Die Stadt und der Dom

[9] Eine Karikatur des Heiligsten


»Der Dom! der Dom! der deutsche Dom!

Wer hilft den Kölner Dom uns baun!«

So fern und nah der Zeitenstrom

Erdonnert durch die deutschen Gaun.

Es ist ein Zug, es ist ein Schall

Ein ungemeßner Wogenschwall.

Wer zählt der Hände Legion

In denen Opferheller glänzt?

Die Liederklänge wer, die schon

Das Echo dieses Rufs ergänzt?


Und wieder schallt's vom Elbestrand:

»Die Stadt! die Stadt! der deutsche Port!«

Und wieder zieht von Land zu Land

Ein gabespendend Klingeln fort;

Die Schiffe ragen Mast an Mast,

Goldregen schüttet der Palast,

Wem nie ein eignes Dach beschert,

Der wölbt es über fremde Not,

Wem nie geraucht der eigne Herd,

Der teilt sein schweißbenetztes Brod.


Wenn eines ganzen Volkes Kraft

Für seines Gottes Heiligtum

Die Lanze hebt so Schaft an Schaft,

Wer glühte nicht dem schönsten Ruhm?

Und wem, wem rollte nicht wie Brand[9]

Das Blut an seiner Adern Wand,

Wenn eines ganzen Volkes Schweiß

Gleich edlem Regen niederträuft,

Bis in der Aschensteppe heiß

Viel Tausenden die Garbe reift?


Man meint, ein Volk von Heil'gen sei

Herabgestiegen über Nacht,

In ihrem Eichensarg aufs neu

Die alte deutsche Treu' erwacht.

O werte Einheit, bist du eins –

Wer stände dann des Heil'genscheins,

Des Kranzes würdiger als du,

Gesegnete, auf deutschem Grund!

Du trügst den goldnen Schlüssel zu

Des Himmels Hort in deinem Bund.


Wohlan ihr Kämpen denn, wohlan

Du werte Kreuzesmassonei,

So gebt mir eure Zeichen dann

Und euer edles Feldgeschrei!

Da, horch! da stieß vom nächsten Schiff

Die Bootmannspfeife grellen Pfiff,

Da stiegen Flaggen ungezählt,

Kantate summte und Gedicht,

Der Demut Braun nur hat gefehlt,

Jehovas Namen hört' ich nicht.


Wo deine Legion, o Herr,

Die knieend am Altare baut?

Wo, wo dein Samariter, der

In Wunden seine Träne taut?

Ach, was ich fragte und gelauscht,

Der deutsche Strom hat mir gerauscht,

Die deutsche Stadt, der deutsche Dom,

Ein Monument, ein Handelsstift,

Und drüber sah wie ein Phantom

Verlöschen ich Jehovas Schrift.
[10]

Und wer den Himmel angebellt,

Vor keiner Hölle je gebebt,

Der hat sich an den Kran gestellt

Der seines Babels Zinne hebt.

Wer nie ein menschlich Band geehrt,

Mit keinem Leid sich je beschwert,

Der flutet aus des Busens Schrein

Unsäglicher Gefühle Strom,

Am Elbestrand, am grünen Rhein,

Da holt sein Herz sich das Diplom.


Weh euch, die ihr den zorn'gen Gott

Gehöhnt an seiner Schwelle Rand,

Meineid'gen gleich in frevlem Spott

Hobt am Altare eure Hand!

Er ist der Herr, und was er will

Das schaffen Leu und Krokodill! –

So baut denn, baut den Tempel fort,

Mit ird'schem Sinn den heil'gen Hag,

Daß euer beßrer Enkel dort

Für eure Seele beten mag!


Kennt ihr den Dom der unsichtbar

Mit tausend Säulen aufwärts strebt?

Er steigt wo eine gläub'ge Schar

In Demut ihre Arme hebt.

Kennt ihr die unsichtbare Stadt

Die tausend offne Häfen hat

Wo euer wertes Silber klingt?

Es ist der Samariter Bund,

Wenn Rechte sich in Rechte schlingt,

Und nichts davon der Linken kund.


O, er der alles weiß, er kennt

Auch eurer Seele ödes Haus;

Baut Magazin und Monument,

Doch seinen Namen laßt daraus![11]

Er ist kein Sand der glitzernd stäubt,

Kein Dampfrad das die Schiffe treibt,

Ist keine falsche Flagge die

Sich stahl der See verlorner Sohn,

Parol' nicht die zur Felonie

Ins Lager schmuggelt den Spion!


Baut, baut, – um euer Denkmal ziehn

Doch Seufzer fromm und ungeschmückt,

Baut, – neben eurem Magazin

Wird doch der Darbende erquickt.

Ob eures Babels Zinnenhag

Zum Weltenvolk euch stempeln mag?

Schaut auf Palmyrens Steppenbrand,

Wo scheu die Antilope schwebt,

Die Stadt schaut an wo, ein Gigant,

Das Kolosseum sich erhebt.


Den Wurm der im geheimen schafft,

Den kalten nackten Grabeswurm,

Ihn tötet nicht des Armes Kraft,

Noch euer toller Liedersturm.

Ein frommes, keusches Volk ist stark,

Doch Sünde zehrt des Landes Mark;

Sie hat in deiner Glorie Bahn,

O Roma, langsam dich entleibt,

Noch steht die Säule des Trajan,

Und seine Kronen sind zerstäubt!

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 9-12.
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