Erste Szene

[763] Schloßhof in Marienburg, links eine Mauer, über die man ins Land hinaussehen kann, im Hintergrunde buntbewegte Geschäftigkeit von Rittern und Soldaten. Hanns von Baysen, eine Büchse in der Hand, und ein Soldat kommen.


SOLDAT. Nun Gotts Wunder! laßt Euch noch einmal betrachten wahrhaftig der Herr Junker Hanns von Baysen mit Haut und Haar! wie kamt Ihr her?

BAYSEN. Hab lange genug gehockt zu Haus. Als heut der Plauen die Schar vorüberführte ich stand grade auf der Zinne und hört's von ferne trampeln und rasseln durch die[763] Nacht und als die Sonne aufging und die Helme blitzten und die Reiter sangen, da ging ich leis die Wendeltrepp hinab, über den stillen Hof weg, mein Rößlein sachte, sachte aus dem Stall und frisch dem Zuge nach! Aber wahrhaftig, ich hätte dich auch bald nicht wiedererkannt, du hast dich sehr verändert.

SOLDAT. Ja, so ein Kriegsjahr kostet ein gut Stück Speck. Sonst, wenn ich mich abends unter der großen Linde vor Eurem Schloße auf die Bank niedersetzte, da zitterte mir der ganze Leib vor Zufriedenheit wie Sülze.

BAYSEN. Du bist noch immer der alte lustige Gesell. Da sieh einmal! ein schmuck Gewehr, so blank; es spiegelt sich der Himmel drin wie lauter helles Glück. Er legt über die Mauer an, läßt aber schnell die Arme wieder sinken. Herr Gott, was gibt's da unten! Als hätt es Lumpen geschneit: der ganze Platz voll Kasten, Kleider und Gerümpel, und Männer, Kinder und Weiber zwischendurch, das schlingt und schiebt sich durcheinander, alles drängt hier nach dem Schloßtor. Was bedeutet das?

SOLDAT. Gewitter es fliegt der Sturm voraus und wirbelt den Staub auf. Die Marienburger sind es, die vor dem Hagelwetter, das von Stuhm aufsteigt, aus der Stadt zum Schlosse flüchten.

BAYSEN. Wahrhaftig, wie zerrissenes Gewölk vor dem Sturm daher! Ein jeder trägt sein Liebstes da sieh das Weib, wie ein Apfelbaum, aus jeder Falte ihres Mantels guckt ein Kinderköpfchen, und dort der flinke Bursch sein Mädchen hoch im Arm schau nur, sie sieht uns hier und blickt schnell weg, als hätte die Morgensonne sie geblendet; ich wette, sie blinzelt doch wieder herauf. Aber was soll uns das alles hier?

SOLDAT. Der Plauen hat ihnen die Keller aufgetan, da sollen die Ratten hausen, bis wir die heidnischen Tigerkatzen draußen wieder verjagt haben.

BAYSEN. Wie bei der Sündflut in der Arche Noahs.

SOLDAT. Die Arche wird etwas tief gehn von dem Ballast.

BAYSEN. Laß es gut sein, der Plauen ist der rechte Schiffer, der steuert uns alle heraus durch Sturm und Flut! Nach dem Hintergrunde gewendet. Was gibt's denn da für Lärm?


Ein Haufen Söldner, Czervany und Langschenkel an der Spitze, verfolgen den Johann von Schönfeld.


SCHÖNFELD. Seid ihr toll! Was habt ihr euch grade auf mich[764] versessen? He? bin ich denn der Bettelvogt? So brüllt doch nicht, zum Teufel, und sagt wie vernünftige Bestien, was ihr wollt!

MEHRERE SÖLDNER. Sold!

SCHÖNFELD. Gold?

SÖLDNER. Ihr sollt't!

SCHÖNFELD auffahrend. Bah! Indem er sein Schwert zieht. Ich hoff ich bin hier noch der Gröbste unter euch!

HEINRICH VON PLAUEN auftretend.

Still!


Der Haufe teilt sich schweigend und bildet einen Halbkreis.


Nun was gibt's? Laßt sehn: wer spricht zuerst?

CZERVANY leise zu Langschenkel.

Jetzt reiß dein Maul auf.

LANGSCHENKEL ebenso.

Ruhig! ich zerdrück dich,

Wie 'n Pfeifenstiel sonst zwischen meinen Fingern!

CZERVANY vortretend.

Herr Ihr erlaubt der arme blinde Troß

Ich kenn das Volk, glaubt einem grauen Krieger

So lumpig 's ist, so furchtbar wenn sie hungern.

Ich kann 's nicht bill'gen doch die Armut drückt

Sie bitten, daß Ihr ihren Sold erhöht.

HEINRICH VON PLAUEN lachend.

Nun, dacht ich Wunder doch!


Zu den Söldnern gewendet.


Seid ihr Soldaten,

So holt's euch selbst! Bald strotzen rings die Felder

Von poln'schen Zelten, reichgewirkten Tepp'chen

Mit goldnen Franzen dran und Reiherbüschen.

Jagjels Schabracke, ja ein Zipfel dran

Gilt mehr, als meine ganze Rüstung. Holt's euch,

Ihr habt den ersten Griff.

CZERVANY.

Wie gnäd'ger Herr,

Ihr meinet, daß die Beute Gott gesegnes!

Nicht, wie es sonst Gebrauch, geteilt soll werden?

LANGSCHENKEL.

Daß wir bei Plündrung, nächt'gen Überfällen

So Vorhand haben dürfen?

HEINRICH VON PLAUEN.

Ja, so mein ich's.

Nun geht ihr's ein?


Zu den Söldnern.


DIE SÖLDNER.

Heil, Plauen, Heil! Hussa!


Sie zerstreuen sich.


HEINRICH VON PLAUEN auf Czervany deutend.

Den greift und werft ihn in den Turm.[765]

CZERVANY.

Wie mich

Unschuld'gen Mann?


Indem er abgeführt wird.


Das will ich dir gedenken!

LANGSCHENKEL für sich.

Oho, nur zu! Dem tut Ihr nichts, das ist

Ein alter Walnußbaum, je mehr man ihn

Mit Knüppeln schmeißt, je üppiger gedeiht er!


Ab.


HEINRICH VON PLAUEN zu Schönfeld.

Nun hast du dich erholt? Sieh, wie das wimmelt.

Mir ist, als wär ich heimgekehrt von ferne

Auf meiner Väter Schloß und schmückt' mir's aus

Zu einem großen Fest.

GRAF GÜNTHER VON SCHWARZBURG tritt auf.

Was bringst du uns?

GRAF SCHWARZBURG.

Schloß Stuhm, das letzte Bollwerk, ist gebrochen

Und unaufhaltsam rauscht die Flut heran.

HEINRICH VON PLAUEN Schwarzburg rasch beiseite ziehend, heimlich.

Ist alles fertig, wie ich dir befohlen?

SCHWARZBURG ebenso.

Ein Wink, und Stadt Marienburg steht in Flammen.

HEINRICH VON PLAUEN sich zu den Rittern wendend.

Nun frisch zum Tanze! Stimmt die Instrumente,

Wir wollen ihnen weite Sprünge lehren!

Gebt acht, wer seine Note fehlt, den lachen

Die Frauen aus; manch Lockenköpfchen duckt

Wie Ringelblumen aus dem Erdgeschoß.

Schafft ihnen Speis und Trank hinab, das Volk

Soll schmausen an der Herren Ehrentag!

SCHÖNFELD.

Nun, wenn's nur schmeckt nichts, als gekochtes Korn.

HEINRICH VON PLAUEN.

Das macht die Zähne blank, wir können's brauchen,

Uns durchzubeißen hier.

DER BURGEMEISTER VON MARIENBURG verstört und eilig eintretend.

Wo ist der Feldherr?

HEINRICH VON PLAUEN.

Was willst du, Burgemeister? Schaust so trüb.

BURGEMEISTER.

O Herr! Auf dein Gebot verließ das Volk

Die Stadt ich schied zuletzt, und hinter mir

War's da so leer und still auf allen Gassen,[766]

Daß man den Brunnen rauschen hört' vom Markt

Doch durch die Einsamkeit, bald da, bald dort

Sah ich geschäftig fremde Männer schreiten

Ein schreckliches Gerücht geht um o sprich,

Gestrenger Herr, was soll das?

HEINRICH VON PLAUEN.

Was es soll?

Was macht ihr da! dorthin bringt das Geschütz!


Er geht, anordnend, in den Hintergrund.


BAYSEN an der Mauer.

Da da, seht hin! Dort dunkelt's schon herauf!

Wie Schwalben vorm Gewitter, kreuzen pfeilschnell

Tartaren einzeln übers stille Feld

Hei, wie die nun aus Wald und Hecken brechen,

Hoch überm Kopf die blanken Lanzen schwingend!

Wie bunte Pfeile übern grünen Plan

Schwirrt's her und hin, daß mir die Augen flimmern

Ein Herold fliegt vorauf

HEINRICH VON PLAUEN plötzlich vortretend.

Jetzt zünd't die Stadt an!

BURGEMEISTER sich vor ihm auf die Knie werfend.

O meine Ahnung! Hab Erbarmen, Herr!

Zertrümmre nicht im raschen Augenblick,

Was viel Jahrhundert' liebend aufgerichtet!

HEINRICH VON PLAUEN ihn schnell aufhebend.

Knie du vor Gott, damit er euch erleuchte!

Wollt ihr, daß ich dem polnischen Adler draußen

Ein Nest bereite vor dem eignen Tor?

EIN RITTER eintretend.

Ein Herold von Jagello harrt am Tor.

HEINRICH VON PLAUEN.

Verbrennt die Stadt!


Mehrere Soldaten ab.


Du führ den Herold her.


Hermann Gans und Graf Kyburg drängen sich vor.


HERMANN GANS.

Bedenke, Plau'n! bedenke wohl in diesem

Hochwicht'gen Fall

GRAF KYBURG.

Die überspannte Senne

Verletzt den Schützen

HEINRICH VON PLAUEN.

Ruhig. Was ich soll,

Das les ich in der leisen Schrift erblaßter

Gesichter rings in dieser stillen Runde.

HEROLD tritt auf.

Wer ist der Erste unter euch hier?

HEINRICH VON PLAUEN.

Ich.[767]

HEROLD.

Jagello, Polens König spricht also

Durch meinen Mund zu dir: Der Sturm, den rasend

Der Übermut des Ordens hat beflügelt,

Vermessend sich, die Throne umzustürzen,

Er hat das hehre Meer der Majestät

Empöret, das, aus seinem Bett aufbäumend,

Das Land verschlingt und euch, und eure Burgen,

Und fliehender Völker Schrei verkündet wachsend

Dem bangen Rund der nahnden Wogen Donner.

So kommt der König um auf dieser Burg,

Den letzten Trümmern eures trotz'gen Hochmuts,

Gericht zu halten über alle Frevel.

Du aber sollst das Tor dem Herren öffnen!

HEINRICH VON PLAUEN.

Wortkühner Herold ist das alles?

HEROLD.

Alles.

HEINRICH VON PLAUEN.

So reit zurück und drück die Sporen ein,

Denn eh du noch des Königs Zelt erreicht,

Hab ich mit Flammen auf das Firmament

Die Antwort ihm geschrieben! Und befrägt er

Dich um die Deutung noch, so sag ihm das:

Wie Flut und Feuer woll ich mit ihm ringen,

Und keinen Richter kennt ich über mir,

Als den allmächt'gen Gott, der hier entscheide,

Denn lebend laß ich nimmer diese Burg!

Nun eil, eh über dir die Wolke bricht!


Der Herold ab. Im Hintergrunde sieht man die Flamme der brennenden Stadt aufsteigen. Allgemeines Stillschweigen.


HEINRICH VON PLAUEN ins Feuer schauend, zu Graf Schwarzburg.

Das ist ein schönes, kühnes Element,

Was schwer, vernichtet es und greift zum Himmel.


Zu den Umstehenden.


Nun denn mit Gott ein jeder an sein Werk!


Alle ab.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 763-768.
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