CXXXI. Brief

An Fanny

[154] Die Dame, mit welcher ich hieher reiste, ist eine unausstehliche Prozeß-Krämerin. Sie hat mir den ganzen Weg über nichts als von ihren Streitigkeiten vorgeplaudert. – Ich mußte alle nur mögliche Geduld zusammennehmen, um nicht aus dem Wagen zu springen; so sehr hat sie mir die Ohren voll geschrieen. – Was das Weib noch überdies ihre armen Dienstleute grillenhaft quälte, wie die guten Geschöpfe immerfort von ihr geschimpft und gehudelt wurden, ist wahrlich unverantwortlich. –

Nichts ist unerträglicher, als an der Seite einer gewissen Art adelicher Damen zu sizzen, die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod zu plagen im Gebrauch[154] haben. Was man da für ein Schreien, für ein Gezänke, für ein Gewinsel anzuhören hat, wenn dem Schooshündchen oder der gnädigen Grillenfängerin etwas zustößt, und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind! O der belachenswürdigen Verzärtlung dieser Thörinnen, die so gerne mit der lieben Natur hadern möchten, daß sie ihre bequemen Körper nicht nach einem andern Modell gebaut hat, damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den Bürgerinnen gemein hätten. – Gränzenlos ist doch der weibliche Hochmuth! – Der Himmel schenke unsern deutschen Damen bald mehrere Philosophie, damit sie aufhören mit den Geburten ihrer undenkenden Köpfen ihre bedaurungswürdigen Untergebenen zu plagen. –

Als wir in F... ankamen, empfahl sich die Dame; ich gieng in einen Gasthof, und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor, der mir sehr einsilbigt begegnete. – So warm ich ihm auch immer empfohlen war, so kalt und herzlos empfieng er mich doch. – Man hatte mir vieles von seinen Talenten, von seinen guten Umständen gesprochen, aber niemand hatte ein Silbchen von seiner Unleutseligkeit erwähnt. – Der kostbare Ton, womit er mir während meines Besuchs nur abgebrochne Reden zufließen lies, stieg mir gewaltig in Kopf, ich hatte große Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu geisseln, als wir plözlich unterbrochen wurden, und ich die Zimmerthüre suchen mußte, und zwar ohne ein Wort von einem Debut gesprochen zu haben. Der kleine spiznasigte Mann gab sich die außerordentliche Mühe, mich bis an die Treppe zu begleiten; aber überrascht von dieser direktorischen Gnade, verneigte ich mich auch bis zur Erde. – Ich werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen, denn ein gewisser Direktor M..... aus A... hat meinen hiesigen Aufenthalt erfahren und mir gute Anerbietungen gemacht. – Ich bin der ferneren Unthätigkeit müde,[155] deshalben habe ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt, weil A.... nur ein Paar Meilen von hier liegt, und mich Herr M.... in seinem Kabriolet selbst abholen wird. – Alle Stunden erwarte ich ihn. – Ich bin doch neugierig, was es bei dieser Gesellschaft wieder für allerlei Dinge absezzen wird. –

Der Direktor ist zugleich Autor, und seine Gesellschaft soll keine der schlechtesten seyn. – Diesen Brief schließe ich erst nach seiner Ankunft, um Dir, nachdem ich ihn werde gesprochen haben, in etwas seinen Karakter schildern zu können. –

Gestern ist M... gekommen; aber der Bursche hätte mir vom Halse bleiben können! – Wäre mein Koffer nicht schon in seinen Händen, und befürchtete ich nicht Verdrüßlichkeiten, die für mich daraus entstehen könnten, wenn ich den Kontrakt bräche, den ich bereits unterschrieben habe, so wahr Gott lebt, ich würde nimmermehr unter seine Gesellschaft tretten, so unverschämt hat mich der Bube beim ersten Besuche schon beleidigt. – Urtheile von seinem Karakter aus folgendem Gespräche. – –

M..

Sind Sie, Madame, die Schauspielerin, die mit mir den Kontrakt schloß? –


Ich

Ja, mein Herr, ich bin's. – Und Sie sind vermuthlich Herr M....? –


M..

Ja, meine schöne Göttin! – Und zur Bestätigung hier diesen Kuß... Sie gehören izt ohnehin unter mein Kommando. –


Ich

Sachte, mein Herr! – Mit wem glauben Sie zu sprechen? –
[156]

M..

Hm! – Mit einem Theater-Frauenzimmer, wovon keine unerbittlich ist. –


Ich

Und warum nicht? –


M..

Weil diese Frauenzimmer an Galanterieen gewöhnt sind, und meistens vom Direktor zuerst welche annehmen. – Man weis ja, wie's bei den Theatern zugeht. Sie werden doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen? –


Ich

Ja, mein Herr, das will ich! – Und wenn Sie tausendmal schöner gebildet wären, als Sie wirklich sind. – Ihre Kühnheit hat meinen ganzen Stolz empört! – Sie müßen ihren Reden nach immer saubere Waare unter ihrer Gesellschaft gehabt haben, die ihrer Zügellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl stunde. – Schämen Sie sich, ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln! –


M..

Ah! – pah – pah! – Erziehung! – Wir sind alle Menschen, und die meisten Weiber affektiren sie gar zu gerne, blos um desto besser geschmeichelt zu werden! –


Ich

Herr M...., Sie werden immer beleidigender! – Sie sind der größte Wollüstling, der mir je aufsties. Ihre Grundsäzze sind die Sprache des lasterhaften Wizlings. – Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin, darüber bin ich Ihnen keine Antwort schuldig; eben so wenig, als ich izt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe. –


M..

Holla! – Mein liebes Täubchen! – Gewis irgendwo in Jemanden verliebt? – Pfui! – Sie müßen Ihren Ton beim Theater herabstimmen, er macht sie gar zu lächerlich. –
[157]

Ich

Das kümmert mich wenig! – Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch immer ein schändliches Geschöpf! – Doch genug hievon! – Wenn Sie blos gekommen sind dem Laster eine Moral zu predigen – so belieben Sie mein Zimmer zu verlassen. –


M..

Nicht so böse, mein schönes Weibchen! – Nicht so böse! – Darf man Sie denn nicht lieben? –


Ich

Herr! – Sie haben eine Gattin; Sie haben Kinder; und doch...


M..

Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen, so jung auch mein Weib ist. – Kommen Sie, liebes Weibchen! Kommen Sie; einen Kuß – –


Ich

Den Augenblik mir Ruhe gelassen! – Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen! – Und von dieser Minute an sey aller Kontrakt aufgehoben; ich reise nicht mit. – Schikken Sie mir meinen Koffer zurük! –


M..

Ha, ha, ha! – Das werde ich wohl schön bleiben lassen! – Der Kontrakt ist izt einmal unterschrieben. – Und was können Sie denn wider mich für Klagen anbringen, wenn es zum Streit kömmt? – Haben Sie denn Zeugen? – Sie werden also wohl die Gefälligkeit haben mitzureisen. –


Ich

Eher mit dem Satan, als mit dir, tükkischer Bube! – Zum lezten Mal! verlassen Sie mein Zimmer! –


M..

Nicht eher, als bis ich weis, ob Sie mir Wort halten werden; sonst muß ich mich bei der Obrigkeit melden. – Nun wollen Sie reisen, oder nicht? – –


Ich

[158] Ich will nicht – aber ich muß! – Doch gewis nicht an Ihrer Seite, erst morgen im Postwagen.


M..

Wie's beliebt, Madame! – Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugend – nicht doch – ihren Eigensinn zu preisen! – Leben Sie indessen wohl, mein kostbares Weibchen! –


Gott! – Was muß ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden! – Verführung, Spott, Grobheiten sind ihr Loos! Jeder lasterhafte Bube reibt sich an ihr! – Jezt wird dieser Elende mein Feind werden. – Ich werde unter seiner Direktion glükliche Tage zu erwarten haben! – O unerbittliches Schiksal! wie lange, wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen. – –


Amalie.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 154-159.
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