Zweite Szene

[768] Nacht. Freier Platz vor Romintas Zelt. Zur Seite Bäume. Wirsberg, in einen polnischen Mantel gehüllt, tritt auf.


WIRSBERG.

Das sind die Bäume Romintas Zelt!

Es wittert mich keiner hier durch die Runde

Der Wachen strich ich leise übers Feld.[768]

Horch aus den Dörfern bellen die Hunde,

Die Wolken fliegen am Himmel geschwind,

Die Fähnlein an den Zelten dreht der Wind,

Und rings schaut die dunkele Nacht herauf,

Als schlüge Rominta ihr Auge auf.

Rauscht nicht das Zelt da? sie tritt hervor


Er stellt sich hinter einen Baum.

Rominta und Jolante kommen aus dem Zelt.


ROMINTA.

Da blitzt's von fern es kühlt sich nur die Nacht,

Die Welt ruht aus, derweil der Himmel wacht.

JOLANTE.

Im Mondschein glänzen rings die Zelte hier,

Da ruht manch Ritter jetzt und träumt von dir.

ROMINTA.

Horch übers Lager rauscht verworrnen Schalles

Der Abend halb im Schlaf das ist so schön

Und stille hier, als wär der Krieg und alles

Vorbei, und ich stünd in der Heimat wieder.

Komm, setz dich zu mir auf den Rasen nieder,

Wir wollen plaudern in der Einsamkeit.

Flecht mir die Zöpfe und erzähl ein Märlein,

Wie sonst zu Hause in der schönen Zeit.


Sie setzt sich vor das Zelt.


JOLANTE.

Ein Märlein? Willst du das vom Wassermann?

Es war wüßt ich's nur gleich wie fängt's doch an?


Hinter Rominta kniend, während sie mit ihren Locken beschäftigt ist.


Es war einmal ein Fräulein schön und jung,

Dem war kein Mann zum Freier gut genung.

Und als die Störche zogen übers Haus,

Schaut' nach dem Bräut'gam sie vom Berg hinaus,

Und als der Frühling wiederkam,

Ihr Ringlein sie vom Finger nahm:

»Sie alle gefallen mir nimmermehr,

Der Schönste bring's als Bräut'gam wieder her!«

Sie warf das Ringlein in den Morgen bunt,

Das blitzte weit und ging im Strom zu Grund.

ROMINTA nach ihr sich wendend.

Du hättest dich so lange nicht bedacht.

JOLANTE.

Ach, Herrin! wie der Mondschein blaß dich macht!

Die losen Locken um die Wangen her

Recht wie das Zauberfräulein in der Mär!

ROMINTA.

Ja wenn ich zaubern könnt! Nun weiter nur.

JOLANTE.

Als nun die Nacht bedeckte Wald und Flur,[769]

Das Fräulein einsam in dem Garten stund,

Im dunkeln Gange spielt der Mondenschein,

Einsiedlers Glöcklein nur vom Waldesgrund

Noch hört' man dort, und fern des Wildes Schrein.

Und als der lichte Tag nun war entflohn

Da und das Käuzlein lacht

ROMINTA.

Du schläfst wohl schon?

JOLANTE sich ermunternd.

Das Käuzlein lacht Da rauscht' der Fluß herauf,

Als tauchten plötzlich Roß und Reiter auf,

Dann wieder alles still dem Fräulein graut,

Sie beugt sich vor und scharf ins Dunkel schaut:

»Was steht für 'n Stein dort in den Fluß hinein? «

Der Mond brach durchs Gewölk, sie sagt: »Kein Stein!

Da steht ein Ritter an der Felsenwand,

Mein Ringlein funkelt hell von seiner Hand «

ROMINTA plötzlich aufspringend.

Was rührt sich dort?

JOLANTE.

Ein Ritter

ROMINTA nach einer kurzen Pause.

Geh hinein,

Es wird ein Bote aus dem Lager sein.


Jolante geht zögernd in das Zelt, während Wirsberg hervortritt.


ROMINTA zu Wirsberg.

Was bringst du mir in dieser stillen Stund?

WIRSBERG.

Vom Lager komm ich, mach die nächt'ge Rund.

ROMINTA.

Ein polnischer Ritter bist du nicht

Warum verbirgst du dein Gesicht?

WIRSBERG.

Nicht Augen, nur die Arme still

Braucht wer im Finstern schaffen will.

ROMINTA.

Was drängst du dich so wild heran?

WIRSBERG.

Damit ich dich besser fassen kann!


Er umschlingt sie rasch, und schwingt sie auf seinen Arm.


Der Mond geht unter, es schnaubt das Roß,

Fort, Lieb, durchs Dunkel auf mein Schloß!

ROMINTA entwindet sich ihm plötzlich, einen Dolch ziehend, und bleibt erstaunt vor ihm stehen.

Du bist's dem ich begegnet nach der Schlacht.

WIRSBERG sie betrachtend.

Seltsam! so träumt' mir's stets tief in der Nacht

Umflattert von der Locken dunklen Pracht,[770]

Den Dolch so funkelnd über mir gezückt

Und in dem Grauen atmet ich beglückt.

ROMINTA.

Du wagst dich hoch hörst du der Wachen Ruf?

Ein Wink, und dich zermalmt der Rosse Huf!

WIRSBERG.

Die fürcht ich nicht. Die Stimme, dein' Gestalt,

Die Augen zauberhaft tun mir Gewalt.

Komm! Fern die Nachtigall aus Träumen schallt,

Im Mondlicht rauscht der alte Zauberwald!

ROMINTA.

Du redest irr hüt dich, es hat die Nacht

Ein leis Gehör, und schlauer Argwohn wacht.

Entflieh von hier, sonst faßt der Kriegsgott dich!

WIRSBERG.

O süßer Klang der Furcht Du fürchtst für mich!

ROMINTA stolz.

Ich? Kehr zurück in deine stille Klause!

Ihr habt ja einen Meister auf dem Hause,

Den hochgewalt'gen Plau'n er sperrt dich ein,

Kommst du so spät. Möcht nicht Geselle sein!

WIRSBERG.

Komtur bin ich, kann selber Meister werden!

ROMINTA.

Es gibt für einen stets nur Raum auf Erden.

WIRSBERG.

Wie meinst du das?

ROMINTA nachdem sie ein Weilchen in Gedanken dagestanden, plötzlich gegen Wirsberg gewandt.

Wohlan! Liebst du mich recht?

WIRSBERG.

O frag nicht noch!

ROMINTA.

Nur einen fürcht ich, haß ich

Man sagt, du seist beherzt, stolz

WIRSBERG.

Was verlangst du?

ROMINTA seine Hand fassend.

Sieh wenn du heimlich mit Gewalt ich wüßt

Ein Plätzchen wohl, mich traulich zu besuchen

Wenn Mondenlicht die stillen Hügel küßt.

Die Stern nur flimmern dort durch dunkle Buchen,

Der Springbrunn rauscht, die Wipfel flüstern sachte,

Glühwürmchen schweifen in den stillen Gängen

Die Lerche nur weiß drum, die früherwachte,

Verträumt in morgenroten Lüften hängend

WIRSBERG sie umschlingend.

So komm leis, schnell durchs Dunkel, schönes Weib!

ROMINTA.

Fort! Nicht berühren sollst du meinen Leib,

Nicht aus dem Panzer lös ich diese Glieder,

Solang er atmet, uns zu Schmach und Not!

Nicht eher, Wirsberg, sehen wir uns wieder,

Bis du mir Kunde bringst daß Plauen tot.[771]

WIRSBERG.

Was sagst du, Schreckliche!

ROMINTA.

Nun, reit zurück!

Ich hör Geräusch hier tötet jeder Blick.


Sie geht ins Zelt.


WIRSBERG.

Wie'n Wandrer, der ein grauenhaft Gesicht

Erblickte in des Blitzes rotem Licht,

Erschrocken in die Nacht zurück sich wendet,

So steh ich von der Hölle hier geblendet.

Horch Tritte rauschen auf den tau'gen Matten!

Sie nahen schon so berget mich, ihr Schatten.


Er tritt wischen die Bäume. Langschenkel und Czervany treten von verschiedenen Seiten vorsichtig auf.


CZERVANY. Pst sachte Pst!

LANGSCHENKEL. Bist du's, Czervany? Du zischst ja wie eine Fledermaus durch die Nachtluft. Wie bist du denn schon jetzt aus dem Verlies entkommen?

CZERVANY. Verstand der Wuttke gute Freunde. Hör Langschenkel wir sind doch unter uns? Dreihundert nein, wollt sagen: Zweihundert Rosenobel

LANGSCHENKEL. Sollen wir haben?

CZERVANY. Ja, einhundert Rosenobel wenn der Anschlag gelingt! Hab alles abgemacht mit den Polacken.

LANGSCHENKEL. Was! läßt du herunter, wie ein Jude? Du sagtest ja erst dreihundert.

CZERVANY. Ich? dreihundert? nein, guter Langschenkel, sagt ich so?

LANGSCHENKEL. Hör, guter Czervany, du willst uns da wieder betrügen ist's nicht so?

CZERVANY. Sei doch nur vernünftig! von wem kriegen wir das Geld?

LANGSCHENKEL. Nun, vom König Jagjel.

CZERVANY. Siehst du den Dummkopf, und will da judizieren! Der König gibt's dem Kronschatzmeister, der Kronschatzmeister dem Oberzahlmeister, der dem Unterzahlmeister, der dem Schreiber, der dem Kastellan, der dem Hauptmann, der mir, sind sieben Personen, jede Person hat zwei Hände, jede Hand fünf Finger, an jedem Finger bleiben zwei Rosenobel hängen, ich frage: wieviel bleibt da?

LANGSCHENKEL ihn beim Kragen fassend. Rechen's einmal aus, Czervany, aber rasch, sonst erwürg ich dich hier in der Stille ich frage wieviel bleibt?[772]

CZERVANY. Siebenzig Finger, doppelt genommen und von dreihundert subtrahiert zum Teufel! Du schnürst ja, daß mir keine Ziffer aus der Kehle kann bleiben hundertsechzig bleiben

LANGSCHENKEL. Möchtest du nicht die Güte haben und noch ein Dutzend von den verfluchten Fingern auf mein Wams abrechnen, das mir zu kurz ist, und noch ein Dutzend auf das Loch im Ärmel, das mir zu lang wird?

CZERVANY. Warum bist du so ein langer Kerl, man muß sich einschränken, wenn man's nicht dazu hat und so ein cholerischer, spitziger Kerl, der überall mit dem Ellbogen durchfährt! laß los! dreihundert laß los, sag ich vierhundert Rosenobel aber nun auch keinen Schilling mehr!

LANGSCHENKEL ihn loslassend. So, nun will ich auch durch die noch übrigen Finger sehn. Siehst du guter Czervany, es kommt nur drauf an, daß man's am rechten Fleck anfaßt.

CZERVANY. Du bist doch immer der alte Spaßvogel! immer Witz und kitzliche Einfalle bei der Hand. Aber jetzt tu mir den Gefallen, mach keine Händel weiter, und sag mir aufrichtig, wie's im Felde steht, sind die Polacken bereit?

LANGSCHENKEL. Sie ziehen soeben zwischen dem Gebüsch und den Gräben heimlich nach der Marienburg; die auserlesensten Kerls streichen dann einzeln leise, dicht an der Schloßmauer durchs Dunkel hin bis zu dem Pförtchen an der Nogat. Der Wuttke hat die Wache dort, Schlag Mitternacht dreht er die Tür sachte in den Angeln und läßt sie ein.

CZERVANY. Und ihn ihn?

LANGSCHENKEL. Den Plauen? Auf die Schloßzinne pflegt er jede Nacht hinauszutreten, wie der Burggeist, und spricht einsam im Winde mit sich selbst; sie sagen, er läs in den Sternen und im Zug der Wolken

CZERVANY. Gut, laß ihn lesen! Wenn der Janhagel drin ist, gehst du mit dem einen Haufen grade aufs Hochschloß los, ich führ unterdes die andern durch den stillen Gang, wo die Unsern stehen, auf die Zinne

LANGSCHENKEL. Ist der Plauen tot, so ist das Haus unser.

CZERVANY. Horch was war das?

LANGSCHENKEL. Eine Wetterfahne schreit, da hängt sich einer, sagt man. Du fröstelst ja!

CZERVANY. Der Tod läuft über mein Grab. Komm nur, solche Nacht ist mir just die liebste, wenn die Wolken so über-[773] einanderstürzen und die Dachluppen klappen und die Hunde heulen in den Dörfern.

LANGSCHENKEL. Geh voraus, du trittst so leise über den Rasen, wie ein Wolf der von der Kette losgekommen, die Augen funkeln dir ordentlich rot im Kopfe.


Beide ab.


WIRSBERG aus seinem Hinterhalt rasch hervortretend.

Mein Roß! Feld, Bäume drehn sich wie im Wahnsinn,

Ich taumle fast o höllischer Verrat!

Und faßt ich sie, ein Schrei hier in der Nacht

Verdürbe mich und alles wär verloren.

Fort nach Marienburg, dem Mord voraus!


Er stürzt fort.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 768-774.
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