Siebentes Kapitel.

[252] Worin Madame Fitz Patrick ihre Geschichte beschließt.


Unterdessen, daß Jungfer Honoria dem Befehl ihrer Gebieterin zufolge eine Schale Punsch machen ließ und den Herrn Wirt und die Frau Wirtin dazu einlud, fuhr Madame Fitz Patrick folgendergestalt in ihrer Erzählung fort:

»Die meisten von den Offizieren, welche in einem Flecken unsrer Nachbarschaft im Quartiere lagen, waren von meines Herrn Gemahls Bekanntschaft. Unter diesen befand sich ein Leutnant, ein sehr hübscher Schlag von einem Mann, der mit einer Frau verheiratet war, die ich beides, von Gemüt und Umgang, so angenehm fand, daß wir vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an, die wir machten, als sie eben aus den Wochen gekommen, fast unzertrennliche Gefährtinnen waren; denn ich war so glücklich, mir in gleichem Grad ihre Gewogenheit zu erwerben.

Der Leutnant, der weder ein Dummkopf noch ein Jäger war, befand sich oft in unsrer kleinen Gesellschaft; in der That hatte er nur wenig Umgang mit meinem Manne, und grade nur so viel, als ihm die gute Lebensart auferlegte, weil er übrigens fast beständig in unserm Hause war. Mein würdiger Eheherr bezeigte oft sein Mißvergnügen darüber, daß der Leutnant meine Gesellschaft der seinigen vorzöge, und war deshalb nicht wenig zornig auf mich, und stieß manchen bittern Fluch über mich aus, daß ich ihm seine Gesellschaft wegnehme, und sagte: Ich müßte eigentlich noch die Hölle dafür fegen, daß ich einen der wackersten Kerls verdorben und daraus einen weichen Weibling gemacht hätte.

Sie würden sich sehr irren, meine teure Sophie, wenn Sie sich einbildeten, daß mein Mann sich deswegen geärgert habe, weil ich ihm einen Gesellschafter entzogen; denn der Leutnant war nicht der Mann, an dessen Umgang ein Narr Gefallen finden konnte; und wenn ich auch die Möglichkeit zugäbe, so hatte mein Herr Ehegemahl doch so wenig Recht, den Verlust eines seiner Gefährten auf mich zu schieben, daß ich überzeugt bin, er würde niemals unser Haus betreten haben, wenn es nicht meinetwegen geschehen wäre.

Nein, liebes Kind; Neid war es, die schlimmste, vergrollteste Art von Neid, Neid über Vorzug des Verstandes! Der ärmliche Mensch konnte es nicht dulden, daß ein Mann, auf den er ganz und gar nicht eifersüchtig sein könnte, meinen Umgang dem seinigen vorzöge.[252] O, meine teure Sophie, Sie sind ein Frauenzimmer, das viel Verstand besitzt! Wenn Sie einen Mann heiraten, der, wie es höchst wahrscheinlich der Fall sein wird, nicht so reichlich mit Verstand begabt ist als Sie selbst, so setzen Sie ja seine Gemütsart noch vor der Heirat auf oft wiederholte Proben, um zu wissen, ob er einen solchen Vorzug zu ertragen fähig sei. – Versprechen Sie mir's, meine Sophie, daß Sie diesen Rath befolgen wollen; Sie werden hernach schon finden, wie wichtig er ist.« – »Allem Anschein nach werde ich niemals heiraten,« antwortete Sophie; – »wenigstens bin ich nicht gesonnen, einen Mann zu heiraten, in dessen Verstande ich vor der Heirat Fehler gewahr werde; und ich versichre Sie, ehe ich dergleichen nachher bemerken wollte, würde ich lieber meinen eignen Verstand verleugnen.« – »Ihren eignen Verstand verleugnen!« erwiderte Madame Fitz Patrick. – »O pfui doch, Kind! daß ich eine solche Aermlichkeit von Ihnen glauben soll. Eh' könnte man mich dahin bringen, auf alles übrige Verzicht zu thun, als darauf. Die Natur würde dem Weibe diesen Vorzug in so mancherlei Dingen und Vorfällen nicht erteilt haben, wenn sie gewollt hätte, daß wir ihn so gänzlich dem Willen des Mannes übergeben sollten. Vernünftige Männer erwarten dies von uns auch niemals; und der Leutnant, dessen ich eben erwähnt habe, gab hievon ein merkwürdiges Beispiel; denn ob er gleich sehr viel Verstand hatte, so räumte er doch beständig ein, daß seine Frau noch mehr habe, wie es denn wirklich die Wahrheit war. Und dies mochte vielleicht wohl eine von den Ursachen sein, warum mein Haustyrann sie haßte.

Ehe er sich von einem Weibe wollte beherrschen lassen, sagte er, besonders von einer so häßlichen Vettel, (denn sie war wirklich keine regelmäßige Schönheit, aber sehr angenehm und außerordentlich gefällig im Umgang) wollte er lieber alle Weiber auf Gottes Erdboden zur Hölle begleiten. Dies war so eine von seinen Lieblingsredensarten. Er könne nicht begreifen, sagte er, was ich an ihr fände, daß ich in ihre Gesellschaft so vernarrt wäre. Seitdem das Weib, sagte er, unter uns gekommen ist, hat's mit Ihrem so beliebten Lesen ein Ende, woran Sie nach Ihrem Vorgeben soviel Freude fanden, daß Sie sich nicht so lange Zeit davon abmüßigen konnten, um den Damen in unserer Nachbarschaft ihre Besuche wiederzugeben. Ich muß freilich bekennen, daß ich mir in diesem Stück einige Unhöflichkeit habe zu schulden kommen lassen; denn die vornehmsten Damen dort zu Lande sind nicht besser als hier die Pächtersweiber; und ich denke, Ihnen brauche ich nichts weiter zur Entschuldigung zu sagen, warum ich allen nähern Umgang mit ihnen ablehnte.

Dieser freundschaftliche Umgang dauerte indessen ein ganzes Jahr, das heißt, die ganze Zeit über, da der Leutnant sein Quartier[253] in dem benachbarten Städtchen hatte, und für welchen ich dadurch Kontribution bezahlte, daß mich mein Ehgemahl auf die vorbesagte Weise ohne Unterlaß mißhandelte, wann er nämlich zu Hause war. Denn oft ging er auf einen ganzen Monat nach Dublin, und einmal that er eine Reise nach London, und ich hielt es für ein ganz besondres Glück, daß er auf allen diesen Reisen niemals meine Gesellschaft begehrte; vielmehr gab er mir durch seine häufigen Sticheleien auf solche Männer, die nicht anders reisen könnten, ohne sich, wie er's nennte, das Weib auf die Hocke zu sacken, hinlänglich zu verstehen, daß meine Wünsche vergebens gewesen wären, wenn es mich auch noch so sehr darnach gelüstet hätte, ihn zu begleiten; aber dem Himmel sei Dank, daß ein solches Gelüsten niemals bei mir aufstieg.

Zuletzt ward meine Freundin von mir getrennt; ich sank wieder in meine Einsamkeit zurück, zu der peinlichen Gesellschaft meiner eignen Gedanken, und mußte meinen Trost wieder in Büchern suchen. Jetzt that ich fast den ganzen geschlagnen Tag nichts andres als lesen. Wie manche Bücher glauben Sie wohl, daß ich in drei Monaten durchgelesen habe?« – »Das kann ich schwerlich erraten, liebe Kousine,« antwortete Sophie. – »Vielleicht ein halb Schock!« – »Ein halb Schock? ein halbes Tausend, Kind,« antwortete die andre. – »Ich habe einen großen Teil von Daniels Geschichte von Frankreich, von Plutarchs Leben großer Männer, die Atlantis, den Homer in Versen, Locke vom menschlichen Verstande und von Romanen und Schauspielen alles gelesen, dessen ich nur habhaft werden konnte.

Während dieser Zeit schrieb ich demütige, und wie ich meinte, auch rührende Briefe an meine Tante. Da ich aber auf keinen eine Zeile Antwort erhielt, so wollte mir mein Stolz nicht erlauben, mein Ansuchen noch weiter fortzusetzen.« – Hier hielt sie inne, und indem sie Sophien sehr ernsthaft anblickte, sagte sie: »Mich dünkt, meine Beste, ich lese etwas in Ihren Augen, welches mir eine Nachlässigkeit vorwirft, daß ich mich nicht andern Orts verwendet habe, wo ich eine liebreichere Begegnung erwarten durfte.« – »Ach,« antwortete Sophie, »meine teure Henriette, Ihre Geschichte entschuldigt Sie hinlänglich bei jedem, den Sie vernachlässigt haben könnten. Ich aber empfinde wirklich, daß ich mich einer Vergeßlichkeit schuldig gemacht, für die ich keine so triftige Entschuldigung habe. – Aber ich bitte Sie, fahren Sie fort, denn mich verlangt nach dem Ausgange, ob ich gleich davor zittre.« – Madame Fitz Patrick knüpfte also ihre Erzählung folgendergestalt wieder an: »Mein Mann that jetzt eine zweite Reise nach England, woselbst er sich gegen drei Monate aufhielt. Den größten Teil hindurch führte ich ein Leben, welches durch nichts in der Welt mir hätte erträglich scheinen können, als[254] dadurch, daß ich vorher ein traurigeres geführt hatte; denn wenn sich ein geselliges Gemüt, wie das meinige, in völliger Einsamkeit nicht unglücklich dünken soll, so gehört dazu, daß es sich dadurch von der Gesellschaft solcher Personen befreit sehe, die es haßt. Was noch meinen Jammer vermehrte, war der Verlust meines Kindes; nicht, daß ich eben vorgeben möchte, ich hätte es mit der ausschweifenden Zärtlichkeit geliebt, deren ich, wie ich glaube, unter andern Umständen sehr fähig gewesen sein möchte; aber ich war auf alle Weise entschlossen, die Pflichten der zärtlichsten Mutter zu erfüllen, und diese Sorgfalt verhinderte mich, die Last des schwersten Gewichtes unter allen Dingen in der Welt, sobald wir ihren Druck nur erst gewahr werden, zu fühlen.

Fast zehn volle Wochen hatte ich ganz einsam zugebracht, ohne irgend einen Menschen zu sehen, außer meine Bedienten und einige Besuche, als ein junges Frauenzimmer, eine Verwandte meines Mannes, aus einem entlegenen Teile von Irland mich zu besuchen kam. Sie hatte schon einmal eine Woche in meinem Hause zugebracht, und ich lud sie damals dringend ein, bald wieder zu kommen; denn sie war angenehm und hatte ihren natürlichen Verstand durch eine gute Erziehung ausgebildet. Wirklich war sie mir ein sehr willkommner Gast.

Einige wenige Tage nach ihrer Ankunft, als sie mich sehr niedergeschlagen sah, fing das junge Frauenzimmer an, ohne nach der Ursache meiner Traurigkeit zu fragen, welche sie ohnedem recht gut wußte, mich zu bedauren und zu beklagen. Sie sagte: Obgleich mich die Höflichkeit verhindert hätte, mich über meines Mannes Aufführung bei seinen Verwandten zu beklagen, so sähen sie solche doch alle recht gut ein und mißbilligten sie im höchsten Grade; niemand aber mehr als sie selbst. – Und nach mehr allgemeinen Gesprächen über dies Kapitel, wobei ich ihr, die Wahrheit zu gestehn, nicht immer Unrecht gab, vertraute sie mir endlich, nach vieler genommenen Behutsamkeit und empfohlenen Verschwiegenheit, als ein großes Geheimnis, daß mein Mann sich eine Mätresse hielte.

Sie bilden sich gewiß ein, ich habe diese Neuigkeit mit der äußersten Gleichgültigkeit vernommen. – Aber auf mein Wort, wenn Sie das glauben, so verführt sie Ihre Einbildung. Die Verachtung hatte noch nicht den Zorn über meinen Mann so völlig unterdrückt, daß nicht mein Haß bei dieser Gelegenheit wieder aufgewacht wäre. Was mag hievon die Ursache sein? Sind wir denn so entsetzlich selbstsüchtig, daß wir es nicht leiden können, daß andere sogar nur dasjenige besitzen, was wir verachten? Oder sind wir nicht vielmehr entsetzlich eitel, und ist dies nicht die größte Beleidigung, die man unsrer Eitelkeit zufügt? Was denken Sie davon, Sophie?«[255]

»Ich weiß wirklich nicht,« antwortete Sophie. »Ich habe mir niemals mit so tiefsinnigen Betrachtungen der Kopf zerbrochen; aber das denke ich, daß Ihre Verwandte sehr übel that, Ihnen ein solches Geheimnis zu offenbaren.«

»Und doch, meine Beste, ist an dieser Aufführung nichts Unnatürliches,« erwiderte Madame Fitz Patrick; »und wenn Sie erst ebensoviel gesehen und gelesen haben als ich, so werden Sie das gleichfalls gerne eingestehen.«

»Es thut mir leid,« erwiderte Sophie, »zu hören, daß es natürlich sei; denn ich bedarf keines vielen Lesens, und keiner vielen Erfahrungen, um mich zu überzeugen, daß es sehr unredlich und sehr boshaft ist. Ja, es ist gewiß ebensowohl gegen die gute Lebensart, Eheleuten die Fehler ihrer Ehegatten zu sagen, als ihnen ihre eignen persönlichen Fehler vorzuhalten.«

»Nun, wohl!« fuhr Madame Fitz Patrick fort, »mein Herr Ehegemahl kam denn endlich wieder nach Hause, und, wenn ich mich nicht ganz in meinen Empfindungen irre, so haßte ich ihn jetzt mehr als jemals. Dagegen verachtete ich ihn weniger; denn gewiß, nichts kann unsre Verachtung mehr schwächen als eine Beleidigung, die unsern Stolz oder unsre Eitelkeit kränkt.

Jetzt nahm er eine Aufführung gegen mich an, die von dem Betragen, das er die letzten Zeiten hindurch geäußert hatte, so verschieden und seiner Begegnung während der ersten Wochen unsers Ehestandes so ähnlich war, daß, wäre noch der geringste Funke von Liebe in meiner Seele lebendig gewesen, er solchen vielleicht wieder bis zur Zärtlichkeit gegen ihn hätte anfachen können; allein der Haß mag auf Verachtung folgen, und solche vielleicht gar unterdrücken können, der Liebe aber, glaube ich, ist das unmöglich.«

»Die Wahrheit ist, die Leidenschaft der Liebe ist viel zu rastlos, um sich ohne die angenehmen thätigen Freundschaftsbeweise von dem geliebten Gegenstande genügen zu lassen; und man kann ebensowenig einen Hang zur Liebe haben, ohne zu lieben, als man offne Augen haben kann, ohne zu sehen. Wenn also ein Ehemann nicht länger der Gegenstand dieser Leidenschaft ist, so ist sehr wahrscheinlich ein andrer Mann, – ich will sagen, meine Beste, wenn einem der Ehemann gleichgültig wird, – wenn es erst dahin kömmt, daß man ihn verachtet, – das ist, – will ich sagen, wenn einmal die Leidenschaft der Liebe bei einem rege ist – Himmel, ich habe mich so verflochten! – aber bei solchen abstrakten Betrachtungen begegnet es einem leicht, daß man die Konkatenation der Ideen verliert, wie Herr Locke es nennt. – Kurz, die Wahrheit ist – kurz, ich weiß kaum was sie ist. Aber, wie ich eben sagen wollte, mein Herr Gemahl kam wieder nach Hause, und sein Benehmen setzte mich[256] anfangs in große Verwunderung; er machte mich aber sehr bald mit seinen Beweggründen bekannt und lehrte mich, wie ich es mir erklären könnte. Mit einem Worte also, er hatte alles bare Geld, das ich ihm zugebracht, verschleudert und verspielt, und da er auf sein eignes Landgut nichts weiter geliehen bekommen konnte, so hatte er den Einfall, sich zu seinen Ausschweifungen dadurch Geld zu verschaffen, daß er ein kleines Gütchen, welches mir zugehörte, versaufte, was er aber ohne meinen ausdrücklichen Konsens nicht konnte; und diese Gefälligkeit von mir zu erhalten, war der ganze und einzige Grund von aller der Zärtlichkeit, die er mir vorspiegelte.

Ich verweigerte ihm aber rundweg meine Einwilligung. Ich sagte ihm (und ich sagte ihm die Wahrheit): Wäre ich zur Zeit unsrer Verheiratung im Besitz von beiden Indien gewesen, so hätte ihm alles zu Befehl gestanden; denn es wäre beständig mein fester Grundsatz gewesen, daß ein Frauenzimmer demjenigen, dem sie ihr Herz übergibt, auch ihr ganzes Vermögen anvertrauen müsse; da er aber schon längst die Gewogenheit gehabt hätte, das erste mir wieder in meine Verwahrung zurückzugeben, so sei ich auch entschlossen, das wenige, was mir von dem letzten noch übrig sei, ebenfalls für mich zu behalten.

Ich will Ihnen den Zorn nicht beschreiben, in welchen ihn diese Worte und der entschlossene Ton, mit welchem sie gesagt wurden, versetzte: ich will Sie auch nicht mit dem ganzen Auftritt behelligen, welcher drauf zwischen uns vorfiel. Sie kam heraus, wie Sie sich's gewiß einbilden können, sie kam heraus, die Geschichte mit der Mätresse; und heraus kam sie mit allen Verschönerungen von Licht und Schatten, womit nur immer Aerger und Verachtung sie ausmalen konnte.

Herr Fitz Patrick schien hiervon ein wenig niedergedonnert zu werden und verwirrter zu sein, als ich ihn noch jemals gesehn hatte, obgleich seine Ideen verworren genug waren, das weiß der Himmel! Unterdessen gab er sich doch keine Mühe, den Vorwurf von sich abzulehnen, sondern ergriff ein Mittel, welches mich fast ebensosehr verwirrte. Und was sollte das anders sein, als die Beschuldigung umzukehren! Er stellte sich an, als ob er eifersüchtig wäre. Er mag freilich wohl, so viel ich weiß, von Natur Hang genug zur Eifersucht haben! Ja, er muß von Hause aus eifersüchtig sein, oder ich wüßte nicht, welcher Beelzebub sie ihm hätte in den Kopf setzen können: denn ich biete aller Welt Trotz, nur den geringsten Schein von Verdacht auf meinen Charakter zu werfen! Ja, die verleumderischen Zungen haben es niemals gewagt, meinen guten Namen anzutasten. Mein guter Ruf ist, dem Himmel sei Dank! beständig ebenso unbefleckt gewesen als mein Leben; und[257] das laß die Falschheit in eigner Person anklagen, wenn sie das Herz hat. Nein, meine liebste Feierlich, so sehr ich gereizt, so sehr ich mißhandelt, so sehr ich in meiner Liebe beleidigt worden bin, so hab ich doch den festen Entschluß gefaßt, in diesem Punkte niemals den geringsten Anlaß zum Tadel zu geben. – Und doch, meine Beste, gibt es Leute, die so hämisch, Zungen, die so giftig sind, daß ihnen die reinste Unschuld nicht entgehen kann. Das absichtsloseste Wort, den zufälligsten Blick, die geringste Vertraulichkeit, oder die unschuldigste Freiheit legt man falsch aus, und diese Dinge werden von gewissen Leuten, ich weiß nicht in was für einer Vergrößerung dargestellt. Aber ich verachte, meine teuerste Feierlich, ich verachte alle solche Verleumdung! Alle dergleichen Bosheit, ich versichre Sie, hat mir noch nie einen Augenblick Unruhe gemacht. Nein, nein, verlassen Sie sich darauf, über so was bin ich erhaben. – Aber wo war ich? Wart' doch, laß mich sehen! Ja, ich sagte Ihnen, mein Herr Ehegemahl war eifersüchtig; und auf wen? ich bitte Sie! – Nun, auf wen sonst, als auf den Leutnant, dessen ich vorhin erwähnt habe? Er sah sich genötigt, mehr als ein Jahr zurückzugehen, um einen Gegenstand für diese unerklärbare Leidenschaft aufzusuchen, wenn es bei ihm wirklich Leidenschaft und nicht vielmehr ein Spiegelgefecht war, um sein Mütlein an mir zu kühlen.

Aber ich habe Ihnen schon mit zu vielen kleinen Umständen Langeweile gemacht! Ich will jetzt meine Geschichte zu einem baldigen Ende bringen. Mit kurzem also, nach verschiedenen Auftritten, welche des Erzählens nicht wert sind, in welchen meine Kousine so tapfer auf meiner Seite stand, daß ihr Herr Fitz Patrick zuletzt die Thüre wies, und als er endlich fand, daß ich weder durch Güte noch Trotz zur Einwilligung zu bewegen sei, schlug er einen wirklich sehr grausamen Weg ein. Vielleicht vermuten Sie, daß er mich geschlagen habe? Bis dahin trieb er's gleichwohl wirklich niemals, obwohl er zuweilen nahe dran war. Er sperrte mich ein in mein Zimmer, ohne mir weder Feder, Tinte, Papier noch Bücher zu gestatten. Eine Magd machte mir jeden Tag mein Bett und brachte mir mein Essen.

Als ich eine Woche in dieser Gefangenschaft zugebracht hatte, machte er mir einen Besuch und fragte mich mit der Stimme eines Schulmeisters, oder, was die meiste Zeit auf eins hinausläuft, eines Tyrannen, ob ich noch nicht nachgeben wolle. Ich antwortete mit festem Mute, daß ich eher sterben wollte. ›Nu so thu das und fahr' zum Satan dazu!‹ schrie er, ›denn aus dieser Kammer sollst du nicht lebendig wiederkommen.‹

Hier blieb ich also noch vierzehn Tage länger, und die Wahrheit zu sagen, war meine Standhaftigkeit beinahe überwunden, und[258] ich begann schon auf Unterwerfung zu denken, als eines Tages in Abwesenheit meines Mannes, der auf eine kurze Zeit ausgegangen war, durch das größte Glück in der Welt sich ein Zufall ergab, und ich – zu einer Zeit, da ich anfing, mich der äußersten Verzweiflung zu ergeben – alles in der Welt würde zu einer solchen Zeit zu entschuldigen sein – zu eben der Zeit erhielt ich – aber ich würde eine Stunde brauchen, Ihnen alle kleinen Umstände zu erzählen – mit einem Worte also (denn ich will Ihnen mit Umständlichkeiten die Zeit nicht lang machen) Gold, der Hauptdietrich zu allen Schlössern, öffnete mir die Thüre und setzte mich in Freiheit. Ich floh in aller Eile nach Dublin, von wo ich mich unverweilt nach England übersetzen ließ, und ich war auf dem Wege nach Bath, um mich in den Schutz meiner Tante oder Ihres Vaters, oder sonst eines Verwandten zu begeben, der mir solchen angedeihen lassen wollte. Mein Mann holte mich vorige Nacht in dem Gasthofe ein, wo ich eingekehrt war, und den Sie ein paar Minuten früher verließen als ich, ich war aber glücklich genug, ihm zu entwischen und Ihnen nachzufolgen.

Und solchergestalt, meine Beste, endigt sich meine Geschichte. Für mich ist sie gewiß tragisch genug, aber vielleicht sollte ich Ihnen vielmehr über ihre langweilige Trockenheit Entschuldigungen machen.«

Sophie holte einen tiefen Seufzer und antwortete: »In Wahrheit, Henriette, ich bedaure Sie vom Grunde meiner Seele. – Aber was konnten Sie andres erwarten? Warum, warum mußten Sie einen Irländer heiraten?«

»Auf mein Wort,« versetzte ihre Kousine, »Ihr Tadel ist ungerecht! Es gibt unter den Irländern ebenso würdige und ehrliebende Männer, als es unter den Engländern geben kann, sogar ist, wenn man die Wahrheit sagen will, Geistesgroßmut unter ihnen gemeiner als unter jenen. Ich habe aber noch überdem dort einige Beispiele von guten Ehemännern gesehen, und daran ist, wie ich glaube, in England eben kein Ueberfluß. Fragen Sie mich lieber, was ich bessres erwarten konnte, da ich einen einfältigen Narren heiratete, und dann will ich Ihnen eine feierliche Wahrheit sagen: ich wußte nicht, daß er einer war.« – »Kann also kein Mann,« sagte Sophie mit einer sehr gedämpften und beklommenen Stimme, »nach Ihrer Meinung ein schlechter Ehemann sein, der nicht ein einfältiger Narr ist?« – »Das,« antwortete die andre, »wäre nun wohl eine zu allgemeine Verneinung, aber ich glaube, von keinem ist es so wahrscheinlich, als von einem Narren. Unter meinen Bekannten sind die seichtesten Köpfe die schlechtesten Ehemänner, und ich will es wagen, als eine Thatsache zu behaupten, daß ein Mann[259] von Verstande sehr selten schlecht mit einer Frau umgeht, die es besser verdient.«

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 252-260.
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