Der Balkon

[156] Die Palazzi des Conte und des Duca stehen dicht nebeneinander. Die Balkons, welche sich vor den Fenstern hinziehen, laufen bei beiden Häusern durch; nur in der Mitte, da, wo die Häuser zusammenstoßen, sind sie durch eine Wand in Manneshöhe getrennt. Der Baumeister ist wahrscheinlich kein Italiener gewesen, sonst hätte er eine solche Einrichtung nicht getroffen, bei welcher ein Liebhaber aus dem einen Haus ohne jede Mühe zu seiner Geliebten ins andere Haus hinüberklettern kann. Die Nachbarn haben deshalb auch auf diesen Mauern starke eiserne Bänder mit halbmeterlangen Stacheln befestigen lassen.

Der Conte wie der Duca sind augenblicklich nicht in der besten Vermögenslage. Der Conte war Vertrauensmann des Verbandes der römischen Gauner gewesen und hatte das Vermögen des Verbandes aufzubewahren. Eines Tages kommt der Jude Samuel erklärt ihm, wie falsch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus es ist, die Kapitalien brach liegen zu lassen, und schlägt ihm vor, ihm das Vermögen in seinen Handel zu geben, wo er es mit zehn Prozent verzinsen wird. Kein Mensch erfährt etwas von dem Geschäft, der Conte hat eine schöne Einnahme, und befördert außerdem die Zirkulation des Geldes, welche dem Blutumlauf im menschlichen Körper entspricht. Der Conte geht auf den Vorschlag ein, Samuel stellt einen Schuldschein auf das Gaunerkapital aus und zieht mit den Geldsäcken ab. Nach einem Jahre wird Revision der Kasse angesagt. Der Conte stürzt zu Samuel, der zieht Achseln, Lippen und Stirnhaut in die Höhe; Geschäft ist Geschäft, im Geschäft kommen Unglücksfälle vor; der Conte hält ihm den Schuldschein vor die Nase; Samuel setzt die Brille auf und[157] liest ihm den Schuldschein laut vor; da steht, daß er ihm das Gaunerkapital geborgt hat; der Conte schlägt sich mit der Hand vor die Stirn und begreift endlich, daß er Samuel auf den Schein nicht verklagen kann, denn dann erfährt der Richter ja, daß er mit dem Gaunerkapital Geschäfte gemacht hat. Kurz und gut, der Conte muß in der Eile seine besten Güter verkaufen, um das Geld wieder in die Kasse zu bekommen. Dem Duca ist es ähnlich gegangen. Der Heilige Vater hat verkündigen lassen, daß er eine Lotterie eingerichtet hat; wer ein Los für zehn Teste nimmt, kann eine halbe Million gewinnen; je mehr Lose Einer nimmt, desto größer ist natürlich die Sicherheit, daß er die halbe Million bekommt. Was tut der Duca? Er nimmt eine Hypothek auf seine Güter und kauft alle Lose; natürlich hat er ein tüchtiges Aufgeld bezahlen müssen. Richtig, er gewinnt auch die halbe Million; aber wie sein Verwalter nachher die Rechnung ablegt, da zeigt es sich, daß die Lose anderthalb Millionen gekostet haben. Selbstverständlich hat er den Verwalter entlassen, der Mensch war nicht ehrlich oder war zu dumm, sonst hätte er doch eine solche Spekulation nicht verpfuschen können; aber die Million war verloren, und mußte verzinst werden.

Also der Conte und der Duca stehen auf der Straße vor ihren Palazzi und sprechen darüber, wie sie ihr Vermögen wieder in Ordnung bringen können. Der Duca ist auf den Gedanken gekommen, zu vermieten, und erklärt dem Conte eben seinen Plan, der eine glänzende Spekulation ist.

In diesem Augenblick kommt die Straße herunter der Dichter; Silvie hängt verliebt an seinem Arm; mit einer großen Handbewegung deutet der Dichter auf den Palazzo des Duca und sagt: »Dies wäre eine entsprechende Wohnung für ein Wesen wie du bist.« Der Duca tritt auf die Beiden zu, nennt seinen Namen, erzählt, daß er vermieten will, und bietet ihnen die Wohnung an. Der Dichter ist schnell entschlossen. Er arbeitet[158] augenblicklich an einem Drama, von dem er glänzende Einnahmen erwartet. »Aber wir haben doch keine Möbel für diese großen Räume«, wendet zaghaft Silvie ein. Der Duca läßt sie kaum ihren Satz beendigen und erklärt, daß er die Räume auch möbliert vermieten wird, viel lieber möbliert. »Siehst du, wie glatt alles geht?« sagt überlegen der Dichter zu Silvien, und der Duca ladet die Beiden ein, gleich die Wohnung anzusehen, ob sie den Herrschaften paßt.

Der Conte macht betrübte Augen, er hat ja viel mehr verloren als der Duca, ihm wäre das Geschäft viel nötiger. Aber in dem Augenblick, wo der Duca mit seinen beiden Mietsleuten abgehen will, kommen von der anderen Seite der Straße Mezzetin und Violette. Sie begrüßen den Dichter und Silvien. Der Dichter stellt sie vor, erzählt ihnen, daß er die Etage des Palazzo mieten will; Mezzetin, der boshafte Mezzetin, der den Dichter für einen Phantasten hält, sagt bedauernd, gerade eine solche Wohnung habe er auch gesucht; der Conte mischt sich in das Gespräch, bietet Mezzetin seine Wohnung an; Violette kneift vor Vergnügen Mezzetin in den Arm, und Mezzetin erklärt mit gravitätischem Gesicht, er wolle gern die Ehre haben, die Wohnung des Herrn Conte anzusehen.

Kurz und gut, die beiden Pärchen mieten, der Dichter in der Hoffnung auf seine Einnahmen und Mezzetin aus Malice. Am Abend kommen zwei Schiebekarren, welche das Eigentum der neuen Mieter bringen: eine Rosinenkiste mit Handschriften und einen großen alten Koffer mit Kleidern, Kamm, Brennschere, Zahnbürste und einem Nachthemd für den Dichter und Silvien; und zwei jener großen Kisten, welche die Jahrmarktskaufleute haben, für das andere Paar.

Der Conte und der Duca haben noch keine Übung im Vermieten und haben deshalb nicht verlangt, daß sie das Geld im voraus erhalten. So wohnen denn die beiden Pärchen ruhig und zufrieden ein Vierteljahr; sie lieben sich, zanken sich,[159] essen auf den Marmortischen ihre Maronen, trocknen ihre Wäsche vor den Fenstern, singen, fangen Streit mit den Dienstboten des Hauses an, und kurz, betragen sich so, daß selbst der Conte und der Duca einen dunkeln Verdacht nicht ganz abweisen können, sie möchten doch wohl etwas anderes sein als sie scheinen. Am Quartalwechsel macht der Duca dem Dichter und der Conte Mezzetin einen Besuch; sie sprechen von den Annehmlichkeiten Roms, von der Gesundheit des Heiligen Vaters, vom Wetter, und kommen zuletzt auf die Mietszahlung.

Der Dichter muß erklären, daß sein Drama leider kein Glück gehabt hatte, was an der schlechten Besetzung lag; Mezzetin rechnet dem Conte vor, daß seine Gage gar nicht hinlangen würde, bloß die Miete allein zu bezahlen; daß er aber doch auch leben müsse, und daß die Gage knapp ausreiche für Kaufmann, Bäcker und Fleischer; außerdem sei ihm der Direktor die Gage schon seit vier Monaten schuldig geblieben. Der Conte und der Duca haben, ihrem dunkeln Gefühl nachgebend, sich vorher erkundigt, was der Hausbesitzer in einer solchen Lage zu tun hat; und so erklärt denn jeder seinem Paar würdevoll, er werde ihre Sachen einbehalten, und fordert sie auf, die Wohnung zu verlassen.

Aber wie die beiden Herren gegangen sind, verständigen sich Mezzetin und der Dichter auf dem Balkon. Die eisernen Stacheln haben sie längst entfernt, um bequemer zueinander kommen zu können. Nun packt jedes Paar in seiner Wohnung fleißig; dann hebt Mezzetin seine Kiste auf die Mauer und der Dichter stellt sie in sein Zimmer, und der Dichter befördert mit Mezzetins Hilfe seine Sachen in die Wohnung Mezzetins, darauf steigen sie selber über, und nun setzt sich ein jeder in die Wohnung des Andern mit seiner Geliebten ruhig auf seine Sachen und erwartet das Weitere.

Jeder der Hausbesitzer erscheint mit einem Polizisten und ist[160] sehr erstaunt, einen fremden Bewohner mit fremden Sachen in seinen Räumen zu finden.

Mezzetin erklärt kaltblütig dem Duca, sein Freund habe, wie er wisse, Unglück gehabt und könne zur Zeit seine Schuld nicht bezahlen; aber er wolle nicht, daß andere Leute unter seinem Unglück leiden, deshalb habe er ihm, Mezzetin, die Wohnung abgetreten, und der Duca habe nun einen Mieter, der anspruchslos, einfach und in jeder Beziehung zuverlässig sei. Der Duca hat seinem Freund, dem Conte, seine Besorgnis über seinen Mieter nicht mitgeteilt, weil ihm das Geständnis peinlich war, und gleicherweise hat dieser gegen ihn geschwiegen; so muß er denn glauben, was Mezzetin ihm sagt, obwohl ihm schwant, daß die Sache wieder nicht ohne Bedenken sein wird. Er macht eine verlegene Anspielung auf Vorausbezahlung der Miete; aber Mezzetin nimmt einen beleidigten Gesichtsausdruck an, fragt, ob ihn der Herr Duca für einen Betrüger halte; der Duca verneint das hastig; Mezzetin zieht kaltblütig die Folgerung, daß er denn auch gewiß das Zutrauen auf pünktlichste Mietszahlung haben müsse; der Duca murmelt etwas von Zinsen, Mezzetin verläßt das bisherige Gespräch und kommt auf allgemeine Betrachtungen über den Unsegen des Geldes; der Polizist wird ungeduldig; die Sachen des Dichters sind verschwunden, es ist nichts weiter zu machen, und seufzend zieht sich der Duca mit dem Polizisten zurück.

Ungefähr dieselbe Szene hat sich nebenan abgespielt, nur daß hier Silvie als die Lebenskundigere das Wort führt.

So bleiben die Paare denn wieder ein Quartal wohnen und beteuern sich oft gegenseitig, daß sie nie eine so gute Wohnung gehabt haben, die allen, aber auch allen Ansprüchen genügt, welche sie stellen. Es wird ihnen schwer werden, sich einmal wieder in andere Verhältnisse einzugewöhnen.

Auch dieses Quartal verstreicht, und wieder kommen der Duca[161] und der Conte zu ihren Mietsleuten. Sie erleben eine sonderbare Überraschung. Der Duca trifft bei Violetten statt Mezzetin den Dichter, der Conte bei Silvien statt des Dichters Mezzetin. Violette kommt dem Duca weinend entgegen, sie macht ihm Vorwürfe, daß sein Haus ihr Unglück gebracht habe, sie habe immer so glücklich mit Mezzetin gelebt, und nun habe er sie verlassen. Der Dichter wird gerührt durch ihre Tränen; er verspricht, daß er immer gut zu ihr sein, sie immer trösten wird; Violette wirft sich an seine Brust; die Tränen kommen auch ihm; der Duca steht bestürzt da und kann nur nach den Sachen fragen; aber die Sachen hat Mezzetin mitgenommen; der Duca sieht sich um; da steht nur die alte Rosinenkiste des Dichters; aber sie enthält keine Rosinen, nur Handschriften; der Duca kniet nieder, stürzt die Kiste um, weil vielleicht auf dem Boden etwas anderes verborgen ist; der Dichter jammert, daß seine Handschriften in Unordnung kommen; Violette macht dem Duca Vorwürfe, daß er das einzige Vermögen eines armen Mannes vernichtet, eines Dichters, eines großen Dichters, der sogar einmal bei einem Kardinal zu Mittag geladen war, eines Mannes, der sich ihrer, des verlassenen Mädchens, angenommen hat, eines Mannes, der ihm überhaupt nichts schuldig ist; der Duca wird eingeschüchtert, erhebt sich, verläßt endlich traurig das Zimmer.

Nebenan beim Conte hat sich eine ähnliche Szene abgespielt. Mezzetin erklärt, daß der Dichter nichts zurückgelassen hat, Silvie behauptet weinend, daß er ihre Kleider bei dem Weinhändler an der Ecke versetzt hat; sogar den Kamm hat er ihr genommen; Mezzetin greift den Conte scharf an, daß er in seinem Hause eine solche Gewalttätigkeit gegen eine arme Frau geduldet habe; er droht, daß er sich bei der Polizei beklagen werde; der Conte geht auf eine Jahrmarktskiste zu, aber die ist Mezzetins Eigentum, und Mezzetin stellt sich vor sie, hebt die drei Finger der linken Hand hoch und schwört, sein[162] Recht zu verteidigen gegen alle blutsaugerischen Hauswirte der Welt, und wenn sie Ducas und Contes sind; das ist ihm ganz einerlei, Recht ist Recht. Auch der Conte verläßt traurig das Zimmer.

Auf der Straße treffen sich die beiden Hauswirte. Sie flüstern sich ängstlich ihre Erlebnisse zu, sehen fassungslos an ihren Häusern in die Höhe; auf dem einen Balkon steht der Dichter in Hemdsärmeln und bürstet seinen Rock, auf dem anderen hat Silvie einen Stuhl mit einer Waschschüssel hingestellt und wäscht ihren weißen Unterrock. Sie wird ihn nachher auf die Leine vor ihrem Fenster hängen.

Wie sie noch so bekümmert sich besprechen, kommt Samuel.

Begreiflicherweise war der Conte nicht gut auf Samuel zu sprechen; aber Samuel hat ihm klar gemacht, daß Unterschrift eben Unterschrift ist, daß man nun einmal vorsichtig sein muß, und daß es in Geschäftssachen keine Gemütlichkeit gibt. So hat er sich denn schließlich wieder mit Samuel ausgesöhnt, denn er braucht ja doch Samuel immer. Samuel kommt also zufällig vorbei, und der Conte erzählt ihm das Mißgeschick, das sie beide getroffen.

Samuel schüttelt den Kopf und sagt: »Mit Komödianten muß man sich nicht einlassen. Mit denen falle ich sogar hinein.«

Das erhöht natürlich die Angst der Beiden, und sie flehen Samuel an, sie zu retten. Samuel denkt lange nach, endlich sagt er: »Das einfachste Mittel ist das beste. Sagen die Herrschaften jeder zu seiner Partei: ›Wenn ihr in einer Stunde aus meinem Hause seid mit allem, was ihr habt‹ – das vergessen die Herrschaften nicht, denn sonst nützt es nicht; wenn etwas zurückbleibt, dann werden Sie die Komödianten nicht los – ›dann bekommt ihr eine Dublone.‹« Hiermit empfiehlt sich Samuel.

Es ist ja hart, wenn man spekulieren will, und seinen Palazzo vermietet, ein halbes Jahr lang den Ärger mit den Komödianten[163] zu haben und dann noch eine Dublone geben zu müssen; aber die Beiden sehen endlich ein, daß Samuels Rat gut ist; denn weshalb sollte Samuel ihnen nicht einen guten Rat geben, er kostet ihn ja nichts; und so befolgen sie ihn denn. Die beiden Paare lassen sich bestimmen, die Schiebekarren erscheinen wieder, der Conte und der Duca achten genau auf, daß alles aufgeladen wird, und so werden die Mietskontrakte gelöst.

Quelle:
Paul Ernst: Komödianten- und Spitzbubengeschichten, München 1928, S. 156-164.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Raabe, Wilhelm

Der Hungerpastor

Der Hungerpastor

In der Nachfolge Jean Pauls schreibt Wilhelm Raabe 1862 seinen bildungskritisch moralisierenden Roman »Der Hungerpastor«. »Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag.«

340 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon