3.

[159] Es sprengte aus dem Königsschloß

Ein Zug von stolzen Reitern,

Ein Paar voran dem andren Troß,

Den dienenden Begleitern.


Wer war auf jenem braunen Roß

Der Mann im Silberbügel?

Es hielt, so schien es, der Genoß

Sein Tier geheim am Zügel?
[160]

»Und kennst du unsres Herren Sohn

Nicht besser, unsren Prinzen!

Der erbt vom Vater einst den Thron

Und von uns die Provinzen.«


Gott schütze, armes Fürstenkind,

Dein Auge und dein Leben!

So jung, so gut, so klug – und blind:

Kann's größren Jammer geben?


Es sieht dein bleiches Angesicht,

Gefurcht von langen Leiden,

Den Bettler an der Ecke nicht,

Sonst würd es ihn beneiden.


Und auch die Liebe siehst du nicht

Des Volkes dich geleiten,

Mechanisch grüßt dein Angesicht

Und lächelnd aller Seiten.


Doch einst, mein Prinz, wie wird es sein,

Wenn du bist König 'worden,

Wenn erst der schwere Szepter dein,

Und dein des Vaters Orden?


Soll dann für dich die fremde Hand

Dein Volk so sicher leiten,

Wie jetzt dein Roß am Gängelband

Der Mann zu deiner Seiten?


Genügt es dir, so bloß zum Schein

Zu führen Zaum und Zügel?

Und wirst du fest im Herrschen sein,

Wie heute fest im Bügel?


Dein Roß wird scheu – Hab acht, hab acht!

Das war ein schlimmes Zeichen,

Drück ihm die Sporen nicht mit Macht,

Die goldnen, in die Weichen!


Gemach, du blindes Fürstenkind!

Ein Zaum ist bald zerrissen,

Und wilder noch als Hengste sind

Die Völker, mußt du wissen.

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 159-161.
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