Dritte Szene

[774] Nacht. Auf der Zinne von Marienburg. Kuntz und Wuttke.


WUTTKE. Siehst du noch immer nichts von den Polacken, Kuntz?

KUNTZ. Bin ich denn eine Katze, daß ich in der Nacht sehen soll?

WUTTKE. Nun, aufs Mausen verstehst du dich doch. Pfui über diese podolische Langsamkeit! Ich wette, die ganze Armee ist wieder in Tran getreten, und kann die Stiefeln nicht herauskriegen. Aber gib acht, Kuntz, geht das schief heut nacht, so erlebst du ein exemplarisches Unglück an mir! Ist das ein Leben hier zwischen den Mauern, wie ein verrosteter Ladstock im Laufe des Kriegs!

KUNTZ. Ich bitt dich, Wuttke, deine Zunge wird dir noch den Hals kosten.

WUTTKE. Kosten? Da ist nicht viel zu kosten, nichts als Flechsen!

KUNTZ. Das unmenschliche Saufen! Du bist schon wieder übergeschnapst. Stehst da wie ein zerzauster Weidenbusch im Sturme.

WUTTKE. O du langer schlanker, blasser Jüngling! recht wie ein Talglicht! Wenn dich der Krieg abgebrannt hat, wird dich noch eine schmierige Ehefrau als Profitchen aufstecken. Saufen! was verstehst du davon! Mir fängt eben erst an martialisch zu werden, es knistert mir schon in den Haaren, ich fühl's ordentlich, wie mir der Feuermann sachte durchs[774] Sparrwerk zu Dache steigt. Aber hör, Kuntz ich glaube, der Wirsberg ist auch noch nicht wieder zurück? den hat auch der Teufel grade heut auf Patrouille geritten! Geh hinunter ans Pförtchen, und laß ihn hurtig ein sobald er kommt, daß er draußen nicht Lunten riecht.

KUNTZ. Wenn ich nur dem Schönfeld nicht in die Hände laufe, er hat heut das Kommando auf diesem Flügel, da komm ich nicht so bald wieder los. Dem hast du gut eingeschenkt! Er rumort und lärmt und kommandiert treppauf, treppab durchs ganze Haus, wie ein betrunkenes Gespenst. Horch bei Gott, da kommt er eben wieder dahergeschimpft!


Eilt durch die entgegengesetzte Türe ab.


WUTTKE. Er sei mir willkommen.

JOHANN VON SCHÖNFELD das Folgende zum Teil, ehe er noch eintritt. Des Teufels Söldner seid ihr! Was! ist das Dressur? ist das Subordination? Gar keine Ordination, gar keine Tonsur habt ihr! Hundezucht! und wären die Kerls wenigstens fetter, so wären's wahre Hundsfötter!

WUTTKE. Im Namen der Gottseligkeit, hebe dich von mir, du nachtschwärmender Geist, begib dich zur Ruh, sonst kräh ich dich an, wie ein Hahn!

SCHÖNFELD. Der abergläubische Mensch hält mich für ein Gespenst. Gravitätisch auf ihn zugehend. Abera, Kadabera! aber Ihr irdisches Hornvieh versteht kein Latein. Unglückseliger Wuttke! ich komme dir den Kopf zu waschen von dem Schimmel deiner Sünden, ich komme

WUTTKE. Ja, aber sacht nur! sacht! Du stolperst, seliger Geist wirfst einen recht dicken hoffärtigen Schatten im Mondschein hinter dir.

SCHÖNFELD sich erschrocken umsehend. Schatten? hinter mir? was? dummes Zeug! Du bist so ein verwitterter, langer schlottricher Kerl, Wuttke soll ich mich fürchten vor dir? Glaubst du, daß ich dich wirklich für einen verstorbnen Geist halte? Dummes Zeug! so ein langer, rindslederner Kerl, so 'n

WUTTKE. Ho! ho!

SCHÖNFELD. Hör Wuttke meiner Treu, das gibt eine schöne Resonanz hier von der Zinne.

WUTTKE. Kommt, kommt nun zu Bett, gestrenger Herr, die Nachtluft greift Euch an.

SCHÖNFELD. Dummes Zeug! Schrei noch einmal mit mir zugleich.[775]

BEIDE. Oho! Hihaho! Gehn schreiend ab.


Georg von Wirsberg tritt nach einer kurzen Pause durch die entgegengesetzte Türe rasch ein,

zurücksehend.


WIRSBERG.

Da in dem stillen Gange schlüpft's jetzt dort

Als wär ich zwiefach hier nur wüster, bleicher,

Verstörter dort verfluchter Doppelgänger!

Wo ich mich umseh, kauert er im Winkel,

Die Wendeltrepp hinan schlich's leise, leise

Dicht hinter mir, und schwäng ich vor Entsetzen

Mich über die Zinne hier, er stürzt' mir nach!

Nicht doch still, still wer Arges sinnt, der sieht

Den Schattenriß der eigenen Gedanken

Verlockend über Feld und Wände schweifen.

O welchen Sturm verwegener Gelüste

Regst du geschäftig in der Brust mir, Teufel!

Mord, Lüge, Wahnsinn brütet diese Nacht

Und wird mit ihrem Hauch der künft'gen Tage

Unschuld'ges Morgenrot verlöschen! Draußen,

Als ich allein zurückritt aus dem Lager,

Im Feld, im Wald, durch die Nachteinsamkeit

Flüstert's mir leise zu, daß mir die Haare

Vor Graun sich sträubten: Heut noch wird sie dein!

Noch weiß hier keiner von dem Plan nur schweigen

Dürft ich im ersten Schreck, in der Verwirrung

Des Überfalls es träf sich leicht der Plauen

Ist keck und stürzt sich blind hinein ich selbst,

Ich könnt ihn ungesehn Wie! sprach da wer?

Wenn ich im innern Hof die Unsern stellte

Der Plauen tot wir werfen in die Nacht

Die Polen rasch zurück ich rett das Haus

Und mein mein: Lust dann, ew'ger Ruhm


Plötzlich laut aufschreiend.


Wer ist da?

PLAUEN tritt auf.

Du hier? Was fährst du so erschrocken auf?

Du siehst ganz bleich im Widerschein der Blitze.

WIRSBERG verwirrt.

Die Fahrt die wilde Nacht

PLAUEN.

Die Nacht ist schön.

Sieh, in Gewittern geht der Herr vorüber

Mit allen Schrecken seiner Majestät,

Als wär da nichts Gemeines mehr auf Erden

Und nur das Große könnt der Mensch bedenken.[776]

WIRSBERG.

O Herr!

PLAUEN.

Was ist's? Du bist seit kurzer Frist

Verwandelt, Wirsberg, blickst so scheu und traurig.

Sonst, wenn wir um die Lagerfeuer ruhten

Bei Nacht im stillen Felde, und die alten

Geschichten da von Not und Lust und Kampf

Der Ordenshelden in die Runde gingen:

Da funkelt' es so hell aus deinen Augen,

Ich sah dich stundenlang, fern von dem Lärm

Der andern, sinnend in die Nacht hinausschaun,

Und bei dem Widerschein der Flamme flog

Ein mut'ges Zürnen über Stirn und Wangen:

Daß du in jenen Zeiten nicht gelebt.

Nun, Georg die alte Zeit ist wiederkommen

Und frägt nach ihren Helden wieder Stamm

Und Kron zugleich gilt's jetzt! Was willst du noch?

WIRSBERG.

Nein Plauen nein! das waren andre Zeiten,

Als die hier freudlos zwischen dumpfen Mauern!

Da lag im Morgenglanz das Heil'ge Land,

Gebirge wunderbar und Wasserfälle

Und Palmen träumend über Zaubergärten,

Wie man's bei Nacht in Wolken glaubt zu schauen.

Und aus dem Glanze blitzten von den Auen

In fremder Pracht seltsame Kriegsgestalten,

Auf schlanken Rossen schön geschmückte Frauen,

Die plaudernd vor den bunten Zelten halten,

Gesang dazwischen durch den Abend her

Von Christenschiffen übers blaue Meer.

Da war's 'ne Lust, die Sporen einzudrücken,

Als funkelt' rings die Welt von Edelsteinen!

Da mocht dem Kühnen noch das Höchste glücken

Und jeder konnte aus den Zauberhainen

Sich selbst zum Kranz den frischen Lorbeer pflücken!

PLAUEN.

Du dauerst mich mit deinem irren Sehnen.

Was Lorbeer, Glanz! Schwatzt du vom Heil'gen Land,

So denk des Meisters auch, der dort gewandelt!

Ihm lohnt' die Welt mit einer Dornenkrone.

WIRSBERG.

Du bist so herb und streng in diesen Tagen

Verstör mich nicht um Gott! nur heut nur jetzt nicht!

PLAUEN.

Warum sollt ich den Jägersmann nicht wecken,

Der träumerisch am Abgrund eingeschlummert?[777]

O glaub mir, Georg, in solcher wilden Zeit,

In Kriegsgefahren wie in großer Freude,

Steigt aus sich selbst der Mensch und zeigt sich offen.

Ich hab's mit Schmerz gesehn: Kühn, tapfer seid ihr,

Doch jeder will's auf seine Weise sein

Und keiner selbst sich opfern dem Gesetz.

Viel Helden gab's zur Heidenzeit schon wollt ihr

Zu ihrem Banner euch von Christus wenden?

Christlich Panier, geistlichen Sinn verlangt

Der Augenblick, doch euer Sinn ist weltlich

Und liebt noch andre Dinge, als die Pflicht:

Besitz, des Namens Glanz, Gold, Frauenlob.

Der Frauen höchste hast du dir erkoren,

Die, unsre Fahne in der reinen Hand,

Hoch vor uns herzieht auf der Morgenröte,

In stillen Nächten übern Sternengrund,

Mit Himmelsglanz die arme Erde streifend.

WIRSBERG.

O Plauen könntest du ins Herz mir sehn!

Die Nacht schilt auf mich her mit allen Wipfeln,

All Sterne funkeln zornig auf mich nieder

Ich bin so ganz, ganz ein verlorner Mann!


Er stürzt sich auf die Brüstung der Zinne, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.


PLAUEN ihn betrachtend, nach einer Pause.

Geh schlafen du bist überwacht und stachle

Dich nicht mit Fechterworten, die das Ohr

Der ernsten Nacht verstörn nicht höher acht ich's,

Als Sternenschnuppen an dem Firmament,

Das löscht der Sturm hier oben aus.


Er will gehn, sich zurückwendend.


Noch eins!

Wir sind allein ich wollt dir's lange sagen:

Verworrenes Gerücht von dir, wie Nachtluft

Durch Unkraut, zischelt heimlich hier durchs Haus.

Man sagt, du suchst das Labyrinth der Nacht

Und wirfst die frische Jugend weg an Weiber.

Wirsberg! Zwei Herrn dient keiner unversehrt.

WIRSBERG gespannt aufhorchend.

Zwei Herrn? Wie meinst du das?

PLAUEN.

Hör, Georg hier ist's

So still wer weiß, wie's morgen um uns steht.[778]

Sitz noch ich will dir eine Mär erzählen,

Die merke wohl.


Er setzt sich zu Wirsberg auf die Zinne.


Es lag die Welt im argen.

Ein Jüngling, drob erzürnt, floh in den Wald

Und sann, sie einzurichten. Da erschien

Der Herr ihm in der Einsamkeit und winkte

Zu folgen ihm. Und über still Gebirge

Von Fels zu Felsen stieg der wilde Pfad,

Er sah die Länder durch den Riß der Wolken,

Die Heimat unten und des Vaters Schloß,

Und tiefe Wehmut wollt ihn ganz bezwingen.

Und da sie oben standen, sprach der Herr:

»Nun blick noch einmal in die blühnde Tiefe

Willst du der Erde dienen oder mir?«

»Ei dir!« rief der, und wandte sich geblendet

Vom Feuerglanz; der Meister aber sprach:

»So werfe fort dein ird'sches Kleid von Hochmut,

Weltlust und eitlem Ruhm es hat die Erde

Noch andre Götter neben mir, du sollst

Sie niederwerfen nun, denn mich erbarmt's

Der Reinen. « »Herr«, entgegnet da der Knabe,

»Wie doch vollbrächt ich das, so arm, verlassen

Hier in der Öde! « Der Allmächt'ge aber

Blickt' leuchtend in sein Herz und sprach: »Da nimm

Mein Schwert ich will dich ganz in Feuer kleiden. «

Der Jüngling, tief erschauernd, drauf: »Hie bin ich! «

Da faßte den Verzückten Gottes Hand,

Und wo er auftrat, schlugen Zornesflammen

Vom Boden auf und hinter sich vernahm er

Den Schrei der Welt, in Lohen niederdonnernd.

Ihm selber aber war das Haar ergraut

Und öfter stand er still und schüttelt schaudernd

Das Blut sich von den Locken. Und als nun

Gesühnt der Frevel: hatt das Himmelsfeuer

Auch ihn verzehrt und als die Donner dann

Fernab vergrollten und die neue Zeit

Verweint emporstieg unterm Friedensbogen:

Da wußten die unschuldigen Geschlechter

Nichts von dem Streiter mehr, und keiner kannte

Den Platz noch, wo er sank ein Häuflein Asche

Vom Wind zerstiebt.[779]

WIRSBERG aufstehend.

Laß los mich Du bist schrecklich!

PLAUEN.

Ich nicht. Fürcht Gott und laß bei Gotteswerk

Fortan all andre Furcht und andres Hoffen!

Und wenn dereinst Horch da, was rührt sich?

WIRSBERG erschrocken.

Wo?

PLAUEN.

Dort an dem Wall, beim hellen Schein des Blitzes,

War's doch, als ob dort fremde Männer stünden.

WIRSBERG.

Hörst du nicht Waffen rasseln durch die Nacht?

PLAUEN.

Da immer mehr und mehr jetzt hier dort wieder

WIRSBERG stürzt vor Plauen zu Boden.

O Gott! Hülf, Plau'n, die Hölle tut sich auf!

PLAUEN sich hoch aufrichtend.

Was gibt's?

WIRSBERG.

Sieh mich nicht so entsetzlich an!

PLAUEN.

Was gibt's? hier über dieser Zinne Rand,

Wo Schwindel, sturmgleich, jedes Haar emporsträubt,

Treib ich hinab dich in den nächt'gen Abgrund,

Sag schnell, was weißt du? sprich!

WIRSBERG.

Verrat! Die Söldner

Am Nogattor sie nahn schon rette dich!

PLAUEN ihn ergreifend und nach der Türe schleudernd.

Voraus, armsel'ger Wicht!


Er zieht sein Schwert, fortstürzend.


He Ratten! Ratten!


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 774-780.
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