LXXX. Brief

[165] F... den 19ten November.


Mein Gatte, mein Herzens-Gatte! – Was habe ich seit Vorgestern, als ich keine Briefe erhielt, nicht alles gelitten! – Schröklich waren die Tage, aber noch schröklicher die Nähte! – Wenn ich morgen wieder keine Briefe erhalte, so mögen sie mich an Ketten legen! – Röschen geht jezt zitternd auf die Post, sie sagt, sie hätte nicht den Muth mir eine widrige Nachricht zu bringen. – Sie weint an meinem Bette halbe Nächte durch und bietet alle ihre Kräften auf, um mich aufzuheitern.

Friz, wenn Du noch lebst ... Gott was wäre das! – Wenn Du noch lebst, so vergelte es doch diesem Mädchen, sie ist die Einzige, die Dir Dein Weib erhält, die Einzige, die mit sorgfältiger Schlauheit mir überall nachschleicht, und von gewaltthätigen Unternehmungen zurükhält. – Meine Denkkraft, meine Ruhe, meine Vernunft ist hin, ist weg um einer Leidenschaft willen, die ich nie zu einer solchen Heftigkeit hätte steigen laßen sollen! – Aber Friz, warum warst Du auch so ein sträflicher Schwärmer, der mich bis zur äußersten Liebe hinriß? – Du hättest sie zum Voraus überdenken sollen die tirannische Lage, die Dein Weib von Dir entfernen wird! – Zuviel foderst Du von meiner Stärke, Du bist zu grausam, zu leichtsinnig, Du überdenkst den verzweiflungsvollen Zustand Deines Weibes zu wenig! – Fühle, was ich dulde! – Fremd, verlaßen, von Dir entfernt, mit einer zu Boden getrettenen Seele, mit einem Kopf voll Sorgen, mit einem kummervollen Herzen muß Deine Gattinn ausharren. – Meine ganze Seligkeit ruht blos auf Dir, und wenn sie[165] nun für mich auf einmal zusammen stürzte, wenn Du stürbest, oder Dich Deine Leute wieder einsperrten, oder was weis ich alles ... – Ha! – Dann wäre es ja lustig! – Nicht wahr Friz? – Lustig für einen heftigen Kopf wie der meinige ist! – Solche Höllen-Furien von Gedanken zerfleischen mein krankes Gemüth und entfernen sich gewis nicht eher, als bis ich in Deinen Armen ruhe! – Ich Thörinn, warum verlies ich B...? – Ich hätte doch stündlich zu Dir hinlaufen können, und Dich nähren aus dem Becher der Liebe. – Und jezt kann ich weiter nichts als einige kalte, jammernde Briefe schreiben, die meine Verfaßung doch nur obenhin zeichnen. – Arm bin ich jezt in dieser verdammten Entfernung! – Vielleicht durch Krankheit bald außer Stande zu Dir zurük zu kehren. – Friz, Deine Nina ist wild und hart geworden durch's Unglük, das Deine Liebe ihr zubereitete! – Sie ist nicht mehr sanft und duldend, ihr Zustand gränzt an Unsinn!!! – Sie ist eine Gottlose, Undankbare gegen Dich, der Gram hat ihr allen Trost aus dem Herzen verbannt, das ein liebevoller Gatte mit Engelssorgfalt zu beruhigen suchte! – Aber es ist umsonst, gieb Dir keine fernere Mühe mehr, entweder in drei Wochen bei mir, hörst Du! Für immer bei mir, oder Tod und Verderben!!! – Was soll ich mich da langsam abzehren laßen, tausendmal sterben und doch noch leben! – Warum soll ich warten, bis Furcht, Angst und Schrekken mir den langsamen Todesstoß bringen? – Mein Feuer ist zu heftig, meine Liebe zu ungedultig um dem Schiksal noch länger als drei Wochen nachzugeben. – Entweder kömmst Du bis auf diese Zeit – aber keine Einwendung mehr! – Du kömmst, oder ich werde mir schon selbst helfen. – Du sollst erleben, daß ich Entschluß habe! –[166]

Wenn Dich diese Drohung kränkt, dann bleibe, Allzufurchtsamer, bleibe und überlaß mich meinem Geschikke! – Ich sehe es ein, daß wir mit Wenigem leben können. Hast Du nicht Kopf, hast Du nicht Talente? – Meine jezzigen Hausleute (ich logiere bei der L...) sind wirklich mehr arm als reich, und doch glüklich. – Du unmenschlicher Grübler, der mich aus Zagheit lieber todt als lebendig aufsuchen will, wenn es einmal zu spät seyn wird. – Zum leztenmale bitte ich Dich, laß es nicht zu lange anstehen. Frisch auf, Friz, raffe zusammen was Dein gehört und komme. – – Oder Deine Liebe ist der Fluch, den mir Gott zur Verdammniß aufgelegt hat!!! – Könnte ich außer Dir noch ein Geschöpf leiden, so wäre meine Sehnsucht nicht so heiß, ich würde mit dem gewöhnlichen weiblichen Leichtsinn auf neue Eroberungen antragen. – Aber da sizze ich eingekerkert, verborgen, von allen Augen entfernt, mitten in einer großen Stadt einsam auf meinem Zimmer und leide mehr, als eine andere um ein Königreich zu leiden das Herz hätte. –

Entfernt von den Menschen, ungekannt von Freunden, ohne die mindeste Bekanntschaft, unter einem fremden Namen dulde ich alles einem Manne zu Lieb, den ich anbete! – Ha! – Du müßtest ein heilloser Bube seyn, wenn Du mir auf diesen Brief nicht so gleich den Tag Deiner Ankunft meldetest! – Ich bin des Elendes satt, das mir die Abwesenheit zubereitet, entweder fühlst Du meinen Zustand und hälst ihn nicht für blosen augenbliklichen Affekt, oder Du bringst mich mit eigner Hand um!!! –

Schreibe mir Trost zu so viel Du willst, er hilft nichts mehr. – Sag, furchtsamer, kalter Vernünftler, was soll ich thun? – Hätte ich wohl je gedacht, Dich so treiben zu müßen! – Hätte ich wohl je gedacht, daß ich[167] Dich, Prahler, an Thätigkeit überträfe? – Bald muß ich es teuflisches Flegma, oder sträflichen Leichtsinn nennen, wenn Du noch länger zögerst. – Darüber keine Einwendung, oder die Mutter Deines Kindes flucht Dir!!! – Nun, Herr Menschenkenner, untersuche jezt den Zustand meines Gemüths und zittere, oder komm für immer!!! –


Nach Tisch.


So eben sind wir vom Tisch aufgestanden, die Leute bedienten mich artig, aber mir schmekte kein Essen. Das Gift lag in meinen Sinnen und erstikte mich beinahe! – Wie sich doch die zwei jungen Eheleute gerade heute vor meinen Augen so schön thun mußten, um mich vollends zu verrükken und mir die verlebten Stunden mit Dir zurükzurufen, um mich an mein jezziges Elend zu erinnern, um mich noch wahnsinniger zu machen! – Gott, wenn es diese Leute gewußt hätten, wie sie dadurch an meinem Herzen nagten, daß ich so allein sizzen mußte, wenn alles sich freute und der Liebe genoß! – Die Freuden der Liebe werden wohl nicht bald wieder für mich zurükkehren. – Ich werde wohl eher die Braut des Todes werden, als mit Gattenliebe in Deinen Armen wieder einmal himmlische Wonne genießen. – Nicht wahr, Friz, himmlische Wonne? – Gott! Wenn ich so wie glühendes Feuer an Deiner Seite saß, mich fest an Dich andrükte, mit einer Kraft, die die liebe Mutter-Natur blos dem Weib gab, um den rohern Mann einzuwiegen in tausendfältige Wollust; und wie Du dann auch wollüstig zu schwärmen lehrtest, wie Du fluchtest über die abscheulichen sinnlichen Kreaturen die die Männer blos viehisch zu reizen wißen. – Wie langsam, wie mechanisch, wie roh, wie sinnlos Dir die Augenblikke bei andern Bekanntschaften vorbeistrichen, und wie wir beide hingegen alle erdenkliche Wollust in Wiz[168] und Gutherzigkeit einzukleiden wußten. Wie jede Tändelei Deine Seele zur Dankbarkeit leitete und wir dann alles so harmonisch zusammen fühlten, daß wir glaubten eine Welt vergienge uns! – Wie jeder Deiner Küße mich durch und durch entzükte, wie Deine feurige Einbildungskraft die Wollust zu verlängern wußte! – Nein, ich darf sie nicht mehr zurükrufen diese Augenblikke der seltensten Liebe, oder ich höre auf zu seyn! ... – Mit Gewalt will ich davon abbrechen, oder ich verliere heute noch meinen Verstand ...


Abends.


Mein Blut hat sich in etwas gelegt, aber Wehmuth und zitternde Erwartung der morgenden Post ist an die Stelle der brausenden Wildheit getretten. – Man klopft an die Treppenthüre. Großer Gott! – Was soll das? – Ein Offizier! – – Jesus, was will der? – – – – Die L... führt ihn in's Vorzimmer .... Röschen spricht mit ihm .... Gott, was mag es seyn? – – Horch! ... O dem Himmel sey Dank, es ist nichts, als eine verdammte Kühnheit, womit er sich in's Haus drang; er bediente sich einer Lüge zur Ausrede, aber wurde von Röschen und der Hauswirthinn tüchtig abgefertigt. – Wärst Du bei mir, so etwas geschähe mir nie wie der. – Gute Nacht Friz! –


In der Frühe.


Ich habe die ganze Nacht vor ängstlichen Träumen wieder nicht schlafen können. – Röschen ist auf die Post; barmherziger Gott, wenn sie keinen Brief brächte! – O mein armes Herz, es zerspringt fast! – Bei Gott, ich unterliege, wenn diese Ungewißheit nicht bald ihr Ende erreicht! – Mein Kopf schwindelt völlig ...[169]

Nun Gott sey ewiger Dank! – Röschen brachte mir Deinen zweiten Brief seit Deiner Abreise von R... Aber um aller Welt willen warum schreibst Du denn nicht alle Posttage? – Weist Du denn nicht, daß die Post viermal wochentlich abgeht? – Störe nicht ferner durch Nachläßigkeit meine Seelenruhe! – –

Nina.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 165-170.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gustav Adolfs Page

Gustav Adolfs Page

Im Dreißigjährigen Krieg bejubeln die deutschen Protestanten den Schwedenkönig Gustav Adolf. Leubelfing schwärmt geradezu für ihn und schafft es endlich, als Page in seine persönlichen Dienste zu treten. Was niemand ahnt: sie ist ein Mädchen.

42 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon