Fünftes Kapitel.

[76] Ein Dialog zwischen Herrn Jones und dem Barbier.


Diese Unterredung ging zum Teil während der Zeit vor sich, da Jones in seinem dunkeln Loche beim Essen saß und teils unter der Zeit, daß er im Gesellschaftszimmer saß und den Barbier erwartete; und sobald als sie zu Ende war, machte ihm Herr Benjamin, wie wir gesagt haben, seine Aufwartung und ward sehr freundschaftlich gebeten, sich niederzusetzen. Dann füllte Jones ein Glas mit Wein und trank seine Gesundheit unter der Benennung von Doctissime tonsorum! »Ago tibi gratias, domine,« antwortete der Barbier; sah darauf Herrn Jones sehr starr an und sagte mit[76] großer Ernsthaftigkeit und mit einer anscheinenden Verwunderung, als ob er sich eines Gesichts wieder erinnerte, das er bereits früher gesehen hätte: »Mein Herr, darf ich mir die Gewogenheit ausbitten, zu erfahren, ob nicht Ihr Name Jones heißt?« Worauf der andere antwortete: So hieße er. »Proh Deum atque hominum fidem!« sagte der Barbier, »wie wunderbar sich Dinge fügen können! Herr Jones, ich bin Ihr ganz gehorsamster Diener. Ich sehe, Sie kennen mich nicht; und in der That ist es auch nicht zu verwundern, weil Sie mich nie mehr als einmal gesehen haben, und dazu waren Sie damals noch sehr jung. Haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, wie befindet sich der gute Junker Alwerth? Was macht ille optimus omnium patronus?« – »Ich sehe,« sagte Jones, »daß Sie mich wirklich kennen. Aber ich bin nicht eben so glücklich, mich Ihrer zu erinnern.« – »Das nimmt mich kein Wunder,« schrie Benjamin. »Aber desto mehr wundert's mich, daß ich Sie nicht früher erkannt habe, denn Sie haben sich nicht im geringsten verändert, und wenn ich, ohne voreilig zu sein, bitten dürfte, zu wissen, wohin Sie dieses Weges zu reisen gesonnen sind?« – »Füllen Sie Ihr Glas, Herr Chirurgus,« sagte Jones, »und unterlassen das weitere Fragen.« – »Wohl, mein Herr Jones,« antwortete Benjamin, »ich wollte nicht lästig sein, und ich hoffe, Sie halten mich für keinen unverschämten, neugierigen Mann; denn das ist ein Fehler, welchen mir niemand zur Last legen kann. Aber um Vergebung! Denn, wenn ein Herr von Ihrer Art ohne Bediente reiset, so sollten wir freilich voraussetzen, es geschehe, wie wir sagen: in casu incognito; und vielleicht hätte ich Ihren Namen nicht nennen sollen.« – »Ich muß gestehen,« sagte Jones, »ich hätte nicht erwartet, hier so gut gekannt zu sein, als ich finde, daß ich's bin. Doch aus gewissen Ursachen werde ich Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie meinen Namen keinem andern Menschen sagen wollen, bis ich wieder von hier abgereist bin.« – »Pauca verba!« erwiderte der Barbier, »und ich wollte nur wünschen, daß niemand mehr hier Sie kennte, als ich; denn gewisse Leute haben lange Zungen! Ich aber, das versichere ich Sie, kann ein Geheimnis bei mir behalten. Diese Tugend können mir meine Feinde nicht absprechen.« – »Und doch, Herr Barbier, pflegt das die unterscheidende Eigenschaft Ihrer Profession nicht zu sein,« antwortete Jones. – »Ach, mein lieber Herr,« versetzte Benjamin. »Non si male nunc, et olim sic erat. Ich bin weder ein geborner, noch erzogener Barbier, versichere ich Sie. Ich habe meine meiste Zeit unter sehr anständigen Leuten zugebracht, und ich darf es sagen, ich weiß ein wenig, wie es bei vornehmen Leuten hergeht; und hätten Sie mich Ihres Vertrauens ebenso würdig geachtet, als Sie es gewissen andern Leuten geschenkt[77] haben, Sie hätten sehen sollen, daß ich ein Geheimnis zu verwahren weiß. Von mir hätte Ihr Name nicht in der Küche eines öffentlichen Wirtshauses heruntergekanzelt werden sollen. In der That, Herr Jones, gewisse Leute sind schlecht mit Ihnen umgegangen; denn außerdem, daß sie's so öffentlich ausrufen, was Sie ihnen von einer Veruneinigung zwischen Ihnen und dem Herrn Junker Alwerth anvertraut haben, so setzen sie auch noch Sachen von eigener Erfindung hinzu, von denen ich weiß, daß es Lügen, lauter Lügen sind.« – »Sie setzen mich in Erstaunen!« sagte Jones. – »Auf mein Wort,« erwiderte Benjamin, »ich sage Ihnen die Wahrheit, und habe wohl nicht nötig hinzuzusetzen, daß es die Wirtin ist, welche diese Schandtrompete bläst. Es ging mir durch die Seele, die Geschichte mit anzuhören: und, ich hoffe, sie soll durchaus falsch sein, denn ich habe für Sie großen Respekt, das versichere ich Sie, habe ich! und habe ihn immer gehabt, seit der Gutherzigkeit, welche Sie am schwarzen Jakob bewiesen, wovon weit und breit umher gesprochen wurde, und worüber mir mehr als ein Brief geschrieben ist. In der That, es machte Sie bei jedermann beliebt. Sie werden mir also verzeihen, denn ich hatte einen wirklichen Kummer über das, was ich gehört hatte, und das trieb mich an, Ihnen die Frage zu thun; denn ich habe keine dumme Neugier an mir, aber ich liebe ein gutes Herz, und daher amoris abundantia erga te.«

Bei einem Menschen, den der Unglückswind anweht, finden alle Freundschaftsversicherungen leicht Glauben; es ist daher kein Wunder, daß Jones, der außerdem noch, daß er unglücklich, auch von Natur außerordentlich offenherzig war, allen diesen Versicherungen des Benjamin gar willig Glauben beimaß und ihn in seinen Busen aufnahm. Die kleinen lateinischen Brocken, von denen Benjamin einige immer noch schicklich genug anbrachte, ob sie gleich eben nicht nach einer tiefen Litteratur schmeckten, schienen doch etwas mehr als einen alltäglichen Bartscherer anzudeuten. Jones glaubte also an die Wahrheit dessen, was er von seiner Herkunft und Erziehung erzählte, und endlich, nach oft wiederholtem Anliegen, sagte er zu ihm: »Weil Sie denn einmal so viel von meinen Angelegenheiten gehört haben, mein Freund, und so begierig scheinen, die Wahrheit zu wissen, so will ich Ihnen den ganzen Zusammenhang erzählen, wenn Sie Geduld genug haben, es anzuhören.« – »Geduld genug!« rief Benjamin, »die hab' ich, und wenn das Kapitel auch noch so lang ist; und ich bin Ihnen unendlich für die Ehre verbunden, die Sie mir erzeigen.«

Jones erzählte ihm also die ganze Geschichte, und vergaß bloß einen oder ein paar Umstände, namentlich alles und jedes, das an dem Tage vorging, an welchem er sich mit Herrn Schwöger geschlagen[78] hatte, und endigte mit seiner Entschließung, zur See zu gehn, bis die Rebellion an der schottischen Grenze ihn diesen Vorsatz hatte aufgeben lassen und ihn an den Ort gebracht hatte, wo er jetzt war.

Der kleine Benjamin war ganz aufmerksam und sagte während der ganzen Erzählung kein Wort, als sie aber zu Ende war, konnte er sich nicht entbrechen zu bemerken, daß ganz gewiß noch mehr Erfindungen seiner Feinde dahinter stecken und Herrn Alwerth gegen ihn aufgebracht haben müßten, sonst würde ein so guter Mann einen Jüngling nicht von sich entfernt haben, den er bis dahin immer so zärtlich geliebt habe. Worauf Jones antwortete, er zweifle nicht, man müsse sich wohl niederträchtiger Künste bedient haben, um sein Verderben zu bewirken.

Und allerdings war es irgend einem Menschen kaum möglich, daß er nicht mit dem Barbier dieselbe Bemerkung hätte machen sollen, welcher von Jones nicht einen einzigen Umstand vernommen hatte, worüber er war verurteilt worden, denn seine Handlungen waren jetzt nicht in das nachteilige Licht gestellt, in welches man sie dem Herrn Alwerth fälschlich vorgeschoben hatte. Er konnte auch nicht einmal der vielen falschen Anklagen erwähnen, welche dem Herrn Alwerth von Zeit zu Zeit gegen ihn waren vorgebracht worden, denn er war mit keiner davon irgend selbst bekannt. Ebensowohl hatte er, wie wir angemerkt haben, manches wesentliche Faktum in seiner gegenwärtigen Geschichtserzählung ausgelassen. Im ganzen genommen, erschien jetzt alles und jedes für unsern Jones in so vorteilhaften Farben, daß die Bosheit in Person es nicht leicht gefunden haben würde, den geringsten Tadel auf ihn zu bringen.

Nicht als ob Jones hätte vorsätzlicherweise die Wahrheit verbergen oder verkleistern wollen; nein, es würde ihm viel eher weh gethan haben zu sehen, daß auf Herrn Alwerth der Tadel gefallen wäre, weil er ihn gestraft, als auf seine eigene Handlungen, durch welche er diese Strafe verdient hatte; aber so ging es in der That zu und so wird es allemal zugehen. Denn laß einen Mann noch so ehrlich und aufrichtig sein, seine Erzählung von seiner eigenen Aufführung wird, ohne daß er's weiß oder will, so äußerst günstig für ihn ausfallen, daß seine Laster schneeweiß über seine Lippen gehen und gleich trüben Weinen, wenn sie über Hausenblasen abgezogen wurden, alle ihre Hefen zurücklassen werden. Denn obgleich die Thatsachen selbst angeführt werden, so werden doch die Beweggründe, die Umstände und die Folgen so von einander verschieden sein, wenn ein Mann selbst seine eigene Geschichte oder wenn sein Feind sie erzählt, daß man kaum wird erkennen können, ob es eine und dieselbe Thatsache sei.[79]

Obgleich der Barbier die Geschichte mit gierigem Ohre verschluckt hatte, so war's ihm doch noch nicht genügend. Es fehlte noch ein Umstand, nach welchem seine Neugier, so kalt solche war, sehr sehnlich verlangte. Jones hatte den Umstand seiner Liebe erwähnt und daß er Blifils Nebenbuhler gewesen, hatte aber ganz behutsam den Namen des jungen Frauenzimmers verschwiegen. Der Barbier bat also nach einigem Zaudern und Hms! und Ha's! um Erlaubnis, sich den Namen der Dame ausbitten zu dürfen, welche ihm die Ursache alles vorgegangenen Unheils zu sein schien. Jones stand einen Augenblick bei sich an und sagte darauf: »Weil ich Ihnen einmal soviel anvertraut habe und weil, wie ich fürchte, ihr Name bei dieser Gelegenheit bereits zu öffentlich bekannt geworden ist, so will ich solchen Ihnen nicht verbergen. Ihr Name ist Sophie Western.«

»Proh Deum atque hominum fidem! Herr Junker von Western hat schon eine mannbare Tochter?« – »Ja und zwar eine solche Tochter,« rief Jones, »daß die Welt ihresgleichen nicht aufzuweisen hat. Kein Auge hat jemals etwas so Schönes gesehen, doch das ist die geringste von ihren vortrefflichen Eigenschaften. Solch ein Verstand, solche außerordentliche Güte der Seele! O ich könnte sie unaufhörlich preisen, und doch nur die Hälfte ihrer Tugenden erzählen.« – »Herr von Western eine Tochter, die schon mannbar ist!« rief der Barbier. »Ich habe den Vater noch als einen Knaben gekannt, aber freilich tempus edax rerum.«

Der Wein ging bald auf die Neige und der Barbier drang sehr ernstlich darauf, auch seine Bouteille zum besten zu geben. Aber Jones schlug es platterdings aus und sagte: »Er habe schon mehr getrunken als er sollte und er müsse sich nunmehr auf sein Zimmer begeben, wo er wünschte das eine oder das andre Buch bekommen zu können.« – »Ein Buch?« rief Benjamin. – »Was für ein Buch möchten Sie haben? Ein lateinisches, oder in der Muttersprache? Ich habe einige kuriose Bücher in beiden Sprachen. Ich habe da des Erasmi Colloquia, Ovid de Tristibus, Gradus ad Parnassum, und in unserer Sprache habe ich einige der besten Bücher, obgleich einige ein wenig verschlissen sind. Aber ich habe noch einen großen Ueberrest von Stowe's Chronika, den sechsten Band von Popes Homer, den dritten Band vom Zuschauer, den zweiten Band von Eckards römischer Geschichte, den Robinson Crusoe, den Thomas a Kempis und zwei Bände von Thomas Browns Werken.«

»Diese letzten,« sagte Jones, »sind mir noch nie vorgekommen. Seien Sie also so gütig und leihen Sie mir einen von diesen Bänden.« Der Barbier versicherte ihm, sie würden ihm viel Vergnügen machen, denn er hielte den Verfasser für einen der größten witzigen[80] Köpfe, welche die Nation jemals gehabt habe. Er ging also nach seinem Hause, welches nahgelegen war und kam augenblicklich wieder, worauf, nachdem Jones dem Barbier die strengste Verschwiegenheit anempfohlen und dieser geschworen hatte solche unverbrüchlich zu bewahren, sie endlich von einander schieden. Der Barbier ging nach seinem Hause und Jones begab sich auf sein Zimmer.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 76-81.
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