Sechstes Kapitel
Der erste Tag im neuen Dienst

[94] Im ersten Traum unter fremdem Dache pflegt man Vorbedeutungen für Künftiges zu suchen, als ob man darin wie in einem freilich trüben Spiegel sähe, was man in diesem Hause noch erleben werde.

Es tat dem noch etwas scheuen Jos ungemein wohl, als am anderen Morgen beim Kaffeetrinken sich Dorothee sogleich[94] mit der Frage an ihn wendete, was er denn heut' nacht im Traum erlebt und für seine Zukunft Bedeutungsvolles gesehen habe.

»Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern«, antwortete er, fast traurig darüber, daß sein Bericht nicht länger währen konnte, denn gestern beim Abendessen war ihm die Stille beinahe peinlich geworden.

»Das«, meinte die Stigerin etwas bitter, »könnte leicht bedeuten, daß du in unserm Hause auch nicht viel oder doch nicht viel Unvergeßliches erlebst.«

»Ich freilich hab' mir es ganz anders ausgelegt«, wagte Jos zu erwidern. Und als sich ihre Lippen etwas strenge verzogen, fuhr er, wie immer, wenn er sich noch nicht recht sicher fühlte, geschwätzig fort: »Auch ich hätte recht gern eine gute Vorbedeutung gehabt. Nach dem Erwachen hab' ich mich angestrengt wie früher als Schüler, wenn ich mich auf die gestern so mühevoll auswendig gelernte Katechismusaufgabe besann, um mich eines Traumes zu erinnern. Doch das ging nicht und ging nicht, wie müd' ich mich auch sinnen mochte. Ja, ich ermüdete und wäre bald über dem Nachdenken wieder eingeschlafen, als mir, wie vom Schutzengel eingegeben, die Vorstellung kam, nicht ein Traum entscheide über meine Zukunft, sondern ich selbst. Darüber hab' ich mir dann eine ganze Predigt gemacht, und so mutig, so froh bin ich dann zu den Kühen in den Stall gegangen, daß es wohl selbst der kaum glaubt, den mein Jauchzen und Singen weckte.«

»So etwas«, meinte Dorothee, »kann man nicht jedem sagen, aber zeigen läßt es sich; drum werden wir schon auch noch davon erfahren.«

Solchen Mut wie aus diesen Worten hatte Jos von seiner selbstgemachten Predigt schwerlich gewonnen. Er wurde also doch von dem guten Mädchen liebevoll beachtet. Nun konnte seinetwegen die alte, fette Frau kichern und meinen, man werde eben nicht viel sehen; ihm war das ganz gleichgültig, oder vielmehr es war ihm recht, daß er die beiden sogleich etwas auseinandergehen sah.[95]

Nun sagte Hans, der inzwischen seine Kaffeeschüssel geleert und das große Butterbrot verzehrt hatte: »Heut' muß denn doch endlich das Heu abgewogen und heimgebracht werden, welches mir der Krämer vom Lipp gekauft hat. Es kostet wahrhaftig nur einen Spottpreis.«

»Ja«, rief Jos, »das war auch so ein Handel, für den man den Krämer einige Wochen einstecken sollte.«

»Ein Teufelskerl ist er, der Krämer«, lachte Hans. »Wenn unsereiner da oder dort einmal mit Barem aus der bittersten Not helfen will, so bekommt er nichts mehr als des Teufels Dank dafür zurück. Er aber steckt seine Finger überall hinein und verbrennt sie doch nie, sondern immer hängt etwas nicht Unbeträchtliches daran, wenn er sie wieder zurückzieht. Mit den Leuten, die immer schon vorgegessenes Brot in Bäckers Tagebuch haben, kennt er sich aus, es hat eine Art, und zu fangen und zu binden versteht er sie, daß man oft noch beinahe lachen muß.«

Jos fuhr wie von einem Wespenstich getroffen auf und fragte: »Kannst du das Wuchern lächerlich finden?«

»Der Lipp ist so mit dem Krämer eins worden«, antwortete Hans ein wenig spitz. »Oh, der braucht den Leuten nicht nachzulaufen. Wie gut sie ihn auch kennen, sie gehen doch freiwillig in seine Falle.«

»Freiwillig«, wiederholte Jos verächtlich. »Der Krämer hat dem Lipp sein Darlehen gekündigt, als das Heu billig und nirgends Geld aufzutreiben war als etwa bei solchen, die mit dem alten Sünder unter einer Decke zu spielen scheinen.«

Jos war so erregt, daß er, um sich nicht allzuviel Gewalt antun zu müssen, die Stube verlassen wollte, da er sah, daß Schweigen hier jetzt Gold, Weiterreden aber nur Öl in das auf dem Gesichte der Stigerin sich verratende Feuer sei. Schon hatte er die Türe geöffnet, als die Stigerin ihn etwas rauh an den Tisch zurückrief. »Bei uns wird gebetet, bevor man geht«, sagte sie und begann, noch zornrot, eine endlos scheinende Zahl Vaterunser zu beten für Lebendige und Tote, Gott und seinen Heiligen zu Ehren und den armen Seelen zum Trost.[96]

Auch Jos brummte mit, von Andacht war aber dabei keine Rede. Dieses gedankenlose Beten mit den Lippen, die noch vor einer Minute den Krämer verteidigen wollten, kam ihm fast wie eine Gotteslästerung vor. Das gute aber war, daß die Stigerin sich in eine ganz andere Stimmung hineingebetet zu haben schien. Nachdem sie endlich das letzte Kreuz gemacht und noch einmal den armen Seelen die ewige Ruhe gewünscht hatte, befahl sie Hansen, doch für Lipps arme Kinder etwas Obst, Weißbrot oder Zucker mitzunehmen. »Die armen Tröpflein«, sagte sie, »haben so selten etwas Gutes, und mit nur wenigem kann man ihnen eine Freude machen, daß sie eins sein Lebtag drum ansehen.«

»Und das ist schon eine Kleinigkeit wert«, sagte Jos rauh, aber zum Glück hatte die Stigerin, die schon nach ihrem Speicher geeilt war, diese Bemerkung nicht mehr gehört. Dorothee sah den Knecht mit einem vorwurfsvollen Blicke an. Ja, sie hatte eben auch schon als Kind Weißbrot und Zucker bekommen, drum mußte sie mit allem einverstanden sein und mußte freundlich lächeln beim Abschied vom einzigen Bruder, der jetzt für Hansen des Kaisers Rock trug. Herrgott, wer hätte dem alten Mathisle und Dorotheens kränklicher Schwester alljährlich soundso viel Magdlohn gegeben, wenn Dorothee nicht mehr gelächelt haben würde! Auch das war Zucker und Weißbrot für die armen Tröpflein und Hansjörg der Heustock, den man um ein Sündengeld kaufte. Du lieber Gott, von dem allem siehst du nichts, denn wie ein großer, grauer, undurchdringlicher Schleier fällt das lange und breite Tischgebet darüber herab.

Auf dem Wege zu Lipps ärmlicher Behausung erzählte Hans dem Knechte von seinen Kühen und wie er zu jeder einzelnen gekommen sei. Jos erfuhr dabei, daß wenigstens in den letzten Jahren immer der Krämer dazu geholfen und geraten hatte. »Das ist einer, mit dem man die anderen fängt«, bemerkte der langsame Erzähler nebenbei. »Fehlen kann's ihm freilich auch, aber dann hat mir doch die Mutter nichts vorzuwerfen.«[97]

Vor dem fast ganz neugebauten Hause des Andreas stand er still und flüsterte dem Knechte zu: »Du, aber der da hätte wieder eine schöne Kuh feil. Die möcht' ich kaufen, aber selbst, denn der Krämer tät wohl eher auf des Töchtermanns Vorteil denken als auf den meinen. Geh doch einmal in den Stall und sieh dir den Weißfuß drum an, was er wert ist. Aber höre noch: Handeln laß dann mich allein! Die Angelika – will sagen: der Andreas – wenn der seinen Rausch von gestern schon ausgeschlafen hat –, sie beide sollen nicht meinen, daß sie mit einem zu tun haben, den man so leicht überlisten kann.«

Hans blieb beim Wagen stehen, bis Jos wiederkam und seine Meinung sagte. Dann gingen beide in die Stube, wo sie das sehr übernächtig aussehende Ehepaar beim Morgenessen antrafen.

Das schöne, blasse Weib stieß einen leisen Schrei aus, als es Hansen so unerwartet eintreten sah. Andreas aber sagte ruhig und kalt: »Ihr seid da dem Weib in die schönste Predigt hineingekommen.«

»Schäme dich!« rief das Weib, und glühende Röte färbte ihr Gesicht, »schäme dich, vor Fremden davon zu reden!«

»Der Hans ist dir doch noch nicht gar so fremd, und Jos ist ein armer Teufel, vor dem sich kein Mensch zu schämen braucht.«

»Wo keine Scham, da ist auch keine Ehr'.« Hans sagte das nur, weil ihm just nichts anderes einfiel und er doch diesem peinlichen Auftritte so gern ein Ende gemacht hätte.

Mit solchen Sprichwörtern ist ein Hans gewöhnt, jeden aus der Fassung und zum Schweigen zu bringen. Hier jedoch hatte er nicht den rechten Mann getroffen. Andreas erwiderte mit bitterem Lachen: »Und wo keine Ehr', ist auch keine Scham. Ich aber bin nun einmal der Lümmel bis in die alten Tage und hab' nichts Gutes an mir, als daß ich zuweilen am hellen Werktag in eine Predigt komme. Nützen tun an mir diese Predigten freilich nichts, als daß ich den Trost daraus schöpfe, sie hab' mich doch immer noch ein wenig lieb.«[98]

Bei den letzten Worten hatte seine Stimme ein wenig gezittert. Jetzt war es so still, daß man das im Nebenzimmer erwachende Kind die Mutter zu sich rufen hörte. Die Gerufene flog ans Bettchen, und Mutter und Kind beteten laut ihren Morgenspruch. Andreas fragte unterdessen, was sein früher Besuch eigentlich wolle. Hans brachte stotternd sein Anliegen vor. Er war jetzt gar nicht mehr zum Handeln aufgelegt, wie sicher ihn auch die Angaben seines Knechtes gemacht hatten. So mußte denn Jos das Geschäft abschließen, und es ging um so schneller, da Andreas das Geld gleich holen durfte. In seinem Eifer, zu zeigen, daß man künftig des Krämers Rat nicht mehr nötig haben werde, war Jos bemüht, mit der Not des Verschwenders den Preis des Tieres herabzudrücken. Es gelang ihm das auch so gut, daß sogar Hans es bemerkte und ihn gleich vor dem Hause darüber zur Rede stellte. »Ich sehe wohl, du bist nicht besser als der Krämer«, sagte er.

Den Knecht ließ sein Gewissen sogleich erraten, was Hans damit meine. »Aber«, antwortete er, »der Andreas ist denn doch kein armer Lipp.«

»Aber er hat auch Weib und Kind.«

»Oh, die sind sich selbst genug; sieh nur, wie froh sie sich da oben zulächeln.«

Das Weib, welches mit einem wunderlieblichen Mädchen auf dem Arm am offenen Fenster stand, schien wirklich nicht mehr dasselbe, welches vorhin die Stube verließ. Hansen schien dieser Anblick recht in der Seele wohlzutun. Er langte sogleich in die Tasche und warf dem holden Geschöpfe ein großes Stück Zucker zu.

Was er sonst noch in der Tasche hatte, warf er in Lipps Stube auf den Boden und hatte am Haschen und Zerren der ärmlich gekleideten Kinder seine Freude. Selbst die Mutter sah eine Zeitlang behaglich lächelnd dem Kriege zu, bei dem ja doch immer eines ihrer Kinder gewann. So gut als Hansen schien ihr aber die Sache doch nicht zu gefallen. Sie ging auf einmal seufzend hinaus, während Hans, der nun seine Taschen geleert hatte, seinen Geldbeutel zog und kleine Kupfermünzen[99] auswarf. Der Eifer der Kinder wurde immer größer, immer weniger schonten sie sich, und es begann bald da, bald dort eines laut zu weinen. Das trieb die Mutter wieder in die Stube zurück. Rasch trat sie ein und sah den reichen Bauern gar nicht wie einen Wohltäter an, indem sie sagte: »Wenn du aus der Leidenschaftlichkeit der Kinder sehen willst, wie grausam nötig wir alles brauchen könnten, so wirst du nun bald fertig sein. Ich könnte dir noch viel erzählen, wenn du nicht selbst an den Heustock denkst, den wir aus purer Armut um einen Spottpreis verkaufen mußten. Mir hat das weh getan, aber doch nicht so weh, als es mir tut, meine Kinder jetzt um des leidigen Geldes willen zum erstenmal in ernstlichen Unfrieden zu sehen.«

Der Schusterlipp warf einen großen Leisten so heftig in die Schublade, daß alle anderen Werkzeuge in derselben klirrend aufflogen. Dann sagte er mit schlecht verhaltenem Unwillen: »Sie werden sich noch viel mehr wehren müssen ums liebe Geld. Es gab auch zum Anfangen wohl keine erwünschtere Gelegenheit als heut'. Eins gewinnt ja immer, und wenn dir das nicht recht ist, so mach' dich lieber gleich wieder in die Küche.«

Das Weib, so erschrocken über den seltenen Ton in den Worten ihres sonst so guten Lipp, daß sie die Anwesenheit der Fremden gar nicht mehr beachtete, bat mit feuchten Augen: »Sei doch um Gottes willen nicht so! Du weißt ja, daß ich immer dabei bin, wenn es für die Kinder etwas zu verdienen gibt, du weißt, daß es mir da weder zu heiß noch zu kalt ist. Aber, Lipp, nicht gegeneinander sollen sie sein; jedes für sich und gegen die anderen, das tät' mir weher als alles, was sonst unsere Armut mitbringt.«

»Wir wollen lieber in den Stadel zum Heu«, murrte der Schuster. »Wenn du einmal auf deine Kinder kommst, kann man dir doch nichts mehr aus- oder einreden.«

Die letzten Worte sprach er weich, beinahe freundlich, und Jos hatte das Gefühl, hier wäre doch besser sein als in dem neugebauten Hause des Andreas. Trotzdem aber war er so[100] froh als eine arme Seele über ein Vaterunser, daß man jetzt vom Gehen redete. Rasch wendete er sich und erfaßte den hölzernen Türnagel mit beiden Händen, Hans aber blieb wie angebannt stehen. Eine Zeitlang nestelte er an seinem Geldbeutel herum, dann warf er ihn auf den Tisch und sagte etwas unmutig: »Da, du böses Weib, nimm du die wenigen Taler und verteile sie besser, als ich es kann. Nimm nur!« drängte er, »gleich vor meinen Augen nimm! Es ist nicht gebettelt und auch nicht geschenkt. Ihr beide müßt mir dafür eine Gefälligkeit tun.«

»Nur gefordert!« rief Lipp fröhlich.

»Ihr dürft von der dummen Geschichte kein Wort mehr miteinander reden«, bedingte Hans und eilte dann so schnell hinaus, daß Jos ihm kaum aus dem Wege kommen konnte.

Beim Abwägen und Aufladen des Heues war Lipp in der heitersten Stimmung. Er erzählte viel Liebes und Gutes von seinem Weibe. »Dulden und entbehren«, sagte er, alles entschuldigend, »haben wir zusammen gelernt; aber daß jemand etwas bringt, war uns noch ganz ungewohnt, drum haben wir heut' unsere Sache so schlecht gemacht.«

Jos und Hans waren ziemlich schweigsam. Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt, und diese sprachen sie erst aus, als sie beisammen in der Deichsel des schwer beladenen Wagens gingen, der ihnen auf dem ziemlich guten, ein wenig abwärts gehenden Wege langsam nachschwankte. Hans sprach den Wunsch aus, daß doch auch beim Andreas so leicht zu helfen wäre wie hier, dann sollte Angelika keine böse Stunde mehr haben.

»Dann«, fragte Jos, »wähnst also du, die Reichen seien schlimmer dran als ein Armer, ein in der warmen Stube Sitzender, der einmal hinaus muß, mehr zu bedauern als der Halberfrorene, den ein Sonnenstrahl erquickt?«

»Ich hab' nicht gleich die ganze Welt im Kopfe wie du.«

»Aber sag' mir, warum ist Angelika gar so zu bedauern? Sie mußte den Andreas kennen, als sie sein Weib wurde.«

»Damals war er nicht so arg wie jetzt.«[101]

»Vielleicht ist aber gerade sie an manchem schuld.«

»Sie? Angelika?«

»Der Vater des Andreas hat ihn hart gehalten, dafür suchte er Ersatz, als er sein eigener Herr wurde. Folgen wie ein Knecht hat er gelernt, sich selbst beherrschen kann er nicht.«

»Drum eben hätt' er auf Angelika hören sollen, das hätte ihm keine Schande gemacht.«

»Der Krämer sagte, daß sie das auch geglaubt und ihm oft eingeredet habe, gepredigt wie heut', das machte ihn erst recht trotzig. Er mochte nicht mehr daheim sein, suchte Unterhaltung im Wirtshaus und tat so, daß man ihn einen Lümmel nannte. Das größte Unglück, meint der Krämer, sei das, daß er sich jetzt auch selbst für einen Lümmel halte.«

»Aber wie du auf einmal den Krämer soviel gelten lassen kannst?«

»Der kennt die Menschen sicher so gut als die Kühe, und gleichgültig ist ihm sein Töchtermann denn doch nicht, wenn er sich vielleicht auch wenig um sein Seelenheil kümmert.«

»Und der Krämer wüßte also nicht, mit was der guten Angelika geholfen werden könnte?«

»Einmal, in der übelsten Laune, hat er gesagt, es wäre vielleicht kein so großes Unglück, wenn ihnen alles niederbrennen tät. Dann aber hat er an sein liebes, hübsches Enkelchen gedacht und ist über seine Rede fast zu Tode erschrocken. Ich aber hab' mich später oft mit dem Gedanken beschäftigt. So ein reiches Muttersöhnchen würde Augen machen in der Schule der Armut. Sehen möchte ich schon einmal, wie mancher sich anschickte, wenn er oft um etwas den doppelten Kreuzweg machen müßte, dem jetzt alles bis vor das Kanapee getragen wird.«

Hansen schien dieser Wunsch nicht besonders zu erbauen. Er sagte etwas bitter: »Nun, wunderlicher würden die Reichen sich auf dem Platz der Armen nicht benehmen als diese, wenn man tauschen wollte. Man darf nur daran denken, wie närrisch es in so einer schlechten Hütte zugeht, wenn unverhofft einmal ein Stück Geld oder sonst eine Kleinigkeit hineinkommt.[102] Gerade heute haben wir ein herrliches Beispiel erlebt. Wir, ich und die Mutter, haben auch einmal einen ähnlichen Fall erlebt wie heute beim Lipp. Es ist aber schon lange seitdem. Ich war noch ein ganz kleiner Bursche und hing immer an der Juppe der Mutter. Mein Bruder selig war mit dem Vater, nachher auch mit den Tagwerkern in Feld und Wald, ich aber blieb immer daheim oder bei dir. Nur mit der Mutter ging ich aus, wenn die einmal eine Base besuchte oder den Tagwerkern das Essen brachte. Noch weiß ich's ganz gut, wie das eine schöne Woche war, in der wir am Argenstein einige Tannen zu Schindeln fällen ließen. Das Mathisle hatte gesagt, es übernehme für den Hauszins die Verpflichtung, das Häuschen instand zu erhalten, wenn man ihm das Holz dazu schaffe. Das war freilich nur wenig. Aber wir brauchten das Häuschen einzig nur als Heustadel für das Gut daneben; auf die weite Gasse setzen konnte man das arme Männchen auch nicht, und so nahm denn mein Vater den Antrag an.«

»In dem allem«, bemerkte Jos, der den Wagen fast ganz allein ziehen mußte, »sehe ich keine Ähnlichkeit mit dem heutigen Fall.«

»Wird schon noch kommen; laß mich nur reden.«

»Es ist also eine ganze Geschichte?«

»Ja, und Lipp hätte nicht meinen Beutel mitsamt dem Gelde bekommen, wenn ich nicht bei ihm wieder so lebhaft daran erinnert worden wäre.«

»Großer Gott, was werde dann erst ich bekommen, wenn ich sie geduldig bis zu Ende angehört habe!«

»Überwindung wird's dir sicher genug kosten.«

»Nein, erzähle nur«, sagte Jos lächelnd.

»Also, wo war ich? Wohl bei unserm Häuschen am Argenstein, in dem schon damals das Mathisle wohnte. Nein – ich war noch nicht dort. Wir gingen erst hinauf, ich und die Mutter. Sie, mit dem eingepackten Mittagsessen für die Holzhacker, kam nur langsam, mir viel zu gemach, vorwärts. Mit einem großmächtigen Butterbrot in der Hand sprang ich voran über Stock und Stein. Da begegnet mir ein Mädchen, noch kleiner[103] als ich, und richtete die schönen Augen auf meine Hand, daß sie mich beinahe zu brennen schien. Ich wußte nicht, wie weh der Hunger tut, aber ich hatte das Gefühl, die gute Dorothee möchte mein Butterbrot. Anfangs wollte ich teilen, aber als ich sie darüber so erfreut sah, schenkte ich's ihr ganz. Sie sprang heim, ich zur Mutter zurück. Als wir nun mitsammen zu Mathisles oder eigentlich zu unserm Häuschen kommen, da steht Dorothee vor der Tür und weint die hellen Tropfen, will es aber mich und die Mutter durchaus nicht merken lassen. Erst als ich frage, ob sie mit meinem Butterbrot schon fertig sei, kann sie sich nicht mehr zwingen und weint nun überlaut. Die Mutter aber hat darum den Lärm in der Stube doch noch gehört, denn ihr ist das bei weitem nicht so zu Herzen gegangen wie mir. Zuerst blieb sie stehen und horchte. Da war wohl zu merken, daß man stritt, aber worum es sich handelte, das konnte man aus den einzelnen Worten nicht erlesen. Just das aber wollte die Mutter wissen. Sie ging in die Stube, ohne lange anzuklopfen, und da hat sie denn sogleich den ganzen Sachverhalt erfahren. Voller Freuden war Dorothee mit ihrem Butterbrot heimgeeilt. Das Mathisle wollte eben auch ins Feld, obwohl es noch nicht zu Mittag gegessen hatte. ›So‹, sagte es, als es Dorotheens guten und ihm so seltenen Bissen sah, ›da gäb' es jetzt noch etwas zum Mitnehmen für die Langeweile.‹ ›Ja, nimm nur‹, soll das Mädchen schnell gesagt haben. Der Vater hat schon nach dem gelangt, was das Mädchen ihm gibt, mit weggewendetem Gesichte wohl, aber doch schnell und ohne zu teilen. Das ist denn seiner Mutter gewaltig zu Herzen gegangen. Er sei herzloser, unverschämter als ein wildes Tier, hat sie ihn angewettert, sonst würde er dem hungrigen Tröpflein doch nicht so den ersten guten Bissen, den es bekomme, wegnehmen dürfen. Nun klagte auch der Mann seine Not und behauptete, das Kind könne doch nicht einzig von diesem Butterbrot, wohl aber von seiner Arbeit leben. Ich weiß nicht mehr, was alles die beiden sich nun im Zorn sagten, wenn schon es mir und der Mutter lang und breit erzählt wurde, wobei denn der[104] Streit von neuem anging, obwohl sie sich im ersten Schrecken recht ordentlich zusammengenommen hatten. Es war, als ob sie nun miteinander zu rechnen angefangen hätten, und mir ist wohl noch nie etwas so nahe gegangen als diese Rechnung. Und doch dachte ich dabei nur an Dorotheen, die zitternd neben dem Vater stand, nicht auch an ihren Bruder und an die ältere Schwester, die während des Lärms miteinander spielten, als ob sie so etwas lange gewohnt waren oder als ob es sie rein gar nichts angehen tät. Mir kam es ganz unbegreiflich vor, daß meine Mutter heute so lange still sein und ganz geduldig zuhören konnte. Dafür aber fuhr sie dann auch endlich um so wilder auf: ›Euch ist nicht zu helfen, ihr Elenden, denn jede Gabe brächte nur neuen Krieg ins Haus. Dem Kinde aber soll geholfen, es darf durch euer Beispiel nicht auch noch verderbt werden. Wie konnte nur Gott euch ein so schönes, unschuldiges Wesen anvertrauen?‹

›Es wär' ihm von Herzen zu gönnen, daß es euch gehören tat‹, murmelte das Mathisle.

›Gott hat es mir gezeigt‹, sagte meine Mutter, wie wenn sie beten täte, so feierlich, wie ich sie nie gehört hab. ›Sein heiliger Schutzengel hat deutlich genug zu mir gesprochen. Wenn ihr selbst mir das Mädchen wünscht, so will ich es nehmen, bevor ihr es noch gar an eine Zigeunerbande verkauft.‹

So hat meine Mutter gesagt. Vom Mathisle und seinem Weib ist dann noch viel mehr Wesens gemacht worden, als man hätte vermuten können. Besonders dem Weib ist es schwer gefallen, daß man ihr das Kind nehmen wollte und daß sie zu seiner Erziehung nichts mehr sagen, ja es nur höchst selten einmal besuchen sollte. Trotzdem hat sie am Abende des nämlichen Tages das Mädchen und sein kleines Bündelein in unser Haus gebracht. Die gute Mutter Dorotheens – Gott tröste sie im ewigen Leben – hat im voraus für alles Gute mit feuchten Augen gedankt und dem Mädchen zugesprochen zum Abschied, daß mir dabei ganz kalt worden ist. Nun, sie könnte zufrieden sein mit dem Mädchen, wenn sie noch[105] lebte, und mit uns auch, und meine Mutter hat ihre Güte auch nie bereuen müssen.«

Jetzt erst bemerkte Hans, daß er und Jos und der Heuwagen noch beinahe auf demselben Platze standen, wo er seine Erzählung begonnen hatte. Jos, der alles lebhaft vor sich sah, was er hörte, hatte immer schwächer gezogen und dachte auch jetzt noch nicht an seine Arbeit. »Nun«, sagte er herzlich, »jetzt begreife ich, warum dir das heute wieder einfallen mußte.«

Zu einer anderen Zeit hätte es den Jos ordentlich ärgern können, hier wieder ein neues Band zu sehen, welches das Mädchen an dieses Haus fesseln mußte. In diesem Augenblick aber war er der alten Stigerin von Herzen dankbar für einen Entschluß, der Dorotheen aus ihren elenden Verhältnissen heraushalf. »Es sind doch gute Leute, und sie meinen es redlich, wenn einer es auch nicht immer so empfindet«, dachte er, indem er sich mit seltener Freudigkeit wieder an sein Tagwerk machte.

»Da ist's denn doch ganz anders als beim Krämer, der nur für sich selbst wohlhabend ist«, dachte er, als er abends neben Dorotheen beim Nachtessen saß.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 94-106.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Reich und arm
Reich Und Arm (Sammlung Zenodot) (Paperback)(German) - Common
Reich Und Arm; Eine Geschichte Aus Dem Bregenzerwald Von Franz Michael Felder
Reich und Arm

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Die zentralen Themen des zwischen 1842 und 1861 entstandenen Erzählzyklus sind auf anschauliche Konstellationen zugespitze Konflikte in der idyllischen Harmonie des einfachen Landlebens. Auerbachs Dorfgeschichten sind schon bei Erscheinen ein großer Erfolg und finden zahlreiche Nachahmungen.

554 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon