Uber die göttliche Fürsehung

[26] O Schöpfer, der mit Huld und Stärke

Noch stets erhält, was er gemacht;

Und für das Kleinste seiner Werke

So, wie für Erd und Sonne, wacht!

Mein schwacher Geist will sich bestreben,

Dich, grosser Herrscher, zu erheben.

O rühre du mir Herz und Mund!

Wenn Trieb und Andacht dir gefallen,

So wird auch durch der Kinder Lallen

Die Grösse deines Namens kund.
[27]

Was träumt der Wahn bedöhrter Weysen

Von einer Gottheit ohne Kraft?

Was hör ich für ein Wesen preisen,

Das weder Wol noch Ubels schafft:

Das sich in seiner Himmelsfeste,

Unsorgsam für uns Erdengäste,

In stiller Wollust zärtlich pflegt:

Das nie die Tugend sucht zu schützen,

Und niemals mit verdienten Blitzen

Nach der Verächter Scheitel schlägt?


Was mag denn auch den Schöpfer hindern,

Daß er nicht für die Menschen wacht?

Was zieht ihn ab von seinen Kindern?

Gebricht ihm Willen oder Macht?

Erschreckt ihn wol der Sorgen Bürde?

Beleidigt dies auch seine Würde,

Um einen Wurm sich zu bemühn?

Und gleicht er Göttern dieser Erden,

Die mit ermüdenden Beschwärden

Sich ihrer Herrschaft unterziehn?
[28]

O kränkt doch nicht der Allmacht Grösse

Durch ein so schlechtes Schattenbild!

Was ist ein Mensch, der seine Grösse

Umsonst in Gold und Purpur hüllt?

Der Klügste wird verführt, betrogen,

Von Lüsten hin und her gezogen,

Von Wahn und Irrtum stets beklemmt:

Der Beste wünscht, und will vergebens,

Weil die Gefährtinn seines Lebens,

Die Schwachheit, ihn beständig hemmt.


Den aber, der die Welt regiret,

Hält nichts in seinem Tuhn zurück.

Sein Wille wirkt; sein Wink gebihret;

Das Werden folgt auf seinen Blick.

Die Himmel aus den Angeln rücken,

Und den geringsten Wurm zerdrücken,

Das macht ihm beides gleiche Müh.

Kein Widerstand kan ihn bekümmern.

Er spricht, so fällt die Welt zu Trümmern.

Er will, so steht sie wieder hie.
[29]

Und sollt er wol ein Volk verlassen,

Das seine Hand hervorgebracht:

Und sollt er sein Geschöpfe hassen,

Warum denn hat er uns gemacht?

Unmöglich, daß wir nur ins Blinde

Des Glückes Ball, ein Spiel der Winde,

Und jedes Zufalls Beüte seyn!

Ich fühle wider solche Lehren

Vernunft und Sinnen sich empören.

Die Blindheit gab sie Menschen eyn.


Zwar, wie er seinen Raht vollbringe,

Das soll kein Sterblicher verstehn.

Es mag sich oft der Lauff der Dinge

Nach allgemeinen Regeln drehn.

Wolan! Er hat die Welt hierniden

Zum Vaterlande mir beschieden,

So teil ich mit ihr Wol und Weh.

Ich will nicht, daß mir zu Gefallen,

Mir Staübchen von dem grossen Allen,

Des Ganzen Ordnung stille steh.
[30]

Ich will nicht, daß der Wolken Triefen

Mein dürres Feld zu oft erquickt,

Wenn in des Nachbarn feüchten Tiefen

Die fette Saat davon erstickt.

Und soll ein Heer gemeiner Plagen

Auf meines Landes Grenzen schlagen,

So steh ich ihnen gleichfalls bloß.

Der Schöpfer kan mir stets entziehen,

Was er aus Gnaden mir verliehen.

Sein Tuhn ist so gerecht, als groß.


Genug, daß nie kein Nohtgeschicke

Sein freyes Wirken hindern kan.

Natur und Zufall, Schicksal, Glücke

Sind seiner Allmacht untertahn.

Wenns seiner Weysheit nur gebüret:

Wenn ihn mein wahrer Nutze rühret,

Denn muß sein Raht mit Macht geschehn;

Denn zeigt er seiner Herrschaft Stärke;

Vollbringt sein Tuhn durch Wunderwerke,

Und heißt das Rad der Schöpfung stehn.
[31]

Und dann, was ist ein kleines Leiden,

Von seiner Vatershand geschickt,

Wenn einst dafür ein Meer der Freüden

Mich ewig labet und erquickt?

Was zeitlich heißt, ist bald verschwunden

Hier mängen sich auch trübe Stunden

In unsrer Tage Klarheit ein.

Dort aber wird im Reich der Seinen

Sein Licht uns unvergänglich scheinen,

Und Nacht und Schatten nicht mehr seyn.


Nur dämpf, o Herr, in meinem Herzen,

Was deiner Gnade widersteht!

O laß mich nicht ein Gut verscherzen,

Das über alle Schätze geht!

Auch Böse hält in diesem Leben

Dein allgemeiner Schutz umgeben,

Und deiner Sonne wärmend Licht.

Doch deine Zarten Vaterstriebe,

Den Ausfluß ewig-milder Liebe,

Gewährst du den Verkehrten nicht.
[32]

Drum bleib ich nur auf deinen Wegen,

Und deiner Satzung stets getreü.

So mag sich alle Welt erregen:

Mein Schöpfer steht mir kräftig bey,

Sein Wort gebihrt mir Heil und Fülle.

Er droht dem Meer, so wird es stille;

Er schilt den Feind, so fällt er hin.

Laß Tausend Scharen auf mich stürmen,

Sie müssen, will er mich beschirmen,

Erschreckt vor meinem Schatten fliehn.

Quelle:
Carl Friedrich Drollinger: Gedichte. Stuttgart 1972, S. 26-33.
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