An die Dichter

[130] Wo treues Wollen, redlich Streben

Und rechten Sinn der Rechte spürt,

Das muß die Seele ihm erheben,

Das hat mich jedesmal gerührt.


Das Reich des Glaubens ist geendet,

Zerstört die alte Herrlichkeit,[130]

Die Schönheit weinend abgewendet,

So gnadenlos ist unsre Zeit.


O Einfalt, gut in frommen Herzen,

Du züchtig schöne Gottesbraut!

Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,

Weil dir vor ihrer Klugheit graut.


Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,

Wo man dir deine Wunder läßt,

Das treue Tun, das schöne Lieben,

Des Lebens fromm vergnüglich Fest?


Wo findest du den alten Garten,

Dein Spielzeug, wunderbares Kind,

Der Sterne heil'ge Redensarten,

Das Morgenrot, den frischen Wind?


Wie hat die Sonne schön geschienen!

Nun ist so alt und schwach die Zeit;

Wie stehst so jung du unter ihnen,

Wie wird mein Herz mir stark und weit!


Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.


Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.


Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.


Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.[131]


Der Ehre sei er recht zum Horte,

Der Schande leucht er ins Gesicht!

Viel Wunderkraft ist in dem Worte,

Das hell aus reinem Herzen bricht.


Vor Eitelkeit soll er vor allen

Streng hüten sein unschuld'ges Herz,

Im Falschen nimmer sich gefallen,

Um eitel Witz und blanken Scherz.


Oh, laßt unedle Mühe fahren,

O klingelt, gleißt und spielet nicht

Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,

Zur Sünde macht ihr das Gedicht!


Den lieben Gott laß in dir walten,

Aus frischer Brust nur treulich sing!

Was wahr in dir, wird sich gestalten,

Das andre ist erbärmlich Ding. –


Den Morgen seh ich ferne scheinen,

Die Ströme ziehn im grünen Grund,

Mir ist so wohl! – die's ehrlich meinen,

Die grüß ich all aus Herzensgrund!


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 130-132.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1841)
Gedichte
Fünfzig Gedichte
Und es schweifen leise Schauer: Gedichte (Lyrik)
Sämtliche Gedichte und Versepen
Gedichte (Fiction, Poetry & Drama)

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 1-4

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 1-4

Die zentralen Themen des zwischen 1842 und 1861 entstandenen Erzählzyklus sind auf anschauliche Konstellationen zugespitze Konflikte in der idyllischen Harmonie des einfachen Landlebens. Auerbachs Dorfgeschichten sind schon bei Erscheinen ein großer Erfolg und finden zahlreiche Nachahmungen.

640 Seiten, 29.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon