Zwölftes Kapitel.

[278] Liebesbriefe und dergleichen.


Jones hatte Befehl erhalten, augenblicklich das Haus zu räumen; und es war ihm dabei gesagt, man würde ihm seine Kleider und alles übrige dahin schicken, wohin er's verlangen würde.

Diesem zufolge zog er aus und ging fast eine Meile, ohne zu wissen und wirklich ohne dranzudenken, wohin er ginge. Als ihm endlich ein kleiner Bach aufstieß, der ihn in seinem graden Wege hinderte, warf er sich am Ufer desselben nieder. Auch konnte er sich nicht enthalten, mit einigem kleinen Unwillen für sich zu murmeln: »Auf diesem Platze wird mir doch mein Vater nicht verbieten, auszuruhen?«

Er verfiel alsobald in die heftigsten Gemütsbewegungen; raufte sich die Haare aus dem Kopfe und that viel andre Dinge, welche gewöhnlicherweise solche Anwandlungen von Unsinn, Wut und Verzweiflung begleiten.

Als er auf diese Weise den ersten Anfällen seiner Leidenschaft Luft gemacht hatte, fing er nach und nach an, zur Besinnung zu gelangen. Sein Gram nahm jetzt eine andre Wendung, und ward nach und nach weniger ungestüm, bis er endlich sich genug abkühlte, um der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, so daß er überlegen konnte, was er in seiner jetzigen kläglichen Lage für schickliche Schritte zu thun habe.

Und nun entstand die große Frage: wie er sich in Ansehung Sophiens benehmen sollte? Der Gedanke, sie verlassen zu müssen, zerspaltete fast sein Herz; allein die Betrachtung, sie in Elend, Mangel und Not zu bringen, machte ihm womöglich noch herbere Qual; und wenn das heftige Verlangen, ihre Person zu besitzen, ihn auch hätte verleiten können, nur einen Augenblick in der Wahl unschlüssig zu sein, so war er doch noch keineswegs versichert, ob sie sich entschließen würde, seine Wünsche um einen so hohen Preis zu befriedigen. Herrn Alwerths Unwille, der Kummer und die Unruhe, die er ihm verursachen müßte, waren starke Gründe gegen das letztere; und endlich noch kam die sichtbare Unmöglichkeit, daß sein Vorsatz gelingen könnte, auch selbst wenn er ihm alle diese Bedenklichkeiten aufopferte, zu seinem Beistande: dergestalt, daß am Ende die Ehre, unterstützt von Verzweiflung, von Dankbarkeit gegen seinen Wohlthäter, von wirklicher Liebe gegen seine Geliebte, seine brennenden Begierden überwand und er sich entschloß, Sophien lieber zu verlassen, als ferner darnach zu streben, sie zu ihrem eigenen Unglücke zu erlangen.[279]

Für jemand, der so etwas nicht empfunden hat, ist es schwer, sich die glühende Wärme vorzustellen, welche sich bei der ersten Uebersicht dieses Sieges über seine Leidenschaft in seiner Brust ausbreitete. Der Stolz liebkoste ihn so sanft, daß sein Gemüt vielleicht eine vollkommene Glückseligkeit genoß; lange aber dauerte freilich dieser Zustand nicht. Sehr bald stand Sophie wieder vor seiner Einbildungskraft und vermischte die Freuden über seinen Triumph mit nicht weniger qualvollen Herzensbeklemmungen, als jenen, die ein edelmütiger Feldherr fühlen muß, wenn er auf dem Schlachtfelde die blutigen Leichenhaufen sieht, welche der Preis seiner Siegeslorbeeren sind; denn tausende von zärtlichen Ideen und Wünschen lagen da ermordet vor dem Anblicke unsres empfindsamen Eroberers.

Fest entschlossen unterdessen, den Schritten dieses Recken, Ehre, (ich glaube so nennt es die nordische Riesenfabel Odins) zu folgen, ward er mit sich eins, Sophie einen Brief zuguterletzt zu schreiben; und so ging er nach einem nahegelegenen Hause, woselbst er, nachdem man ihm das Benötigte dazu gereicht hatte, schrieb wie folgt:


»Gnädiges Fräulein!


Wenn Sie die Lage erwägen, in welcher ich dieses schreibe, so wird Ihr gütiges Herz mir jede Ungereimtheit, jeden Wahnwitz verzeihen, der sich in diesen Brief einschleichen mag; denn jedes Wort hier fließt aus einem Herzen, welches so voll ist, daß keine menschliche Sprache auszudrücken vermag, was es ringt, Ihnen zu sagen.

Ich bin zu dem Entschlusse gelangt, mein gnädiges Fräulein, Ihren Befehlen zu gehorchen und auf ewig Ihr teures, Ihr unaussprechlich verehrtes Angesicht zu meiden. Diese Befehle, – o wie grausam sind sie! Aber diese Grausamkeit, sie ist ein Werk des Schicksals, nicht meiner Sophie! Das Schicksal hat es notwendig gemacht, – unumgänglich notwendig gemacht, Ihrer Selbsterhaltung wegen zu vergessen, daß ein solcher Unglücksball in der Welt sei, als ich bin.

Glauben Sie mir, teuerstes Fräulein, all' meine Leiden, bis auf das geringste, möcht' ich Ihnen so gerne verhehlen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß solche dennoch zu Ihren Ohren gelangen werden. Ich kenne die himmlischzärtliche Güte Ihres Herzens und möchte Ihnen gerne die Schmerzen ersparen, welche Sie allemal mit jedem Wesen, das leidet, empfinden. O, lassen Sie sich durch nichts, was man Ihnen von meinem Unglück erzählen wird, auch nur einen Augenblick betrüben; denn, nachdem ich, Sophie, dich verloren habe, ist alles auf der Welt für mich nur Kleinigkeit.

O, meine Sophie! Es ist hart, Sie verlassen müssen; härter[280] ist's noch, unendlich härter, Sie bitten müssen, daß Sie mich vergessen mögen, und doch zwingt die aufrichtigste Liebe mich zu beidem! Verzeihen Sie mir, Vortrefflichste, meine Einbildung, daß das Andenken an mich Sie beunruhigen könne. Wenn ich aber so namenlos elend bin, so opfern Sie mich in jedem Verstande auf, um ruhig zu werden. Denken Sie, ich habe Sie nie geliebt, oder denken Sie wahrer und richtiger, wie wenig ich Sie verdiente; und lernen Sie mich wegen einer Kühnheit verachten, die nicht zu strenge bestraft werden kann – ich bin unvermögend, ein meherers zu sagen – O ihr Engel des Himmels, beschützt die beste ihres Geschlechts!«


Er suchte nun in seinen Taschen nach Siegellack, fand darin aber weder dies, noch sonst etwas; denn wirklich hatte er in seinem rasenden Ungestüm alles von sich geworfen, und unter andern auch sein Taschenbuch, das er von Herrn Alwerth empfangen, aber bis dahin noch nicht geöffnet hatte, und welches ihm jetzt erst wieder in die Gedanken kam.

Er fand in dem Hause eine Oblate für den gegenwärtigen Gebrauch; und als er damit seinen Brief versiegelt hatte, kehrte er eilig zurück, nach der Stelle am Bache, um die Sachen zu suchen, welche er verloren hatte. Auf'm Wege dahin begegnete er seinem alten Freunde, dem schwarzen Jakob, welcher sein Unglück herzlich bedauerte; denn dies war ihm bereits zu Ohren gekommen, und in der That nicht nur ihm allein, sondern der ganzen Nachbarschaft umher.

Jones erzählte dem Wildmeister seinen Verlust, und er kehrte ganz bereitwillig wieder mit ihm um, nach dem Bache zu, wo sie jeden Grasbüschel auf der ganzen Wiese umher durchsuchten, sowohl da, wo Jones gewesen, als da wo er nicht gewesen war; aber alles vergebens, denn sie fanden nichts. Wirklich waren damals zwar die Sachen auf der Wiese, aber sie vergaßen den einzigen Ort zu durchsuchen, wo sie versteckt waren, nämlich in den Taschen des besagten Jakob; dieser hatte sie kurz vorher gefunden, und da er glücklicherweise ihren Wert entdeckt hatte, so bewahrte er solche höchst sorgfältig für seinen eigenen Gebrauch.

Nachdem der Wildmeister ebenso emsigen Fleiß im Suchen der verlorenen Sachen gezeigt hatte, als ob er gehofft hätte sie zu finden, bat er Herrn Jones sich zu besinnen, ob er nicht an einem andern Orte gewesen sei. »Denn,« sagte er, »wenn Sie die Sachen erst so kürzlich hier verloren hätten, so müßten sie sich noch finden lassen, weil an diese Stelle so leicht niemand herkommt.« Und in der That war es durch ein großes Ungefähr, daß er selbst hieher gewankt war, um Drahtschleifen zuzurichten, weil er einem Wildhändler[281] auf den folgenden Morgen einige Hasen unter der Hand zu liefern versprochen hatte.

Jones gab nunmehr alle Hoffnung auf, sein Verlornes wieder zu erhalten, und so auch fast jeden Gedanken daran; er wendete sich somit an den schwarzen Jakob und fragte ihn ernsthaft, ob er ihm den größten Gefallen in der Welt thun wolle?

Jakob Seegrim antwortete ein wenig bedenklich: »Herr Jones, Sie wissen, Sie dürfen nur befehlen! alles, was in meiner Macht steht! und ich wollte herzlich wünschen, daß es in meiner Macht stände, Ihnen womit zu dienen.« In der That machte ihn die Frage ein wenig stutzig; denn er hatte durch heimlichen Wildhandel in Herrn Westerns Diensten eine artige Summe Geldes gesammelt, und so war ihm angst, Jones möchte ihn ansprechen wollen, ihm eine Kleinigkeit zu leihen. Aus dieser Angst ward er bald dadurch gerettet, daß er gebeten wurde, Sophien einen Brief zu überbringen, was er mit großem Vergnügen zu thun versprach. Und ich glaube wirklich, es gibt wenige Gefälligkeiten, die er Herrn Jones nicht gerne und willig erwiesen hätte; denn er war so erkenntlich gegen ihn, als er sein konnte, und er war ein ebenso ehrlicher Kerl als alle solche, die das Geld allen übrigen Dingen in der Welt vorziehen, gemeiniglich zu sein pflegen.

Jungfer Honoria war nach beider Meinung die schicklichste Person, durch welche der Brief in Sophiens Hände gebracht werden müßte. Hierauf schieden sie von einander, der Wildmeister kehrte heim nach Herrn Westerns Hause, und Jones ging nach einem Wirtshause in der Nähe, um daselbst auf die Zurückkunft seines Boten zu warten.

Jakob trat kaum in das Haus seines Herrn, als ihm Jungfer Honoria begegnete, welcher er, nachdem er erst durch ein paar vorläufige Fragen bei ihr in's Haus gehorcht hatte, den Brief für ihre Herrschaft übergab und zu gleicher Zeit einen andern von ihr für Herrn Jones erhielt, den Honoria, wie sie sagte, den ganzen geschlagenen Tag schon im Busen getragen hatte und zu verzweifeln begann, daß sie ein Mittel finden würde, ihn zu bestellen.

Der Wildmeister kehrte hastig und voller Freuden zu Jones zurück, welcher, als er ihm Sophiens Brief abgenommen hatte, allein beiseite ging, den Brief gierig erbrach und folgendes las:


»Lieber Herr Jones!


Es ist mir unmöglich, Ihnen zu beschreiben, was ich empfunden habe, seitdem ich Sie sah. Dadurch daß Sie um meinetwillen so grausame Beleidigungen von meinem Vater mit Geduld hingenommen, haben Sie mir eine Verbindlichkeit auferlegt, die ich Ihnen niemals vergessen werde. Da Sie seine Gemütsart kennen,[282] so bitte ich Sie, vermeiden Sie ihn, um meinetwillen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas sagen, das Sie aufzurichten vermöchte: doch glauben Sie mir dies einzige: daß nichts in der Welt, als die äußerste Gewalt mich zwingen wird, meine Hand oder mein Herz auf eine Art vergeben zu lassen, die Ihnen Betrübnis verursachen könnte.«


Jones überlas diesen Brief wohl hundertmal, und küßte ihn noch hundertmal so oft. Seine Leidenschaft brachte nun in sein Herz alles zärtliche Verlangen zurück. Er bereute, daß er auf die Art an Sophien geschrieben, wie wir oben angezeigt haben; noch mehr aber bereute er, daß er die Zeit der Abwesenheit des Boten dazu angewendet hatte, an Herrn Alwerth einen Brief zu schreiben und abzuschicken, in welchem er treulich versprochen und angelobt hatte, alle Gedanken an seine Liebe fahren zu lassen. Als er indessen wieder zu kälterer Ueberlegung gelangte, sah er ganz deutlich ein, daß seine Umstände durch Sophiens Billet weder verändert noch verbessert wären; das einzige ausgenommen, daß sie ihm einen kleinen Strahl von Hoffnung auf ihre Beständigkeit bei künftigen günstigeren Zufällen gegeben hätte. Er faßte also wieder seine vorige Entschließung, nahm Abschied vom schwarzen Jakob und reiste weiter nach einem etliche Meilen von da gelegenen Städtchen, wohin er Herrn Alwerth gebeten hatte ihm seine Sachen nachzusenden, wofern es ihm nicht gefallen sollte, sein Urteil zurückzunehmen.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 278-283.
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