sie ein paar Minuten zerstreut in die Tasten gegriffen, in eine langsame, ungewohnt feierliche Melodie.

»Rose! Liebe Rose!« rief die alte Dame erstaunt.

Rose gab keine Antwort und brach plötzlich in Schluchzen aus.

»Du bist doch nicht krank, mein Kind?« fragte Mrs. Maylie besorgt.

»Nein, nein, durchaus nicht,« versetzte Rosa und[238] schauderte zusammen wie unter großer Kälte. »Es wird mir gleich wieder besser sein.«

Sie wollte weiterspielen, aber ihre Finger sanken kraftlos nieder. Sie bedeckte mit den Händen das Gesicht und verfiel in lautes Schluchzen.

»Mein Kind,« jammerte die alte Dame und schlug die Arme um sie, »so habe ich dich ja noch niemals gesehen!«

»Ich möchte dich nicht beunruhigen,« klagte Rose, »aber ich kann nicht länger. Ich fürchte, Tante, ich bin sehr schwer krank.«

Sie war wirklich krank, denn als die Kerzen ins Zimmer gebracht wurden, da sahn sie, daß in der kurzen Zeit, seit sie nach Hause gekommen war, die sonst so blühende Gesichtsfarbe Roses einer tödlichen Blässe gewichen war. Eine angstvolle Nacht folgte, und als der Morgen kam, war die Befürchtung Mrs. Maylies, die sie Oliver auf dessen Fragen mitgeteilt, zur Wahrheit geworden: Rose war im ersten Stadium eines hohen Fiebers.

»Jetzt heißt es, handeln ohne lange Worte und unserm Kummer nicht freien Lauf lassen,« sagte Mrs. Maylie. »Dieser Brief hier muß so rasch wie möglich zu Doktor Losberne befördert werden; er muß zum nächsten Marktflecken geschafft werden – ungefähr drei Meilen Luftlinie von hier entfernt. Von dort soll ihn ein Eilbote sofort nach Chertsey weitertragen. Die Leute im Gasthaus des Marktfleckens werden gerne alles übernehmen. Bitte, sorge dafür, daß alles pünktlich geschieht. Auf dich kann ich mich, das weiß ich, verlassen.«

Oliver konnte vor Unruhe und Ergriffenheit kein Wort hervorbringen, aber der Eifer, alles zu tun, was in seiner Macht stand, war auf seinem Gesicht geschrieben.

»Hier hätte ich noch einen andern Brief,« sagte Mrs. Maylie und überlegte. »Nur weiß ich nicht: soll ich ihn absenden, oder soll ich warten. Ich möchte erst wissen, wie es mit Rose steht, und nicht jemand unnötig beunruhigen, solange das Schlimmste noch nicht zu befürchten ist.«

»Ist er auch in Chertsey abzugeben, Madame?«[239] fragte Oliver voll Eifer, zu helfen, wo er nur könne, und streckte zitternd die Hand nach dem Briefe aus.

»Nein,« versetzte die alte Dame, gab ihm aber mechanisch das Schreiben.

Oliver warf einen Blick auf die Adresse und las: »Mr. Harry Maylie« und darunter die nähere Bezeichnung eines vornehmen Hauses in der Gegend.

»Soll er besorgt werden, Madame?« fragte Oliver ungeduldig.

»Nein, noch nicht,« murmelte Mrs. Maylie. »Ich will lieber bis morgen warten.«

Mit diesen Worten gab sie Oliver ihre Börse, und er rannte, so rasch er konnte, davon.

Es ging im Flug über die Felder; bald war Oliver unsichtbar im hohen Korn, bald trat er wieder auf offnes Feld hinaus, wo die Ackersleute emsig die Fluren bestellten. Nicht ein einziges Mal machte er Halt und langte endlich staubbedeckt auf dem kleinen Marktplatz des Fleckens an.

Was er zu suchen hatte, war ein großes Gebäude mit grüngestrichenem Balkenwerk und einem Schild davor mit der Aufschrift: Zum König Georg.

Oliver sprach einen Postillon an, der im Torweg lag und schlief. Dieser wies ihn an den Hausknecht und dieser an den Wirt. Der Wirt war ein riesiger Mann mit blauem Halstuch, weißem Hut, Lederhosen und Stulpenstiefeln. Er lehnte gerade an der Stalltüre und stocherte sich mit einem silbernen Zahnstocher in den Zähnen. Bedächtig begab er sich hierauf in die Schenkstube und rechnete eine Ewigkeit herum, was die Besorgung des Briefes wohl kosten möchte. Dann mußte ein Gaul gesattelt werden und ein Mann sich anziehen und zurecht machen, und darüber verstrichen abermals mehrere Minuten. Oliver konnte es vor Ungeduld und Unruhe kaum aushalten. Am liebsten wäre er selbst aufs Pferd gesprungen und in gestrecktem Galopp zur nächsten Station gejagt. Endlich aber war alles fertig, und der Postbote gab dem Roß die Sporen und sprengte über das holprige Pflaster des Marktfleckens, und wenige Minuten später konnte man ihn auf der Landstraße dahinjagen sehen.[240]

Erleichtert bog Oliver aus dem Torweg heraus, da stolperte er gegen einen Mann, der im selben Augenblick das Gasthaus verlassen wollte.

»Donner,« rief der Mensch, fuhr zurück und starrte Oliver an. »Teufel, wer ist das!«

»Entschuldigen Sie, Sir,« stotterte Oliver, »ich war so voll Eile, nach Hause zu kommen, daß ich nicht gesehen habe, wie Sie mir entgegenkamen.«

»Hölle und Teufel,« knirschte der Mann und wandte keinen Blick von Oliver, »zu Staub zerstampfen könnte man den Kerl und immer wieder aus einem steinernen Sarg würde der Hund auferstehen und sich mir in den Weg stellen.«

»Es tut mir wirklich leid,« stammelte Oliver, ganz verwirrt durch den haßerfüllten Blick des Mannes. »Ich habe Ihnen doch hoffentlich nicht wehe getan?«

»Verfaulen sollst du, verdammte Kröte,« stieß der Mann zwischen den Zähnen hervor. »Hätte ich nur damals das Wort gesagt, jetzt wäre ich frei von dir. Die Pest über dich, du Kobold. Was treibst du dich hier herum!«

Sinnlos vor Wut ballte der Mann die Faust und holte zu einem Schlag nach Oliver aus. Doch ehe es noch dazu kam, stürzte er auf den Boden, wand sich in Krämpfen, und weißer Schaum trat ihm vor den Mund.

Einen Moment lang starrte Oliver entsetzt auf den Wahnsinnigen, der sich am Boden in Krämpfen wand, – denn für einen Irrsinnigen hielt er ihn, – dann stürzte er ins Haus hinein, um nach Hilfe zu rufen. Dann aber lief er, so rasch er konnte, querfeldein, um die verlorene Zeit wieder hereinzubringen. Aber das seltsame Benehmen des Menschen ging ihm nicht aus dem Kopf und ließ das Gefühl tiefer Furcht in ihm zurück.

Wieder in dem Landhause angelangt, verscheuchte er seine Gedanken, denn jetzt galt es, sich selbst zu vergessen und seine Pflicht zu tun.

Bereits gegen Mitternacht lag Miß Rose in heftigen Delirien. Der Arzt des Ortes wich keine Sekunde von ihrem Bett und hatte schon nach dem ersten Blick, den er auf die Kranke geworfen, Mrs. Maylie beiseite[241] genommen und ihr gesagt, die Krankheit der jungen Dame sei so beunruhigender Art, daß es beinahe ein Wunder bedeute, wenn sie wieder gesund werden sollte.

Oft und oft in dieser Nacht sprang Oliver aus seinem Bett und schlich auf den Zehen zum Krankenzimmer, um an der Türe zu horchen. Er zitterte vor Angst und Entsetzen, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, wenn er einen Fußtritt hörte, der ihn glauben machte, das Ärgste sei bereits eingetreten. Stundenlang lag er auf den Knien in inbrünstigem Gebet und leidenschaftlichem Flehen um das Leben und die Gesundheit des zarten Geschöpfes, das jetzt am Rande des Abgrundes dahinwandelte.

Ein schreckliches Hangen und Bangen! Angstbilder scheuchten ihm den Schlaf – eine ewige Marter und Pein.

Der Morgen kam, und Totenstille herrschte in dem kleinen Landhaus. Die Leute sprachen im Flüsterton zusammen. Ängstliche Gesichter wurden von Zeit zu Zeit am Torweg sichtbar, und Frauen und Kinder, denen Miß Rose in den Tagen ihrer Gesundheit so manches Gute getan, schlichen sich weg, Tränen in den Augen. Den ganzen Tag und noch lange in die Stunden der Finsternis hinein ging Oliver im Garten auf und ab und mußte alle Augenblicke hinaufschauen zu dem Krankenzimmer und schauderte zusammen beim Anblick des verdunkelten Fensters, das aussah, als habe der Tod bereits dahinter seinen Einzug gehalten.

Spät in der Nacht kam Doktor Losberne an.

»Eine schlimme Sache!« sagte er mit weggewendetem Blick. – »So jung, so sehr geliebt und so wenig Hoffnung!«

Ein andrer Morgen. Die Sonne schien hell und klar, als gäbs kein Elend und keine Sorgen auf Erden, und drinnen im Zimmer rang ein schönes jugendliches Geschöpf mit dem Tode. Oliver schlich sich auf den alten Friedhof und setzte sich auf einen der grünen Hügel und weinte und betete um Miß Rose. Der Trauerklang einer Kirchenglocke schlug hinein in seine jugendlichen Gedanken. Man läutete zu einem Begräbnis. Eine Schar Leidtragender trat zum Friedhofstor[242] herein, weiße Atlasschleifen um die Arme gebunden, denn ein junges Mädchen wurde bestattet. Entblößten Hauptes standen alle am Grabe, und eine weinende Mutter darunter. Aber die Sonne schien hell und freundlich, und unbeirrt sangen die Vögel weiter. Als Oliver nach Hause kam, saß Mrs. Maylie unbeweglich in dem kleinen Wohnzimmer. Das Herz stand ihm still, als er sie ansah. Sie war nicht einen Augenblick vom Bette ihrer Nichte gewichen, und er zitterte bei dem Gedanken, es müsse eine schlimme Wendung vor sich gegangen sein, da sie jetzt nicht mehr dort saß. Er vernahm, daß Rose in einen tiefen Schlaf gesunken sei, der ihr entweder Genesung oder Tod bringen würde. Stundenlang blieben sie beieinander sitzen: die alte Frau, und der Knabe, ohne ein Wort zu sprechen. Unangerührt wurde das Essen wieder hinausgetragen.

Stumm blickten sie hinaus auf die sinkende Sonne, die über Himmel und Erde leuchtende Farben warf. Plötzlich hörten sie das Geräusch eines nahenden Schrittes. Unwillkürlich sprangen sie beide hin zur Türe, und Doktor Losberne trat ein.

»Wie geht es Rose?« rief die alte Dame. »Bitte, reden Sie! Schnell! schnell! Ich kann es nicht länger ertragen. Alles, nur dieses ewige Hoffen und Harren nicht. Bitte, sagen Sie mir alles, in Gottes namen!«

»Sie müssen sich fassen,« sagte der Doktor und stützte die alte Dame. »Seien Sie ruhig, Madame, ich bitte, seien Sie ganz ruhig.«

»Lassen Sie mich zu ihr, im Namen Gottes des Allmächtigen, lassen Sie mich zu ihr! Sie liegt im Sterben.«

»Nein,« rief der Doktor leidenschaftlich. »Gott ist allgütig und allbarmherzig und wird sie leben lassen uns allen zum Glück noch viele Jahre.«

Die alte Frau fiel auf die Knie und wollte die Hände falten, aber die Kraft verließ sie, und sie sank in die Arme des Arztes, der sie freundlich emporhob.[243]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 238-244.
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