7. Der gefallene Engel

[15] (Bruchstücke aus einem Jugendepos.)


»Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.«

(Genesis.)


»If I die first, dear love,

My mournful soul, made free,

Shall sit at heavens high portal,

To wait and watch for thee –

To wait and watch for thee, love,

And through the deep, dark space

To peer, with human longings,

For thy radiant face.«

(Charles Mackay.)


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»Ich lebe! – Herr des Himmels und der Erde,

Die Stürme meiner Seele sind verflogen;

Du hast die Vaterhand mir nicht entzogen,

Daß sie verflucht von deinem Kinde werde.

Hier sah ich eine neue Welt erblühen,

Als ich aus Todesschlummer aufgewacht;

Der du für mich dein schönstes Werk erdacht,

Ich danke dir mit dieser Thräne Glühen.[16]

Ich lebe! – O der Wonne sondergleichen,

Mein Angstruf ist ans Mutterherz gedrungen;

Es träumte mir von fernen Himmelreichen,

Da hielt die Erde liebend mich umschlungen.

Ich weiß nur, was ich bin und was ich war;

Doch ist es mir, als müßt' es ewig tagen;

Der Frühling grünt, der Himmel ist so klar.

Ich will nicht traurig sein, ich darf nicht zagen,

Ich kann nur hoffen, denn ich lebe, lebe,

Die Sterne wissen's und die Engel alle,

Ob ich zum Schöpfer meinen Blick erhebe,

Ob ich zu seiner Tochter Füßen falle:

Sie ahnen eine neue Seligkeit,

Und fürchten sie das Wort, das ich verkündigt,

Ich freue mich der schönen Jugendzeit

Und rufe stolz: Ich habe nicht gesündigt.

O Morgenhauch, sei tausendmal willkommen!

Ihr Wälder, Berge – mein gepriesen Thal,

Hast du getrauert, als zum erstenmal

Der Liebe Offenbarung du vernommen?

Das war ein Rauschen in den grünen Zweigen!

Die Blumen schämten sich der Thränenspur,

Ein Hosianna ging durch die Natur,

Als wollte Gott von seinem Throne steigen.

So ist's geschehen und so sei's fortan:

Dein schönstes Werk, Jehovah, ist vollendet,

Seit du von mir dich zürnend abgewendet,[17]

Verdammend, was mein liebend Herz gethan;

Und doch – von der Geliebten Angesicht

Strahlt deiner eignen Gottheit Majestät.

Ich weiß es, zur Versöhnung ist's zu spät,

Doch mich vergessen, sprich, kannst du es nicht?

Laß ewig über dem die Sonne leuchten,

Der fern von deiner Engel Legionen

Nur eines will: In diesem Thale wohnen,

Der Erde zugewandt, der thränenfeuchten.

Von Dankesthränen ist mein Auge naß

Hier, wo des Lenzes Zauber mich durchbeben;

O Herr! in diesem Paradiese laß,

In diesem Glücke laß mich leben – leben!«


»An deinem Lager will ich Wache halten,

Mein Söhnchen, Erstling unsers heil'gen Bundes,

Denn mich beschämt der Mutter stilles Walten.

Jetzt schützt dich noch der Atem ihres Mundes;

Einst aber, wenn die rechte Zeit erschienen,

Wirst du, als deines Vaters Ebenbild,

Ins Leben greifen, trotzig, stürmisch wild,

Und deines Herzens eignem Gotte dienen.

Sei er alsdann, mein Kind, dem Engel gleich,

In dessen Nähe meine Stürme schwiegen,

Vor dem sich willig meine Kniee biegen,

Hülflos wie er und nur an Liebe reich![18]

Sohn unsrer Liebe, werde groß und stark

Und sauge Wahrheit ein mit allen Poren!

Sie ward in dir erzeugt, mit dir geboren,

Und dringe bis in deines Herzens Mark.

Wie ich mit Stolz auf dich herniederblicke,

O süßer Knabe, und mit Thränen nur

Der Mutter danken kann, so sei ein Schwur

Der Hort für deine künftigen Geschicke,

Der Schwur, dich zu beschützen, zu begleiten,

Dir nah zu sein, im Schlafe wie im Wachen,

Und eines neuen Glaubens Herrlichkeiten

In deiner reinen Seele anzufachen.«


(Nach dem Tode seines Weibes und seines Kindes.)


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Im Wind verhallt der Ohnmacht sterbend Wort,

Die Wälder wiegen sich im Sternenlicht,

Die Berge wanken nicht und stürzen nicht,

Die Wasser rauschen freudig fort und fort.

Die Zeit verrinnt in der Verzweiflung Ringen;

Das Jenseits droht mit seinen Finsternissen –

Wird der Gefall'ne nun sein Werk vollbringen?

Sieht er sich um nach einem Sterbekissen?

Daß er umsonst geflucht und hoffnungslos

Den angeklagt, den er nicht hassen kann,[19]

Daß in der Erde mütterlichem Schoß

Der Augen Wasser ihm zu Blut gerann –

Ach! er erkennt es und zusammenraffend

Die letzte Kraft gesteht er sein Verderben

Und ruft, ein neues Elend sich erschaffend:

»Verachte meinen Zorn – ich kann nur sterben.«


»Ich kann nur sterben!« – Und er stürzt dahin,

Sich selbst verdammend, ein zerbrechlich Rohr.

Da beugt sich rasch ein Schatten über ihn,

Und eine Stimme lispelt ihm ins Ohr:

»Verlass'ner, den ich hier zum zweitenmal

Die heiße Stirn im Staube bergend finde,

Was ängstigt sich dein Herz, das schwache, blinde,

Jetzt, da vorbei der Liebe Höllenqual,

Der Liebe, der im friedlichen Genusse

Nur Menschenkinder sich erfreuen dürfen,

Die Engel lockt mit ihrem Feuerkusse,

Daß sie die Sehnsucht ihr vom Munde schlürfen?

Dein Lieben war ein schwüler Sommertraum;

Du hast der Knechtschaft Fesseln gern getragen,

Du sprachst von Kämpfen, Dulden und Entsagen

Und trankst den Kelch bis auf den letzten Schaum –

Es zog dich hin mit stürmischer Gewalt

Zu ihren Füßen – hast du je erwogen,

Daß sie um deine Seele dich betrogen,[20]

Daß ihre Liebe nur dem Engel galt?

Daß ihren Durst nach ewig grünen Lenzen

Das Höchste nur zu sättigen vermochte,

Daß ihrer Eigenliebe ohne Grenzen

Sie deines Herzens Sehnsucht unterjochte?

Nein, deine Augen reichten nicht so weit!

Du suchtest Unschuld in erschlafften Zügen

Und knietest, um dein eignes Selbst zu trügen,

Ein Engel – vor des Weibes Eitelkeit!

Wie Eva, die dem Dasein kaum Geschenkte,

Bethört von meines Mundes Schmeichelworten,

Die feilen, schuldbewußten Blicke senkte,

Du sahst es an des Paradieses Pforten;

Doch die dein Sein beglückte und entzückte,

Trug ihre Schande frohen Angesichts.

So lerne heut verachten, Sohn des Lichts,

Was sich mit deines Geistes Strahlen schmückte,

Und zu der Wollust Spielen und Genüssen

Erhebe dich und laß die Trauer fahren.

Doch willst du deine Gottheit dir bewahren,

Dann küsse nicht – laß dich von Weibern küssen!

Und wo du sonst gefleht, da herrsche du!

Doch wenn die Schönsten, Reinsten sich entschleiern,

Dann decke, deinen ersten Sieg zu feiern,

Mit ihren Leibern diese Leiche zu. –

Ich bin der Erde Fürst und möcht' in Liebe

Mein Reich mit einem Kampfgenossen teilen,[21]

Der ewig, ewig mir zur Seite bliebe,

Gewaffnet mit der Rache Donnerkeilen,

Und dennoch Krone mir und Scepter gönnte,

Von mir des Lebens Weihe erst empfinge,

Mit mir vertrauensvoll zum Ziele ginge,

Daß ich ihn Sohn und Bruder nennen könnte.

Du darfst nur wollen, und es ist gethan;

Träume des Glücks, sie kehren alle wieder:

Nur einmal, einmal falle vor mir nieder,

Nur einmal, einmal bete du mich an!«


Und lautlos ward's, als der Versucher schwieg.

Ein Todesseufzer ging durch die Natur,

Als fiele einer einz'gen Antwort nur

Ihr Los anheim: Verderben oder Sieg.

Des Feindes Rede hat der Wind entführt –

Da brechen leise alle Knospen auf,

Die Ströme halten ein in ihrem Lauf,

Die Wälder starren, wie vom Blitz gerührt;

Doch der des Schöpfers Vaterherz verkannt,

Und sich verlassen fühlt im eignen Reiche,

Steht atemlos, er selber eine Leiche,

Auf fremden Schmerz den toten Blick gebannt.

Da hat der Engel langsam sich gewendet,

Und hörbar kaum, bei seines Herzens Pochen,

Erwidert er: »Mein Wille ist gebrochen,[22]

Mein Mut dahin und meine Bahn vollendet.

Von meinen Thränen ist die Erde satt,

Die Lüfte schwellen an von meinen Klagen;

Du aber sprichst zu mir von andern Tagen.

O wärst du elend, krank und todesmatt,

Dann würd' ich nicht mit meinem Schicksal ringen,

Dann würd' ich willig dir zu Füßen fallen,

Dann würd' ich dieses Herzens letztes Wallen

Dir, meinem Bruder, gern zum Opfer bringen!

O wer mit mir der Liebe Qualen priese!

Laß andre Hände deine Blumen brechen,

Ich bin zu stolz, mir selber Hohn zu sprechen.

Ich will nur eine, will nur diese – diese.«


O Schwur der Treue, süßer Lobgesang!

Mit Zittern hat die Erde ihn belauscht;

Doch als des Engels keusches Wort erklang,

Wie war sie da beseligt und berauscht!

Wie, von der Wolken Freudenthränen reich,

Die Ströme jetzt durch üpp'ge Fluren schießen,

Und wie erschrocken und erfrischt zugleich

Die Blumen eilig ihre Knospen schließen!

So ist noch nie in des Gewitters Toben

Die Welt aus ihrem Schlummer aufgewacht;

So hat noch nie in finstrer Mitternacht

Der Geist der Wildnis jubelnd sich erhoben;[23]

So lechzten nach des Meeres kühlen Tiefen

Die Blitze nie, des Himmels Flammenzungen;

So freudig hat, wenn Engelsstimmen riefen,

Noch nie ein Menschenherz sich aufgeschwungen,

Und weinte, wenn die Hölle heute siegte,

Die Erde so die eigne Sehnsucht aus,

Daß selbst der Ocean im Sturmgebraus

Sich schmeichelnd an die goldnen Sterne schmiegte.

O Zauberwort unwandelbarer Treue!

Von hinnen floh der Fürst der Finsternis.

Gefallner, deine Rettung ist gewiß,

Und nun beginnt der Liebe Reich aufs neue:

Denn todesmutig lächelt ihr Prophet;

In seinem Busen wird es wieder Friede,

Die Engel lauschen seinem Schwanenliede,

Und der Allgüt'ge segnet sein Gebet.


»Mein süßes Lieb! Wenn eine neue Welt

Strahlend in Sommersglut sich dir erschloß;

Einsamer Stern am dunkeln Himmelszelt,

Der seinen Glanz in meine Seele goß,

Wenn unsre Herzen, die der Tod geschreckt,

Sich noch verstehn, wie sie sich einst verstanden,

So will ich jetzt, erlöst von allen Banden,

Der Nacht mich freun, die trauernd dich bedeckt.

O Mutter Erde! Wilde Todeslust[24]

Durchlodert mich – einst war dein Kuß belebend;

Jetzt ist's zu spät – und dennoch hauch' ich bebend

Mein Lebewohl in deine treue Brust.

Mein süßes Lieb! Hörst du das wilde Meer?

Sein Schaum hat schüchtern deine Hand benetzt;

Er flieht zurück, er steigt empor, entsetzt,

Und schwingt sich an das düstre Wolkenheer;

Doch mir bringt diese zweite Totenfeier

Des Sieges Sicherheit; mein Blick ist freier.

Der Traum war grausam, das Erwachen mild.

Noch einmal wird's im fernen Osten grauen,

Die Sonne wird noch einmal niederschauen

Auf dich, du mein entschlafnes Marmorbild;

Und wenn zum Staube dann der Staub sich wendet,

Ein Glück stirbt nicht dahin, das du gespendet;

Nur leiser Morgenschlummer wiegt dich ein,

Bis wir uns wieder in die Arme sinken,

Bis wir des Himmels reinsten Aether trinken,

Geliebte! Dann auf ewig bist du mein.«


»Und immer weiter fliehn des Geistes Schatten;

Mir ist vergönnt, das Höchste zu erreichen

Und in dem Moder unsrer Menschenleichen

Des Herzens letzte Zweifel zu bestatten;

Der Keim der Liebe, der so lange schlief,

Die Erde hat aufs neue ihn empfangen,[25]

Und ihre Söhne lauschen mit Verlangen

Der Stimme, die mich aus den Wolken rief.

Wohl wird die Menschheit ihrem Schöpfer grollen

Und dem entsagend, was er einst verhieß,

Den Gram um das verlorne Paradies

Der Sünde Rausch zum Opfer bringen wollen.

Ich seh' Jehovahs Antlitz zornentbrannt,

Wenn Engel straucheln, Menschen sich empören,

In Liebesübermut sich selbst zerstören,

Nach Wonne lechzend, die nur ich gekannt.

Ha, dann verflucht er, was er selbst ersonnen,

Und was, der jungen Schöpfung sich vereinend,

Des Vaters Liebe fliehend und verneinend,

Sich in der Wollust Netzen festgesponnen!

So soll denn keine Hoffnung übrig bleiben?

Verderben wuchert aus der Erde Schoß;

Ich sehe Evas Kinder heimatlos,

Die Hände ringend, auf den Wassern treiben.

Und wieder seh' ich in der Wüste Sande,

Vom Tod bedroht, des Glaubens Allmacht siegen,

Ein neues Volk, getrennt vom Vaterlande,

Verschmachtend, trostlos auf den Knieen liegen,

Und einen nur, den keine Furcht erreicht,

Das greise Haupt zu seinem Schöpfer wenden

Und aus dem Felsen, den die Sonne bleicht,

Den durst'gen Zweiflern frische Labung spenden.

O, daß der Dank, der jetzt zum Himmel wallt,[26]

Mit Flammenzügen in mein Herz sich schriebe!

Das ist Erkenntnis, aber keine Liebe,

Was jubelnd durch die graue Wüste schallt! –

Und weilst du dort, wo Todeswunden klaffen,

Dort, im Gedränge wilder Kriegerhorden,

Du, dessen Hauch das Paradies erschaffen,

Jehovah, du, durch den es Tag geworden?

Doch stille! – Wandelt nicht durch grüne Auen

Ein schöner Jüngling, im Gebet versunken,

Mit lichter Stirn, das Auge liebetrunken,

Zum Tod betrübt, in himmlischem Vertrauen?

Er spricht – und mit Erstaunen hört's die Erde:

Sein Wort ist Manna, das die Armen speist,

Sein Wort ist Liebe, die den Vater preist,

Damit auch ich von ihm getröstet werde.

O bleibe länger! – Laß auf deinem Pfade

Zum Werke der Versöhnung uns verbünden;

Ich komme zaghaft – groß sind meine Sünden;

Doch fließt von deinen Lippen seine Gnade.

Nacht ist es rings – erloschen sind die Sterne;

Sie gingen schlafen, einer nach dem andern.

Jesus von Nazareth, wie gerne, gerne

Möcht' ich an deiner Seite weiterwandern!

Zwar bist du Fleisch wie ich – und bittrer Hohn

Wird uns begleiten, denn vom Licht geblendet

Hast du begonnen, was nur Er vollendet,

Und vaterlos wähnst du dich Gottes Sohn.[27]

Hast du nach dem gestrebt, was ich gefunden?

Hast du gekannt, was mich zur Erde rief?

Der Gottheit Wehe – ich empfand es tief –

Antworte denn: Hast du es auch empfunden?

Nein, du warst Fleisch und Blut, und dein Verlangen

Blieb ewig ungestillt – und doch – und doch

Sprichst du von Liebe, lächelst, hoffest noch – –

O Schmerzensheld, wo bist du hingegangen?

Dort ruhn sie alle, süßen Schlafes voll,

Die dich geliebt, und deine Lippen flehen:

›Mein Vater, laß den Kelch vorübergehen;

Doch trink' ich ihn, wenn ich ihn trinken soll.‹ –

Vergeblich Flehn! Verzweiflung im Gehirne,

Möcht' vor dem Schöpfer ich mein Antlitz bergen:

Da drücken sie, Jehovahs feige Schergen,

Den Dornenkranz auf deine bleiche Stirne. –

Ha, laß an deiner Statt den Schuld'gen büßen,

Heiland der Welt, es ist zu viel der Schande!

Doch weh, sie kommen, legen mich in Bande

Und schleudern mich zu deinen blut'gen Füßen –

Da hängt dein Leib, ans schnöde Holz geschlagen,

Und dennoch blickst verzeihend du empor

Und schenkst den Schächern ein geduldig Ohr,

Die neben dir das Ungeheure tragen!

O Qualen, wie nur einer sie ersann,

Daß sie nicht mich, nicht mich allein getroffen!

Dulder der Liebe, laß mich, laß mich hoffen,[28]

Daß ich wie du am Kreuze sterben kann.

Es ist zu spät – Erbarmen heiß' ich Lüge –

Willst du auf mich dein brechend Auge richten?

In deinem Antlitz seh' ich ihre Züge,

In deinen Schmerzen meine eignen Pflichten.

Der Himmel bebt – die Erde ist geborsten –

Erlöser, Dank! Das ist die letzte Stunde;

Das Feuer lodert durch die düstern Forsten,

Und zu den Sternen flammt die frohe Kunde:

Dein Leiden brach der Elemente Joch,

Mein ist der Sieg – die Hölle ist bezwungen.

Drei edle Leichen sind im Tod verschlungen;

O sprich, Geliebte – schläfst du, schläfst du noch?«


Vorüber ist die Nacht mit ihren Schrecken,

Durch schwarze Wolken bricht das Morgenrot,

Und es vermählt des Engels Liebesnot

Sich mit den Flammen, die den Himmel lecken;

Aus dürren Zweigen hat mit rascher Hand

Er der Geliebten Grabmal aufgebaut,

Sein letztes Werk mit Lächeln angeschaut

Und es vollendet mit dem Feuerbrand.

Schon war, bevor der Holzstoß aufgeschichtet,

Für sie ein weiches Lager hergerichtet;

Die einst wie Frühlingsodem ihn entzückt

Und die der Herbst von seiner Brust gerissen[29]

Ruht mit des Waldes schönstem Flor geschmückt,

Dem taubeschwerten, jetzt auf Blumenkissen.

O, da ergreift ihn neuer Todesmut;

Er hebt empor die Stirn, die faltenreiche,

Drückt ans verwaiste Herz die holde Leiche

Und legt sie schweigend mitten auf die Glut.

Doch mit des Menschendaseins Zauberstunden

Ist nun auch seine Frist dahingeschwunden,

Und Beider Asche soll der Wind verwehn.

Die Martern, die ihn rings bedrohn, verachtend,

Sein stilles Thal zum letztenmal betrachtend,

So seh' ich ihn an ihrer Seite stehn.

Und wie die stolzen Lippen sich bewegen,

Dringt's durch die Seele mir wie Jubeltöne:

»Jehovah, freudig komm' ich dir entgegen!«

So ruft er aus, strahlend in Jugendschöne;

»Bist du der Zürner noch, den ich verlassen,

Der Todfeind, der nach meinem Blute dürstet?

Magst du mich heute lieben oder hassen,

Ich bin wie du gewaffnet und gefürstet;

Doch öffnest du mir deine Vaterarme,

Wohlan, so will ich kommen und vergessen

Und an dies Herz, das ewig lebenswarme,

Vor deinem Antlitz meine Gattin pressen.

Und willst du's nicht, muß ich die Fackel schwingen,

Denn sieh, ich liebe, leide für Millionen!

Und darf ich nicht an deiner Seite thronen,[30]

Muß ich's allein erkämpfen und vollbringen.

Adah, mein süßes Weib, du oft Genannte,

Du einst Verlorne, laß dir's heute sagen:

Ich liebe dich – mehr, als in jenen Tagen,

Ich liebe dich – mehr als ich's je bekannte;

Stumm war mein Mund und frostig war mein Küssen;

Denn zu gewaltig war der innre Drang.

Doch daß dein erster Blick mein Herz verschlang,

Jenseits des Todes wirst du's glauben müssen.

Und wenn ein Engel jetzt herniederführe,

An diese Jammerstätte mich zu ketten,

Du würdest dennoch meine Seele retten,

Adah, gedenkend unsrer heil'gen Schwüre.

Frei ist mein Geist, wenn auch die Flammen nahn,

Denn Liebe weiß und hofft und duldet alles.

Was ich gefühlt am Tage meines Falles,

Was ich erstrebt, es war kein leerer Wahn.

Und so verkünd' ich's denn durch alle Zonen:

Dein Herz war engelrein, dein Sieg gerecht;

Erkennen wird's ein kommendes Geschlecht,

Ich liebe, leide, sterbe für Millionen!

O süße Thräne, die um Eva fiel!1

Das Paradies verlangt nach kühnen Freiern.

Mag sich die Wahrheit tausendmal verschleiern,[31]

Wer dich versteht, dem winkt ein sichres Ziel.

Es strömt durchs Weltall ein geheimes Sehnen,

Mein junger Odem kräftigt die Natur,

Und sie erfüllt, sie heiligt meinen Schwur,

Wenn Engel sich an Weiberbrüste lehnen.

Jehovah! Herrlich wird dein Name sein,

Wenn dankbar ihn die schönsten Lippen stammeln,

Der Erde Söhne sich um dich versammeln,

Um ihrer Seele Traumgebild zu frein.

Nur den beklag' ich, der durch deinen Willen,

Ein Held der Liebe, dort am Kreuze blutet.

Du aber wirst die dunkle Sehnsucht stillen,

Die nicht umsonst das Herz ihm überflutet;

Denn Liebe ist Erbarmen ohne Grenzen,

Ist Hoffen, Glauben, Träumen ohne Ende;

Denn Liebe ist die Frucht von tausend Lenzen,

Ist deines Vaterherzens eigne Spende!

Und so verkünd' ich's denn durch alle Zonen:

Wir finden droben unsrer Treue Lohn;

Ich bin Jehovah's eingeborner Sohn

Und hoffe, glaube, träume für Millionen!

Und ob Geschlechter kommen und vergehn,

Adah, sie werden deine Stimme hören;

Ob Worte, Töne, Farben es beschwören,

Dein Odem wird durch alle Zeiten wehn;

Mein letztes Wort – die Erde wird's bewahren,

Dir bringt's der frische Hauch des Morgenwindes:[32]

Ich liebe dich – du Mutter meines Kindes!

Ich liebe dich – du Kind mit blonden Haaren!

Die Flammen nahn und nahn – es braust hernieder

Wie Engelsgrüßen, tröstend und erhebend;

Es leuchtet, Todesschatten neu belebend:

O Himmelsbraut, da bin ich, bin ich wieder –

Ich komme glorreich – und du weinst um mich?

Laß meine Asche sich mit deiner mengen;

Dein Retter wird der Hölle Pforten sprengen,

Und dieser Retter, Adah – der bin ich!« – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –


(1847-.)


Fußnoten

1 Aus den Augen des strafenden Engels bei der Ausweisung aus dem Paradiese; dieses die dem Gedichte zu Grunde liegende poetische Hypothese.


Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 15-33.
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