Neujahrsnacht

[142] Im grauen Schneegestöber blassen

Die Formen, es zerfließt der Raum,

Laternen schwimmen durch die Gassen,

Und leise knistert es im Flaum;

Schon naht des Jahres letzte Stunde,

Und drüben, wo der matte Schein

Haucht aus den Fenstern der Rotunde,

Dort ziehn die frommen Beter ein.
[142]

Wie zu dem Richter der Bedrängte,

Ob dessen Haupt die Waage neigt,

Noch einmal schleicht eh der verhängte,

Der schwere Tag im Osten steigt,

Noch einmal faltet seine Hände

Um milden Spruch, so knien sie dort,

Still gläubig, daß ihr Flehen wende

Des Jahres ernstes Losungswort.


Ich sehe unter meinem Fenster

Sie gleiten durch den Nebelrauch,

Verhüllt und lautlos wie Gespenster,

Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;

Ein blasser Kreis zu ihren Füßen

Zieht über den verschneiten Grund,

Lichtfunken blitzen auf und schießen

Um der Laterne dunstig Rund.


Was mögen sie im Herzen tragen,

Wie manche Hoffnung, still bewacht!

Wie mag es unterm Vließe schlagen

So heiß in dieser kalten Nacht!

Fort keuchen sie, als möge fallen

Der Hammer, eh sie sich gebeugt,

Bevor sie an des Thrones Hallen

Die letzte Bittschrift eingereicht.


Dort hör' ich eine Angel rauschen,

Vernehmlich wird des Kindes Schrein,

Und die Gestalt – sie scheint zu lauschen,

Dann fürder schwimmt der Lampe Schein;

Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer

Verzittern an des Fensters Rand,

Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer,

Und einer Mutter fromme Hand!


Nun stampft es rüstig durch die Gasse,

Die Decke kracht vom schweren Tritt,[143]

Der Krämer schleppt die Sündenmasse

Der bösen Zahler keuchend mit;

Und hinter ihm wie eine Docke

Ein armes Kind im Flitterstaat,

Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke,

Huscht frierend durch den engen Pfad.


Ha, Schellenklingeln längs der Stiege!

Glutaugen richtend in die Höh',

'ne kolossale Feuerfliege,

Rauscht die Karosse durch den Schnee;

Und Dämpfe qualmen auf und schlagen

Zurück vom Wirbel des Gespanns;

Ja, schwere Bürde trägt der Wagen,

Die Wünsche eines reichen Manns!


Und hinter ihm ein Licht so schwankend,

Der Träger tritt so sachte auf,

Nun lehnt er an der Mauer, wankend,

Sein hohler Husten schallt hinauf;

Er öffnet der Laterne Reifen,

Es zupfen Finger lang und fahl

Am Dochte, Odemzüge pfeifen, –

Du, Armer, kniest zum letztenmal.


Dann Licht an Lichtern längs der Mauer,

Wie Meteore irr geschart,

Ein krankes Weib, in tiefer Trauer,

Husaren mit bereiftem Bart,

In Filz und Kittel stämm'ge Bauern,

Den Rosenkranz in starrer Faust,

Und Mädchen die wie Falken lauern,

Von Mantels Fittigen umsaust.


Wie oft hab' ich als Kind im Spiele

Gelauscht den Funken im Papier,[144]

Der Sternchen zitterndem Gewühle,

Und: »Kirchengänger!« sagten wir;

So seh ich's wimmeln um die Wette

Und löschen, wo der Pfad sich eint,

Nachzügler noch, dann grau die Stätte,

Nur einsam die Rotunde scheint.


Und mählich schwellen Orgelklänge

Wie Heroldsrufe an mein Ohr:

Knie nieder, Lässiger, und dränge

Auch deines Herzens Wunsch hervor!

»Du, dem Jahrtausende verrollen

Sekundengleich, erhalte mir

Ein mutig Herz, ein redlich Wollen,

Und Fassung an des Grabes Tür.«


Da, horch! – es summt durch Wind und Schlossen,

Gott gnade uns, hin ist das Jahr!

Im Schneegestäub' wie Schnee zerflossen,

Zukünftiges wird offenbar;

Von allen Türmen um die Wette

Der Hämmer Schläge, daß es schallt,

Und mit dem letzten ist die Stätte

Gelichtet für den neuen Wald.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 142-145.
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