|
[108] Dort, wo kein Baum der frommen Trauer
Verlassne Hügel grün belaubt,
Dort ruht, dicht an der Kirchhofs-Mauer,
Ruht meines Vaters heilig' Haupt.
Warum sie ihn so weit gebettet
Von guter Christen Lagerstatt?
Weil er, den andre nicht gerettet,
Zuletzt sich selbst gerettet hat.
Weil er zum Dieb nicht werden mochte
Und weil dem Bettler niemand gab,
Drum schnitt er seinem Lebensdochte
Rasch selbst die tote Kohle ab.
Selbstmördern streng den Stab zu brechen,
Wenn man warm sitzt im hohen Rat,
Von Feigheit und Verirrung sprechen,
Ist, wahrlich! keine Heldentat.
Doch wüßtet Ihr, wie dem zu Mute,
Der, aller Erdenhoffnung quitt,
Fertig mit Gott, mit kaltem Blute
In seine roten Adern schnitt:
Der nachts sich in die Wellen stürzte,
Nachdem er lang am Ufer hing,
Der künstlich selbst die Schlinge schürzte,
Darin sein Atem sich verfing:
[108]
Säht' Ihr, wie reuig und erstarrend
Die Hand nach einem Halme griff,
Und wie die Kehle, rettungs-harrend,
Nach ferner Hilfe krampfhaft rief: – –
Ihr wäret lasser im Verdammen
Und littet wohl in Majestät,
Daß solche Blumen nah beisammen
Modern mit den', so Gott gemäht!
Sie haben keinen Stein gegeben,
Kein Mal, mein armer Vater, dir,
Und dennoch warest du im Leben
Ein Mann wie wenig Männer hier.
Gleichviel! Ich finde doch die Pfade
Zu deines Grabes Nesselbeet,
Wenn gleich kein Kreuz mit »Gottes Gnade«
Und »Schlummre sanft« darübersteht.
Dank deinem Leben, das geschäftig
Mir keine Lehre schuldig blieb,
Dank deiner Hand, die allzukräftig
Sie auf den jungen Rücken schrieb!
Dank deinem Tod, der ohne Worte
Mir einen großen Trost verhieß;
Er zeigt mir doch, an welchem Orte
Ein Loch der Zimmermeister ließ.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
|
Buchempfehlung
Das bahnbrechende Stück für das naturalistische Drama soll den Zuschauer »in ein Stück Leben wie durch ein Fenster« blicken lassen. Arno Holz, der »die Familie Selicke« 1889 gemeinsam mit seinem Freund Johannes Schlaf geschrieben hat, beschreibt konsequent naturalistisch, durchgehend im Dialekt der Nordberliner Arbeiterviertel, der Holz aus eigener Erfahrung sehr vertraut ist, einen Weihnachtsabend der 1890er Jahre im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu.
58 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.
424 Seiten, 19.80 Euro