Vierzehntes Kapitel
Zusel und Angelika

[194] Dorothee kam durch Zusels fromme Freundinnen immer ärger ins Geschrei. Sogar der Zusel war zuweilen bang vor dem, was durch sie angerichtet wurde, wenn sie schon fest glaubte, daß Dorothee wenigstens alles tun würde, wodurch sie den unbeholfenen Burschen möglicherweise fangen könnte. Bestand aber ein sündhaftes Verhältnis noch nicht, so durfte doch auch das Entstehen desselben verhindert werden. Das war Zusels Trost, neben der Hoffnung, daß sie sich bald in Ehren aus der Sache ziehen und dann auch ihre Werkzeuge wieder wegwerfen könne.

Sehr bedenklich aber war es, daß trotz allem Dorothee noch immer auf dem Stighof blieb. War denn die Stigerin unempfindlich[194] für die Ehre des Hauses, oder hatte die Magd auch sie schon gewonnen? Der Krämer, der immer gut unterrichtet sein wollte, behauptete freilich das Gegenteil, aber seiner Tochter war das nur ein schlechter Trost. Sie hätte, besonders da sie einmal die schlimmen Folgen des durch sie erregten Lärms empfand, auch etwas von der beabsichtigten Wirkung erleben mögen. Allerdings galt jetzt das sündhafte Verhältnis der beiden auf dem Stighofe für eine ausgemachte Sache; nun aber begannen die Leute sich auch an das wunderfreundliche Paar Augen zu erinnern, welches Zusel Hansen am Kirchweihtage gemacht hatte. Dorothee lief damals von dem Burschen weg und kam doch hernach mit ihm ins Geschrei. Zusel, hieß es, war also nicht imstande gewesen, etwas zu erlächeln. Hans habe nicht so unrecht. Vielleicht komme er mit einer Armen – wenn's nur eine brave Person sei – weit besser durch die Welt, als wenn mit dem Halben von dem, was der Krämer erschachert, seine Zusel auf den Stighof gebracht würde. Dort sei gewiß jetzt kein unredlich erworbener Kreuzer, und schon das sei mehr für ein Ehepaar, das von vorn anfange, als wenn mit ein paar tausend erheirateten Gulden der Unstern ins Haus hineinkommen tät, wie man das schon so oft erlebt habe. Hübsch nun wäre die Zusel allerdings, aber sie wisse schon auch davon, und daß sie sich es dann zuweilen so sehr anmerken lasse, sei entschieden nicht hübsch. Zudem wisse jeder, daß man keinem ein schönes Weib und ein hübsches Roß mißgönnen dürfte, weil sie beide vornezu verdient werden müßten. Hauptsache sei für einen Besitzer des Stighofes im Grunde doch unbescholtener Name, schönes Gemüt und eine geschickte Haushälterin. Das Geld komme weniger in Betracht als die Frage, was denn sonst aus der Verwandtschaft Gutes oder Böses zu erben wäre. So sei zu urteilen; und wenn man so urteile, müsse man die Zusel eine schöne Sache sein lassen. Freilich aber sei damit noch nicht gesagt, daß Hans darum nun gleich mit der Magd hätte anbinden sollen.[195]

Zusel, der solche Bemerkungen von den Betschwestern beinahe täglich zugetragen wurden, prüfte ängstlich, was daran wahr sei. Nebenbei suchte sie zu berechnen, welchen Eindruck nun alles zusammen auf Hansen und seine Mutter machen werde. Das konnte sie dann recht unglücklich machen. Ihre Neigung zu Hansen war doch von der Art, daß sie nicht nur ihn fangen, sondern durch eigenen Wert gewinnen wollte. Derlei Bemerkungen taten ihr daher doppelt weh. Dem und jenem wollte sie wieder eine Rede bei passender und unpassender Gelegenheit gehörig heimzahlen, wobei sie stets ungemein leidenschaftlich zu Werke ging. So verwickelte sie sich bald überall in böse Händel und wurde von den früheren Freundinnen und von allen, die es wahrhaft gut mit ihr meinten, fast ängstlich gemieden. Wenn sie nachsann, was alles in wenigen Wochen durch sie und wegen ihr geschah, dann hätte sie versinken mögen vor Scham; und laut – um ihre Gedanken zu verscheuchen – sprach sie den Vorsatz aus, in Zukunft nur sich Hansens wert zu machen, den sie aber um jeden Preis nun haben müsse.

Der wunderliche Bursche tat jetzt wieder so hölzern und fremd, als ob er nie mit ihr von der Kirchweih heim sei. Woher sollte das kommen als von dem Gerede, welches über sie umlief? Was war also gewonnen, wenn auch Dorothee schließlich noch vom Platze kam? Ein Gewissen freilich brauchte sie sich daraus nicht mehr zu machen. Dorothee hätte Hansen einzig nur um des Geldes willen genommen, was bei ihr – der Vater mochte schon seine Rechnungen haben – wahrhaftig nicht der Fall war. Je länger sie der Sache nachsann, desto klarer ließ es die Eigenliebe erscheinen, daß nur uneigennützige Neigung zu dem guten Burschen sie so unvorsichtig und leidenschaftlich habe werden lassen. Denn – wieviel Herzeleid hatte nicht dieser Hans ihr schon gemacht! Hansjörg mußte einst seinetwegen fort, und ihr selbst ließ er seit Wochen keine ruhige Stunde mehr! Auch ihrer armen Schwester schon war es früher nicht besser gegangen. Ach, jetzt auf einmal dachte sie mit ganz anderen Empfindungen[196] als sonst an Angelika, ihre Leidensgefährtin, deren sonderbares Wesen sie früher nicht begriff, nun aber ganz gut zu verstehen meinte. Ja, Angelika war allein fähig, auch sie zu verstehen und ihr zu sagen, woran sie sich halten, wie sie sich wieder aufrichten könne. Ihre jetzigen Freundinnen, die sie eigentlich recht von Herzen verachtete, hatten sich wie Bleigewichte an ihre Schwäche gehängt und sie noch tiefer niedergedrückt. Der Vater verstand sie auch nicht, und von den mütterlichen Verwandten war schon gar nichts zu erwarten. Also zu Angelika, der edlen, die das nämliche ertrug und doch noch aufrecht zu stehen vermochte! Ihre Angst vor Angelikas strengem Wesen half die Gemeinheit und der Leichtsinn ihrer jetzigen Freundinnen überwinden. »Alles Geschwätz, alle Schmeichelei dieser Elenden für ein Wort von ihr, der es mit Hansen gerade ging wie mir, obwohl sie ihn vielleicht eher verdient und glücklicher gemacht hätte als ich!« rief sie eines Tages und ging, ohne sich wie sonst noch besser anzukleiden, zum Hause hinaus.

Vergebens fragte der Krämer zweimal, wohin sie wolle. Dem Mädchen kam sein Gang wie ein Ergeben in sein Schicksal vor. Es dachte sich schon in der Lage der Schwester und fand dabei eine innere Beruhigung, die ihm während der Blütezeit seiner Hoffnungen gefehlt hatte.

Das stattliche, überall neu angeschindelte Haus, in welchem die Schwester wohnte, nahm sich noch viel stolzer aus neben dem alten Stadel, der jetzt nur noch als Holzbehälter und zum Aufbewahren der Wagen und Schlitten benutzt wurde. Zusel ging jeden Schritt langsamer. Was für eine Ausrede für ihr Kommen sollte sie brauchen? Aber sie kam ja nur ins Haus ihres Schwagers, zu eigenen Leuten, sagte sie sich, emporblickend zu den Reihen grün angestrichener Fensterläden und zum hohen Dachstuhl, wo noch der Busch zu sehen war, welchen die Zimmerleute nach Vollendung ihres Werkes aufgesteckt hatten. Es tat ihr wohl, ihre Schwester in diesem schönen Hause zu wissen. Ihre Entsagungswilligkeit schwand schneller noch, als sie kam. Zusel dachte an Stighansens[197] stattlichen Hof – vielleicht zum erstenmal – und stellte sich vor, wie prächtig es nun wäre, wenn sie beide, die Kinder des vom Neide so vielgeschmähten Krämers, so stolz neben der Gasse im Herrendorfe wohnen und den Neidhämmeln hinter schneeweißen Vorhängen auf die Gasse herab nachlachen könnten. In so einem Hause konnte man sich schon auch etwas gefallen lassen, und für gar zu unglücklich brauchte sich Angelika doch nicht zu halten, wenn ihr auch manches an ihrem Gatten nicht gefiel. Sie war doch etwas wunderlich, altmodisch, und ein lustiger Mann wie der Andreas konnte mit ihr unmöglich gut auskommen. Mit solchen Gedanken beschäftigte sich das Mädchen, noch immer stille stehend, und vielleicht wäre sie gar nicht mehr zu der wunderlichen Schwester hinein, wenn sie nicht den neugierigen Blicken einiger Vorübergehender zu entrinnen gewünscht hätte; sie ging schnell durch den Schopf, öffnete geräuschlos die Türe und ließ sich durch den Empfang der Schwester, wie wenig ermutigend er auch sein mochte, nicht im mindesten erschrecken. Die auf dem Wege zusammengestellte Einleitung hatte sie freilich vergessen, aber die wäre doch in der jetzigen Stimmung auch nicht mehr zu brauchen gewesen. »Du wohnst recht schön hier«, begann sie, nachdem sie sich für den etwas kühlen Gruß der Schwester bedankt hatte.

»Hohes Haus, großes Kreuz drin«, antwortete die Schwester, indem sie sich wieder mit der Umkleidung der Puppe zu beschäftigen begann, die ihr wunderliebliches Kind ihr lächelnd reichte.

»Ich möchte dir tragen helfen«, sagte Zusel wehmütig. »Gelt«, fuhr sie, sich zu einem heiteren Tone zwingend, fort, »du meinst, wir Ledigen sollten gar nicht wissen, wie wohl euch Eheleuten ist, wenn ihr mit euern Kindern wieder zu spielen beginnt. Ja, Schwester, ich möchte dir tragen helfen an deinem Kreuz und trage vielleicht auch schon mehr daran, als du glaubst.«

»Jedermann hat zu tragen genug an den Früchten seiner eigenen Torheit.«[198]

Dieser ernste Ton in einer so freundlichen Stube, neben so holdem Kinde, mitten im Wohlstand, den die Verschwendung des Mannes ja noch kaum zu verkleinern vermochte! »Bist du denn noch immer nicht glücklich?« fragte Zusel eigen weich. »Wer ist das und weiß es? Wer? Etwa dein – unser Vater? Er hat mehr, als er sich früher träumte, aber um so größer sind seine Wünsche jetzt. Du könntest der Stolz der Gemeinde sein, aber eben weil du das fühlst, bist auch du nicht glücklich.«

»Du nimmst die Sache zu ernst.«

»Für dich wohl, denn du spielst. Mit dem Größten und Heiligsten, selbst mit deiner, nicht nur mit der Ehre und Zukunft anderer spielst du. Das hab' ich nie getan und muß doch schon so schmerzlich büßen.«

»Ich weiß, was du meinst, aber ich halte mich nicht für schuldig. Nur eine Kleinigkeit, einen Schneeballen gleichsam hab' ich fallen lassen. Was kann ich dafür, daß er im Rollen zur Lawine heranwuchs, die mich selbst gewaltsam mit fortriß?«

»Laß mich gehen, ich kenne das«, sagte Angelika bitter. »Mich haben alte Weiber erzogen, die ärgsten Schwätzerinnen im Lande, nur haben sie die Sache feiner zu treiben verstanden als die Leute, mit denen du jetzt umgehst. Ja, da konnte man etwas lernen. Alle Gemeindeangelegenheiten sogar wurden von Vorsteherin und Rätin verhandelt und dabei geprüft, was wohl am besten zum Einschlag in ihren Zettel passe, denn immer hatte man Günstlinge, denen man gern das Wasser auf ihre Mühle richten, und andere, denen es zerstörend durch den angesäten Acker geleitet werden sollte. Waren einmal die Weiber eins, dann hatte die Meinungsverschiedenheit der Männer nicht mehr viel zu bedeuten. Die ganze Gemeinde hatten meine Basen und ihr Kreis am kleinen Finger. Alle menschlichen Fähigkeiten, Kräfte und Leidenschaften, Stand, Besitz, Abstammung, kurz alles ward hier geschätzt, gezählt, abgewogen und verhandelt, ohne Liebe, rein nach Willkür, wie es jetzt auch die Betschwestern tun[199] möchten, nur etwas anständiger noch, da man damals noch nicht jeden Gegner gleich einen Gottlosen nennen durfte. Alles kam auf diesen Markt, jede Veränderung im Dorf mußte, es mochte eine Hochzeit oder ein Testament sein, zuerst hier gutgeheißen werden. Schon da aber hat mich das angewidert, und die Leute, die sich ziehen und treiben ließen wie Schafe, sind mir so erbärmlich vorgekommen, daß ich's ums Leben nicht geglaubt hätte, eines Tages meine stolze, eigensinnige Schwester in einem noch schlechteren Netze zappeln sehen zu müssen. Nicht einmal an meiner Heirat mit Andreas, wie sie auch ausgefallen sein mag, kann ich dem aus unserem Verhältnis entstandenen Gerede die Schuld geben. Im hohen Rate, das heißt an den Kaffeetischen der beiden Verwandtschaften, die überall im Dorf das Kraut fett werden lassen, war man eigentlich gegen unsere Hochzeit eins und hatte dafür seine Gründe. Den reichen Basen des Andreas war mein Vater nicht gut genug; meine Erzieherinnen aber hielten den Andreas für einen leidenschaftlichen Menschen und meinten, nur wer so sei wie er, könne mit ihm gut durchkommen; an andere werde sich der auch durch den Pfarrer nicht binden lassen.«

»Und warum hast du ihn denn doch genommen?« fragte Zusel, welche der Erzählenden anfangs gähnend, dann aber immer aufmerksamer zugehört hatte.

»Schon der Trotz gegen die Basen«, antwortete Angelika leidenschaftlich, »war viel stärker, als du dir einbilden kannst. Er lag schon früh in mir – seit ich zum erstenmal vom Vater geredet hatte. Die Bedeutung dieses Namens bekam ich erst von anderen Mädchen meines Alters. Nun fragte ich auch meinem Vater nach, und viel, viel haben sie mir vergiftet mit der Antwort. Alle Kinder hatten gute Väter, ja sie sagten, es gebe gar keine bösen, und der meine sollte doch nur ein herzloser, unfreundlicher, ja ein böser Mann sein. Das aber brachten sie nicht in mich hinein. Nur auf mich gelegt hat sich's wie eine Last. Einmal bin ich verstohlen zum Vater geschlichen und hab' ihm alles erzählt. Drauf ist ihm das Wasser[200] in die Augen gekommen, das hab' ich gesehen, und drum ist's mir nicht mehr eingegangen, was später über ihn gesagt worden. Auch anderes ist mir nun immer minder eingegangen. Ich war innerlich so eigensinnig, daß es kein Mensch geglaubt hätte. Die, welche mich zogen und nährten, galten mir immer weniger, je schärfer ich ihnen aufpaßte. Auch mit dem Vater war ich unzufrieden, daß er mich nicht zu sich nahm und meinen Bitten darum nur die Antwort werden ließ, ich würde doch nicht mehr zu ihm passen, weil ich schon zuviel andere Luft in mich aufgenommen. Und nun denke dir, wenn ein reicher Bursche kam, der unter den Mädchen auslesen konnte und durchaus nur mich haben wollte trotz allem Einspruch derer, die mir wie Gift waren! Ich hatte mein Lebtag noch nie so etwas Großes gesehen als seine Festigkeit, seinen Trotz, und in meinem Alter hielt ich das für Liebe zu mir, nicht für die Laune eines verwöhnten, eigensinnigen Muttersöhnchens. Das ist die ganze Geschichte.«

»Aber Hans?« fragte Zusel kaum hörbar.

»Der war ein lieber, guter Bursche, aber still. Ganz früh sind wir oft und oft beisammen gewesen. Später sahen wir uns etwas seltener. Er war fast scheu gegen mich. Ich glaubte jedesmal, wenn ich ihn traf, wir hätten fast nichts geredet, und es war mir schon neben ihm nicht recht, daß wir uns nicht noch etwas, noch viel – ich wußte jedoch nie recht, was – zu sagen hatten. Trotzdem gaben mir die Worte, die wir wechselten, hernach so viel zu sinnen wie sonst kein langes Geschwätz. Ihm mußte das auch so gehen, denn er wußte alle meine Reden so genau, daß mir dabei ordentlich angst wurde. Daß wir uns gern hätten, haben wir uns nie gesagt, das verstand sich ja von selbst. Nur der Mutter hat Hans es verraten, als einmal auf dem Stighof über mich losgezogen wurde. Drauf ist dann der gute Bursche zu mir gekommen – es war im Garten und abends zwischen Feuer und Licht. Ich seh' ihn noch, wie er dastand und mir sagte, nun dürften wir nie mehr zusammen, denn die Mutter hab' ihm aus der Übertretung[201] dieses Gebots eine schwere Sünde gemacht Wir dachten damals an keine Liebschaft, auch nicht an Widerspruch. Es war, wie wenn man über einen schönen Weg geht, und nun rollt ein Stein vom Berge herunter und trifft den fröhlichen Wanderer. Es war im ganzen kein Zusammenhang, keine Ordnung, keine Gerechtigkeit, und doch ließ sich nach unserer Ansicht nichts daran ändern. Lange nahmen wir Abschied und weinten. Klar aber war mir alles erst hernach, erst als der Andreas Ernst machte. Nun erst hatte ich meinen Ärger über den schwachen Hans, der gleich nachgab. Da war doch Andreas ein anderer Mann. Damit wollte ich mich trösten, dennoch hab' ich Hansen weder verzeihen noch mich einmal recht über ihn ärgern können. Jetzt wär' ich vielleicht noch glücklich verheiratet, wenn Andreas der alte geblieben wär'. Aber sein Trotz richtete sich gegen mich, und nun hatte er bei allen Unarten wieder die ganze Verwandtschaft auf seiner Seite, und ich nur muß daran schuld sein. Ach, wär' doch der Vater arm geblieben, daß wir unbemerkt unseren Weg durchs Leben gehen könnten! Dann hättest du deinen Hansjörg, und nicht so, wie er jetzt ist, ich aber –«

Zusel warf einen fragenden Blick auf das spielende Mädchen. »Das macht nichts«, sagte die Mutter mit schmerzlichem Lächeln. »Hast du geglaubt, ich würde dir etwas sagen, was sein Vater nicht hören dürfte? Was nicht unter die Leute soll, behält man am besten ganz für sich, denn aus dem Sack ist fort. Das hättest in deinen Jahren auch du wissen und deine ohnehin nicht ganz ebenen Angelegenheiten nicht jedermanns Gnad' oder Ungnad' überlassen sollen.«

»Aber, Schwester, auch andere Mädchen, wenn sie einen recht von Herzen gern hätten –«

»Werden schwach und unüberlegt«, fiel Angelika ein, »aber nicht so erbärmlich wie du. Auf solche Wege treibt Liebe nicht. Sie gibt eher Kraft zum Dulden.«

»Was hab' ich denn getan?«[202]

»An der Kirchweih wär' ohne dich alles ruhig und friedlich geblieben.«

»Jos hat unseren Vater geschimpft.«

»Ja, als ich seine Worte gehört, ist mir zumut worden, daß ich gewiß keine Schlägerei mehr angehetzt hätte.«

»Der Unmut regt sich in jedem Menschen auf andere Art. Sogar beim nämlichen ist's ungleich. Ich hab' auch schon zu lachen angefangen, wenn ich lieber dreingeschlagen hätte.«

»Aber warum ist denn Hans mit Dorotheen so auf einmal ins Geschrei gekommen?«

Zusel bückte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, und machte sich mit dem spielenden Kinde zu schaffen.

»Was hast du davon«, fuhr Angelika strenger fort, »daß nun Jos krank ist und alle anständigen Leute ihn auf deine Rechnung hin bedauern? Er wäre vielleicht der einzige gewesen, der dir Dorotheen bald genug aus dem Wege geschafft hätte.« Zusel sah die Schwester groß an.

»Schäme dich«, rief diese, »nicht einmal rechnen hast du bei aller Herzlosigkeit gelernt und sonst schon gar nichts.«

Über des Mädchens schönes Gesicht zog etwas wie ein Lächeln, als es sagte: »Du mußt nicht ungerecht werden. Gleiches Gewicht soll man brauchen bei dem, was man kauft und was man hergibt. Mir ist's ein Vorwurf, daß meine Neigung und ihre Gewalt mich vielleicht zu etwas Unüberlegtem, ja zu recht Närrischem brachte, und nun sagst du in der nämlichen Predigt, du habest Hansen seine Schwachheit nie verzeihen können.«

Das junge Weib errötete. Zusels Absicht, Angelika aus ihrer Strafrede und in Verlegenheit zu bringen, war erreicht. Aber der Sieg wurde dem Mädchen bald wieder streitig gemacht. Angelika fragte: »Hast du den Hansjörg auch schon gesehen, seit er heimgekommen ist?«

»Ich hörte dich sagen, jedermann hab' an seinen Dummheiten zu tragen genug; warum denn magst du dich immer auch um so etwas noch kümmern?« fragte das Mädchen, ohne daß es sich auch anstrengte, seinen Zorn zu verbergen.[203]

»Ich glaubte nicht, daß ich dir mit dem so weh tun werde«, sagte Angelika, die über den leidenschaftlichen Ausbruch der Schwester wirklich erschrocken war. »Wenn dir aber das schon so hart ans Leben geht, ja – dann weiß ich erst recht nicht, wie du von so großer Neigung zum Stighofbauern reden kannst.«

»Um seines Geldes halber doch gewiß nicht«, antwortete Zusel leidenschaftlich. »Der Vater hat mir genug erworben. Selbst seine Ehre wurde dem Gewinn geopfert. Glaubst du, ich werde nun auch noch mein Glück opfern? Nein, Angelika, so elend bin ich nicht. Aber Hansen muß ich haben. Ihn und nicht den Stighof. Bis dahin soll Hansjörg mich gar nicht mehr sehen – der Elende, der mich verriet und meine Briefe an den Vater verkaufte für ein Sündengeld! Ha, wie wird's mir kalt und heiß, wenn ich mich nur vor seinen Blick denke, so elend, so verlassen, wie der Treulose mich gemacht hat. Den ersten Burschen in der Gemeinde will ich und lache, wenn das dann seine sanfte Schwester zur Verzweiflung bringt.«

Angelika, die zuerst ihre Schwester erstaunt, erschrocken ansah, gewann ihre Ruhe in dem Grade, wie Zusel die ihre verlor. Jetzt endlich glaubte sie, klar zu sehen und den Weg gefunden zu haben, auf dem das arme Mädchen wieder zum Frieden mit sich und der Welt gelangen konnte. Angelika dachte nicht mehr an den strenge rechnenden Krämer, der den Hansjörg schwerlich je als seinen Töchtermann anerkannte. Sie hatte Mitleiden, und nur ihrem Herzen folgend, sagte sie: »Hansjörg war ein wackerer Bursche, nur der Vater hat ihn vom rechten Wege mit Gewalt vertrieben.«

»Gibt's denn für dich gar keine Arbeit, als uns aufzupassen?« fragte Zusel spitz.

»Die tun die Basen meines Mannes für mich«, antwortete das Weib wehmütig lächelnd. »Die tragen alles zusammen auf meine Rechnung. Was du und der Vater tun, wird als meine unsaubere Wäsche ausgeklopft, daß ich im Staube fast ersticken muß.«[204]

»Nun – und was weißt du noch mehr?«

»Du und der Soldat, ihr steht euch noch ziemlich gleich. Ihr beide seid in der Irre herumgelaufen, und es wäre nicht recht, wenn nun eins das andere einen schlechten Führer hieße, sobald ihr euch wieder sehet. Setzet den Kampf zwischen Reichen und Armen nicht fort, begießet nicht noch einmal mit Tränen die Sünde des Vaters. Reicht euch lieber die Hände und machet vereint das Geschehene wieder gut!«

»Wo denkst du denn jetzt hin? Wir sind auf der Welt«, sagte Zusel, doch in einem Tone, der ihre Bewegung deutlich genug verriet.

»Schau einmal so einem Kinde recht, recht tief in die Augen!« rief Angelika mit einem zärtlichen Blick auf das spielende Mädchen. »Tu' das – und dann sag' mir, ob du die böse Welt mit ihren Kämpfen und Rechnungen nicht vergessen kannst. Und dann denke dir, ob du ihm mehr wünschest als Eltern, denen gemeinsame Liebe Kraft gibt und was sie brauchen. Dann wirst du empfinden, wie sündlich du vorhin geredet hast.«

Das Mädchen seufzte.

Angelika fuhr fort: »Auf mir liegt's jetzt bleischwer wie etwas Furchtbares; der Vater ist immer mit zu abhängigen Leuten umgegangen, um den Menschen noch zu schätzen. Ach Gott, sie alle sind ihm nur wie sein Kram! Jetzt ist er im Fallen, und dem Fallenden rollen die Steine von selber nach. Halbe Nächte läßt mich das nicht schlafen, besonders wenn auch der Andreas nicht ordentlich daheim ist. Jedes Geräusch erschreckt mich, und ich werde ganz furchtsam. Gestern am hellen Morgen durfte ich kaum in den alten Stadel, um zu sehen, warum denn in der Nacht dort ein Gerumpel entstand, als ob alle Heuwagen übereinander gefallen seien.«

»Und was hast du denn gesehen?«

»Zuerst nichts als Hansjörgs große Tabakspfeife, die der Seltenheit wegen jedes Kind kennt.«

»Und dann?«[205]

»Dann auf dem Heustock ganz kleine Hügelchen, die aber nicht von selbst entstanden sein konnten. Wir haben jetzt nur noch wenig Heu dort. Ich durchsuchte es, bevor ich die umgestürzte Holzbeige wieder aufzurichten begann, und fand Tabak, Schießpulver und ähnliche geschmuggelte Ware.«

»Das also war der Geist?«

»Ja, Mädchen, der böse Geist, der dich und den Vater nie ruhen lassen wird. Hansjörg hat jetzt keine Freude mehr an einem ordentlichen Leben, die könntest nur du ihm wiedergeben.«

Zusel schien eine Minute mit sich selbst zu kämpfen, dann auf einmal sagte sie traurig, aber entschieden: »Es ist ja alles aus!«

»Was ist aus?«

»Ich gehöre dem Vater, das hat der nicht verdient. Ich will die Strecke nicht wieder zurück, die er so mühsam erklomm. Er war ein Schleichhändler, mein Mann soll etwas Besseres sein. Wir haben mit dem Soldaten nichts mehr zu tun.«

»Das ist zweifelhaft«, antwortete Angelika, die sich nun auch nicht mehr beherrschen konnte. »Schon das Unrecht bindet euch an ihn, und wenn man Hansjörgs Warenlager findet, so muß der Verdacht auf meines Mannes Schwiegervater fallen.«

»Richtig, das ist der Witz«, rief Zusel. »So weit geht der Mensch. Das will ich gleich dem Vater sagen. Gute Nacht!«

»Um Gottes willen höre!« flehte Angelika.

»Ich habe gehört genug.«

»Stürze den Unglücklichen nicht noch tiefer. Ich hab' nicht einmal dem Mann etwas davon sagen dürfen. Es ist meine erste Unredlichkeit, weil ich den schützen will und muß, dem der Vater so großes Unrecht tat. Ich hab's, geschworen.«

»Und ich will Rache«, antwortete Zusel kalt und stürzte ohne Abschied zur Türe hinaus.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 194-206.
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