Das Autograph

[123] Pst! – St! – ja, ja,

Das mocht' eine Pracht noch heißen,

Als ich am Ärmel sah

Die goldenen Tressen gleißen!

Wie waren die Hände weiß und weich,

Wie funkelten die Demanten!

Wie schwammen drüber, so duftig, reich,

Die breiten Brüsseler Kanten!


Das waren Bilder und Lockenpracht,

Wie mähnige Leun in Rahmen!

Das Vasen! wo in der Galatracht

Spazierten schäfernde Damen!

Und, o, das war eine Blumensee,

Ein farbiges Blütengewimmel!

Das eine berauschende Äthernäh'

Von heißem südlichen Himmel!


Pst! – St! – ich duckt' in meinem Fach,

Pst! – still – wie Vögel im Nest,

Und ward am Gitter die Brise wach,

Dann ruschelt' ich mit dem West.

O, o! der war auch ein Vagabund:

Von Bogen flog er zu Bogen,

Hat aus der Siegel Granatenmund

Säuselnde Küsse gesogen.


Pst! – drunten, hart an meiner Klaus'

Ein Tisch auf güldenen Krallen;

Und wispelte ich zu weit hinaus,

Ich wär auf den Amor gefallen;

Der stand, einen Köcher in jeder Hand,

Wie sinnend auf lustige Finte,

Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand,

Und spiegelte sich in der Dinte.
[123]

Sieh! drüben der Türen Paneele, breit,

Geschmückt mit schimmernden Leisten!

Wie hab' ich geflattert und mich gefreut,

Wenn leise knarrend sie gleißten!

Dann kam das Ding – ein Mann – ein Greis? –

Nie konnte ich satt mich schauen,

Daß seine Lockenkaskaden so weiß,

So glänzend schwarz seine Brauen!


Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt' und bog,

Lang lange schlängelnde Kette,

Und sachte über den Marmor zog

Und schleifte sich die Manschette.

Das summt' und säuselte mir wie Traum,

Wie surrender Bienen Lesen,

Als sei ich einst ein seidener Schaum,

Eine Spitzenmanschette gewesen.


Pst! – stille, – sieh, ein andrer! – sieh!

Wie schütteln des Schreibers Locken!

Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie,

Schlürft und schleicht wie auf Socken.

Ha! es zupft mich, – ich falle, ich falle! –

Da liege ich hülflos gebreitet,

Und über mich die dintige Galle

Wie Würmer krimmelt und gleitet.


Licht! Leben! durch die Fasern gießt

Gleich Ichor sich der Menschengeist;

Wie's droben tönt, die Spalte fließt,

Gedankenwelle schwillt und kreist.

»Viva!« – ein König wird gegrüßt, –

Es fault im Mark, die Rinde gleißt. –

Und Schiffe, schwer von Proviant,

Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.


Ich zittre, zittre, jenes Fremden Auge,

Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt;[124]

Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge?

Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt,

Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! –

Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht, –

Nun schlängelt er, – nun drunten steht es da:

»Theodor' il primo, re di Corsica.«

Pst! still! – der König spricht, Denar, halt Ruh!

Was schaukelst dich, was klimperst du?

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 123-125.
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