Abschiedstafel

[156] So rückt denn in die Runde!

Es schleicht die Zeit im Dunkeln,

Sie soll uns rüstig finden

Und heiter, stark und gut!

Gar viel ist zu vollbringen,

Gar vieles muß mißlingen.

So mag die letzte Stunde

Nachleuchten uns und funkeln!

Wo unsre Pfad sich winden,

Wir sind in Gottes Hut.


Dem Bruder meines Lebens,

Der, fern, mit mir zusammen,

Sei denn aus Herzensgrunde

Das erste Glas gebracht!

Ich brauch ihn nicht zu nennen,

Er aber wird mich kennen.

Viel Land trennt uns vergebens,

Ihm soll dies Wort, die Stunde,

Durch alle Adern flammen,

Wie ich an ihn gedacht!


Zu dir nun, heitre Schöne,

Wend ich mich voll Gedanken.

Wie sie zu dir sich wenden,

Muß ich so fröhlich sein.

So weit Poeten wohnen,

So weit der Wälder Kronen,

So weit kunstreiche Töne

Die heiteren Gedanken

Und Himmelsgrüße senden:

Ist alles mein und dein.


Laß nie die Schmach mich sehen,

Daß auch dein Herz, der Lüge

Des andern Volks zum Raube,

Bereuend feig und hohl,

An Licht und Schmuck mag zagen![156]

Nicht wahr ist, was sie sagen:

Daß Lieb und Lust vergehen,

Nicht wahr, daß uns betrüge

Der schöne, freud'ge Glaube,

Und also lebe wohl!


Ihr aber, klug Gesellen,

Die hier mit in dem Kreise,

Wohl quält ihr mich seit Jahren

Mit weisem Rat und Wort. –

Stoßt an, es sei vergessen!

Im Meere, ungemessen,

Sind viele tausend Wellen

Und tausend Schiffe fahren,

Ein jedes seine Reise,

Komm jedes in seinen Port!


Vom Berg hinabgewendet,

Seh ich die Ströme, Zinnen,

Der Liebsten Schloß darunter –

Nun, Morgenlohe, hülle

In Glorie dein Reich!

Dir, tieflebend'ge Fülle,

Schleudr ich das Glas hinunter,

Mir schwindeln alle Sinnen,

So wend ich mich geblendet,

Gott segne dich und euch!


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 156-157.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1841)
Gedichte
Fünfzig Gedichte
Und es schweifen leise Schauer: Gedichte (Lyrik)
Sämtliche Gedichte und Versepen
Gedichte (Fiction, Poetry & Drama)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon