Das Eselein

[181] Auf einem Wiesengrund ging einmal

Ein muntres Rößlein weiden,

Ein Schimmelchen war's, doch etwas fahl,

Sein Äußeres nenn' ich bescheiden,

Das schlechtste und auch das beste nicht,

Wir wollen nicht drüber zanken,

Doch hatt' es ein klares Augenlicht

Und starke geschmeidige Flanken.


Im selbem Grunde schritt oft und viel

Ein edler Jüngling spazieren,

Hinter jedem Ohre ein Federkiel,

Das tät ihn wunderbar zieren!

Am Rücken ein Gänseflügelpaar,

Die täten rauschen und wedeln,

Und wißt, seine göttliche Gabe war,

Die schlechte Natur zu veredeln.
[181]

Den Tropfen der seiner Stirne entrann,

Den soll wie Perle man fassen,

Ach, ohne ihn hätte die Sonne man

So simpelhin scheinen lassen,

Und ohne ihn wäre der Wiesengrund

Ein nüchterner Anger geblieben,

Ein Quellchen blank, ein Hügelchen rund,

Und eine Handvoll Maßlieben!


Er aber fing in Spiegel den Strahl,

Und ließ ihn zucken wie Flammen,

Die ruppigen Gräser strich er zumal

Und flocht sie sauber zusammen,

An Steinen schleppt' er sich krank und matt,

Für ein Ruinchen am Hügel,

Dem Hasen kämmt' er die Wolle glatt

Und frisiert' den Mücken die Flügel.


So hat er mit saurem Schweiß und Müh'

Das ganz Gemeine verbessert,

Und klareres Wasser fand man nie,

Als wo er schaufelt' und wässert',

Und wie's nun aller Edlen Manier,

Sich mild und nobel zu zeigen,

So, sei's Gestein, Mensch, oder Tier,

Er gab ihm von seinem Eigen.


Einst saß er mit seinem Werkgerät,

Mit Schere, Pinsel und Flasche,

In der eine schwärzliche Lymphe steht,

Mit Spiegel, Feder und Tasche;

Er saß und lauschte wie in der Näh

Mein Schimmelchen galoppieret;

Auf dem Finger pfiff er: »Pst, Pferdchen, he!«

Und wacker kam es trottieret.


Dann sprach der Edle: »Du wärst schon gut,

'ne passable Rosinante,[182]

Nähm' ich dich ernstlich in meine Hut,

Daß ich den Koller dir bannte;

Ein leiser Traber – ein schmuckes Tier –

Ein unermüdeter Wandrer!

Kurz, wenig wüßt' ich zu rügen an dir,

Wärst du nur völlig ein andrer.


Drum sei verständig, trab' heran,

Und laß mich ruhig gewähren,

Und sollt's dich kneipen, nicht zuck mir dann,

Du weißt, oft zwicken die Scheren.«

Mein Schimmelchen stutzt, es setzt seitab,

Ein paarmal rennt es in Kreisen,

Dann sachte trabt es den Anger hinab,

Dann stand es still vor dem Weisen.


Der sprach: »Dein Ohr – ein armer Stumpf!

Armselig bist du geboren!

Kommandowort und der Siegstriumph,

Das geht dir alles verloren.«

Drauf rüstig setzt er die Zangen an,

Und zerrt' und dehnte an beiden;

Mein Schimmelchen ächzt, und dachte dann:

»O wehe, Hoffart muß leiden!«


»Auch deine Farbe – erbärmlich schlecht!

Nicht blank und dennoch zu lichte,

Nicht für die romantische Dämmrung recht

Und nicht für die klare Geschichte.«

Drauf emsig langt' er den Pinsel her,

Und mischte Schwarz zu dem Weißen;

Mein Schimmelchen zuckt, es juckt ihn sehr,

Doch dacht' es: »Wie werd' ich gleißen!«


»Und gar dein Schweif – unseliges Vieh!

Der flattert und schlenkert wie Segel,[183]

Ich wette, du meinst dich ein Kraftgenie,

Und scheinst doch andern ein Flegel.«

Drauf mit der Schere, Gang an Gang,

Beginnt er hurtig zu zwicken,

Hinauf, hinunter die Wurzel entlang,

Von der Kuppe bis an den Rücken.


Dann spricht er freudig: »Mein schmuckes Tier,

Mein Zelter edel wie keiner!«

Und eilends lang er den Spiegel herfür:

»Nun sieh, und freue dich deiner!

Nun bist ein Paraderößlein, baß

Wie eines von Münster bis Wesel.«

Der Schimmel blinzt, und schaut ins Glas, –

O Himmel, da war er ein Esel!


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 181-184.
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