Am ersten Sonntage nach Ostern

[622] Jesus geht durch verschlossene Türen, und spricht: »Der Friede sei mit euch!«


Und hast du deinen Frieden denn gegeben

An alle, die sich sehnen um dein Heil,

So will ich meine Stimme auch erheben:

Hier bin ich, Vater, gib auch mir mein Teil!

Warum sollt' ich, ein ausgeschloßnes Kind,

Allein verschmachtend um mein Erbe weinen?

Warum nicht sollte deine Sonne scheinen,

Wo doch im Boden gute Keime sind?


Oft mein' ich zwar, zum Beten sei genommen

Mir alles Recht, da es so trüb und lau;[622]

Mir könne nur geduldig Harren frommen,

Und starrer Aufblick zu des Himmels Blau;

Doch, Herr! der du dem Zöllner dich gesellt,

O laß nicht zu, daß ich in Nacht verschwimme,

Dem irren Lamme ruft ja deine Stimme,

Und um den Sünder kamst du in die Welt.


Wohl weiß ich, wie es steht in meiner Seelen,

Wie glaubensarm, wie trotzig und verwirrt,

Ach daß sich, daß sich manches mochte hehlen;

Ich fühle, wie es durch die Nerven schwirrt,

Und kraftlos folg' ich seiner trüben Spur.

Mein Helfer, was ich nimmer mag ergründen,

Du kennst es wohl, du weißt es wohl zu finden,

Du bist der Arzt, ich bin der Kranke nur.


Und hast du tief geschaut in meine Sünden,

Wie nicht ein Menschenauge schauen kann;

Hast du gesehn, wie in den tiefsten Gründen

Noch schlummert mancher wüste, dunkle Wahn:

Doch weiß ich auch, daß keine Trän' entschleicht,

Die deine treue Hand nicht hat gewogen,

Und daß kein Seufzer dieser Brust entflogen,

Der dein barmherzig Ohr nicht hat erreicht.


Du, der verschloßne Türen kann durchdringen,

Sieh, meine Brust ist ein verschloßnes Tor,

Zu matt bin ich die Riegel zu bezwingen;

Doch siehst du, wie ich angstvoll steh davor.

Brich ein! brich ein! o komm mit deiner Macht,

Laß Liebe gelten, da gering der Glaube,

O laß mich schauen deine Friedenstaube,

Laß fallen deinen Strahl in meine Nacht!


Nicht weich' ich, eh ich einen Schein gesehen,

Und wär' er schwach wie Wurmes Flimmer auch;

Und nicht von dieser Schwelle will ich gehen,

Bis ich vernommen deiner Stimme Hauch,[623]

So sprich, mein Vater, sprich denn auch zu mir

Mit jener Stimme, die Maria nannte,

Als sie verkennend weinend ab sich wandte,

O sprich: »Mein Kind, der Friede sei mit dir!«


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 622-624.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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