Das Bild

1.

[453] Sie stehn vor deinem Bild und schauen

In dein verschleiert Augenlicht,

Sie prüfen Lippe, Kinn und Brauen,

Und sagen dann: du seist es nicht,

Zu klar die Stirn, zu voll die Wange,

Zu üppig in der Locken Hange,

Ein lieblich fremdes Angesicht.


O wüßten sie es, wie ein treues

Gemüt die kleinsten Züge hegt,

Ein Zucken nur, ein flüchtig scheues,

Als Kleinod in die Seele legt,

Wie nur ein Wort, mit gleichem Klange

Gehaucht, dem Feinde selbst, das bange,

Bewegte Herz entgegenträgt.


Sie würden besser mich begreifen,

Sehn deiner Locken dunklen Hag

Sie mich mit leisem Finger streifen,

Als lüft' ich sie dem jungen Tag;

Den Flor mich breiten, dicht und dichter,

Daß deiner Augen zarte Lichter

Kein Sonnenstaub verletzen mag.


Was fremd, dahin will ich nicht schauen,

Ich will nicht wissen wo sie brennt,

Ob an der Lipp', ob in den Brauen,

Die Flamme, die dein Herz nicht kennt;[453]

Ich will nur sehn in deine Augen,

Den einen reinen Blick nur saugen,

Der leise meinen Namen nennt.


Ihn, der wie Äther mich umflossen,

Als in der ernsten Abendzeit

Wir saßen, Hand in Hand geschlossen,

Und dachten Tod und Ewigkeit;

Ihn, der sich von der Sonne Schwinden

Heilig gewendet mich zu finden,

Und lächelnd sprach: ich bin bereit.


2.

Und wär' es wahr auch, daß der Jahre Pflug

Dir Furchen in die klare Stirn getrieben,

Nicht so elastisch deiner Lippen Zug

Bezeichne mehr dein Zürnen und dein Lieben,

Wenn dichter auch die Hülle dich umschlingt

Durch die der Strahl, der gottbeseelte, dringt,

Mir bist die immer Gleiche du geblieben.


Wenn minder stolz und edel die Gestalt,

Ich weiß in ihr die ungebeugte Seele,

Wenn es wie Nebel deinen Blick umwallt,

Ich weiß es, daß die Wolke Gluten hehle;

Und deiner weichen Stimme tiefrer Klang,

Verhallend, geisterhaft wie Wellensang,

Ich fühl' es daß kein Liebeswort ihm fehle.


O Fluch des Alters, wenn das beßre Teil

Mit ihm dem Gottesbilde müßte weichen!

Wenn minder liebewarm ein Lächeln, weil

Der Kummer ihm gelassen seine Zeichen,

Ein Auge gütig nur, solange leicht

Und anmutsvoll die Träne ihm entschleicht,

Und ros'ge Wangen, zücht'ger als die bleichen![454]

Und dennoch hält sie alle uns betärt,

Die Form, die staubgeborne, wandelbare,

Scheint willig uns ein Ohr das leise hört,

Kühn einer frischen Stimme Siegsfanfare,

Wir alle sehen nur des Pharus Licht,

Die Glut im Erdenschoße sehn wir nicht,

Und keiner denkt der Lampe am Altare.


3.

Ich weiß ein beßres Bild zu finden

Als jenes, das dir ferner weicht,

Wie tiefer deine Wurzeln gründen

Und reifer sich die Ähre neigt;

Ein beßres als zu dessen Rahmen,

Wenn Jahre schwanden, Jahre kamen,

Man wie sein eigner Schatten schleicht.


Lausch' ich am Strande ob der lauen

Entschlafnen Flut, mit scheuer Lust,

Wird unterm Flore dann, dem blauen,

Lebendig mir die ernste Rust,

Ich seh am Grunde die Korallen,

Ich seh der Fischicin goldig Wallen,

Und schaue tief in deine Brust.


Und wieder, an der Grüfte Bogen,

Seh ich der Mauerflechte Stab

Mit tausend Ranken eingesogen

In des Gesteines Herz hinab,

Von Taue schwer die grünen Locken,

Leuchtwürmer in der Wimper Flocken,

Das ist dein Lieben übers Grab.


Und wenn an der Genesung Bronnen

– Im Saale tafeln Stern und Band –

Sich mittags kranke Bettler sonnen,[455]

Begierig schlürfen überm Rand

Und emsig ihre Schalen schwenken,

Dann muß ich an dein Geben denken,

An deine warme, offne Hand.


O jener Quell, der glüh und leise,

Ein Sprudel, deiner Brust entquillt,

Der nichts von Flocken weiß und Eise,

Mit Segen seine Steppe füllt,

Ihm kann nur gleichen wessen Walten

Nie siechen kann und nie veralten,

Und die Natur nur ist dein Bild.

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 453-456.
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