Zwölftes Kapitel
Eine Versöhnung

[169] Während wegen Stighansen soviel geredet, vermutet, gehofft, gewünscht und gefürchtet wurde, bewegte dieser sich arglos in Haus und Feld. Recht aufpasserische Nachbarinnen freilich wollten behaupten, das Gerede über ihn und seine Magd mache ihm weit mehr Kopfarbeit, als er sich anmerken lasse. Sonst hab' er immer mit Dorotheen gesungen, schon am frühen Morgen, und in der ganzen Nachbarschaft habe man keinen Menschen früh zu wecken gebraucht. Jetzt aber bleibe den ganzen Tag alles still, und man könne leicht auf den Glauben kommen, daß Hans kein gutes Gewissen habe. Etwas jedenfalls müsse ihm über das Leberlein gekrochen sein, da man ihn auch nie mehr neben Dorotheen arbeiten sehe, neben der er sonst in der letzten Zeit noch gewisser als ihr Schatten gewesen.

Wer aber Hansens kräftige, gedrungene Gestalt so sicher und gleichsam stich- und kugelfest in den wenigstens achtpfündigen[169] Holzschuhen unter der breiten Stalltüre sah, mit dem stolz aufgerichteten Krauskopf ob den beiden lateinischen roten H, welche die Hosenträger mit den breiten Querbändern über Brust und Rücken auf dem blauen Werktagshemde bildeten, der verließ den beinahe trotzig und doch auch wieder so gutmütig unter schwarzen Lockenrädern herausblickenden Burschen mit der festen Überzeugung, daß dem noch nichts aufs Leben oder auch nur bis an die Haut gekommen sei. Unter dem, was ihm jetzt Sorge machte und was allenfalls für Minuten seinen Humor verderben konnte, war das Gerede wegen seinem Verhältnisse mit der Magd ganz hinten dran. Gehört hatte er allerdings davon und sich etwa eine Viertelstunde darüber geärgert, weil möglicherweise doch auch die Mutter davon hören konnte, die in diesem Stücke sehr streng war. Aber dann konnte er sie ja fragen, warum denn das Mädchen am Kirchweihtag so ganz gegen alle Art von seiner Seite weg und dem händelsüchtigen Knechte nachgelaufen sei. Gewiß, mit diesem konnte er die Mutter beruhigen, viel besser beruhigen als sich selbst. Ihn wurmte dieser Streich noch immer recht gewaltig, und das Gerede von einem heimlichen Liebesverhältnis mit Dorothee kam ihm fast wie ein Hohn vor.

Das war für ihn eine Demütigung, welche sogar die schöne Zusel nicht wegzulächeln vermochte; ein Schlag für sein Herz, der ihn schon genugsam dafür gestraft hätte, daß er den Knecht so ganz sich selbst und seinem traurigen Schicksal überließ. Und doch kam etwas noch viel Ärgeres. Jos, der kluge, unentbehrliche Jos, der Ratgeber und Helfer in allen Fällen, war arbeitsunfähig geworden und mußte daheim liegen in der unruhigen, peinlichen Zeit der Viehmärkte, wo es auf dem Stighof so viel zu tun und zu sinnen gab. Das blieb jetzt Hansens schwerste Sorge, weil es die nächste war. Sie konnte diese breite, hosenträgerumpanzerte Brust recht schwer drücken, wenn er ratlos vor einem listigen Viehhändler stand, welcher die Bäche aufwärts schwätzen zu können schien. Jetzt erst fühlte er, was das verteufelte Bürschchen[170] war, und viel leichter als sich selbst seine Untätigkeit verzieh er ihm, daß es das Köpfchen auch einmal ein wenig hatte aufrichten wollen. Jetzt stand Jos bei ihm zu hoch, als daß er noch hätte Unrecht auf Unrecht häufen und einen der vielen Burschen anstellen können, die ihm unter den vorteilhaftesten Bedingungen ihre Dienste antrugen. Er wollte sich, bis Jos wieder ein wenig hergestellt war, mit Taglöhnern behelfen. Freilich lebten die sich weniger in alles hinein, was zum Hause gehörte, als ein Knecht, ließen auch eher dies und jenes außer acht; aber ob jetzt hundert Gulden mehr oder minder aufgingen, kam weit weniger in Betracht als die Ehre des Stighofes, die es soweit als möglich zu retten galt. Unter Ehre denkt man sich sehr verschiedenes. Fast jede Lebensstellung bildet dafür ein eigenes Gefühl; doch überall wird schließlich die Frage entscheidend, ob es dem Menschen um das Sein oder nur um den Schein zu tun ist. Im ersteren Falle findet er die Befriedigung seines Ehrgefühls in der Ruhe des Gewissens, die ihn bei allen äußeren Stürmen aufrechterhält, im anderen kann ihm nur Kühnheit oder der Zufall und die Blindheit der Menge, die nur dem Scheine folgt, dazu verhelfen. Hans dachte nie daran, daß das Gerede wegen der Magd seiner oder der Ehre des Hauses weh tun könne, weil er sich Dorotheen gegenüber nichts vorzuwerfen hatte, als was er nun selbst büßen mußte, nämlich die stolze Trägheit, mit welcher er den trotzigen Knecht in seiner üblen Laune ganz dem Schicksal überließ und schließlich durch sein ungeschicktes Auftreten zum Äußersten trieb. Wenn er hören mußte, er habe dem Knechte nicht geholfen und sei sogar noch gegen denselben im entscheidenden Augenblicke aufgetreten, weil er, wie Jos ja selbst deutlich genug verraten, den lästigen Nebenbuhler nicht nur habe entfernen, sondern auch demütigen wollen, so tat ihm das weit weniger weh, als wenn man sagte, er habe den Knecht verlassen, wo er mit einem Worte den Frieden hätte herstellen können, und der Beweis wäre nun geliefert, daß er selbst neben dem betrunkenen Jos noch der Dümmere sei.[171]

Das hatte Hans von einigen Freunden des ehemaligen Schneiders hören müssen, und das schnitt furchtbar tief ein. Entschuldigt freilich war Jos damit noch nicht. Das Bürschchen tat damals viel zu stößig und war zu sehr obenauf. Es tat gar nicht wie gewöhnlich und war kaum noch für den klugen Jos zu erkennen. Wer aber konnte das so gut wissen als Hans? Jeder hat einmal seine schwache Stunde, und wer soll ihn dann ertragen und zurechtweisen so gut als möglich, wenn nicht die, die ihn besser kennen? Dorothee hatte das auch gesagt, und er, zu redlich, um seine Fehler hinter fremde zu verstecken, ließ ihr ohne Widerrede vollkommen recht; nur meinte er, daß eine kleine Demütigung dem Jos denn doch nicht übel getan hätte. Er sagte das an dem Morgen nach der Kirchweih, als er die Magd in der Küche traf, und hatte dabei schon etwas Schlaf in den Augen. Der aber verging ihm, als das Mädchen sich hart vor ihn hinstellte und sagte: »Weißt du nicht, daß einem leicht Seifenschaum in die Augen kommt, wenn man ihn mit Gewalt weißwaschen will? Warum soll gerade er, der Fleißige, Durchtriebene, Unermüdete, von dessen Kraft und Kühnheit du und dein Hof das ganze Jahr zehren, an dem Tage gedemütigt werden, an welchem ihr alle euch in euerer Herrlichkeit zeigt und mit allem prahlt, was ihr habt?«

Hans eilte aus der Küche, als ob er fürchte, die aufgeregte Magd könnte ihm mit einem Topf voll siedenden Wassers nachstürmen. Das war aber auch alles, was die beiden in der Woche nach der Kirchweih über diese Geschichte miteinander redeten. Sie redeten überhaupt nicht mehr, als die Verrichtung der täglichen Arbeiten unumgänglich notwendig machte, und die Nachbarinnen hatten nicht ganz unrecht, wenn sie behaupteten, daß die beiden sich mit solchem Fleiß mieden, als sie sich in den Wochen vor der Kirchweih gesucht hätten. Das Unglück des armen Jos, den Dorothee jeden Abend besuchte, und seine unsicher gewordene Zukunft mit der seiner vielgeprüften Mutter machten dem Mädchen um so mehr Kopfweh, da es selber sich nichts vorzuwerfen hatte. Wenigstens[172] in den ersten Tagen nicht. Nach und nach aber war denn der armen Magd nicht mehr recht wohl neben dem immer mürrischeren, immer schweigsameren Hans. Das Gefühl der Abhängigkeit begann ihre Teilnahme für Jos zu schwächen und sie immer schwerer, immer schmerzlicher zu drücken. Auf dem Stighofe hielt man sie so, daß sie kaum anders einmal an ihre Stellung gegenüber den Besitzern dachte, als wenn sie den außerordentlich großen Jahreslohn empfing. Dann war sie gerührt von so großer Güte, und mit tausend guten Vorsätzen ging sie gleich an ihre Arbeit, um wenigstens so vieler Wohltaten sich nicht unwert zu zeigen. Dieses Abhängigkeitsgefühl konnte aber bei so liebevoller Behandlung um so weniger lange dauern, da nur kindliches Pflichtgefühl sie noch an die Heimat am Argenstein fesselte, seit die Mutter einem jahrelangen Leiden erlag. Wohl trug sie dem alten, geldgierigen Vater und der kränkelnden Schwester jeden verdienten Kreuzer zu, ja sie versagte sich noch manches, um ihnen einen frohen Tag machen zu können, was, wie sie wußte, mit Geschenken immer gelang; aber sie lieben, so recht gern haben und alles vor ihnen abschütteln, was drückte, das konnte sie nie. Es fehlte ihr Achtung und Vertrauen, doch wagte sie sich das nie zu gestehen und errötete vor sich selbst bei der Frage, was denn in der engen, heißen Stube ihr so die Brust beklemme und sie immer fast mit Gewalt hinaus und auf den Stighof zurücktreibe. Um sich wenigstens dem Vater gegenüber zu entschuldigen, hatte sie ihm einst gestanden, daß sie sich eigentlich nicht mehr am Argenstein, sondern auf dem Stighof in den seit mehr als fünfzehn Jahren gewohnten Verhältnissen recht und ganz daheim fühle. Eine kleine Strafpredigt oder wenigstens einige Klagen über dieses Geständnis hätte das Mädchen entschieden viel lieber gehabt, als sie das Lächeln sah, mit welchem das Mathisle sein kurzes: »Schon gut, ganz recht!« begleitete. Von jetzt an ward es ihr immer noch heißer in des Vaters kleiner Stube, in welche sie jedoch kaum noch jedes Halbjahr zu kommen pflegte.[173]

Was nun aber, wenn sie mit Hansen nicht mehr einig wurde, wenn er es ihr immer nachtrug, was sie gesagt und getan, als er einmal nicht gerade ihr zum Dienst gehandelt hatte? Am ersten Tage nach der Kirchweih antwortete sie sich auf diese Frage ganz kurz, sie könne auch anderwärts ihr Brot verdienen. Bei ruhigerer Überlegung jedoch war sie mit dieser Antwort in keiner Weise mehr zufrieden, obwohl sie keine andere finden konnte. Wenn sie an den Vater, an ihre Pflicht gegen ihn und die Schwester dachte, mußte sich sich sagen, auch Jos hätte an seine Mutter denken und sich anders benehmen sollen. Erst seit Hans so mürrisch an ihr vorüberschoß, wußte sie recht, wie gut er sonst immer war. Nur einmal hatte er sich so gegeben, daß sie ihn kaum noch kannte; aber wenn er am Kirchweihtag den Knecht seine Unzufriedenheit empfinden ließ, und mehr tat Hans ja eigentlich nicht, so war das noch immer weit eher in der Ordnung, als wenn sie dann Hansen, ihren größten Wohltäter, darum öffentlich tadelte.

Dem Mädchen ging's wie ein Stich ins Herz, wenn es dem mürrischen Burschen begegnete, denn es hatte keine Ahnung, daß oft nur seine Ratlosigkeit wegen einem Kuhhandel ihm die Stimmung verdarb und daß er überhaupt sich selbst noch weit mehr vorzuwerfen habe als ihr, die ihn eigentlich nur mit sich selbst noch unzufriedener gemacht hatte.

Am Sonntage nach der Kirchweih ging Hans wie jeden Sonntag, wo die Hitze während des Nachmittagsgottesdienstes ihn durstig machte, in die Kronenwirtschaft, die des guten Bieres wegen besonders berühmt war. Kaum hatte er sein Glas vor sich, als auch der Krämer, hier ein etwas seltener Gast, sich neben ihn hermachte und von allem redete, was er von der Kirchweih mit heimgebracht hatte. Der Mann wurde dabei so lang und breit, wie vielleicht kaum den vertrautesten Freundinnen gegenüber ein Mädchen, welches da zum erstenmal im Leben auf dem Tanzplatz aufgeführt wurde. »Recht lustig«, schloß er endlich laut und beinahe feierlich, »prächtig ist alles gewesen. Jede Stunde, jede Minute ein neues Vergnügen.[174] Ich hab' noch keine solche Kirchweih erlebt, und doch weiß jedermann, daß ich schon weit in der Nähe herumgekommen bin. Musik, gute Weine, ordentliche Bedienung, nun, das sind so Sachen, die unsereiner immer und überall findet, aber seltener trifft sich's, daß ganz die rechten Leute sich zusammenfinden. Da wurde denn doch einmal mit dem Gesindel gehörig aufgeräumt. Lächerlich noch zu allem Unfall ist dem Jos gegangen.«

»Wenn etwas an der ganzen Geschichte noch lächerlich sein sollte«, betonte die Wirtin streng, »so wär' das gewiß nur der Umstand, daß ein Mensch so ganz zum Krämer wird, daß er auch Menschen verhandeln und umtauschen will wie Tuch und Mehl um einen Heustock.«

Hans hatte unwillkürlich die Augen geschlossen wie immer, wenn ein unerwartetes Wort ihn wie ein Schlag traf, den er wehrlos hinnehmen mußte. Er sah nicht mehr, wie aller Blicke sich auf ihn richteten, aber er fühlte es ebensogut, als er den Hieb der Wirtin auf den Heustock gefühlt hatte. Die schon mitgebrachte üble Laune hatte ihn viel empfindlicher gemacht, als er sonst gegen derlei Bemerkungen zu sein pflegte. Gewöhnlich mochte Hans mit jedem Menschen sich gern unterhalten, und über einen guten Einfall konnte er herzlich lachen, ohne zu fragen, von wem er sei. Mancher wohlhabende Wälder kümmert sich vor allem um Stand und Vermögen seines Gesellschafters, damit er einen Maßstab für die Länge und Vertraulichkeit der Unterhaltung gewinne. Hans aber pflegte nur seinem Gefühle zu folgen. Er konnte jeden sogleich verlassen, der ihm nicht paßte, sobald er irgendwo Besseres wußte; nur heute, als der Krämer zu ihm her katzenbuckelte, blieb er trotz dem in ihm sich regenden Widerwillen wie angenagelt sitzen. Das vom Krämer gebrauchte Wort »lächerlich« machte ihn schwach und empfindlich für die Zurechtweisung der Wirtin, welche er ganz bestimmt erwartet hatte. Nein, lächerlich war's nicht, was dem guten Jos begegnete, als er, zu bescheiden, um gegen den Brotherrn aufzutreten, sich so gut als noch möglich durch die Flucht aus[175] der Sache wickeln wollte. Die Wirtin hatte – wie gewöhnlich – ganz recht, daß sie den herzlosen Mann gehörig abtrumpfte und auch daß sie ihn, Hansen, einen Heustock nannte. Ja, er war wirklich der träge, dumme Heustock gewesen, heute aber wollte er der um keinen Preis mehr länger sein. War auch der Wirtin nicht ganz zu entrinnen, so wollte er denn doch ihre Predigt nicht mit dem Krämer anhören; besonders da nicht mehr, als der, statt seine frühere Rede zu verbessern, ganz trocken sagte: »Dir, du strenge Predigerin, würde die Geschichte schon auch lustiger vorgekommen sein, wenn sie unter deinem Dach und bei deinem Weine sich zugetragen hätte.«

Solche Krämerantwort auf einen so gegründeten Vorwurf war Hansen in seiner jetzigen Stimmung gerade, was er noch brauchte, um rasch aufzustehen und vom vollen zweiten Glase wegzugehen.

Wenn er auf der steinernen Stiege vor dem Hause nur ein bißchen stillgestanden, so hätte er hören müssen, wie scharf die Wirtin dem Krämer auseinandersetzte, daß sie ihr Geschäft eigentlich nur aus Liebhaberei betreibe. »Wär' ich nur wegen dem lieben Profitchen da«, sagte sie, »und wär' mir das, wie dir, das Gewissen und alles, dann müßt' ich ja jedem schmeicheln und streicheln, wenn ich ihm auch viel lieber mit Feuer in den Pelz fahren tät'. Ich ehre aber und achte mein Geschäft, drum soll es auch mich ehren und nicht etwa meine beste Tugend, meine Offenheit, von mir zum Opfer fordern. Wenn du nun noch nicht merkst, wie unberechnet ich bin und wie gleichgültig gegen den Gewinn, den mir gewisse Leute bringen, so sollst du das noch heut, noch diese Stunde von mir erfahren.«

Der Krämer schien aber schon genug zu haben. Er saß so demütig und still bei seinem Glase, daß die Wirtin ihre Heftigkeit beinahe bereute und etwas unwillig über sich selbst die Stube verließ. Sie glaubte, dem Manne denn doch gar zu rauh gekommen zu sein, weil es ihr nicht einfiel, daß ihre Auseinandersetzung es weit weniger sei als Hansens schnelles[176] und ganz unerwartetes Fortgehen, was ihm jetzt sichtlich Kopfarbeit machte.

Hans würde jetzt weit weniger bald schwach und mitleidig geworden sein als die Wirtin. Ja zum Lachen hätte ihn der Anblick des sonst so großen Mannes bringen können, der stumm dasaß, mit den mageren Fingern einen langsamen Marsch trommelte und den Takt dazu ächzte. Aber Hans sah und hörte jetzt in dieser Gegend nichts mehr. Heim lief er, als ob ihm der Kopf brenne, und die schwere Haustür schlug er hinter sich zu, wie wenn zu weltewigen Zeiten ihm kein Mensch mehr nachkommen sollte. Die Stube fand er brütig heiß, die Pfeife wollte nicht ziehen, und der Kaffee war so schlecht, daß er Dorotheen ernstlich darum tadeln wollte. Doch da sagte ihm die Mutter, er sollte wissen, daß die sogar am Werktag in jeder freien Minute beim Jos drunten stecke, geschweige denn am Sonntag, wo Krankenbesuch sogar vom Pfarrer als gutes Werk empfohlen sei.

Ja, ja, das war richtig! Hans empfand etwas wie Eifersucht. Aber das ihn quälende Gefühl war doch ganz ein anderes, als da er die Angelika zuerst mit dem leichtsinnigen Andreas vertraulich tun sah. Damals fuhr ein rechter Ärger über die böse Welt in ihn, jetzt aber war's ihm, als ob der Boden unter seinen Füßen weiche. Er vermochte sich nicht mehr auf der Höhe zu behaupten, die die Mutter ihm damals mit Erfolg als seinen Platz anwies. Wie vernichtet stand er da und sann eine Weile. Dann verließ er das Haus, und als ob es an eine Feuersbrunst ginge, eilte er der Wohnung der armen Stickerin und ihres kranken Sohnes zu.

Auf der hinteren Bank, hart neben dem wohlgepflegten, lieblich duftenden Rosmarinstock, war dem Jos das Bett gemacht worden, so sauber und nett, daß es mit dem Rosmarin zu seinen Füßen und dem Glase voll hochstengeliger Feld- und Gartenblumen beinahe einem Altar der Mutterliebe glich. Dem Eintretenden war's wirklich nicht anders, als ob er in die Kirche komme zum Beichten. Jetzt erst begann er sich vorzustellen, was alles diese guten Leute leiden müßten. Er[177] verstand auf einmal, was es bedeute, daß die Mutter auch das Kreuz aus dem Tischwinkel genommen und ob dem Leidenden zwischen zwei Heiligenbildern aufgehängt hatte. Die Arme wollte ihn mit allem umgeben, was je sie getröstet oder auf andere Gedanken gebracht hatte. Konnte das etwas nützen, wie schön es auch war? Oh, gewiß nicht viel! Hans wenigstens gestand sich, daß ihm schon die wohlgepflegten Pflanzen zuwider sein würden, wenn sie ihn immer ans Freie erinnerten, während er keinen Augenblick aus dem Schatten könnte. So da liegen und in den schönen Sommertagen sich nicht regen und nicht bewegen dürfen, leiden wie ein angebundenes Tier, dabei auf Gnad' und Ungnade sich dem Doktor mit seinen scharfen Messern und Binden und dem Schicksal überlassen wie die Katze im Sack, schon das – und es wollte Hansen noch immer mehr einfallen – war so ganz gegen seine Natur, quälte ihn schon als Vorstellung so, daß er augenblicklich kein Wort der Anrede finden konnte. Er hatte eine so peinliche Empfindung wie früher in der Schule, wenn unvermutet ein Knabe mit eisernem Nagel über eine Schiefertafel fuhr.

»Guten Abend«, brachte er endlich mit Mühe hervor und war nicht wenig erstaunt, daß Jos so freundlich, ja gerade heiter zu antworten und seinen Gruß zu erwidern vermochte. Etwas erklärlicher allerdings wäre ihm das geworden, wenn er sich gleich anfangs weit genug in das Stübchen hineingewagt hätte, um auch Dorotheen erblicken zu können, die schweigend im hinteren Ofenwinkel gerade dem Jos gegenübersaß. Doch wenn er auch die gesehen, wenn er sich in der Aufregung noch an die Worte seiner Mutter erinnert hätte, alles, was in diesen Menschen vorging, wäre ihm doch noch nicht begreiflich geworden. Wo so ein verwöhnter Hans nichts mehr vermutet und nichts mehr sucht, da finden arme Leutlein das Beste, denn gerade da offenbart sich recht der Schatz der heiligen, reinen, selbstlosen Mutterliebe, welcher in dem Grade wächst, wie das launische Glück seine Gaben zurückzieht. In der Hütte der Armut, wo sie so viel Platz hat,[178] da waltet sie allein und beinahe allmächtig, so daß es schwer zu beschreiben und doch jedem leicht begreiflich zu machen ist, der dabei selbst an eine liebe Mutter denkt.

Als Jos damals das Durcheinander von der Kirchweih in Gedanken etwas erlesen hatte und mit sich so gut als eben möglich eins geworden war, begann ihn die Vorstellung zu quälen, daß er nie mehr der Mann zu einem gehörigen Tagwerk werde, um sich und die Mutter wenigstens vor der äußersten Not zu schützen. Jedes freundliche Wort der Guten ward ihm ein Vorwurf, jede Äußerung ihrer Teilnahme, ihres Mitleids traf den von eigenen Vorwürfen nicht Freien viel schmerzlicher als der bitterste Tadel. Aber wie so viele Liebe und Sorgfalt ihn auch beschämten, er vermochte doch nicht lange zu widerstehen. Es war, als ob er das Herbste, Drückendste allmählich wegbrächte in stillvergossenen Tränen, die er jetzt häufiger fast als in seinen Kinderjahren weinen mußte. Es tat ihm wunderbar wohl, sich mitten in seiner Armut so reich und bei seinen großen Fehlern so innig geliebt zu wissen. Er ward demütig von Herzen, und drum trug er leichter die Last, die er nun einmal zu tragen hatte.

Wenn die Mutter neben ihm bei der Stickerei saß und so vertraulich mit ihm plauderte, war es ihm oft, als ob die schönste Lebenszeit, die der Knabenjahre, wieder gekommen und alles seitdem Erlebte nur ein Traum sei. Wirklich war er auch wieder weich und fromm und fügsam wie damals, wurde auch wie ein Kind behandelt, und nur der Gedanke an die Zukunft schlich wie ein düsterer Schatten durch seine schönen Träume. Es war auch die Zukunft der Mutter!

Er war zu bedauern, und die Stickerin neben ihm auch, wenn ihm solche Gedanken kamen, und sie kamen immer häufiger. Die Mutter fand kein Wort, sie zu bannen, Dorotheen aber war das schon durch ihr Erscheinen, wenn auch ohne Wissen und Willen, gelungen. Hätte er auch auf ihre Fragen nach seinem Befinden eine betrübende Antwort geben können? Es war ihm doch recht wohl jetzt, und es gab Augenblicke, wo er sich sagte, Dorotheens Teilnahme sei schon wert, daß[179] man sie durch ein Leiden errege. Es ging auch sonst gleich alles besser, als er im ersten Schrecken gefürchtet hatte. Seit der Doktor das Bein wieder einrichtete und verband, fühlte er oft so lange gar keinen Schmerz, bis er sich vergaß und zu unruhig wurde. Aber Dorothee redete ihm darum so eindringlich zu, daß er dann selbst im Traume noch daran denken zu können glaubte. Nur als Hans kam, hatte er unwillkürlich aufspringen wollen. Aller Groll gegen ihn war vergessen, und heiter fragte er den reichen Arbeitgeber, der den Türnagel noch immer nicht aus der Hand gelassen hatte: »Du wirst endlich sehen wollen, wie lang der Knecht braucht, bis die Kirchweih gehörig ausgeschlafen ist?«

»Ja, es ist eine schlimme Geschichte«, antwortete Hans, der in des Knechtes heiteren Ton nicht überzugehen vermochte, etwas unbeholfen. Ihm kam die freundliche Frage ganz unerwartet und beinahe auch unerwünscht. Hätte Jos den Mürrischen gemacht und ihn am Ende tüchtig ausgescholten, so würde er ihm schon auch gesagt haben, wieviel an dem Unglück auf Josens eigene Rechnung komme. So aber konnte Hans nichts tun als dastehen wie ein armer Sünder und sich schämen. Einen Augenblick bedauerte er wirklich, daß er nicht lieber beim Krämer in der Krone geblieben war. Dann aber schritt er ans Bett heran, erfaßte die Hand des Knechtes und rief: »Sind doch wir beide wieder einmal Narren gewesen! Dorothee hat –«

Hans hatte erst in diesem Augenblick die Genannte im Ofenwinkel erblickt und hielt nun verlegen inne.

»Was hast du denn von der gleich erzählen wollen?« fragte das Mädchen.

»Nun«, murrte Hans, »du solltest mich gut genug kennen und mich für keinen Verleumder halten. Da hättest du gar keine Sorge haben, ja nicht einmal kommen müssen.«

»Ich bin ja schon vor dir dagewesen«, trotzte das Mädchen. »Dich«, fuhr es dann halb im Scherz und halb im Ernste fort, »dich haben wir beim Krämer vermutet, und daß der keinem[180] Menschen zu nahe tritt, ist bekannt genug. Also nichts für übel!«

Durch diese Worte ward Hans wieder an die heutige Rede des Krämers erinnert, die ihm diesen jetzt noch mehr zuwider machte. »Nein«, sagte er, »mit dem laß mich gehen, wenn du das von Dorotheen noch hören willst.«

»Nun, ich bin ja still und höre.«

»Dorothee hat – aber nein, das sag' ich nicht mehr.«

»Der Krämer«, ahmte das Mädchen Hansens Redeweise nach.

»Nur still und laß mich: Dorothee–«

Der beiden Blicke waren sich freundlich begegnet. Sie mußten laut lachen, und Jos und die Schnepfauerin lachten mit. »Dorothee«, begann Hans nun herzhaft, »hat ganz recht gehabt, als sie mir am letzten Sonntag tüchtig den Marsch machte.«

»So,« spottete das Mädchen, »und dieses Bekenntnis hätte man fast mit Winde und Hebstange heraufholen müssen?« »Nun ist's da, und du kannst machen damit, was du willst.« Das Mädchen war hocherfreut, nun Hansen doch wieder freundlich zu sehen. Sogar Jos, der zuweilen schon selbst nicht ungern ein wenig zwischen die beiden geworfen hätte, fühlte sich erleichtert, als er eine schwere Sorge des Mädchens, auch aus seinem ungeschickten Benehmen erwachsen, wieder schwinden sah. Er nahm an den nun folgenden Gesprächen so lebhaften Anteil, daß ein nur Hörender ihn für den Gesundesten unter allen gehalten hätte. Es war ihm auch wirklich noch selten an einem Sonntage so herzlich wohl gewesen.

Nur als Hans und Dorothee die Stube verlassen hatten und er sie von seinem Lager aus hart nebeneinander dem stolzen Stighofe zuschreiten sah, zog etwas wie eine Wolke über sein ausdrucksvolles Gesicht, und der Fuß begann recht weh zu tun, gerade als ob das in den letzten Stunden Versäumte und Verplauderte sogleich wieder eingebracht werden müsse.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 169-181.
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