Dreizehntes Kapitel
Eine Unterredung im Herrenstüble

[181] Die Unterhaltung mit Jos war so lebhaft, daß Hans dabei ganz vergaß, er habe einen Kranken besuchen wollen. Dachte er doch nicht einmal mehr daran, den Knecht zu fragen, ob er auch so bald als nur menschenmöglich wieder auf den Stighof zu kommen entschlossen sei. Das kam wohl zum Teil davon, weil das Benehmen des Burschen eine solche Frage wirklich fast unnötig erscheinen ließ, hauptsächlich jedoch unterblieb sie darum, weil Hans jetzt um den Jos besorgter war als um sich selbst. Daheim war ihm das ärgste an der Geschichte gewesen, daß er dem geschickten Knechte unrecht tat und ihn nun missen sollte; nun aber begann er sich dessen angebundenes, sorgenvolles Leben zwischen den engen vier Wänden vorzustellen, und dagegen war nur eine Kleinigkeit, was seit der Abwesenheit des unersetzlichen vertrauten Nothelfers ihn gedrückt und beunruhigt hatte. Erst jetzt ärgerte er sich recht über den Krämer, welcher die Stirn hatte, das lächerlich zu nennen. Im Heimgehen machte er seinem Herzen etwas Luft. Die Magd war erstaunt, ihn gleich einer eifrigen Betschwester, die mit der ganzen bösen Welt im Kriege lebt, am Krämer und seinem falschen Kätzchen herumtadeln zu hören. Dorothee mochte die Zusel auch nicht besonders wohl leiden, aber endlich ging ihr denn Hans doch gar zu weit, und beinahe bittend empfahl sie ihm Maß und Billigkeit in Lob und Tadel. Besonders betonte sie, daß man einem Menschen seiner Eltern und Verwandten wegen nichts geben und nichts nehmen dürfe, was er nicht selbst von ihnen habe.

Das aber war von Hansen gar zuviel gefordert gegenüber einem Mädchen, welches er sich vergebens mit Gewalt aus dem Kopfe bringen wollte. Zusel hatte denn doch zu viel von ihrer älteren Schwester, als daß sie ihm ganz gleichgültig hätte bleiben können. Wie mit Gewalt zog es ihn immer wieder zu ihr, aber dabei hatte er stets das Gefühl, daß das Mädchen ihn um den Frieden mit sich selbst bringen, ihn[182] unglücklich, ja sogar schlecht machen werde. Er empfand das am lebhaftesten, als er aus dem Hause des Jos kam, gegen den auch nur die Zusel aufgehetzt hatte. Darum stellte er alles in bunter Reihe vor sich auf, was er über das Mädchen wußte oder gehört hatte, in dem guten Glauben, sich schließlich dahinter gegen sie verschanzt und sicher zu machen. Hans sagte sich sogar, daß Zusel mit der stolzen Gestalt ihrer Schwester gleichsam sein böser, die etwas strenge, dabei aber doch so demütige Dorothee dagegen sein guter Engel sei. Unter dem Worte Engel aber dachte er, wie wohl jeder Bregenzerwälder, an ein ungemein ernsthaftes, strenges Wesen, und neben dem Mädchen war ihm auch wirklich beinahe zumute wie einem Feiertagsschüler neben dem Pfarrer. Er nahm daher Dorotheens Zuspruch hin, ohne viel darauf zu erwidern. Daheim wurden ihm die Stunden bis zum Abendessen so lang, daß er Gott von Herzen dafür dankte, daß es nun wieder sechs Tage zum Arbeiten gab, ehe man abermals einen langweiligen Sonntag erleben mußte. Er arbeitete wieder so oft als möglich neben Dorotheen, obwohl jene Scheu gegen das Mädchen immer noch nicht ganz überwunden war. Am Abende jedes Tages schickte er sie selbst, sich nach dem Befinden des Knechtes zu erkundigen. Es wollte ihm fast zu lang immer beim alten bleiben, und als es wieder Sonntag wurde, suchte er im Herrenstüble beim Rößlewirt den Doktor auf, um sich ernstlich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen und, wenn's möglich war und er sich's ordentlich vorzubringen getraute, dem Arzte etwas mehr Fleiß zu empfehlen. Doch mit solchen Herren wußte er nicht gut umzugehen. Was er sagen wollte, konnte er allerdings ganz gut vorbringen, aber die gestellten Fragen brachten ihn dann gleich in Verlegenheit, weil er sich darauf eben gar nicht vorbereiten konnte.

Sonst wurde Hansen nicht so leicht bang. Er machte, so gut er konnte, und dann ging's. Geschlittet oder mit dem Wagen galt ihm gleichviel, wenn er nur ans Ziel kam, und das gelang noch immer. Wenn's schwer hielt, trank er vorher zwei[183] Schoppen Tiroler, und dann war er der Mann. Wie? Sollte das nicht auch vor einer Unterredung mit hochgestellten Herren gut sein und die Zunge beweglich machen wie sonst? Den Versuch war's jedenfalls wert, und wenn's nun gelang, dann sollte noch einer kommen und sagen, daß er niemals einen klugen Einfall habe! Er dachte schon daran, künftig sogar der Mutter diese Behauptung nicht mehr unbestritten zu lassen. Siegesicher trat er erst in die Gaststube und machte sich mit einem Eifer an den ersten Schoppen, daß bald auch der zweite geholt werden mußte.

Mit einer Beredsamkeit, die den funkelnden Inhalt der Gläser lobte, erzählte er der Wirtin im Vertrauen, was er vorhabe, und war nicht wenig erstaunt, für seinen Einfall kein besseres Lob davonzutragen. Die gute Frau wollte ihn durchaus nicht mehr ins Herrenstüble lassen, doch war es unmöglich, den immer Aufgeregteren zurückzuhalten. Mit der Zipfelkappe in der Hand trat er ein, setzte sich, und ohne die übrigen Anwesenden zu beachten, redete er den Doktor an: »Ich hätte nur sagen wollen, daß ich alles zahle, was der Jos noch kosten mag. Anfangs dachte ich, mir davon nichts anmerken zu lassen, weil er wohl schneller hergestellt werde, wenn kein besonders gutes Trinkgeld für viele Ständ' und Gäng' zu erwarten sei.«

»Ich hab' eben schon auf Hansen gerechnet«, lachte der Doktor fröhlich, »lieb aber ist's mir doch, das nun selber zu hören. Auch ich werde redlich das Meine tun und dafür sorgen, daß er in einem Vierteljahr wieder beinahe der alte ist.«

Hans hatte den Wein ziemlich empfunden, jetzt aber wurde er wieder ganz nüchtern. So ernsthaft hatte er die Sache bisher nicht genommen. Es war ihm, als ob der Pfarrer predige, als der menschenfreundliche Arzt fortfuhr: »Helfen sollte hier, wer kann, denn es wär' jammerschade, wenn ein so talentvoller Mensch der Gesellschaft verloren wäre und noch gar an der Ungunst der Verhältnisse zugrunde gehen sollte.«[184]

»Das tut er hier gewiß nicht«, meinte der Pfarrer, und der ebenfalls anwesende Vorsteher schüttelte beistimmend den Kopf, daß seine lange seidene Zipfelkappe auf den Tisch fiel. »Ist der Spitzbub' doch selbst als Knecht durchgekommen, obwohl ihm das sicher kein Mensch zugetraut hätte.«

Das hob Hansen wieder auf die rechte Höhe. Herzhaft wagte er dem Vorsteher in die Rede zu fallen: »Allerdings hab' ich es ihm angesehen, sonst würde er auf dem Stighof gar nicht angestellt worden sein. Ich weiß noch nicht, wie ich es machen soll, wenn man ihn so lange mangeln muß.«

»Es wäre gut, wenn er gar nichts tun möchte«, meinte der Doktor. »Wo aber die Hand ruhig bleiben muß, da arbeitet so ein unruhiger Kopf doppelt und kommt auf allerlei Gedanken. Ich besorgte, er könnte der Gesellschaft verloren gehen. Dafür hab' ich natürlich meinen Grund. Wir sehen sie am Schnapstische, alle, die die Ungerechtigkeit unserer Zustände, die man Schicksale nennt, empfinden. Sie trennen sich vom Bestehenden und finden doch nichts Größeres, wo sie sich freudig anschließen. Da ist der Hansjörg am Freitag wieder heimgekommen. Er war ein ordentlicher Bursche, aber das Unrecht, welches ihm vom Krämer geschah, hat ihn trotzig und in seiner Weise stolz gemacht. Mir ist's nicht lieb, daß er immer beim Jos steckt, der – mit Verlaub, Hans – für seine treuen Dienste auch nicht besser belohnt wurde. Man sage mir nichts von dem Eigensinn, dem Trotz des Burschen. Das eben ist zuweilen der Ausdruck der Kraft, mit der er sich durchs Leben hilft und welcher auch der Stighof schon manches verdankt. Jetzt ist er aus der ordentlichen Bahn geworfen, und die Unzufriedenen beginnen sich um ihn zu versammeln, besonders arme Teufel, die dem Krämer wegen Verschuldung um einen Sündenlohn arbeiten müssen, und alte Fremdler, die aus Frankreich noch einige Brocken von 1789 mitgebracht haben.«

»Dann kann am Ende noch hier die schönste Revolution erleben, wer alt genug dazu wird«, bemerkte der Pfarrer.[185]

Den Doktor machte das Lächeln, welches diese Worte begleitete, etwas warm. Er zwang sich zur Ruhe, indem er entgegnete: »Die Geistlichen verbieten nicht nur den Ehebruch, schon der Kuß ist ihnen vom Übel. Sie mögen ihre Gründe dafür haben wie ich die meinen, wenn ich es bedauere, daß man sich gegenseitig immer zwingt, eher das Trennende als das Gemeinsame aufzusuchen und herauszukehren. Davon der Kampf des selbstgewaltigen Reichen gegen den Trotz des Armen, der, von jenem ein böses Beispiel nehmend, ihn weiter und weiter treibt. Elende Zustände, wenn ein Mensch mit etwas Selbstgefühl sich nicht einmal als Bauernknecht behaupten kann. Aber auch natürlich, denn zum Tragen hat Gott Tiere geschaffen. Wer etwas mehr kann, sollte fort. O schade, daß so einer hier nie zum Studieren kommt!«

»Sie betrachten den Jos ja schon als einen verlorenen Mann.«

»Ich rede nicht von ihm allein, sondern von jedem, der zu kräftig ist zum Kriechen und zu gebunden, um frei zu gehen; ich rede von einem großen Teil derjenigen, die jetzt ihr Elend am Schnapstische vertrinken.«

»Das ist aber immer so gewesen«, meinte der Vorsteher.

»Nein, das war anders, als ein Tag noch mehr wert war als ein Taglohn und ein Mensch mit allen Gaben des Ebenbildes Gottes mehr als ein geerbtes oder zusammengeschachertes Vermögen.«

»Sie halten also den Taler doch nicht für den Gott der Welt?« fragte der Pfarrer.

»Er ist überall gerade das, wozu man ihn macht. Da belebt er den Verkehr und bringt Segen, dort und hier ist er der größte Tyrann. Früher hieß der Mensch seines Glückes Schmied, jetzt ist das Steuerbüchlein das Wanderbuch, welches uns den Lebensweg, oft sogar die Mutter unserer Kinder vorschreibt.«

»Das aber«, fiel der Pfarrer ein, »ist in der Welt draußen gewiß wenigstens nicht besser.«[186]

»Drum hätte Jos studieren sollen. Wer fähig ist, die Kluft zwischen Arm und Reich zu übersehen, dem bietet nur die Bildung einen Notsteg mit schützendem Geländer.«

»Man denkt gern an die Jahre des Lernens«, sagte der greise Pfarrer lächelnd. »Man bekommt noch spät beim Gedanken an die damalige Tatenlust neuen Mut. Ich hab' noch in Konstanz studiert und könnte lang erzählen, welche Klüfte zu überbrücken ich da einem Gebildeten zugetraut hätte. Aber wir wollten davon reden, was denn auch jetzt beim Studieren herauskäme außer Lateinischem und Griechischem. So ein armer Tropf wie der Jos müßte Geistlicher werden wohl oder übel, denn beinahe alle Stipendien sind nur unter dieser Bedingung zu gewinnen, und ein Weltlicher kann überhaupt nur schwer Unterstützung finden. Das Volk ist nun einmal schon so.«

»Wissen Sie, warum?«

»Ich hab' in Konstanz studiert und brauche wenigstens mir selber da nichts vorzuwerfen. Gut! Unser Mann kommt also nach Brixen.«

»Warum gerade nach Brixen?«

»Er muß die echteste Lehre haben, um so bald als möglich einen ordentlichen Platz zu bekommen, wo er sich wenigstens ohne Schulden durchbringt. Der Arme wird immer auf Unterstützung sehen müssen, und es ist dafür gesorgt, daß er sie nicht überall findet. Der, dem sein Wissen eine Art Selbständigkeit gibt, mag sich mit dieser behelfen, so gut er kann, oder aus der Not eine Tugend machen, wenn man kleinlichen Beamtenehrgeiz und Veräußerlichung Tugend nennen will wie unser Kaplan, der sich am Schlusse jedes Jahres öffentlich auf der Kanzel damit großtut, unter seinen Amtsbrüdern im Verhältnis zur Zahl der anbefohlenen Schäflein am meisten Hostien verbraucht zu haben. Fragt man, ob nun mit den vielen Beichten auch Besserung, mit den unzähligen Liebesmahlen auch Liebe ins Dorf gekommen sei, so sagt euch der immer zur Rede, aber nie zur ordentlichen Antwort bereite Mann, es sei ihm auch gelungen, den Söhnen sterbender[187] Väter noch ein paar fromme Stiftungen vor der Nase wegzuschnappen.«

»Sie sehen schwarz, ich habe doch auch studiert.«

»Aber nicht so arm und abhängig nach rechts und links, wie so ein armer Tropf es tun müßte. Drum glaub' ich trotz allem Schönen, was man mit Recht von der Bildung sagt und von den Brücken, die sie bauen soll, für einen wie den Jos ist's besser, wenn er hier für Kopf und Hand Beschäftigung findet« Jetzt rückten auch Hans und der Vorsteher etwas näher zum Tisch, wie Spieler, die nach langem Harren und vergeblichem Hoffen wieder einmal eine gute Karte zum Mittun bekommen. Hans hatte sich eine Weile mit der Vorstellung zu versöhnen bemüht, daß Jos noch ein Vierteljahr, dreizehn lange Wochen liegen, er unterdessen ohne den Knecht sich behelfen oder einen anderen anstellen solle. Machte ihm schon die Frage, welches klüger sei, nicht wenig Kopfarbeit, so war es doch viel mehr noch Mitleid mit dem nicht ohne seine Schuld Unglücklichen, was den redlichen Burschen so schnell ernüchtern ließ. Erst zuletzt hörte er wieder, wovon geredet wurde, gerade als der Pfarrer aussprach, was für den Burschen das beste wäre, und schnell wollte er sagen, die Sorge für den Jos sei seine Sache und brauche kein Mensch ihn zu bedauern. Aber der Vorsteher, bemüht, das Gespräch nicht mehr aus bekannten Gleisen in Höhen entgleiten zu lassen, die für ihn geradezu unerreichbar waren, kam dem stets etwas langsamen Hans mit einem Antrage zuvor: »Jos«, rief er fröhlich, »wär' am Ende ganz der Mann, der mir schon lange fehlt. Guter Kopf, ein wenig stolz, fertige Hand zum Schreiben und die Geduld eines Schneiders! Ist's nicht, als ob er von Gott schon lang zu meinem Schreiber bestimmt wäre? Meine Buben überlassen ihm das Amt von Herzen gern. Einträglich ist's genug, und nebenbei kann er auch noch mit der Nadel arbeiten. Was sagt ihr zu meinem Plan?«

»Er ist gar nicht übel«, sagte der Pfarrer, »und die Zeit, wo er doch als Knecht nicht arbeiten kann, ist gerade recht, ihn zu versuchen.«[188]

»Da hab' ich denn doch auch noch ein Wörtlein mitzureden«, meinte Hans.

»Aber«, versetzte der Pfarrer bittend, »wenn er allenfalls den Jahreslohn schon empfangen hat, so wirst du das doch nicht wie ein Bleigewicht auf ihn werfen, daß es ihn in Knechtschaft niederdrücke für immer?«

»Davon ist keine Rede.«

»Und die Arbeit auf dem Stighof können Hunderte so gut verrichten als er.«

»Das«, fiel Hans etwas spitz ein, »weiß denn unsereiner doch wohl selber am besten.«

»Allerdings – aber jedenfalls ist er zu ersetzen, drum soll ihm niemand im Wege sein, wenn er einen wichtigen Schritt machen kann. Er ist in der Gemein de von vielen schief angesehen. Eine einträgliche Stelle, man könnte fast sagen, die erste nach dem Vorsteher, wird ihm Vertrauen und Achtung gewinnen.«

Das nun hätte Hans dem Pfarrer allenfalls auch unterschrieben, wenn er etwas lieber mit Feder und Papier zu tun gehabt hätte. Ihm aber hatte die edle Schreibkunst immer für halbes Hexenwerk gegolten, und obwohl er sonst dem Knechte wirklich mehr zutraute als sich selbst, ward ihm doch schwarz und weiß vor den Augen, als dem Bürschchen, welches er noch vor kurzem mit drei Worten in Stall und Feld schicken konnte, ein so wichtiges Amt zugestanden wurde. Erst jetzt schien ihm Jos ganz unentbehrlich, und klagend fragte er: »Was soll denn aber ich machen?«

»Dorotheens Bruder«, tröstete der Doktor, »ist viel stärker als Jos, ich würde gleich den anstellen, damit er auch wieder einen sicheren Weg vor ihm hätte.«

»So, den?« fragte Hans beinahe verächtlich.

»Ja, den«, sagte der Doktor ruhig. »Zur Arbeit ist er sicher so gut als der ehemalige Schneider. Dorotheen gegenüber ist er auch viel weniger gefährlich als Jos, welcher nach den Äußerungen am unglücklichen Kirchweihtag ein Aug' auf das flinke Mädchen geworfen hat.«[189]

Das wirkte auf Hansen wie ein Schlag. Er hatte sich daran gewöhnt, das Mädchen von ihm abhängig zu denken, obwohl er es Dorotheen niemals empfinden ließ. Das böse Gerede, worin Zusel ihn wegen der Magd gebracht hatte, machte ihm weit weniger Kopfweh als diese Rede. Ja jenes schmeichelte ihm noch, da er den darin liegenden Stachel in seiner Gutmütigkeit kaum bemerkte; die leicht hingeworfene Bemerkung des Doktors aber wirkte um so stärker, da ihm Jos nun alles ein anderer Mann war, als während er ihn noch zum größten Teil vom Stighof abhängig dachte. Nun erst war ihm von der Kirchweih alles, gar alles klar. Es litt ihn nicht mehr im Herrenstüble, welches jede Minute noch heißer zu werden schien. Er mußte ins Freie, mußte sich ein wenig erspazieren wie immer, wenn er etwas nur mit Nachdenken nicht zu verwinden imstande war.

Er mochte ziemlich weit in der Nähe herumgehen, denn er kam erst vor dem Nachtessen heim, eine Weile nach Dorotheen, die den Jos besucht hatte, und beinahe in besserer Stimmung als sie. Das war übrigens diesmal bald geschehen. Nach der Kirchweih hatte Dorothee manches in sich verarbeiten müssen, aber sie war doch imstande, sich so zu beherrschen, daß die Stigerin nicht im entferntesten auf den Gedanken kam, auch sie konnte bei der Geschichte mit Jos auf die oder jene Weise beteiligt sein; heute aber fiel ihr das seltsame Benehmen des Mädchens denn doch auf, und zwar umso mehr, da sie keinen Grund dafür von Dorotheen erfragen konnte. Das allerdings betonte Dorothee etwas stark, daß sie den Bruder erst am dritten Tage, und noch dazu in einem fremden Hause, das heiße bei der Stickerin und ihrem Jos, angetroffen habe.

Die Stigerin, die schon lange an einem großen Erdäpfel herumschälte, ohne dabei das Mädchen aus den Augen zu lassen, fand diese an Dorotheen gar nie bemerkte Empfindlichkeit um so unerklärlicher, weil es mit dem Bruder wenigstens nie mehr als mit den anderen Eigenen zu tun gehabt hatte. Die Frau sprach das offen aus, worauf denn Dorothee[190] zu verstehen gab, daß das noch nicht alles sei, daß sie aber lieber gleich schlafen gehen als noch von allem reden möchte. Sicher hätte Dorothee auch weit etwas Ärgeres noch viel lieber getan. Für wie kindisch wäre sie wohl gehalten worden, wenn jemand erfahren hätte, daß ihr Jos so weh getan mit der Mitteilung seines Entschlusses, das Dienen eine gute Sache sein zu lassen und wenigstens nie mehr auf den Stighof zu gehen. Ihr erster Gedanke war, an dem sei nur einzig der Hansjörg schuld. Man hörte es aus allen seinen Reden, daß er den Stighans durchaus nicht leiden konnte. Er sagte offen, der Hans habe mit dem Krämer unter einer Decke gespielt, und ihm wäre selbst das Fortgehen nicht so schwer geworden als der Gedanke, daß er nun dem einen Dienst tun und für ihn durch Feuer und Wasser gehen müsse. So redete ihr Bruder heute vor allen Burschen, welche den Jos besuchten; was erst mochte er ihm heimlich schon aus- und einzureden versucht haben? Er war ja den ganzen Abend mit Jos im Gespräch über einen Plan, den er eine kleine Verschwörung gegen den Krämer nannte. Die anwesenden Handwerker, bisher von dem Blutsauger abhängig, sollten sich zusammentun und einen Handel mit ihrer Arbeit anfangen. Hansjörg versprach, durch Schleichhandel das, was das Land nicht selbst hervorbringe, so billig als einer zu besorgen. Dann wurde auch berechnet, daß man schon soviel bares Geld zusammenbringe, als ein kleiner Anfang brauche. Hansjörg schien vor Begierde zu brennen, dem Krämer diesen Possen zu spielen, und Dorothee hätte daraus die Abneigung des Jos gegen den von ihr erwähnten Knechtsdienst erklärt, wenn er seine Antwort ihr nicht gleichsam wie eine Beleidigung mit der Gewalt und Beredsamkeit eines recht Zornigen entgegengeworfen hätte. Was wollte die Rede sagen, er möge nicht länger auf dem Stighof das fünfte Rad am Wagen sein? Es war gerade, als ob sie glauben sollte, er komme wegen ihr nicht mehr, und doch tat das gewiß niemand weher als ihr. Sie drei hatten so froh zusammen gelebt, und nun sollte das[191] aus sein und sie zittern müssen für die trotzigen Waghälse, sooft Gott den Tag schickte.

Daß aber Dorothee von dem jetzt nicht reden mochte, war um so erklärlicher, weil sie sich nebenbei wieder mit dem Gedanken zu beruhigen suchte, daß das auch einer jener vielen an langen Sonntagen unter lebhaften Burschen entstandenen Pläne sein könne, die schon am anderen Morgen bei ruhiger Überlegung nur noch belächelt werden.

Das Nachtmahl ward schweigend genommen, und schon kam Dorothee gähnend und sich recht schläfrig stellend aus der Küche zurück, als Hans scheu und leise, wie wenn er einen Fehler einzugestehen hätte, der Stigerin erzählte, wenigstens ein Vierteljahr werde Jos noch daheim bleiben müssen.

»Ohne Brot und sich selbst überlassen!« jammerte Dorothee, die sich jetzt nicht mehr zu beherrschen vermochte. »Wohin«, fuhr sie strenge fort, »wohin kann die Not und das Mißtrauen ihn in der langen Zeit noch treiben?«

Hans hatte dem Mädchen durchaus nicht erzählen wollen, für welchen Prachtkerl der Jos bei rechten Männern gelte. Es war ihm schon peinlich, neben der lieben Dorothee nur daran zu denken. Dem letzten Ausrufe gegenüber jedoch zwang es ihn mit Gewalt zum Reden. Jedes Wort traf ihn wie ein Stich, und gleichsam aufschreiend versetzte er: »Dem Jos ist's ja sein Glück. Man hat mir's deutlich gesagt, er sei zu gut zum Knecht. Gemeindeschreiber soll er werden, der erste Mann nach dem Vorsteher, und weiß Gott was noch. Der Pfarrer und die Herren selber haben's gesagt.«

Dorothea sah den Burschen erstaunt an. Sie schien Ton und Gehalt seiner Rede nicht wohl vereinbaren zu können. Hans war sich im Leben noch nie so klein vorgekommen wie jetzt, als er auf einmal etwas in ihrem Gesichte leuchten sah, als ob ihr ganzes Wesen juble: »Das hab' ich mir gedacht!« Da mußte gleich auch er etwas tun, um dem Jos die Freude des Mädchens nicht ganz allein zu lassen. »Als Knecht ist Jos verloren«, sagte er trocken. »Ich hab' schon an einen anderen gedacht und will gern hören, was du dazu sagst.«[192]

»Wer ist es?«

»Hansjörg.«

»Gott Lob und Dank!« rief das Mädchen, und das Weinen wär' ihm fast gekommen vor Freude. Nun war doch alles, alles recht. Hansjörg kam auf einen guten Weg und war dem Jos nicht mehr gefährlich. Dorothee wußte selbst nicht, welches sie besser freue. Beides aber machte sie so glücklich, daß sie dem Hans hätte um den Hals fallen mögen. Jetzt mußte noch alles heraus, was sie gedrückt und gequält hatte. Sie weinte Tränen der Freude, während sie erzählte, wie viel sie um der beiden Burschen willen schon litt, besonders nachdem sie dieselben beisammen gesehen habe. Das sei für alle ein großes Glück, daß die wieder getrennt würden, und noch auf eine Weise, daß man's gar nicht besser hätte wünschen können. So gut hätten es nur die Reichen! Die könnten überall helfen, wenn sie nur wollten; doch es gebe nicht viele, auf die man sich verlassen könne und von denen etwas zu hoffen sei. Hans freute sich wieder an Dorotheens Freude. Er sah sich dem Jos gegenüber im Vorteil und begann den guten Burschen fast zu bemitleiden. In dieser Stimmung erzählte er alles, was er heute von ihm gehört hatte. So plauderten die zwei, die sich noch vor kurzem stumm und mißtrauisch gegenübersaßen, so froh und offen, daß es endlich der alten Stigerin zu gemütlich wurde. Man könnte vor Glück noch gar betrunken werden, sagte sie; der Anfang scheine schon gemacht, und da man morgen keine Zeit hätte, den Rausch auszuschlafen, so sei wohl das klügste, wenn man sich jetzt eine gute Nacht wünsche.

Dorothee tat das ebenso schnell, als sie seit Jahren jeden Befehl der Stigerin auszuführen gewohnt war. Sie ging um so lieber, weil die Rede der strengen Frau sie denn doch ein wenig unangenehm berührt und abgekühlt hatte. Jetzt unterschied sie schärfer als je zwischen Mutter und Sohn. Die erstere war streng, blieb beim alten, und ihre Güte war vielleicht nur Ausdruck ihres stolzen und dabei behaglichen Wesens. Wie an ders bei Hansen! Der war ihr noch selten so[193] groß erschienen wie jetzt. Selbst neben den Jos durfte sie ihn herzhaft stellen, ohne daß er viel verlor. Sie dachte überhaupt mit ganz anderen Empfindungen an den ehemaligen Knecht, seit er ihr nur noch durch sein unerklärliches Benehmen Sorge machte. Erst im Traum sah sie ihn wieder deutlich vor sich, aber nicht mehr als armen Schneider, sondern als Besitzer des Stighofs. Er war von einer ganzen Menge von Leuten umringt, die alle Rat und Hilfe bei ihm suchten. Er gab nicht nur Geld, sondern auch was aus mehr als einer augenblicklichen Not helfen konnte. Sein Wort wirkte auf alle. Streitende gingen versöhnt, Traurige getröstet von ihm, und so beredt wie er war kein Mensch, als wer eben von ihm redete. Nur sie durfte ihm nicht sagen, was ihr fehle. Sie wußte es aber auch eigentlich selbst nicht, und doch war ihr so weh, daß sie weinte. Als Jos dadurch auf sie aufmerksam wurde, erschrak sie so, daß sie erwachte.

Hansen tat es später doch weh, daß das Mädchen sich mehr über die schönen Aussichten des Jos zu freuen schien als um ihres Bruders willen. Unwillig schlug er die Türe seines Zimmers zu und verbrachte eine schlaflose Nacht.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 181-194.
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