Fünftes Kapitel.

[251] In welchem erzählt wird, was zwischen Sophien und ihrer Tante vorfiel.


Sophie saß in ihrem Zimmer und las, als ihre Tante hereintrat. Den Augenblick, daß sie Ihro Gnaden ansichtig ward, schob sie das Buch so emsig weg, daß die gute Dame sich nicht entbrechen konnte, zu fragen, was das für ein Buch sei, welches sie sich so sehr zu zeigen fürchtete? »Auf mein Wort, gnädige Tante,« antwortete Sophie, »es ist ein Buch, das ich wohl gestehen darf gelesen zu haben, ohne mich zu schämen oder zu fürchten. Es ist das Werk eines jungen Frauenzimmers von Stande, deren richtiger Verstand nach meiner Meinung ihrem Geschlechte Ehre macht, und deren edles Herz ein Ruhm der menschlichen Natur ist.« Hier nahmen Ihro Gnaden das Buch in die Hand, warfen es aber gleich wieder hin und sagten: »Ja, die Verfasserin ist von sehr guter Familie; aber sie hält eben keinen Umgang mit Personen comme il faut. Ich hab's niemals gelesen, denn die besten Richter sagen: Il n'y a pas grand' chose.« – »Ich wage es nicht, gnädige Tante,« sagte Sophie, »meine Meinung den besten Richtern entgegenzusetzen; aber mir scheint darin viel Kenntnis der menschlichen Natur zu liegen; und in manchen Stellen eine so wahre Zärtlichkeit und ein so feines Gefühl, daß es mir manche Zähre gekostet[251] hat.« – »So!« sagte die Tante, »magst du denn so gerne weinen?« – »Ich liebe eine wahre Empfindsamkeit,« antwortete die Nichte, »und will sie gerne allemal um den Preis einiger Thränen erkaufen.« – »Nun wohl! aber zeige mir,« sagte die Tante, »was lasest du eben, als ich hereintrat? Es mußte gewiß etwas sehr Zärtliches sein; und was Verliebtes dazu, denk' ich. Du errötest, ma chère Sophie! Ach, Kind, du solltest Bücher lesen, die dich ein wenig mehr Verstellungskunst lehrten, damit du ein wenig besser wüßtest, deine Gedanken zu verbergen.« – »Ich hoffe, liebe Tante,« antwortete Sophie, »ich habe keine Gedanken, deren ich mich schämen dürfte, wenn ich sie sehen lasse.« – »Schämen! Nein!« rief die Tante. »Ich glaube nicht, daß du solche Gedanken hast, deren du dich schämen müßtest; und doch, Kind, bist du errötet, eben jetzt, da ich das Wort verliebt nannte. Ma chère Sophie, glaube mir, du hast nicht einen einzigen Gedanken, mit dem ich nicht sehr bekannt wäre. Ebensogut, als die feindlichen Generäle mit unsern Märschen und Bewegungen, lange vorher, ehe wir sie ins Werk setzen. Meintest du, mon enfant, weil du deinem Vater ein Blendwerk vorgemacht hast, du könntest auch mir eins vormachen? Bildest du dir ein, ich hätte nicht die Ursach ergründet, warum du gestern all' deine Freundschaft gegen Herrn Blifil so arg übertriebst? Ich habe ein wenig zuviel von der Welt gesehen, um so leicht hintergangen zu werden. Na, na! verfärbe dich nur nicht wieder von neuem! – Ich sage dir, es ist eine Liebe, deren du dich nicht zu schämen brauchst. – Es ist eine Liebe, die ich selbst billige, und ich habe deinen Vater bereits dahin gebracht, daß er seine Einwilligung auch dazu gibt. In der That, ich ziehe pur und allein deine Neigung zu Rate; denn, die möchte ich immer gerne befriedigt sehen, womöglich, ob man gleich dabei gewisse höhere Absichten aufopfern mag. Komm! Ich habe Zeitungen für dich, die dich in der Seele freuen werden. Mache mich zu deiner Confindente, und ich nehme es über mich, du sollst glücklich werden, über alles dein Wünschen und Hoffen!« – »Ach, meine gnädigste, beste Tante!« sagte Sophie, und sah dabei einfältiger aus, als es ihr in ihrem Leben begegnet war: »ich weiß nicht, was ich sagen soll. – Wie, gnädigste Tante, sollten Sie mich im Verdacht haben?« – »Nun, nur keine Verstellung,« erwiderte die Tante. »Bedenke, daß du mit einer Person von deinem eigenen Geschlechte redest, mit deiner Tante! und ich hoffe, du weißt das, mit einer Freundin. Bedenke, daß du mir nichts weiter entdeckst, als was ich längst schon weiß und was ich gestern ganz deutlich durch die künstlichste aller Verstellungen hindurch sah, die du angenommen hattest und die einen jeden getäuscht haben müßte, der nicht die Welt so vollkommen[252] kennte. Und endlich bedenke, daß es eine Leidenschaft ist, welche ich vollkommen billige.« – »Ach, liebe Tante,« sagte Sophie, »Sie überfallen einen so plötzlich, so unerwartet! – Ich bin allerdings nicht blind, meine gnädigste Tante. – Und gewiß! wenn es ein Fehler ist, alle menschenmögliche Vollkommenheiten zu sehen. – Aber, ist es möglich, daß mein Vater und Sie, beste Tante, mit meinen Augen sehen?« – »Ich sag' dir's ja!« erwiderte die Tante, »wir billigen sie beide völlig: und noch heute nachmittag, diesen Nachmittag, hat dein Vater bestimmt, daß du den ersten Bräutigamsbesuch annehmen sollst« – »Mein Vater? diesen Nachmittag?« schrie Sophie, und das Blut entfloh dabei plötzlich ihren Wangen. – »Ja, Kind,« sagte die Tante, »diesen Nachmittag. Du weißt ja, mit welchem Ungestüm nun einmal dein Vater alles treibt. Ich sprach mit ihm von deiner Leidenschaft, die ich zuerst an dir entdeckte, als du den Abend auf dem Felde in Ohnmacht fielst. Ich sah sie in deiner Ohnmacht. Ich sah sie gleich darauf, als du wieder zu dir selbst kamst. Ich sah sie den Abend beim Essen und des nächsten Morgens beim Frühstück. (Du weißt, mon enfant, ich habe die Welt gesehen.) Nun gut! Ich machte es meinem Bruder nicht so bald bekannt, als er den Augenblick Herrn Alwerth den Vorschlag thun wollte. Er hat es gestern gethan. Alwerth willigte ein (und mit großen Freuden, wie sich das von selbst versteht), und diesen Nachmittag, wie ich dir sage, Kind, mußt du dich aufs beste ankleiden.« – »Diesen Nachmittag!« rief Sophie. »Meine gnädigste Tante, ich weiß mich vor Angst nich zu lassen.« – »O, ma chère Nièce,« sagte die Tante, »du wirst bald wieder in deine Fassung kommen; denn es ist ein gar lieber Jüngling, das muß ich bekennen!« – »Ja, ich leugne es nicht,« sagte Sophie, »ich kenne keinen von so viel Vollkommenheiten! So herzhaft und doch so sanftmütig; so witzig und doch so schonend; so menschlich, so höflich, so artig, so schön und wohl gewachsen! Was thut seine niedrige Herkunft, wenn man sie solchen Eigenschaften entgegenstellt, wie diese?« – »Niedrige Herkunft! Was niedrige Herkunft! Ist Junker Blifil,« sagte die Tante, »von niedriger Herkunft?« Sophie ward plötzlich bleich und blaß, bei dem Namen, den sie mit erstickter Stimme wiederholte. Worauf ihre Tante schrie: »Junker Blifil, nun ja! Junker Blifil! Von wem sonst haben wir denn gesprochen?« »Gütiger Himmel!« antwortete Sophie, auf'm Punkte, in Ohnmacht zu sinken, »vom Herrn Jones, dacht' ich. Ich gewißlich, ich wüßte keinen andern, der verdiente –.« – »Nun, ma foi,« rief die Tante, »nun erschreckst du mich wieder, daß ich mich nicht zu lassen weiß. Ist es Jones und nicht Junker Blifil, der dein Herz eingenommen hat?« – »Junker Blifil!« widerholte Sophie. »Nun,[253] gewiß gnädigste Tante, das kann nicht Ihr Ernst sein; wär' es dennoch, so wäre ich das unglücklichste Mädchen von der Welt!« Ihro Gnaden, Fräulein von Western, standen jetzt ein paar Augenblicke in tiefem Stillschweigen, derweil Funken des heftigsten Zorns aus ihren Augen sprühten; endlich faßte die mannhafte Dame das fortissimo ihrer Stimme und donnerte dann heraus, in folgenden artikulierten Tönen:

»Wie kann es dir einfallen, deiner Familie den Schandfleck anzuhängen, einen Bastard zu ehelichen! Kann das Westernsche Blut eine so unreine Vermischung zulassen? Wenn deine Vernunft nicht stark genug ist, eine so unnatürliche Liebe zu unterdrücken: so dächt' ich, hätte dich der Stolz auf deine uralte Familie abhalten sollen, nur mit einem Gedanken auf so eine horrible Mesalliance zu verfallen. Viel weniger noch hätte ich mir nur träumen lassen, daß du so dreist sein könntest, mir so etwas ins Angesicht zu gestehen.«

»Gnädigste Tante,« erwiderte die zitternde Sophie, »was ich gesagt habe, das haben Sie mir abgepreßt. Ich erinnere mich nicht, den Namen des Herrn Jones, in gewissen Absichten, gegen irgend jemand genannt zu haben; und noch wäre es nicht geschehen, hätte ich nicht gemeint, er habe den Beifall meiner Tante. Wie vorteilhaft ich auch von dem armen unglücklichen jungen Menschen denken mochte, so war ich willens, diese Gedanken mit mir ins Grab zu nehmen. – Ja, ins Grab, wo ich, wie ich nun finde, einzig und allein meine Ruhe suchen muß.« – Hier sank sie nieder auf ihr Kanapee, und in Thränen schwimmend, in dem rührenden Schweigen eines stummen Grames stellte sie einen Anblick dar, welcher fast das härteste Herz hätte bewegen müssen.

Aber diese rührende Betrübnis erregte bei ihrer Tante kein Mitleiden. Vielmehr geriet sie nun in den wütendsten Zorn. – »Und ich wollte lieber,« schrie sie mit fast krachender Stimme, »dir zu deinem Grabe folgen, als mit ansehen, daß du dich und deine Familie durch eine solche Bettelmariage beschimpftest! Himmel, Himmel! hätte ich jemals vermuten können, so lange zu leben, daß ein Fräulein von Western, meine eigene Nièce, eine Affektion für solch einen niedrigen Menschen hegen und gestehen würde. Du bist die erste – ja Fräulein von Western, Sie sind die erste Ihres Namens, der ein so pöbelhafter Gedanke in den Sinn kam. – Eine Familie, so berühmt wegen der ungemeinen Klugheit ihrer weiblichen Deszendenz!« – – Hier ging das noch eine volle Viertelstunde immer so fort, bis sie, nachdem mehr ihre Brust als ihre Wut erschöpft war, mit der Drohung schloß, sie wolle es augenblicklich ihrem Bruder hinterbringen.[254]

Sophie warf sich ihr nun zu Füßen, ergriff ihre Hände und bat sie mit Thränen, »sie möchte doch das, was sie ihr abgelockt hätte, verschweigen, und doch die Gemütsheftigkeit ihres Vaters beherzigen;« und beteuerte, »daß ihre Leidenschaft, so warm sie auch sein möchte, sie doch niemals verleiten sollte etwas zu thun, das ihn beleidigen könnte.«

Die Tante Western stand eine Weile und sah sie an; und als sie sich besonnen, sagte sie: »Auf eine Bedingung wolle sie das Geheimnis ihrem Bruder verschweigen, und die wäre, daß Sophie versprechen müsse, Herrn Blifil noch heute nachmittag als ihren Liebhaber zum Besuche anzunehmen, und ihn als die Person zu betrachten, welche ihr Gemahl werden sollte.«

Die arme Sophie war zu sehr in der Gewalt ihrer Tante, um ihr irgend etwas geradezu abzuschlagen; sie war genötigt, zu versprechen, daß sie Herrn Blifils Besuch annehmen und so höflich als möglich gegen ihn sein wollte. Nur bat sie ihre Tante, sie möchte hindern, daß die Sache mit dem Ehekontrakt nicht übereilt würde. Sie sagte: »Junker Blifil sei ihr nichts weniger als angenehm, und sie hoffe, ihr Vater würde sich erbitten lassen, sie nicht zur unglücklichsten Person von der Welt zu machen.«

Die Tante versicherte ihr: die Verbindung sei völlig ausgemacht, und nichts könne oder solle sie rückgängig machen. »Ich muß bekennen,« sagte sie, »ich habe die Sache mit gleichgültigen Augen betrachtet; ja, vielleicht hätte ich vorher noch meine gewisse Bedenklichkeiten dabei gehabt, die ich aber wirklich unterdrückte, weil ich glaubte, die Verbindung wäre so ganz nach deiner eigenen Neigung; von nun an aber betrachte ich sie als die allerratsamste Sache von der Welt; und es soll auch, wenn ich es verhindern kann, kein Augenblick Aufschub stattfinden.«

Sophie erwiderte: »Aufschub wenigstens darf ich sowohl von meiner gnädigsten Tante, als von meines Vaters Güte erwarten. O gewiß, Sie sind so gnädig und verwilligen mir Zeit, um mich zu bestreben, eine so starke Abneigung, als ich gegenwärtig gegen seine Person habe, zu überwinden.«

Die Tante antwortete: »Sie kenne die Welt viel zu gut, um sich so hintergehen zu lassen; da sie nunmehr wisse, daß eine andere Mannsperson ihre Zuneigung besäße, so würde sie Herrn Western bereden, mit der Vermählung soviel als möglich zu eilen. Es würde in der That, eine elende Politik sein,« fuhr sie fort, »eine Belagerung in die Länge zu ziehn, wenn die feindliche Armee in der Nähe ist und mit Entsatz droht. Nein, nein, Sophiechen,« sagte sie, »ich bin überzeugt, du hast eine heftige Leidenschaft, die du niemals mit Honneur befriedigen kannst. Ich will alles mein[255] Mögliches thun, deine Honneur außer Verantwortung der Familie zu setzen. Denn, wenn du vermählt bist, so sind das Sachen, um die sich dein Gemahl allein zu bekümmern hat. Ich hoffe, mon enfant, du wirst allemal so klug und vorsichtig handeln, als es dir geziemt; thätest du das aber nicht – nun, so hat die Mariage schon manche Frau bei Ehren erhalten.«

Sophie verstand wohl, was ihre Tante meinte; fand es aber nicht ratsam, darauf zu antworten. Unterdessen faßte sie den Entschluß, Herrn Blifils Besuch anzunehmen und sich gegen ihn so höflich zu benehmen, als sie könne: denn auf diese einzige Bedingung erhielt sie von ihrer Tante das Versprechen, das Geheimnis ihrer Liebe zu verschweigen, welches mehr ihr widriges Geschick, als alle Politik der Tante, ihr unglücklicherweise abgelockt hatte.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 251-256.
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