Zweytes Buch

Von meiner Jugend auf ergab ich mich der Ehre,

Und fühlte die Gewalt der Göttinn von Cythere.

Die Liebe meiner Aeltern, die auch der Zeit nicht wich,

Ergoß sich auf die Kinder, und erbte mild auf mich.

Das Unglück meines Stamms den Enkeln zu vergüten,

Schien Venus alle Ruh auf sie herab zu schütten.

Nie hat wohl eine Liebe ein Alter mehr beglückt,

Und minder Hymens Fesseln an einer Hand gedrückt!

Sonst hasset sie den Zwang, wenns Pflicht wird, sich zu lieben,

Und beut Gesetzen Trotz, die Hymen vorgeschrieben.

Auf Freyheit eyfersüchtig, zieht sie die Flügel los,

Und reißt sich aus den Ketten, worein sein Zwang sie schloß.

Mit Tagen ohne Furcht vergehn die schönsten Triebe;

Und Sicherheit ist schon der Todeskampf der Liebe.[13]

Gewohnheit dämpft die Flammen; das Alte wird verhaßt,

Die Schönheit unbemerket, und Tugend selbst zur Last:

Zu sicher, daß wir noch mit unsern Fehlern streiten,

Bricht die Natur hervor, und zeigt die schwachen Seiten.

Die Fehler werden sichtbar; denn unsre erste Treu,

Und unsre Kunst zu lieben, war oft Verrätherey.

Ein Trieb reißt uns dahin, und der, von der wir hoffen,

Steht unser heimlich Herz am allermindsten offen.

Wir nehmen uns die Larve, die leicht ein Herz gewinnt,

Worinn wir reizen können, und uns nicht ähnlich sind.

Nicht von Vernunft geführt, geleitet vom Vergnügen,

Gilt Großmuth, wie die List; genug, wenn wir nur siegen.

Die Schöne kehrt betrüglich die schönste Seite für,

Lernt unsre Kunst zu reizen, und wird so falsch, wie wir.

Sie straft uns mit der List, die wir erfunden hatten,

Ergiebt sich unserm Schein, wie wir uns ihrem Schatten;

Bis ein vertrauter Hymen das schöne Räthsel löst,

Und unsre wahre Bildung zu unsrer Schaam entblößt.

Melite pflegte mich oft zärtlich zu umfangen,

Und eine Zähre floß von ihren Rosenwangen.

Mein Sohn, war ihre Lehre, der besten Ehe Pfand,

Die am Altar der Cypris die Göttinn selbst verband;

O! wenn du jemals liebst (und hast du von den Trieben

Der Aeltern einen Theil, wie zärtlich wirst du lieben!)[14]

Wofern du also liebest, ach! Sohn, so merke dir

Das Beyspiel deiner Aeltern, und liebe so, wie wir!

Sey stets der Falschheit feind; die Falschheit lohnt mit Reue;

Auf Tugend sieh zuerst, und weih ihr ewge Treue.

Verachte jene Sklavinn, die für die Weichlichkeit

Wollüstig ihren Weihrauch auf Paphos Altar streut.

Flieh die Betrügerinn, die bald verschwendrisch liebet,

Kein Herz von dir verlangt, und dir keins wiedergiebet.

Verschwendung zeuget Mangel: wer nicht zu sparen weis,

Sorgt nur für Augenblicke, und giebt die Zukunft preis:

Dann wird dein ekles Herz im späten Mangel schmachten,

Und die, die alles gab, wirst du zuerst verachten.

Ein zärtlich Herz voll Tugend ist mit Verstande schwach,

Spart Liebe für die Zukunft, und giebt dir edel nach;

Es läßt dich, um dein Herz sich fester zu verbinden,

In mehr, als einem Kampf, und mühsam überwinden.

Ein täglich neuer Reiz mehrt deine Neubegier.

Je mehr du sie erforschest, je schöner wird sie dir.

Mit Freuden wirst du sehn, daß sie dir viel versage:

Sie liebt mit Sparsamkeit, und sorgt für viele Tage.

So, wie die süße Veilche mit Sittsamkeit sich schließt,

Indem sich stolz am Tage die Lilie vergießt;

Wenn dann ihr mattes Haupt im Schlummer niederhanget,

Gießt sie Geruch ins Thal, eröffnet sich und pranget.[15]

O! Göttinn, sey ihm gnädig! sein Herz sey dir geweiht!

Ich zog es für die Tugend, die Treu, die Zärtlichkeit;

Ich segnete den Tag, an dem ich ihn gebohren:

Doch war mein Wunsch umsonst, und aller Fleiß verlohren;

Reißt jemals ihn die Wollust nach Paphos zum Altar,

So sey der Tag verwünschet, an dem ich ihn gebahr!

O! führe dieses Herz in unschuldvollen Trieben

Der besten Schönen zu, und laß ihn edel lieben!

So pflanzte meine Mutter in meine junge Brust

Den Saamen ihrer Tugend, und Abscheu vor der Lust.

Bald ward ich stark genug, Gefahren zu ertragen,

Und mein unschuldig Herz im Sturm der Welt zu wagen.

Kaum zählt ich achtzehnmale der Sonnen Wiederkehr,

So wandt ich mich von Delos, und pflügte schon das Meer.

Im heiligen April, die Göttinn zu verehren,

Sah ich zum erstenmal die Insel der Cytheren.

Ich weis nicht, was ich fühlte; doch welch ein Trieb es war,

Ein Schicksal, oder Zufall, er riß mich zum Altar.

Es sey, daß Seelen schon sich unbekannt verbinden,

Daß ein Instinkt sie treibt, sich irgend wo zu finden;

Es sey, daß auch die Göttinn, von meiner Treu gerührt,

Durch Sympathie der Seelen mich selbst dahin geführt.

Im Tempel drängte sich der Kern von jungen Schönen;

Ich aber sahe nur die Töchter der Cylenen.[16]

Ach! könnt ich dir doch sagen, wie sich mein Herz empört,

Wie – – doch ich wills vergessen; sie war der Treu nicht werth!

O! wäre bey dem Reiz, den wir so zärtlich lieben,

Auf jeder Stirne doch sein Laster angeschrieben!

Ich sahe mit Entzücken dieß Muster der Natur;

Ja Freund, ich wollte reden, zum Glücke seufzt ich nur,

Und alles sah auf mich; ich hatte mich vergangen,

Und Schaam trieb mir jetzo die Röthe in die Wangen

Ein Jüngling von Miletus, der mir zur Seiten stand,

Bemerkte die Verwirrung, ergriff mich bey der Hand,

Und sagte voll Vertraun: aus was für einer Erden

Du kommst, so fühl ich schon, daß wir uns lieben werden:

Ich sehe, du bewunderst, die Zierde von Milet,

Die Anmuth dieser Bildung, und diese Majestät.

Doch würdest du zugleich Themirens Tugend kennen,

O! angenehmer Freund, du müßtest für sie brennen.

Doch merkst du auch die Schöne, mit der sie so vertraut

Sich lächelnd unterredet? Freund, die ist meine Braut.

O! Göttinn, werd ich sie von deiner Hand empfangen,

So wollt ich auch das Glück der Götter nicht verlangen!

Ich merkte mir den Namen; und durch sein Lob entzückt,

Hab ich ihn voll Empfindung an meine Brust gedrückt:

Freund, sagt ich da zu ihm, ein Gott hat uns getrieben,

Ich fühle seine Macht, ja, Werther, laß uns lieben![17]

O! kennest du die Schöne? Geliebter, sage mir,

Was hat dein Freund zu hoffen! mein Herz gehört schon ihr:

Ein redlich, zärtlich Herz, ganz für die Freundschaft offen,

Rein, wie, das deinige, o! sprich, was kann es hoffen?

Ich sehe sie mit Opfern an Cypris Altar stehn:

Wird sie den Dienst verachten, und hier ein Herz verschmähn?

Ich bath ihn, seinen Freund der Schönen zu zu führen,

Und ihm verdankt ich auch mein Glücke bey Themiren.

Was für ein Glück, o Göttinn! welch eine Stunde! – – ach!

Ich will den Tag verwünschen, wo ich die Falsche sprach;

Verwünschen will ich ihn, – – Pein, die ich kaum ertrage,

Und Gram und Thränen sind die Frucht von diesem Tage.

Einst, als in göldner Röthe die Sonne niederstieg,

Und vor dem Glanz der Himmel in tiefer Ehrfurcht schwieg,

Im düftenden Gebüsch der stille Westwind lauschte,

Die Wasserebne stand, und keine Ceder rauschte,

Verlor ich mich in Tiefsinn, und Hoffnungen versenkt,

Von Liebe unterhalten, und angenehm gekränkt,

In jenen krausen Hain, wo wir in bessern Tagen,

Oft froher wandelten, oft an der Quelle lagen;

Ich hörte, und verfolgte den Ton der Nachtigall,

Ich nahte mich dem Hügel; und an dem Wasserfall – –

Es mögen Ahndungen den Schritt Verliebter führen,

Es mochte Zufall seyn, fand ich, am Strand, Themiren – –[18]

Doch eher könnt ich glauben, daß mich mit Vorbedacht

Ein Amor, der mich haßte, in diesen Hain gebracht!

Freund, wenn der junge Lenz, vor dem der Sturmwind schweiget,

Und Nebel sich verziehn, vom Himmel niedersteiget:

So breitet sich die Freude in heitre Thäler aus;

Die Erde ist verwandelt, ein Himmel wird daraus;

Entzückung strömt herab, wie Bäche nieder rinnen,

Man schöpft sie durch Verstand, und trinkt sie mit den Sinnen!

Doch Freund, Themirens Anblick entzückte zehnmahl mehr:

Sie saß, wie eine Göttinn, der Himmel um sie her.

Ein Veilchen blühte da, wohin ihr Haupt sich bückte,

Das auf die Hand gelehnt die Bank von Rasen drückte;

Indem die Rosenbüsche, um sich der Fluth zu nahn,

Vom Strand hinunter hängend, mit Mistraun sich besahn.

Der West flog um sie her, den Aether zu erfrischen,

Und fachte ihr den Duft von schwankenden Gebüschen.

Doch Freund, wie soll ich sagen, was ich empfand und litt,

Wie mich die Liebe fortriß, und Ehrfurcht widerstritt!

Ich kämpfte mit mir selbst; und kann mich nicht entschließen,

Voll Furcht klopft mir das Herz, und will doch überfließen.

Ich wurde stets verwirrter, und oft mir unbewußt

Entwischen tiefe Seufzer aus meiner vollen Brust:

Ich trete furchtsam hin, will reden, und verblöde,

Und stammle wieder fort, und weis nicht, was ich rede.[19]

Sie lächelt, und ich drücke, bey schwachem Widerstand,

Beherzt die heißen Lippen auf die geliebte Hand,

Und hang an ihrem Blick, und ringe im Entzücken

Mit Worten, meine Lieb ihr würdig auszudrücken.

Themire, sprach ich, bebend, wofern die Göttinn dich

Dem Zärtlichsten gebildet, so fleh ich, liebe mich!

O! daß der Liebe doch, wovon wir überfließen,

Die Göttersprache fehlt, ihr Herz ganz auszugießen!

Mit einem tiefen Seufzer stieg meine Brust empor,

In dem sich, wie erschöpfet, mein letztes Wort verlor.

Holdselig sah sie mich an ihrer Hand noch hangen,

Und ein entzückend Roth durchströmete die Wangen.

Was fehlte meinem Glücke? Freund, was sie mir verschwieg,

Verrieth mir diese Farbe, die in ihr Antlitz stieg.


Quelle:
Johann Jakob Dusch: Der Tempel der Liebe, Hamburg und Leipzig 1757, S. 10-20.
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