[75] Bei Heiligenstedten, der Stördeich wars,
Der Deich wollte nicht halten.
Ein Loch klaffte, man kriegt es nicht zu,
Die Flut weiß zu spülen, zu spalten.
So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
Das Meer stößt ein neues Loch hinein.[75]
Da war Not. Wich der Deich,
Das Land mußte ersaufen.
Eine alte Frau wußte Rat,
Man könnt es dem Teufel abkaufen:
Freiwillig muß ein Kind da hinab,
Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.
Ein Kind! Einer Mutter Kind!
Hält jede ihrs fester am Herzen.
Und wenn die ganze Marsch ersäuft,
Kann eine ihr Kind verschmerzen?
Da war Not. Das Loch muß zu.
He, Tatersch, hör mal, bettelst du?
Hier, tausend Taler! Klimperts nicht gut?
Der Zigeunerin funkeln die Augen.
Tausend Taler? Nehmt den Balg!
Kann doch nur zum Bettel taugen.
So Schilling für Schilling erscharrt sichs schlecht.
Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.
Sie legen ein Brett über das Loch
Und ein weißes Brot in die Mitte.
Der hungrige Knabe schwankt daher,
Kleine, hastige Schritte.
Jetzt langt er nach dem Brot. Weh! Das Brett
Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.
Kein Schrei. Alles stiert
Stumm aufs Quirlen und Quellen.
Da taucht es auf, ein blaß Gesicht,
Aus den lehmigen Wellen,
Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß:
»Ist nichts so weich als Mutters Schoß.«
Und taucht zum zweitenmal auf und spricht:
»Ist nichts so süß, als Mutters Liebe.«
Wie das Wort alle packt und brennt.
Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
Doch kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
»Ist nichts so fest als Mutters Treu.«[76]
Dann sinkt es weg. – Sie atmen auf,
Nun muß das Werk geraten!
Die Gäule keuchen, die Karren knarrn,
Es ächzen und knirschen die Spaten.
Erde und Stein hinein ins Loch!
Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.
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Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
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