Die Jagd

[31] Die Luft hat schlafen sich gelegt,

Behaglich in das Moos gestreckt,

Kein Rispeln, das die Kräuter regt,

Kein Seufzer, der die Halme weckt.

Nur eine Wolke träumt mitunter

Am blassen Horizont hinunter,

Dort, wo das Tannicht überm Wall

Die dunkeln Kandelabern streckt.[31]

Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:

»Hallo! hoho!« so lang gezogen,

Man meint, die Klänge schlagen Wogen

Im Ginsterfeld, und wieder dort:

»Hallo! hoho!« – am Dickicht fort

Ein zögernd Echo, – alles still!

Man hört der Fliege Angstgeschrill

Im Mettennetz, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,

Und dann wie ziehnder Kranichheere

Kling klang! von ihrer luft'gen Fähre,

Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!

Ein Läuten das Gewäld entlang,

Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab –

Er gleitet durch die Binsenspeere,

Und zuckelt fürder seinen Trab:

Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,

Nach stäuben die lebend'gen Glocken,

Radschlagend an des Dammes Hang;

Wie Aale schnellen sie vom Grund,

Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.

Der schwankende Wacholder flüstert,

Die Binse rauscht, die Heide knistert,

Und stäubt Phalänen um die Meute.

Sie jappen, klaffen nach der Beute,

Schaumflocken sprühn aus Nas' und Mund;

Noch hat der Fuchs die rechte Weite,

Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,

Zieht in dem Taue dunklen Streif,

Und zeigt verächtlich seine Socken.

Doch bald hebt er die Lunte frisch,

Und, wie im Weiher schnellt der Fisch,

Fort setzt er über Kraut und Schmelen,

Wirft mit den Läufen Kies und Staub;

Die Meute mit geschwollnen Kehlen

Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefern knacken,[32]

Wenn fletschend in die Luft sie hacken;

In weitem Kreise so zum Tann,

Und wieder aus dem Dickicht dann

Ertönt das Glockenspiel der Bracken.


Was bricht dort im Gestrippe am Revier?

Im holprichten Galopp stampft es den Grund;

Ha! brüllend Herdenvieh! voran der Stier,

Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.

Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,

Das Horn gesenkt, waagrecht des Schweifes Strang,

Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,

Eh Posto wird gefaßt im Heidegrunde.

Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,

Das Dickicht messend mit verglastem Blick,

Dann sinkt das Haupt und unter ihrem Zahne

Ein leises Rupfen knirrt im Thimiane;

Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,

Das Euter streifend am Wacholderstrauch,

Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke

Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.

So langsam schüttelnd den gefüllten Bauch

Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.


Ein Schuß: »Hallo!« ein zweiter Schuß: »Hoho!«

Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust

Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so

Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust,

Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,

Die kranke Sterke schaukelt träg herbei,

Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,

Und dann – ein Schoß, und dann – ein Jubelschrei!


Das grüne Käppchen auf dem Ohr,

Den halben Mond am Lederband,

Trabt aus der Lichtung rasch hervor

Bis mitten in das Heideland[33]

Ein Waidmann ohne Tasch' und Büchse;

Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,

Dann setzt er an, und tausend Füchse

Sind nicht so kräftig totgeblasen,

Als heut es schmettert übern Rasen.

»Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!

Laßt uns den Schelm begraben!

Kriegen ihn die Hunde nicht,

Dann fressen ihn die Raben,

Hoho hallo!«


Da stürmt von allen Seiten es heran,

Die Bracken brechen aus Genist und Tann;

Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen

Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,

Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,

Doch lauter, lauter schallt die Gloria,

Braust durch den Ginster die Viktoria:


»Hängt den Schelm, hängt den Schelm!

Hängt ihn an die Weide,

Mir den Balg und dir den Talg,

Dann lachen wir alle beide;

Hängt ihn! Hängt ihn

Den Schelm, den Schelm! – –«


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 31-34.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Die Ausgabe von 1844)
Gedichte
Sämtliche Gedichte (insel taschenbuch)
Geistliches Jahr: Gedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Gedichte (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon