20. Eine Nachtwache

[111] (1858.)


»Freiheit ist die große Losung, deren Klang durchjauchzt die Welt.«

(Anastasius Grün.)


»Le réel est étroit, le possible est immense.«

(Lamartine.)


»Wenn einem aber das Meer seine Geheimnisse offenbart, und das große Welterlösungswort ins Herz geflüstert, dann ade, Ruhe! Ade, stille Träume! Ade, Novellen und Komödien« –

(Heine.)


Durch die Wellen flog der Schoner, auf und nieder ging der Kiel,

Frische Brise in den Segeln, vor den Augen unser Ziel.


»Fort von den Kanonen, Jungens! – Sendet keinen Gruß ans Land;

Schweigend refft die Segel, schweigend werft den Anker in den Sand!«


Drohend steigst du aus den Wassern, von vulkan'scher Kraft erzeugt,

Florumhüllter Fels, vor dem sich zitternd eine Welt gebeugt.
[112]

Früher reichten deine Schatten weiter als die salz'ge Flut,

Wenn du deine Krone tauchtest in der Abendsonne Glut,


Wildnis, deren Trauerweiden eines Cäsars Grab umzäunt,

Tropenhimmel, der du huldvoll eine Marmorstirn gebräunt.


Weil ich dieser Ankerstelle später Gast geworden bin,

Soll auch ich mein Haupt verbergen in zerriss'nem Hermelin,


Wenn Millionen Sterne funkeln, süßer Tau herniedertropft,

Daß mein Herz in neuer Frische an die morschen Rippen klopft?


Doch nicht dein Erwachen ist es, was mir in die Seele schleicht,

Rausch der Jugend, der nur selten mich begeistert und erweicht.


Kälter ist mein Blut geworden, freier ist mein Forscherblick,

Seit zum Manne mich gehärtet ein gewaltiges Geschick.
[113]

Muse, holde Himmelstochter! Freundlich hast du mir gelacht;

Doch aus deinen Zauberhainen mußt' ich in des Lebens Schlacht.


Du versagst dem Ungetreuen einen Druck der zarten Hand;

Doch berührt in guten Stunden seine Schläfen dein Gewand.


Selten naht die wahre Weihe; ungern rauscht sie übers Meer;

Oft ein einziger Gedanke, und die Brust ist wieder leer.


Wenn ich's heute fassen könnte, was auf einmal mich ergreift,

Was nach sturmbewegten Jahren zum Propheten mich gereift!


Sanct-Helena! Grünes Eiland! Dir erklinge dies Gedicht,

Weht auch vor entweihten Gräbern meine Seemannsflagge nicht.


Mein sei diese Nacht; es dränge sich kein schlotternder Popanz

Zwischen meine matten Augen und den überird'schen Glanz.
[114]

Sterne, seid ihr andre Welten? Nährt ihr ängstlich eine Brut,

Menschenähnlich, gottesfürchtig, heute schlecht und morgen gut?


Hier in Finsternis versunken, dort dem Lichte zugekehrt,

Ein Geschlecht, das ewig grübelt, ewig leidet und begehrt?


Nie den Schöpfungsdrang verleugnet, gern an Geistesblüten nascht

Und mit seinen Adlersklauen nur ein ärmlich Glück erhascht?


Sterne, teilt ihr mit dem Erdball gleiche Zukunft, gleiches Sein,

Lebenswärme, Fortschritt, Wissen, Liebeslust und Todespein?


Seid ihr flatternde Signale, Larven, wunderbar erhellt,

Und als stumme Satelliten einer Herrin zugesellt?


Fragen, die kein Denken fördert, heil'ge Rätsel, die sich nie

Kalter Wissenschaft entziffern – ihr gehört der Poesie.


Freudig ahnen's ihre Priester, rufen's in des Weltalls Dom:

Du allein, o Mutter Erde, bist kein schlummerndes Atom!
[115]

Laßt mir diesen Dichterglauben, gönnt mir meinen schönen Traum,

Lichter über mir, ihr flackert an der Erde Weihnachtsbaum!


Was bedeutet ein zerschellter, meerumrauschter Fürstenthron,

Wenn wir uns verloren wissen in der Welten Legion?


Sanct-Helena, Totenhügel! Deine Schatten reichten weit;

Denn in deinem Schoß gebettet lag das Wunder seiner Zeit.


Ja, er hieß der Größten einer; kühn war seines Geistes Flug,

Als ihn noch des Glückes Göttin durch der Völker Reihen trug;


Als er mit gezücktem Schwerte, als er mit besporntem Fuß

Euch, ihr Könige Europas, dankte für den Brudergruß.


Trommelschlag und Kriegsfanfaren – das war liebliche Musik

Für den Spätling des Jahrhunderts, für das Kind der Republik.
[116]

Als von rauchenden Ruinen ihn ein gnädig Los getrennt,

Da umfloß die Wasserwüste eines Riesen Postament;


Denn der Fels, den seiner Feinde Argusaugen ausgespäht,

War des großen Mannes würdig, der so bitter ihn geschmäht.


Und wie war es gut zu wohnen droben unterm Palmenzelt!

Schiffe zogen stolz vorüber, jedes eine kleine Welt,


Schwerbeladne Gallionen, mit der reichen Handelsfracht

Friedenselemente bringend, Zeugen neuer Erdenmacht,


Boten einer neuen Zukunft, ohne kriegerischen Spuck,

Wo der Eintracht Banner wallen als der Völker schönster Schmuck.


Doch in des Verbannten Busen wogte nimmersatter Haß;

Bei des Meeres freiem Gruße wurde nie sein Auge naß.


Ein besiegter Gladiator, der mit offnen Wunden prunkt,

War er noch, in seinem Wahne, aller Dinge Mittelpunkt.


Wenn ein Hirsch in Todesnöten durch die blut'gen Büsche bricht,

Birgt er sich an dunkler Stelle vor des Jägers Angesicht;
[117]

Hört er der Verfolger Schritte, fanden sie die rote Spur,

Wendet er den Blick gen Himmel – so gebot es die Natur.


Wenn ein Dulder sich verblutet, wenn des Weisen Stunde schlägt,

Wohl ihm, daß er seines Wirkens Nichtigkeit im Herzen trägt!


War es solche Selbsterkenntnis, die auch jenes Herz beschlich?

Frankreich war sein letzter Seufzer, – Frankreich war sein eignes Ich.


Was die Liebe nicht befruchtet, schwindet in der Zeiten Lauf;

Ewig kreisen die Planeten, ewig geht die Sonne auf.


Doch nur wen'ge Saaten reifen an dem Borne ew'gen Lichts;

Wahre Glaubenshelden kämpfen im Bewußtsein ihres Nichts,


Weinen diamantne Thränen, und sie geben freudig hin,

Was in ihren Adern rieselt, jeder Tropfen ein Rubin,


Edelsteine, einzureihen in der Menschheit Diadem,

Opfer männlicher Entsagung, selten nur und unbequem.
[118]

Leichter ist es, fortzuschwimmen mit dem Strom der Gegenwart;

Leichter, menschlicher Bethörung zu bezahlen seinen Part;


Rätselhaft des Himmels Fügung, wie sie langsam sich erfüllt,

Licht und Schatten täglich wechselnd und die Zukunft stets verhüllt.


In verhängnisvollen Stunden hat ein Schauspiel sich erneut,

Das den Denker nicht befriedigt und den Dichter nicht erfreut.


Die, der Freiheit Fahne schwingend, an ihr eignes Selbst geglaubt,

Haben des Tyrannen Asche, Sanct-Helena, dir geraubt.


Ihres Willens frommer Träger war ein edler Königssohn,

Und der Neffe deines Toten sitzt auf seines Vaters Thron!


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

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[119]

Noch versinkt im Meeresgrunde, wer Sirenenstimmen lauscht,

Und verloren ist der Schwimmer, dem das Glück vorüberrauscht.


O des wandelbaren Glückes! – Umgeschlagen sei das Blatt;

Keine Fackeln will ich schleudern in das Thal von Josaphat.


Nicht das Jetzt gehört dem Dichter; fernen Klängen lauscht er gern;

Durch der Zukunft Finsternisse folgt er seinem guten Stern.


Wenn der Gegenwart Bedrängnis ihm die Phantasie erhitzt,

Tröstet ihn der Himmelsfunke, der in seinem Hirne blitzt.


Eines nur dem Tageshelden, den mein Lied nicht feiern kann:

Wenn die Sanduhr ausgelaufen, stirb als Cäsar und als Mann!


Stirb umringt von Feindesscharen, nicht auf einem Felsenriff;

Mit dem eignen Blute zahle einen kaiserlichen Griff.
[120]

Stirb mit jener Soldateska, die ihr Schicksal dir geweiht;

Auch mit ihrem Blute sühne Thaten, die nur Gott verzeiht.


Sanct-Helena, Ruhestätte, dir erklinge mein Gesang!

Frieden fordert das Jahrhundert, welches deinen Gast bezwang.


Tauche deine Nebelkrone in der Morgensonne Glut,

Denn der menschliche Gedanke zittert durch die salz'ge Flut.


Neues Leben strömt hernieder, neues Leben wallt empor,

Und gelichtet sind die Pfade zu des Tages goldnem Thor.


Nicht im Dom der Invaliden, nein, umrauscht vom Ocean,

Ruf' ich: Großes ist im Werden, ruf' ich: Großes ist gethan!


Gläubig schau' ich zu den Sternen und verkünde Gottes Wort:

Licht und Schatten mögen wechseln, doch die Erde schreitet fort.
[121]

Auf zerrissenen Standarten liegt des Feldherrn Lorbeerkranz –

Weiter schweifen meine Blicke, – dir, o Zeit, gehör' ich ganz!


Eisenbahnen, Telegraphen, Handelsflotten möcht' ich bau'n

Und durch Riesenteleskope ferne Horizonte schaun.


Mutter Zeit, du wunderbare! Freiheit, süßes Himmelsbild,

Eure besten Kämpen führen einen Pflug im Wappenschild.


Die Verheißung ist gekommen und die Hoffnung wieder da:

Unsre neuen Wallfahrtsorte heißen Suez, Panama.


Unsre neuen Ritter tragen in der Faust ein grünes Reis;

Dank der Kinder und der Enkel ist des Siegers schönster Preis.


Eine blütenvolle Zukunft, Lorbeern, die kein Feldherr fand,

Harren deiner tapfern Söhne, o mein deutsches Vaterland!
[122]

Nirgends grünen Paradiese; doch, befreit von Hungersnot,

Wird ein junges Volk gedeihen in der Tropen Morgenrot.


Reichgeborne Müßiggänger, die des Lebens wärmster Kuß

Nicht entflammt zu kühner Sehnsucht, nicht bewahrt vor Ueberdruß,


Ihr verlacht die heil'ge Flamme, die in meinem Herzen brennt;

Weiber, Pferde, Histrionen – das ist alles, was ihr kennt.


Schämt euch solcher Sklavenketten, und in jugendlichem Zorn

Streut in blühende Savannen eurer Väter goldnes Korn!


Streut es aus mit beiden Händen – andre darben, macht sie satt!

Glücklich sein ist glücklich machen, geben, was man selbst nicht hat.


Neue Saaten laßt gedeihen, Schmerzen lindert, Wunden heilt

Dort, wo keine Menschensatzung ängstlich Luft und Licht verteilt,
[123]

Und durch tausendjähr'ge Wälder dringe eurer Aexte Schall

Dort, wo Arbeit mehr bedeutet als des Wucherers Metall!


Trauert ihr, weil aus Palästen die Zufriedenheit entfloh?

Kommt! In selbsterbauten Hütten wird die Seele wieder froh.


Auch dem Schwächling frommt die Lehre, dem ein seichtes Lied gelang

Mit erkünstelten Gefühlen, Mondscheinseufzern, Becherklang.


Dichter, gürtet eure Lenden und vergießt den sauren Wein –

Nur mit schöpferischen Thaten will die Zeit gefeiert sein!


Ach, die Muse ringt mit Fragen, deren Lösung ich versäumt,

Ich, der über Reime brütend von Unsterblichkeit geträumt.


Manchem ist es so gegangen ... Doch der Morgen rückt heran;

Frischer weht's, und wieder fühl' ich deinen Herzschlag, Ocean.
[124]

Schon so lange, kleiner Schoner, trau' ich deinem müden Kiel;

Meine Heimat bist du heute, und das Meer ist mein Asyl.


Ich, geboren unter Hirten, dort wo Milch und Honig fließt,

Find' ich so den Preis, der würdig eine weite Laufbahn schließt?


Nicht mehr blind von süßen Thränen zieh' ich in die Welt hinaus;

Schwüle, sorgenschwere Jahre trennen mich vom Vaterhaus.


Hui, wie mir die grünen Aehren ein Gewittersturm zerschlug,

Wenn ich meines Lenzes Früchte auf den großen Weltmarkt trug!


Oft auch hat es trotz des Sommers in den Garten mir geschneit;

Manches reut mich, doch die Reue läßt mein Herz voll Bitterkeit.


Opfern kann ich mein Bewußtsein, untergehn mit leichtem Sinn;

Doch für all die Seelenmarter ist zu elend der Gewinn.
[125]

Könnt' ich ohne Gram und Reue, ohne Furcht und Leidenschaft

An ein letztes Glück verschwenden meines Herzens letzte Kraft!


Strahl der Liebe, bess'rer Glaube, der du mein Geschick gelenkt,

Alles hast du mir verheißen und wie wenig mir geschenkt!


Nicht verschmäh' ich mehr, was früher meinem Streben nicht genügt;

Dem Gesetz, dem allgemeinen, hab' ich endlich mich gefügt.


»Herz, mein Herz, warum so traurig, und was soll dein ew'ges Ach?«

Sehnst du dich nach Weib und Kindern und nach einem schatt'gen Dach?


Nach der Hunde frohem Bellen, wenn man abends heimwärts zieht

Und von ferne durch den Nebel seinen Schornstein rauchen sieht?


Dich ersehn' ich, Seelenruhe, suche dich vom Süd zum Nord;

Kommst du je zu mir, dann werf' ich meine Lyrik über Bord;
[126]

Denn nicht Selbstbetrachtung ist es, was des Mannes Nerven stählt.

Stünden neue Pfade offen, – wohl, ich hätte bald gewählt.


Doch die Würfel sind gefallen, und mein Hoffen ward zum Traum;

Meine wuchernden Gedanken keimen über Zeit und Raum;


Und sie wachsen unaufhaltsam, wachsen bis in späte Zeit,

Wenn ich traurig bin in meiner grenzenlosen Einsamkeit.


Keine Hekatomben feiert eines Sängers Phantasie:

Menschen, Brüder, Mitarbeiter! Dieses Herz erschöpft ihr nie.


Und es wendet sich für immer von der leeren Felsengruft,

Träumt von tausend grünen Inseln, schwimmend in der Tropen Duft;


Träumt von deutschen Kolonieen, wo die deutsche Flagge weht,

Sieht ein Reich, in dessen Grenzen nie die Sonne untergeht.
[127]

Ja, das ist der Hauch des Frühlings, der des Dichters Busen schwellt:

Deutschland, dir gehört die Palme! Deutschland, dir gehört die Welt!


Fern von deinen Eichenforsten, auf den Wellen sei ich hier

Deiner künft'gen Größe Barde, deiner Freiheit Pionier.


Ja, der Morgen ist gekommen, wie ein flammendes Symbol –

Auf, ihr Schläfer, löst die Segel! – Sanct-Helena, lebe wohl!

Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 111-128.
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