Siebentes Kapitel
Jos fängt an gemütlich zu werden

[106] Jener Handwerker, welcher sagte, um den Taglohn trage er das ganze Jahr Wasser vom Brunnen in den Bach oder werfe seinem Arbeitgeber Prügel und Steine nach, war gewiß ein armer Mann, der täglich im Schweiße des Angesichtes sein Brot verdienen mußte und auf der Welt nichts Höheres kennen lernte als den Feierabend. Er war doppelt arm, weil er die Freuden der Arbeit nie empfand, weil er sich nicht für einen Schaffenden, sondern nur für ein Werkzeug hielt. Die Bauern haben daher vielleicht gar nicht so unrecht, wenn sie jene Rede einen Fabriklerspruch nennen.[106]

Und auch der arme Ladenschneider hinter einem Berge von unfertiger Arbeit, worauf sollte er sich freuen als auf Feierabend und Lohn? Wer soll ihm danken für seinen Fleiß, wer seine Geschicklichkeit loben, wenn es sein Arbeitgeber nicht tut, dem das alles zugute kommt? Ihm fehlt sogar das gemütliche Verhältnis mit seiner Kundschaft, das anderen Handwerkern, die selbst mit dieser verkehren, so wohl tut. Bei seinem Schaffen hat er nicht die Befriedigung, sein Werk allmählich werden und wachsen zu sehen, hier schon die bisherige Tätigkeit belohnend, dort neuen Fleiß, neue Anstrengung fordernd, wie der Bauer, dessen einzelnes Tagwerk einem Nadelstich gleicht an dem Kleide für sich selbst, zu dem ihm sein eigenes Wollen und Können das Maß gibt.

Auf dem Stighof, der dem Jos wie eine kleine Welt vorkam, fiel es ihm bald gar nicht mehr ein, daß er eigentlich immer nur für einen anderen arbeiten müsse. Müssen – davon war jetzt keine Rede mehr. Wer hätte die Kühe hungern, die schönen Felder unbearbeitet lassen können? Hier schaffte er nicht mehr wie beim Krämer nur ins Blaue hinein. Die Wohltat jeder Arbeit kam seiner ganzen kleinen Welt zu, der sie, wie der Segen des Herbstes, gleichzeitig Frucht und Samenkorn wurde. Dorothee war ihm bald wie eine Schwester, Hans wie ein Bruder geworden, und das Lächeln der alten Stigerin, die er nicht selten Mutter nannte, seit er erfuhr, wie sie an Dorotheen handelte, belohnte ihn wie das Mädchen, und es tat ihm wohl, wenn die gute Frau ihn und Hansen wegen ihrer Eifersucht neckte.

Anderen Leuten, die gern hatten sehen wollen, wie lange die geldstolze, strenge Frau mit dem trotzigen Jos erträglich auskommen werde, kam das bald etwas kopfschütterlich vor. Man wollte bemerkt haben, daß Jos und Dorothee sich lieber hätten, als zur Verrichtung ihrer Arbeiten nötig wäre. Viele Väter wohlhabender hübscher Mädchen, die bisher eine Heirat Hansens mit seiner Magd gefürchtet hatten, begannen wieder neue Rechnungen zu machen und sagten sich sogar, der klugen Stigerin sei vielleicht Dorotheens Liebelei mit dem[107] Knechte ganz erwünscht und sie sehe nicht ungern, daß der so zwischen sie und Hansen gekommen sei.

Wenn aber auch die Stigerin so gedacht hätte, so wäre es ihr ein leichtes gewesen, sich selbst zwischen die beiden zu stellen, und sie hätte darum gewiß nicht eine andere Liebschaft großziehen mögen. In dem Stücke war sie ungemein streng. Von jener Weisheit, die den Menschen erst alles durchgenießen und dann ein lebendiges Buch des Predigers werden läßt, hatte sie freilich nichts, und wie jetzt hatte sie schon vor dreißig Jahren immer nur gefragt, was etwas nütze und was im besten oder im schlimmsten Falle daraus entstehen könnte. Einzig ihre vielen Wohltaten wurden nicht auf dieser Waage gewogen.

Als das einzige Kind wohlhabender Eltern und von Jugend auf gesunder und kräftiger als ihr Vater, hatte sie schon früh den Sohn ersetzen müssen wie vorher ihre Mutter den Vater. Alles, was in Kauf und Lauf kam, ging durch ihre Hand, und selbst der Neid wußte ihr nicht nachzureden, daß sie dabei jemals einen schlechten Schick gemacht hätte, wenn man nicht ihre Heirat einen solchen nennen wollte. Wer aber sie und diejenigen kannte, welche um sie warben, dem mußte es ganz begreiflich vorkommen, daß sie, wenn nun einmal durchaus geheiratet werden sollte, nur dem Reichsten gestattete, von ihr oder eigentlich ihrem Hofe den Namen Stiger zu bekommen.

Nie stellte der Bregenzerwälder sich trotziger, verschlossener der »Welt da draußen« und allem, was aus dieser zu ihm kommen wollte, gegenüber als gleich, nachdem die alte freie Verfassung des kleinen, kaum beachteten Achtales aufgehoben wurde. Früher strebte der Ehrgeiz der Unabhängigen nach Höherem als nach Geld und Gut; man hatte gesucht, in der Gemeinde, im Lande etwas Rechtes zu sein, im Männerrate ein entscheidendes Wort mitzusprechen und sich bei den Wahlen zur Geltung zu bringen. Nun aber mußte auf einmal das alles den studierten Herren überlassen werden, und der Bregenzerwälder sah nichts Besseres mehr vor sich[108] als den Genuß des Erworbenen. Die sogenannten unruhigen Köpfe und Neuerer wurden aus dem Lande verdrängt, wenn sie es nicht vorzogen, freiwillig zu gehen, und die Ruhigen besannen sich bald, es sei nun das gescheiteste, sich wohl sein und die ganze Welt unbekümmert gehen zu lassen. Ward einer einmal in seinem Dorfe zu den Reichern gezählt oder hatte er wenigstens ein Anwesen, welches ihm einen Knecht trug, so konnte er sich hinsetzen zu den großen Vielbeneideten oder mit ihnen die Wette eingehen, wer es wohl am großartigsten zu treiben vermöge. Die Volksfeste, jetzt unter geistlicher und weltlicher Aufsicht stehend, wurden, sobald ihnen der frohe Tanz und das freie Wort fehlten, zu gemeinen Schlemmereien, von denen die Besseren sich ins sogenannte Herrenstüble zurückzuziehen begannen. So wurde denn vom Strom des Vergnügens, der rohesten Genußsucht, fast jeder Ungebundene fortgewirbelt; der Gebundene, durch Not Gefesselte aber stand allein wie eingesandet und warf denen neidische Blicke nach, die ihn lachend sich selbst und seinem Schicksal überließen. Nur die Frauen und Mädchen hatten am häuslichen Herd noch eher eine sichere Stätte. Je weiter die männliche Bevölkerung von der nun einmal eingerissenen Strömung fortgetrieben wurde, desto mehr mußten sie ihre Kräfte üben, damit doch nicht alles zugrunde gehe. Ein Menschenalter später führten sozusagen in allen wohlhabenden Häusern die Weiber das Hausregiment, denn die, in welchen das nicht geschah, waren lange keine wohlhabenden Häuser mehr. Nie standen beide Geschlechter sich mißtrauischer, spröder gegenüber als in dieser traurigen Zeit. Der Wirkungskreis des Weibes erweiterte sich mehr und mehr, aber dieses verlor dabei soviel als der Mann, und das Volk an ihm wohl mehr als an dem letzteren. Herzensgüte und Milde, der Kunstsinn, die Freude am Schönen und die Begeisterung für das menschlich Große schienen verschwunden und der Mensch zum Stallknechte geworden zu sein. Das unter der Herrschaft der Mannweiber herangewachsene Geschlecht wurde kleinlich, pfiffig, sparsam und arbeitsscheu; der[109] Taler galt alles, und den Wert des Menschen pflegte man in seinem Steuerbüchlein zu suchen.

Auch die Stigerin war so ziemlich ein Kind jener Zeit. Nutzen und Schaden – das war ihr Gewissen. Darum hielt sie auch den Reichtum für die Frucht der Arbeit, für den Gotteslohn jeder Entsagung, kurz für die sichtbar gewordene Gestalt aller menschlichen Tugenden und Vorzüge. Sie ging fleißig in die Predigt und nahm alles ohne Grübeln und Deuteln an; aber als einst ein Kapuziner die Behauptung aufstellte, daß Wohlstand und Glück viel öfter eine Strafe Gottes für allzu irdische Gesinnung seien, da mochte sie gar nichts mehr weiter von ihm hören, und als man bald darauf für das Kapuzinerkloster in Bezau die übliche Buttersammlung in der Gemeinde vornahm, war der Stollen, den sie in den Pfarrhof schickte, bei weitem der kleinste, und den Gruß, welcher Dorotheen mitgegeben wurde, wagte diese gar nicht auszurichten. Es war wirklich Dorotheen nicht zu verargen, wenn sie alles für unüberlegt hielt und sogar den kleinen Stollen verstohlen noch einmal in den Keller trug, um ihn ein wenig wachsen zu machen, wofür sie dann aber von der Stigerin, die das sogleich merkte, die strengsten Vorwürfe erhielt, die sie je unter diesem Dache erschreckt hatten. Doch noch am nämlichen Tag hatte die Magd Gelegenheit, zu bemerken, daß die Frau noch keine kärgere Geberin werde; ja wie vielleicht immer, fand ihr mildes Herz Ersatz im Wohltun für das, was es dem strengen Verstand hatte opfern müssen. Wenn sie auf das lange Tischgebet zu reden kam, welches auch während der dringendsten Feldarbeit nicht um ein einziges Vaterunser abgekürzt wurde, so sagte sie: »Gott sieht das und kann's auf andere Weise wieder reichlich ersetzen.« Von ihrer Mildtätigkeit aber redete sie, besonders mit ihren kargen Freundinnen und Basen, am liebsten gar nicht, oder sie sagte ganz kurz, wie um sich zu entschuldigen, sie habe nicht anders können, als dem armen Teufel mit dem oder diesem wieder ein wenig auszuhelfen.[110]

Jos hatte diese Seite ihres Wesens, die sie wie eine Schwäche sorgfältig geheimzuhalten, ja mit einer recht unnatürlich rauhen Rinde zu umgeben suchte, erst kennen gelernt, seit er als Knecht mit ihr unter einem Dache lebte. Der unerwünschte Spielgefährte Hansens war ihr, besonders als Vater und Sohn mit seltener Beharrlichkeit für ihn einstanden, zu sehr zuwider, als daß je ein wärmender Strahl aus ihrem Herzen in sein dunkles, kaltes Kindesalter hätte fallen können. Dieses listige, trotzige, dem Vorsteher und ihrer ganzen Verwandtschaft zum Ärger in die Gemeinde hereingeschmuggelte Kind der Sünde war ihr recht in der Seele zuwider, und wenn Hans für seine Mitteilung am Ostermorgen, daß er den Jos als Knecht gedingt hatte, keine besonders lange Strafpredigt hören mußte, so kam das einzig davon, weil sie glaubte, der schwache Schneider werde seinen Platz nicht eine Woche behaupten können. Weil sie aber das ganz bestimmt vorauszusehen meinte, begann sich schon auch das Mitleid mit dem Armen zu regen, in dessen traurige Lage sie sich jetzt unwillkürlich immer wieder denken mußte, bis sein Trotz eine ganz andere Stimmung weckte. Doch Hansens Erzählung beim Heuführen hatte nicht nur diesem Trotz seine Spitze genommen. Mit einer Art Ehrfurcht blickte er zu Dorotheens Mutter und Erzieherin auf. In jedem Augenblicke glaubte er, für tausend dem armen Kinde zugekommene Wohltaten danken zu müssen. Sein ganzes Wesen schien sich in wenigen Tagen verändert zu haben, und die Stigerin nahm mit Freuden den guten Einfluß ihres Hauses auf den etwas verderbten Burschen wahr, den sie nun mit fast mütterlicher Sorgfalt zu umgeben begann.

Jos nahm das für einen Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit dem Knechte, und dadurch wurde ihm die ungewohnte strenge Feldarbeit bedeutend leichter. Sein Ehrgeiz und der Gedanke, Dorothee dürfe ihn nicht für einen Schwächling halten, gaben seinem schwachen Körper eine Kraft und Ausdauer, wie er früher das wohl selbst kaum für möglich gehalten hätte. Anfangs blickte er am heißen Mittag wohl zuweilen[111] etwas traurig in die schattigen Werkstätten hinein und ließ das Köpfchen hängen, während er wieder an sein Tagwerk ging. Aber immer mehr richtete er sich auf, so daß die Leute bald bemerkten, das Bürschchen sei am guten Tische der Stigerin nicht nur fetter und kräftiger geworden, sondern auch sein Köpflein sei ihm in der immer stark eingeheizten Stube erwarmt, wie allen, die es früher darum ausgelacht habe.

Gar so arg, als die Leute meinten, war es nun freilich nicht; aber wenn ein Mensch, den man einmal als so und so sich vorzustellen gewohnt ist, nur in einem Stücke umschlägt, so ist jedermann zu Übertreibungen geneigt, welche eine vorgefaßte Meinung zu bestätigen geeignet sind. Freilich verbrauchte er seine Kraft nicht mehr in trotzigem Dulden; bei den wohlhabenderen Bauern, mit denen er als Seele des Stighofes fast täglich verkehrte, seit ihm den Krämer als Ratgeber und Nothelfer zu verdrängen gelang, hatte er etwas ganz anderes zu suchen als belachenswerte Fehler. Zwar stolzer als ehemals war er nicht, wenn er auch etwas sicherer auftrat und neben Dorotheen seine ehemaligen Gefährten beinahe vergaß; aber ganz der alte schien er auch sich selbst nicht mehr und hielt sich in manchem Stücke für besser. Wie teuflisch hatte er sich am ersten Tage gefreut, wenn er die Besitzer des Stighofes und Dorotheen in ihren Urteilen über etwas auch nur ein wenig auseinandergehen zu sehen meinte! Da glaubte er gleich einen Platz entdeckt zu haben, wo er sich vielleicht zwischen sie hineinsetzen konnte; jetzt aber machte es ihn noch viel glücklicher, sie alle als zusammengehörig zu betrachten. Das Mädchen, das er schon früher zu lieben wähnte, weil er es neidisch, eifersüchtig bewachte, stand jetzt zu groß, zu hoch vor seiner Seele, als daß er noch ärgerlich den Eindruck jedes freundlichen Wortes, jedes Geschenkes auf sein Herz hätte berechnen können. War es nicht recht und ganz natürlich, daß Dorothee auch bei anderen, bei allen etwas galt? Hatte doch er in der Zeit, wo noch die gemeinste Selbstsucht ihn so beherrschte, daß er der Magd[112] keine Freude gönnte, die ihr andere machten, bei Tag und Nacht an sie denken, nur ihretwegen sich oft weit über seine Kräfte anstrengen müssen. Die war eben der Mittelpunkt im Hause, und er schätzte sich jetzt glücklich genug, daß ihm neben ihr zu leben und mit ihr zu arbeiten vergönnt war. Selbst das Haus, die Felder und alles, was sie je betrat, wurde ihm lieber und werter. Immer mehr lebte er sich mit Leib und Seele in den Zauberkreis hinein, aus dem er anfangs nicht ungern auch das liebe Mädchen herausgerissen hätte. Die alte Stigerin mit dem früher rabenschwarzen Haar, auf welchem bereits der Winter lag, und mit der großen Hornbrille auf den grauen Augen, deren ungewöhnlich starke Brauen mit der die niedere, aber breite Stirne bedeckenden Pelzkappe zusammengewachsen zu sein schienen, kam ihm ganz anders vor, wenn er sich vorstellte, wie sie ein armes Mädchen allem Spott und Neide zum Trotz aus der Hütte des Elends, des Unfriedens und der tiefsten Armut rettete, um ihm Mutter zu sein und es so zu einer Dorothee zu erziehen. Oh, er gab ihr von Herzen recht, wenn sie, von der Geschichte redend, mit einem Stolz, der ihm recht in der Seele wohl tat, sich ein Werkzeug des lieben Gottes nannte, der keinen Menschen unschuldig Armut und Not ertragen lasse, bis er dadurch an Leib und Seele verderbt werde. Wohl hundertmal bat er sie, die die gute Dorothee schon damals liebte und schützte, als er noch ein recht ungezogener Junge war, in Gedanken um Verzeihung für die groben Verse, die er auf die nicht besonders schöne und ihm recht in der Seele verhaßte Mutter seines Spielkameraden gemacht hatte, und die Schneeballen, die er in ihren Kamin warf, wenn die Milchsuppe auf dem Herdfeuer stand, und für all die tollen Streiche, durch die er es hatte rächen wollen, daß sie Hansen stets mit einem unheilverkündenden Pfiff heimrief, sobald sie ihn einmal mit ihm spielen sah.

Immer mehr lebte Jos sich in die Verhältnisse des lieben Mädchens, sogar in seine Familie hinein, nicht nur Freude und Leid mit ihr teilend, sondern jede Pflicht, alles, was ihr groß[113] und heilig war. Es gab nichts Schöneres für ihn als ihre Erzählungen aus der Vergangenheit, wie unbedeutend sie auch immer sein mochten. Dorothee wurde oft verlegen, daß ihr aufmerksamer Zuhörer später manche Kleinigkeit aus ihrem Leben, die ihr nur einmal im Erzählungsdrange mitsamt allen Nebenumständen einfiel, bei weitem genauer wußte als sie selbst. So wunderbar, als sie meinte, war das freilich nicht, denn oft genug beschäftigte er sich mit jeder Einzelheit, und besonders ihre wichtigen Tage waren bald auch ihm bedeutend geworden, hauptsächlich der zwölfte März, an dem sie in dieses Haus kam, und der zwölfte Hornung, der Abschiedstag ihres Bruders. Früher vermochte er nicht zu begreifen, wie sie nach diesem Tage noch auf dem Stighof bleiben konnte. Jetzt aber dachte er sich nie mehr an Dorotheens, nur noch an Hansjörgs Stelle. Dieser tat dem Wohltäter seiner Schwester gewiß nicht ungern einen so wichtigen Dienst, wenigstens hätte er es sollen, meinte Jos, als er sah, wie treulich Hans noch immer daran dachte und wie überreich er auch dem Mathisle das ersetzte, was allenfalls Hansjörg als Wochenlohn jeden Sonnabend heimgebracht hätte.

So rechnete Jos und zeigte damit so gut als einer, was alles die Liebe zu überwinden oder zu verklären vermag.

Aber Jos war ja gar nicht mehr verliebt – er war weit über die elende Selbstsucht hinaus, die ihn quälte und bitter machte, als er in dieses Haus, in den Kreis so guter und glücklicher Menschen eintrat. Er wollte Dorotheen nicht mehr vor jedem Blick, jeder Wohltat, kurz vor allem warnen, was nicht von ihm kam. Sie war seine Schwester, der er alles Gute und Erfreuliche recht von Herzen gönnte. Er glaubte seine verliebte Zeit vorüber, seit er nicht mehr jeden Schritt des Mädchens und derer, die mit ihm verkehrten, mit der Ängstlichkeit der Eifersucht beobachtete, seit er, wie er sich selber sagte, sogar das zu opfern vermochte, was eine andere als brüderliche Zuneigung durchaus für sich verlangen würde. Früher hatte er seinen schönsten Tag, wenn Dorothee zu ihm aufs Feld kam und ihm arbeiten half. Dann hatte er Glück[114] in allem, was er machte, und wenn er auch halbe Viertelstunden nur plauderte oder ihr zuschaute, wie flink sie den Rechen durch die schöne Hand gleiten ließ, wie regelmäßig ihre Sense den Halbkreis durchrauschte und die hohen Halme aufeinanderlegte, am Abend hatte er doch immer weit mehr ausgerichtet, als wenn er allein war. Dann kam er sich auch abends beim Heimgehen nicht mehr als ein einsamer, ganz besonders gearteter Trübsalblaser mit von keinem Lebenden geteilten oder auch nur verstandenen Leiden und Sehnsuchten vor. Sogar im frohen Wettgesang der Vögel hörte er sich selbst. Alles in ihm weitete, leichtete sich, und es nahm ihn fast wunder, daß er nicht zu fliegen vermochte. Ja zuweilen war's ihm, als ob er es schon könnte, wenn er sich anders von Dorotheens Seite weggewünscht hätte. Das aber war damals eben nie der Fall. Dorothee sollte nirgends sein, nirgends arbeiten als nur neben ihm. Schon wenn sie mit anderen, besonders wohlhabenden Burschen oder sogar mit Hansen ein freundliches Wort wechselte, klagte er über Zurücksetzung und konnte halbe Tage lang sehr übler Laune sein, gerade als ob man ihm weiß Gott welches große Unrecht angetan hätte. Ja, er war ein recht unerträglicher Mensch gewesen in den ersten fünf Wochen. Nun aber war denn diese verliebte Selbstsucht doch glücklich überwunden.

An heißen Julitagen, wo die Blätter an den Stengeln schon vormittags zu erlahmen begannen, konnte er es nicht mehr übers Herz bringen, Dorotheen den ganzen langen Tag neben sich schaffen und schwitzen zu sehen. »Bleib doch daheim, wo du ja genug zu tun hast – wohl mehr als ich draußen«, bat er oft, wenn er aufs Feld zur Arbeit ging, und wie ein Strahl der eben aufgehenden Sonne zog es über sein jetzt auch gebräuntes Gesicht, wenn sie endlich nachgab. Erst dann war sie den ganzen Tag recht bei ihm, und wenn er abends das Getane übersah, so war's wirklich, als ob sie ihm geholfen hätte. Ach, war das eine Lust, so für sie zu arbeiten, und dabei unterhielt er sich besser mit ihr, als wenn sie da war. Ja dann wußte er oft gar nichts zu sagen. Es war[115] ihm ordentlich angst vor dem Mädchen, und was er sagen wollte, wäre immer zu lustig oder zu ernsthaft herausgekommen. Doch nur selten ließ die fleißige Magd ihn allein neben dem rauschenden Wiesenbächlein den Sängern des nahen Waldes lauschen und dem Geschwätz der Blätter. Immer wollte sie dabei sein und helfen, wenn ihr nicht auch Hans daheim zu bleiben befahl. Das aber geschah immer häufiger. Sonst war es dem Burschen nie eingefallen, daß das Mädchen einen strengen Dienst habe. Er hatte sich schon daran gewöhnt, sie von früh bis spät in einem fort arbeiten zu sehen, und wenn er mit der kurzen Pfeife im Munde neben ihr stand, so dachte er nur selten daran, daß er ihr wohl auch ein wenig helfen könnte. Erst Jos hatte ihn, ohne es gerade zu wollen, darauf gebracht. Die Arbeitslust, die sich nun auf einmal in dem sonst etwas trägen Besitzer des Stighofes zu regen begann, hätte in seinem Knechte gewiß allerlei Gedanken und Sorgen wachrufen müssen, wenn er noch immer nur eifersüchtig gerechnet und nicht lieber sich herzlich gefreut hätte über alles, was Dorotheen auf irgendeine Weise zugute kommen mußte. Daß Hans sie gern habe, das war ganz klar, aber wer konnte es ihm verargen? Mußte man ihm nicht gerade darum gut werden, weil er dadurch zeigte, wie weit er über anderen reichen Bauernburschen stehe?

Die beiden redeten viel von der Magd, wenn sie allein mitsammen arbeiteten. Dem Jos war es fast zu viel, und besonders weh tat ihm, daß Hans sich so bitter über ihren gemeinen, verschwenderischen Vater aussprechen konnte, über den Krämer dagegen und seinen Töchtermann sich kaum ein tadelndes Wort gefallen ließ. Wenn es der Andreas immer bunter trieb, so beklagte Hans allerdings die arme Angelika, aber nie gab er zu, daß auch diese durch ihr unfreundliches, strenges Wesen ihn aus dem Hause treibe. »Sie passen nicht zusammen und sind mehr unglücklich als schuldig«, sagte er kurz abbrechend. Das Mathisle aber und sein Hansjörg sollten an allem selbst schuld sein, da taten die Verhältnisse gar nichts. Dorotheen war ein besseres Los geworden, weil[116] sie ein besseres verdiente, behauptete Hans und begann dann, seine Magd auf Kosten ihrer Eigenen zu loben. Das wäre dem Jos rein unmöglich gewesen. Die, für welche Dorothee das ganze Jahr sparte und sorgte, mußte er entschuldigen, solange er konnte, dann aber wenigstens ihre Fehler, wie weh ihm diese auch tun mochten, mit dem Mantel der christlichen Liebe zu bedecken suchen. Es fiel ihm nie ein, von Hansens Tadel gegen das Mathisle, den Hansjörg und sogar Dorotheens kränkelnde Schwester auf das Nichtvorhandensein einer wirklichen Neigung zu schließen. Es konnte ja ebensogut in dieser Härte ein Unbehagen des stolzen Bauern verborgen liegen, der sich von so gemeiner Leute Kind gefangen fühlte.

Hans ließ dem Knechte nie Zeit, über seine Reden lange nachzudenken. Nicht etwa, daß er unermüdet arbeiten sollte. Hans hielt im Gegenteil das Leben eher für eine Kurzweil als nur für eine Reihe von Tagwerken, und als Arbeiter war ihm sein Knecht fleißig mehr als genug, aber beinahe zu still. Er bat den Jos oft, ihm ruhig etwas recht Lustiges zu erzählen, und hörte dann so aufmerksam zu, als ob Jos sein Ratgeber und Tröster sei. Aber der arme Knecht hatte nicht immer einen lustigen Einfall in der Tasche, und beide waren oft, ja immer herzlich froh, wenn Dorothee mit dem Mittagsessen kam, wie wenig sie bei der ungewöhnlichen Hitze dieses Sommers auch hungern mochten. Wenn sie zum Essen rief, dann kam der Appetit sicher. Oh, ihre Stimme konnte befehlen. Jos hatte noch nie eine ähnliche gehört als vielleicht – denn ganz wunderbar bekannt, ja eigen war sie ihm immer vorgekommen – in seinen Träumen, in denen er überhaupt manches aus seinem jetzigen Leben schon einmal durchgemacht zu haben behauptete, ohne jedoch noch ersinnen zu können, wie es dann endlich gekommen sei. Schon früher wollte er im Traum, oder er wußte selbst nicht wann, unter der großen Buche neben Hansen und Dorotheen gesessen sein, unter der er jetzt sein Mittagsmahl einzunehmen pflegte. Auch dann hatte das Bächlein gemurmelt, und die Vögel[117] hatten laut gezwitschert, wenn Dorothee über seine nun dutzendweise kommenden Einfälle laut auflachte. Aber das hatte er in seinen Träumen denn doch nicht erlebt, daß Dorothee nicht nur für Hansen, sondern auch noch für ihn einen besonderen Lieblingsbissen auspackte. Das war eine Freude! Dorotheens wunderbare Stimme mußte nochmals bittend befehlen, bevor Jos so etwas zu vernichten wagte.

Die glücklichsten Menschen wie die besten Frauen sind häufig die, von welchen man am wenigsten zu sagen weiß. Das Glück unseres Knechtes glich nicht der künstlichen Arbeit der Blumenmacherin, die den Kirchenaltar ziert, sondern dem bescheiden blühenden und duftenden Kinde des Frühlings, welches vielleicht kaum Beachtung findet. O schade, daß so ein liebliches, duftumflossenes Kind der schönen Jahreszeit mit aller Kunst nicht auch den Sommer über erhalten bleibt und daß es um so schneller verdirbt, wenn man es der einsamen Stelle entreißt, wo es wuchs und blühte.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 106-118.
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