XXXVI. Brief

[68] Mein Beßter!

Werde nicht stolz, junger Herr, wenn ein unbesonnenes schamloses schlecht erzogenes Gänschen so beherzt um Deinen Besiz buhlt! – Bald wird es um Dich eine blutige Fehde absezzen, wenn ihr mein Brief den Muth nicht abgekühlt hat, mir fernere Grobheiten zu schreiben. – Lies Beilage nebst der Antwort und lache! – – –


Madame!1

Ich kann nicht unterlaßen Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen über die Verführung meines Bräutigams herzlich feind bin! – Sie wenden alles an, meinen Friz immer mehr und mehr an Sie zu lokken, und das ist für ein honnettes Frauenzimmer (wie Sie seyn wollen) gar nicht räsonnabel. – Dann der junge Mann wird mir, und nicht Ihnen zu Theil werden, seine Eltern haben es den meinigen heilig versprochen. – Nebst allem dem bin ich reich und schön, das sind gewiß Qualitäten, die Sie nicht besizzen, – und von ihrer bloßen Vernunft werden Sie gewiß schmale Bischen zu eßen bekommen, besonders wenn Sie fortfahren, aus den vermaledeiten gelben[68] Blättern zu studieren, dann werden Sie ohnehin kein Glük noch Segen erhalten. – Auch sagte man mir, Sie wären um einige Jahre älter, als Frize, und hätten viele Blatter-Narben im Gesichte, sehen Sie also, daß Sie mir lange nicht an die Seite stehen dürfen. – Ich weiß recht gut, was recht und billig ist, und ich sage Ihnen, Sie werden am Ende bei der Historie doch den Kürzern ziehen. –

Folglich wollte ich Ihnen meine stolze Madame wohl rathen, den jungen Menschen nicht ferner zu verführen, oder Sie sollen sehen, wie weit es unsere adeliche Familie treiben kann! – Sie müßen jezt Friz als meinen versprochnen Bräutigam betrachten, und Ihnen keine fernere Hofnung machen, das sagt Ihnen ....

Eleonora von .....


Antwort.


Mademoiselle! – –

So mannsüchtig, unbesonnen, pöbelhaft Ihr Brief auch immer ist, so will ich mir doch die Mühe nehmen, ihn zu beantworten, und noch dazu Saz für Saz. –

1.) Wie kann ich Ihnen einen Bräutigam verführen, wenn Sie noch keinen besizzen? – – Ist Ihnen aber mit einem Wesen gedient, das weder Herz noch Neigung für Sie fühlt, je nun, dann rathe ich Ihnen sich statt Ihren Bräutigam eine leblose Statue zu kaufen, denn Friz hat gar nicht Lust sich auf solche Art verhandeln zu laßen. – – –

2.) Muß ich Ihnen schwören, daß es mich nicht die geringste Mühe kostete, Friz an mich zu lokken, er kömmt von selbst gerne, weil er mich liebt. – Einen Liebhaber, der mich freiwillig besucht, empfangen, ist gewiß ehrbarer, als ihm nachlaufen, oder sich ihm durch Briefe aufdringen.[69]

3.) Ob der junge Mann Ihnen oder mir zu Theil wird, ist gar keine Frage mehr, denn jedes Geschöpf wird frei geboren, und darf sich eine Gattinn nach eignem Willen wählen, Eltern haben hierinnen nichts zu befehlen. –

4.) Daß Sie reich und schön sind, ist ein Ungefehr, und in den Augen eines Denkers eine pralende Bettelei, die nur zu leicht die Glükseligkeit einer Ehe stören kann. Der sich selbst fühlende Mann heirathet lieber ein edeldenkendes Mädchen, als eine vergoldete Schönheit, die ihm in der Ehe durch ewigen Vorwurf seine Tage trüben könnte.

5.) Wenn ich Vernunft besizze, so soll Sie für mich ein ewiges Kapital bleiben, das mich mit Beihülfe eines Gatten für Mangel schüzzen wird. – Ob ich denn an seinem liebevollen Busen bürgerlich oder adelich leben werde, können nur Dummköpfe ahnden, die an Ueberfluß gewöhnt sind. –

6.) Mademoiselle müßen sehr wenig gelesen haben, daß Sie das Wort Belles-Lettres nicht auszusprechen wißen. Ich empfehle Ihnen einige gutgewählte Bücher von dieser Gattung, damit Sie aufhören, aus Vorurtheil Ihre Nebenmenschen zu verdammen.

7.) Daß ich um einige Jahre älter bin, als Friz, und Blatter-Narben im Gesicht trage, ist ganz wahr. – Aber dem ohngeachtet kann ich Sie versichern, daß ich diese Kleinigkeit noch nie an meines Frizzens Küßen bemerkte, sie waren immer so feurig, so begeistert, als sie es je an der Seite eines ganz schönen Mädchens seyn könnten.

8.) Sie müßen doch nicht wißen, was recht und billig ist, sonst würden Sie selbst sehen, daß gerade diejenigen Mädchen den Kürzern ziehen, die sich selbst beim andern Geschlecht wegwerfen und blos geben. – – Pfui! – Bei so etwas laufen ja die Manns-Leute schon von weitem! –

9.) Bleibt der junge Mensch immer und ewig das Eigenthum der stolzen Madame, und wenn sich ihre adeliche[70] Familie auf den Kopf stellte! – Folglich kam ihr Rath bei mir zu spät. – –

10.) Ist Friz eben so wenig Ihr versprochner Bräutigam, als Sie je durch ihre Denkungsart einen andern erhalten werden, wenigstens keinen, der denkt. Frazzen von Ihrer Gattung muß man bedauren, das sagt Ihnen....

Nina von ....

ja, ja, auch – von,

wenn dies Wörtchen so

viel zur Sache thut. –


Soll mich doch wundern, was das schnippische eitle Kreatürchen von meinem Brief sagt? – – Ei daß Dich! – So muß ich Dich denn völlig erkämpfen? – – –

Warte nur, aufgeblasner Junge, vielleicht kömmt auch noch die kämpfende Reihe an Dich. –

Das Mädchen würde doch nicht uneben für Deinen Brausekopf taugen, wenigstens liefe er nicht Gefahr unthätig zu werden. – Ihr Hochmuth und ihre Eitelkeit würde ihm schon zu schaffen geben. – Hu! – Hu! – Da gäbe es ein abscheuliches Leben unter euch zweien! – – Immer spötteln, und nichts als spötteln, wirst Du denken. – Ja warum bekam ich auch so vielen Anlaß zum spotten. – Es würde mir eine flegmatische Sünde scheinen, Dir nicht auch ein bischen Eifersucht merken zu laßen. Eifersucht? – Ha! – ha, ha, hi, hi, zu so etwas gehört ein anderer Gegenstand, als so ein dummes rohes Gänschen. – Nimm hin diesen Kuß von

Deiner

gutlaunigten Nina.[71]

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 68-72.
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