Neuntes Kapitel.

[19] Das hochweise Betragen des Herrn Western in der Amtsführung eines Richters. Ein Wort ins Ohr der Landrichter über die nötigen Eigenschaften ihrer Aktuarien oder Gerichtsschreiber; nebst außerordentlichen Beispielen von väterlichem Unsinn und kindlicher Liebe.


Die Logiker beweisen zuweilen durch einen künstlichen Schluß zu viel; und die Politiker machen oft ein Projekt, das sie selbst über die Gänseweide führt. Das wäre auch der Jungfer Honoria beinahe begegnet; welche, anstatt das übrige ihrer Kleider zu retten, auf dem Punkte stand, diejenigen im Stiche lassen zu müssen, welche sie an ihrem Leibe trug: denn der Junker hatte nicht sobald vernommen, daß sie seiner Schwester unehrerbietig begegnet hätte, als er wohl zwanzig Flüche ausstieß, er wolle sie nach dem Zucht- oder Werkhause schicken.

Ihro Gnaden, Fräulein Tante von Western, waren wirklich eine gutherzige Dame und gewöhnlich von einer sehr verzeihenden Gemütsart. Sie hatten noch neulich das Vergehen eines Postillons verziehen, der ihre eigene Reisechaise angefahren und in einen Graben geworfen hatte; ja, sie hatten die Gesetze des Landes übertreten, indem sie sich geweigert, einen Straßenräuber vor Gericht zu belangen, welcher Dieselben nicht nur einer Summe Geldes, sondern sogar ihrer Ohrringe beraubt und dabei schändlich geflucht, geschworen und gesagt hatte: »So schöne Wetterhexen, wie Sie, brauchen keine Juwelen, um sich noch mehr zu putzen, hol' Sie der Satan!« Jetzt aber, so unsicher ist unsre Art zu denken, und so ungleich sind wir uns selbst, von einer Zeit zur andern! – Jetzt wollte sie von keiner Milderung hören; noch konnte die verstellte Reue der Jungfer Honoria, oder alles Bitten der Sophie für ihre Kammerjungfer, sie dahin vermögen, von ihrem ernstlichen Begehren bei ihrem Bruder abzuzustehen, seine Gerechtigkeitshiebe (denn in der That konnte man's wohl nicht Gerechtigkeitsliebe nennen) an dem Mädchen auszuüben.

Zum Glück aber besaß der Gerichtsschreiber eine Eigenschaft, welche eigentlich keinem Gerichtsschreiber bei einem Gerichtsherrn auf dem Lande abgehen sollte; nämlich, eine gewisse Kenntnis der Gesetze des Landes. Er raunte also dem Gerichtsherrn ins Ohr, daß er seine Macht überschritte, wenn er die Diener ins Zuchthaus schickte; da nichts weniger, als eine wirkliche Gewaltthätigkeit erwiesen wäre; »denn ich besorge, gestrenger Herr,« sagte er, »es ist kein Gesetz vorhanden, nach welchem Sie befugt wären, jemand wegen Mangels an guter Lebensart nach dem Werk- oder Zuchthause zu schicken.«

In Sachen von wichtigem Belang, besonders in Sachen, die[20] hochadelige Jagdfreiheit betreffend, gab der Junker eben nicht allemal sonderlich acht auf die Vorstellungen des Aktuars: denn in der That dünken sich die Erb- und Gerichtsherren in Rechtssachen von dieser Art nicht immer so genau an den Buchstaben der Gesetze gebunden zu sein. Kraft dieser willkürlichen Gewalt, und in der Absicht, die Werkzeuge, welche zum Verderben des Wildes gehören, aufzusuchen und wegzunehmen, begehen sie oft ganz mutwillig solche unbefugte Gewaltsamkeiten, die nicht nur ungesetzlich, sondern schnurstracks wider die Gesetze sind.

Jedoch war Jungfer Honorias Vergehen nicht ganz von so wichtiger Natur, oder der Gesellschaft so schädlich; hierbei betrug sich also der Richter mit einiger Achtung gegen den Rat seines Gerichtsschreibers; und wirklich hatte man über ihn schon zweimal beim Obergericht geklagt, und er war eben nicht sehr darauf gesteuert, einen dritten ähnlichen Prozeß an den Hals zu bekommen.

Der Junker, nachdem er sein Gesicht in sehr weise und sehr bedeutsame Falten gelegt und eine lange Vorrede mit manchen Hems und Has zu Markte gebracht hatte, sagte also zu seiner Schwester, »nach der Sachen reiflicher Ueberlegung ginge seine Meinung dahin, daß, weil hier kein Friedensbruch statthabe, wie die Gesetze,« sagte er, »einen Einbruch durch die Thüre, Wand, Fenster, Zaun oder Hecke, oder auch in den Knochen eines Kopfes, benennen, oder auch überhaupt gar nichts gebrochen sei, so gehe die Sache nicht so weit als auf eine Verfestigung oder Atzkosten, Wettleistung oder Gerichtskostenersatz, und also stände in den Gesetzen darauf gar keine Strafe.«

Ihro Gnaden, Fräulein von Western, versicherten, wie sie die Gesetze weit besser inne hätten: sie hätten es aus Erfahrung, daß Bediente weit strenger bestraft wären, die sich gegen ihre Herrschaften nicht mit gehöriger Ehrerbietung aufgeführt hätten, und nannten Dieselben dabei einen gewissen Unter- oder Friedensrichter in London, welcher, wie sie sagten, jeden Augenblick bereit wäre, einen Dienstboten nach dem Zuchthause zu schicken, so oft es nur die Herrschaft verlange.

»Mag wohl sein!« schrie der Junker, »mag wohl angehen in der Residenz; ufm Land' aber sind die Gesetze ganz verschieden.« Hier folgte eine lange Disputation zwischen dem Bruder und der Schwester über die Gesetze der Polizei, die wir hersetzen würden, wenn wir glaubten, daß viele von unsern Lesern sie verstehen würden. Dieses ward am Ende dem Gerichtsaktuario von beiden Parteien überlassen, welcher dann zu Gunsten des Richters entschied, und Ihro Gnaden, Fräulein von Western, waren schließlich genötigt, sich mit der Genugthuung zufriedenzustellen, daß Honoria fortgejagt ward; wozu dann Sophie ihre herzliche Einwilligung gab.[21]

Nachdem sich also Madame Fortuna nach ihrer löblichen Gewohnheit mit zwei oder drei Koboldsneckereien einen Spaß gemacht hatte, fügte sie am Ende die Sachen zum Vorteil unsrer Heldin, welcher es mit ihrer heimlichen Absicht wirklich außerordentlich glückte, wenn man bedenkt, daß es die erste war, auf die sie sich eingelassen. Und, die Wahrheit zu gestehen, habe ich oft den Schluß gemacht, daß der ehrliche Teil der Menschenkinder dem schelmischen Teile derselben weit überlegen sein würde, wenn er sich entschließen könnte, dabei nicht auf das Strafbare zu sehen, oder es auch nur der Mühe wert achtete, sich mit Quängeleien abzugeben.

Honoria spielte ihre Rolle mit der äußersten Vollkommenheit. Sie sah sich nicht sobald vor aller Zuchthausgefahr in Sicherheit (ein Wort, welches in ihrem Gemüte die schreckvollsten Ideen erregt hatte), als sie ihre kecke Miene wieder annahm, die ihre Furcht vorher ein wenig kirre gemacht hatte. Sie legte ihre Stelle mit ebensoviel verstellter Freudigkeit und wirklich mit Verachtung nieder, wie es von jeher bei Resignationen von Stellen von weit größerer Wichtigkeit der gewöhnliche Brauch gewesen ist. Wenn es dem Leser also nicht unangenehm wäre: so möchten wir lieber sagen, sie resignierte – – eine Redensart, welche in der That zu allen Zeiten, mit Absetzen oder Fortjagen, einerlei Bedeutung gehabt hat.

Herr Western gebot ihr, sie sollte eilen mit ihrem Packen; denn seine Schwester beteuerte, sie wolle keine Nacht mehr mit einem so frechen Weibsstück unter einem Dache schlafen. Sie machte sich also ans Werk, und zwar mit solchem Ernste, daß sie mit Abendanbruch fix und fertig war; da sie denn, nachdem sie ihren Lohn empfangen hatte, mit Sack und Pack davonzog; zur großen Zufriedenheit aller, doch zu keines mehr als Sophiens, welche ihre Jungfer bestellt hatte, gerade um die fürchterliche grauenvolle Gespensterzeit, zwölf Uhr, ihrer an einem gewissen Orte, nicht ferne vom Hause, zu warten, und nun anfing, sich zu ihrem eigenen Abzuge vorzubereiten.

Vorher aber sah sie sich noch genötigt, ein paar ängstliche Audienzen zu geben. Eine ihrer Tante und die andre ihrem Vater. In dieser begannen Ihro Gnaden, Fräulein Tante, in einem viel entscheidendern Tone mit ihr zu sprechen als vorher; ihr Vater aber begegnete ihr auf eine so heftige und ungestüme Weise, daß sie vor Schrecken kein ander Mittel wußte, als sich zu stellen als ob sie seinem Willen nachgäbe. Dies machte dem guten Junker ein solches Behagen, daß er seine gerunzelte Stirne in Lächeln verwandelte und seine Drohungen in Versprechungen. Er schwur es, seine Seele hänge an der ihrigen; ihre Einwilligung (denn diesen Sinn legte er den Worten bei: Sie wissen, liebster Papa, ich kann, ich[22] darf nicht ungehorsam sein, wenn Sie mir etwas so ausdrücklich befehlen) habe ihn zum glücklichsten aller sterblichen Menschen gemacht. Er gab ihr auch eine ansehnliche Banknote, um sich dafür zu kaufen, was ihr Herz gelüste, und küßte und umhalsete sie mit aller erdenklichen Zärtlichkeit; wobei ihm Freudenthränen aus den Augen rannen, die noch ein paar Augenblicke vorher Feuer und Wut auf den teuersten Gegenstand aller Neigungen seines Herzens geschossen hatten.

Beispiele eines solchen Betragens von Eltern sind so gewöhnlich, daß der Leser, wie ich nicht zweifle, sich über das ganze Benehmen des Herrn Western gar wenig wundern wird. Sollte ich mich hierin irren, so gestehe ich, daß ich's nicht zu erklären weiß; weil es wohl außer allem Streit ist, daß er seine Tochter mit höchster Zärtlichkeit liebte. Doch, das ist auch bei vielen andern der Fall, die durch ihre Aufführung ihre Kinder im höchsten Grade unglücklich gemacht haben; welches, ob es gleich fast alle Eltern ohne Ausnahme ebenso machen, mir dennoch immer als die allerunerklärbarste Ungereimtheit vorgekommen ist, die nur jemals in das Gehirn des allersonderbarsten und wunderbarsten Geschöpfes namens Mensch gekommen sein kann.

Der letztere Teil von Herrn Westerns Benehmen that eine so starke Wirkung auf das zarte Herz seiner Tochter, daß es ihr einen Gedanken eingab, den weder alle politischen Sophistereien ihrer Tante, noch alle die Drohungen ihres Vaters hatten in ihrem Kopfe rege machen können. Sie ehrte ihren Vater so kindlich und liebte ihn so aufrichtig, daß sie kaum angenehmere Empfindungen kannte, als welche sie aus dem Anteile schöpfte, den sie oft daran hatte, zu seinem Zeitvertreibe mitzuwirken, und zuweilen vielleicht zu seinen höhern Freuden; denn er konnte sein Entzücken gar nicht bergen, wenn er sie loben hörte, und diese Freude hatte er fast alle Tage. Der Gedanke also an die unermeßliche Glückseligkeit, die sie ihrem Vater dadurch gewähren würde, wenn sie in die Heirat willigte, machte einen tiefen Eindruck auf ihre Seele. Dazu gesellte sich das hohe Verdienst eines solchen Beweises von kindlichem Gehorsam, welches, da sie im Herzen wirklich viel Religion hatte, ebenfalls stark wirkte. Zuletzt, wenn sie erwog, wie viel sie selbst zu leiden haben würde, indem sie wirklich nicht viel weniger denn ein Opfer oder eine Märtyrerin der kindlichen Liebe und Pflicht würde, so fühlte sie ein sanftes Kitzeln in einer gewissen kleinen Leidenschaft, welche nun freilich zwar weder mit der Religion noch mit der Tugend in genauer Verbindung steht, dennoch oft so gefällig ist, beiden zur Ausführung ihrer Endzwecke nicht geringen Beistand zu leihen.

Sophie hatte innige Freude an der Betrachtung einer so heldenmütigen[23] That, und begann schon, sich mit etwas voreiliger Schmeichelei zu bekomplimentieren, als Kupido, welcher in ihrem Muff versteckt lag, unversehens hervorkroch und, wie der Hanswurst in einem Marionettenspiele, alles mit den Füßen um-und fortstieß. Die Wahrheit ist (denn wir halten es uns für unanständig, den Leser zu hintergehen, oder den Charakter unsrer Heldin dadurch weiß zu brennen, daß wir ihre Handlungen einer übernatürlichen Eingebung zuschreiben) der Gedanke an ihren geliebten Jones, und eine kleine Hoffnung (so entfernt als man will), in welcher er hauptsächlich mit begriffen war, warfen auf einmal alles zu Boden, was kindliche Liebe, Pflicht, Gehorsam und Stolz mit vereinten Kräften aufzubauen gestrebt hatten.

Allein bevor wir mit Sophien einen Schritt weiter gehen, müssen wir erst wieder zurücksehen, was Herr Jones macht.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 19-24.
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