Achtes Kapitel.

[237] Enthält allerlei Materien.


Vorher noch, ehe wir zum Herrn Jones zurückkehren, wollen wir uns noch einmal nach Sophie umsehen.

Obgleich diese junge Dame ihre Tante durch die lieblichen Wohlgerüche, die wir vorhin angeführt haben, in eine sehr gute Laune versetzt hatte, so hatte sie doch ihren Eifer für die Verbindung mit dem Grafen keineswegs abkühlen können. Dieser Eifer war jetzt durch die Frau von Bellaston wieder angeflammt, welche ihr den Abend vorher gesagt hatte, sie wäre durch Sophiens Aufführung und durch ihr Betragen gegen den Grafen vollkommen überzeugt, daß alles Zögern gefährlich sein müßte und daß der einzige Weg, zum Zweck zu gelangen, der sei, daß man die Verheiratung mit solcher Schnelligkeit durchsetzte, daß das Fräulein keine Zeit zum besinnen behielte und zur Einwilligung genötigt würde, derweil sie kaum wüßte, was sie thäte. Auf welche Weise, wie sie sagte, die Hälfte aller Heiraten unter Personen von Stande geschlossen würde. Eine Thatsache, die alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, und welcher man nach meiner Voraussetzung die gegenseitige Zärtlichkeit zuschreiben muß, welche nachher unter so manchem glücklichen Ehepaare besteht.

Ein ähnlicher Wink ward von eben der Dame dem Grafen Liebegrimm gegeben, und beide ergriffen den Rat so begierig, daß von Ihro Gnaden, Fräulein Tante von Western, auf Anhalten des Herrn Grafen gleich der folgende Tag zu einer geheimen Unterredung zwischen dem jungen Paare festgesetzt wurde. Dies ward Sophien von ihrer Tante hinterbracht und diese bestand darauf mit solchen gebieterischen Ausdrücken, daß das arme junge Fräulein, nachdem sie alles dagegen vorgebracht hatte, worauf sie sich nur besinnen konnte, ohne daß es aber das geringste fruchtete, zuletzt einwilligte, den höchsten Beweis von einer Gefälligkeit zu geben, den ein junges Frauenzimmer nur geben kann, und den Besuch des Grafen anzunehmen versprach.

Da dergleichen Konversationen eben keine sonderliche Unterhaltung geben, so wird man uns entschuldigen, wenn wir nicht alles wiedererzählen, was bei dieser Zusammenkunft vorfiel. Nur dies davon: Nachdem der Graf der stillschweigenden, errötenden Sophie eine Menge Beteurungen von seiner höchst reinen und brennenden Liebe vorgesagt hatte, sammelte sie endlich alle Kräfte, deren sie mächtig werden konnte, und sagte zu ihm mit einer zitternden leisen Stimme: »Herr Graf, Sie müssen sich es selbst bewußt sein, ob Ihr voriges Betragen gegen mich mit Ihrer gegenwärtigen Erklärung bestehen kann.« – »Ist denn,« antwortete er, »kein Mittel, wodurch ich die Raserei wieder gut machen kann? Was ich that, muß Sie,[237] fürchte ich, gar zu deutlich überführt haben, daß die Heftigkeit meiner Liebe mich aller meiner Sinne beraubt hatte.« – »Es steht wirklich in Ihrer Gewalt,« sagte sie, »mir einen Beweis von Ihrer Gewogenheit zu geben, den ich herzlich wünschen muß von Ihnen zu erhalten und für welchen ich mich Ihnen höflich verbunden erachten würde.« – »Nennen Sie mir diesen Beweis,« sagte der Graf mit großer Lebhaftigkeit. – »Herr Graf,« sagte sie und sah auf ihren Fächer, »ich weiß, Sie müssen es einsehen, wie sehr mich diese Ihre vorgegebene Leidenschaft beunruhigt hat.« – »Können Sie so grausam sein, es eine vorgegebene Leidenschaft zu nennen?« sagte er. – »Ja, Herr Graf,« antwortete Sophie, »alle Liebesbeteurungen gegen eine Person, die wir verfolgen, sind nichts anders als ein höchst beleidigendes Vorgeben. Diese Ihre Bewerbung um mich ist für mich eine sehr grausame Verfolgung, ja Sie machen sich bei derselben die unglückliche Lage, worin ich mich befinde, auf eine höchst ungroßmütige Weise zunutze.« – »Liebenswürdigste, Bebetungswürdigste Ihres Geschlechts!« rief er, »beschuldigen Sie mich nicht, daß ich mir ungroßmütigerweise irgend etwas zunutze mache, da ich gewiß keinen Gedanken habe, der nicht auf Ihre Ehre gerichtet wäre, und keine andre Absicht, keine andre Hoffnung, keinen andern Ehrgeiz, als mich selbst, meine Ehre, mein Vermögen und überhaupt alles zu Ihren Füßen zu legen.« – »Herr Graf,« sagte sie, »eben dieses Vermögen, eben diese Ehre sind es, die Ihnen den Vorteil über mich geben, über welchen ich mich beklage. In diesen liegen die Reize, welche meine Anverwandten verführt haben; für mich aber sind es sehr gleichgültige Dinge. Wollen Sie meine Dankbarkeit verdienen, Herr Graf, so ist dazu nur ein Weg.« – »Verzeihen Sie mir, mein göttliches Fräulein,« sagte er, »dazu gibt's keinen. Alles, was ich für Sie thun kann, ist so vollkommen meine Pflicht und wird mir soviel Vergnügen verursachen daß dabei keine Dankbarkeit von Ihrer Seite Raum findet.« – »In der That, Herr Graf,« antwortete sie, »Sie können sich meine herzlichste Erkenntlichkeit, meine gute Meinung, meine freundschaftlichen Gesinnungen und Wünsche erwerben, so viel nur davon in meinen Kräften steht, ja Sie können sich solche sehr leicht erwerben; denn gewiß einem großmütigen Herzen muß es leicht sein, mir meine Bitte zu gewähren. Lassen Sie mich Sie also ersuchen, von einer Bewerbung abzustehn, bei welcher Sie doch niemals Ihren Zweck erreichen können. Ich bitte Sie um diese Gewogenheit, sowohl Ihrer selbst als meinetwegen; denn sicherlich sind Sie zu edel, um ein Vergnügen dran zu finden, ein unglückliches Geschöpf zu quälen. Sie können sich nichts anders als Mühe und Unruhe bei Ihrer Beharrlichkeit versprechen, welche, ich versichre es Ihnen auf meine Ehre! über mich nichts ausrichten kann, nichts ausrichten soll, so groß der Jammer auch sein mag, welchen Sie mir dadurch zuziehn.« – Hier holte der Graf einen tiefen Seufzer und sagte alsdann: »Ist es denn wirklich an dem, gnädiges Fräulein, daß ich so unglücklich bin, der Gegenstand Ihres Widerwillens und Ihrer Verachtung zu sein? oder werden Sie mir verzeihn, wenn ich mutmaße, ein andrer glücklicherer[238] Mann –« Hier hielt er inne und Sophie antwortete mit einigem Mute: »Herr Graf, ich bin Ihnen von den Gründen meines Verhaltens keine Rechenschaft schuldig. Ich bin Ihnen für die großmütigen Anerbietungen, die Sie gethan haben, verbunden; ich gestehe es, sie übertreffen meine Verdienste und meine Erwartungen! Unterdessen, Herr Graf, werden Sie nicht drauf bestehn, meine Gründe zu wissen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich solche nicht annehmen kann.« – Der Graf fand hierauf allerlei zu erwidern, welches wir nicht so völlig verstehn und welches auch vielleicht nicht gar genau mit dem gesunden Menschenverstande und mit den Regeln der Grammatik gereimt werden konnte. Er beschloß aber seine hohfliegende Rede damit, daß er sagte: »Wenn Sie bereits mit einem edlen Manne eine Herzensverbindung eingegangen wären, so würde er, so unglücklich es ihn auch machen müßte, sich als ein Mann von Ehre verbunden erachten, mit seiner Bewerbung zurückzutreten.« Vielleicht legte der Graf einen zu großen Nachdruck auf das Wort »edel«, denn sonst können wir nicht recht gut den Unwillen begreifen, den er Sophien einflößte, welche in ihrer Antwort eine Beleidigung, die er ihr zugefügt hätte, sehr nachdrücklich zu ahnden schien.

Unterdessen sie mit mehr als gewöhnlich erhobener Stimme sprach, traten Ihro Gnaden, Fräulein Tante, mit heißglühenden Wangen und funkensprühenden Augen ins Zimmer. »Ich bin sehr beschämt, Herr Graf,« sagte sie, »über die Aufnahme, die Ihnen widerfahren ist. Ich versichre Sie, wir erkennen alle die uns erwiesene Ehre mit Dank, und ich muß Ihnen sagen, kleines Fräulein von Western, die Familie erwartet von Ihnen eine ganz andre Aufführung!« – Hier übernahm es der Graf, ein gutes Wort für Sophie einzulegen, aber vergebens; die Tante fuhr immer fort, bis Sophie ihr Taschentuch hervorzog, sich in einen Stuhl warf und in eine heftige Thränenflut ausbrach.

Das übrige der Unterredung zwischen Ihro Gnaden Fräulein von Western und Seiner Hochgebornen Gnaden, bis sich der letzte hinwegbegab, bestand aus bitterlichen Klageliedern von seiner Seite und von der ihrigen aus den stärksten Versicherungen, daß ihre Niece in alle seine Wünsche einwilligen sollte und würde. »In der That, Herr Graf,« sagte sie, »das Mädchen hat eine thörichte Erziehung gehabt, die so wenig ihrem Vermögen als ihrer Familie angemessen war. Ihr Vater, es thut mir leid, daß ich es sagen muß, ist an allem schuld. Das Mädchen hat die einfältigen Begriffe der Landleute von züchtiger Schamhaftigkeit im Kopfe. Weiter ist es nichts, Herr Graf, sur mon honneur! Ich bin überzeugt, daß sie im Grunde sehr viel Verstand hat und sich wird zur Vernunft bringen lassen.«

Diese letzte Rede ward in Sophiens Abwesenheit gehalten, denn sie hatte schon einige Zeit vorher das Zimmer mit mehr zornigen Mienen verlassen, als man sonst noch bei keiner Gelegenheit an ihr wahrgenommen hatte. Und nunmehr nahm der Graf nach mancherlei Versicherungen der Dankbarkeit gegen Tante Western, vielen Beteurungen von einer Leidenschaft, die er nicht besiegen könne, und[239] vielen Versicherungen von Beständigkeit, worin ihn die Tante bestens bestärkte, für diesmal seinen Abschied.

Bevor wir dasjenige erzählen, was hierauf zwischen der Tante Western und Sophie vorfiel, wird es diensam sein, eines unglücklichen Zufalls zu erwähnen, der sich zugetragen und veranlaßt hatte, daß Ihro Gnaden von Western mit solcher Wut, als wir vorhin gesehn, nach dem Zimmer zurückgekehrt war.

Der Leser muß sonach wissen, daß die Jungfer, welche jetzt Sophien aufwartete, von der Frau von Bellaston empfohlen war, bei der sie eine Zeitlang als Kammerzofe gedient hatte. Es war eine sehr kluge Dirne und sie hatte die genaueste Vorschrift erhalten, das wachsamste Auge auf ihres Fräuleins Thun und Lassen zu haben. Diese Vorschriften, wir sagen es mit Leidwesen, waren ihr von Jungfer Honoria erteilt worden, in deren Gunst sich die Frau von Bellaston solchermaßen eingeschmeichelt hatte, daß die heftige Liebe, welche die gute Kammerjungfer ehemals für Fräulein Sophie gehegt hatte, jetzt durch die große Anhänglichkeit an ihre neue Gebieterin völlig ausgelöscht war.

Als demnach Madame Miller weggegangen war und Betty (denn dies war der Name des Mädchens) wieder zu ihrem Fräulein hereinkam, fand sie solche sehr aufmerksam beschäftigt, einen langen Brief zu lesen, und die sichtbaren Gemütsbewegungen, die sie bei dieser Gelegenheit an ihrer Gebieterin bemerkte, hätten den Verdacht, welchen das Mädchen gefaßt hatte, ganz wohl rechtfertigen können; aber in der That hatte sie einen festern Grund, worauf sie fußte, denn sie hatte den ganzen Auftritt, welcher zwischen Sophie und Madame Miller vorging, horchend mit angehört.

Ihro Gnaden Tante von Western erhielten von all diesem völlige Nachricht durch Betty, welche, nach dem sie wegen ihrer Treue gar weidlich gelobt und ein wenig belohnt war, den Befehl erhielt, wenn die Frau, welche den Brief gebracht, wiederkäme, sollte sie solche zu ihr, der gnädigen Tante, selbst führen.

Zum Unglück kam Madame Miller eben zu der Zeit wieder, da Sophie mit dem Grafen in Unterredung war. Betty führte sie also, ihrer Ordre gemäß, geradeswegs hinauf zur Tante, welche, da sie bereits so viele Umstände von dem wußte, was des vorigen Tags vorgefallen war, der armen Frau sehr leicht weiß machen konnte, daß sie bereits von der ganzen Sache durch Sophie unterrichtet sei, und so lockte sie alles aus ihr heraus, was ihr nur in Ansehung des Herrn Jones bekannt war.

Man hätte die arme Frau wirklich die leibhaftige Arglosigkeit nennen können. Sie war eine von den guten Seelen, welche ohne Bedenken alles glauben, was man ihnen sagt, denen die Natur alle Waffen des Betrugs sowohl zum Angriff als zur Verteidigung verweigert hat und denen folglich ein jeder alles aufheften kann, was er will, der sich's des Endes nur ein wenig Falschheit kosten lassen will. Nachdem Tante Western alles aus ihr herausgelockt hatte, was sie nur wußte, welches freilich nur wenig war, aber doch hinlänglich viel, um die Tante noch weit mehr argwöhnen zu[240] lassen, beurlaubte sie dieselbe mit Versicherungen, daß Sophie sie nicht sprechen wollte und daß sie auf den Brief keine Antwort schicken, noch einen andern annehmen würde. Dabei ließ sie sie auch nicht weggehn, ohne ihr vorher einen wackern Text über die Verdienste eines Amtes zu lesen, für welches sie keinen bessern Titel zu finden wußte, als den einer Gelegenheitsmacherin. Diese Entdeckung hatte sie schon so ziemlich aus ihrer Fassung gebracht, und als sie in das Zimmer trat, in welchem die Unterredung zwischen dem Grafen und Sophie vorging, hörte sie noch dazu, daß ihre Niece sich sehr lebhaft gegen die Bewerbung des Grafen erklärte. Hierdurch ward ihre Wut, die schon ein wenig glimmte, völlig in Flammen gesetzt und sie stürzte auf die rasende Art zu Sophie herein, wie wir schon nebst allem übrigen, was damals bis zum Abschied des Grafen vorging, zu seiner Zeit beschrieben haben. Kaum war der Graf Liebegrimm fort, als die Tante wieder zu Sophie ging, der sie wegen des üblen Gebrauchs, den sie von dem in sie gesetzten Vertrauen gemacht hätte, die bittersten Vorwürfe machte, wie auch gleichfalls über den Bruch ihrer Zusage, da sie sich mit einem Manne in Korrespondenz eingelassen hätte, mit welchem keinen weitern Verkehr zu haben sie sich noch grade des Tags vorher durch einen feierlichen Eid hätte verbindlich machen wollen. Sophie beteuerte, sie habe sich in keine solche Korrespondenz eingelassen. »Wie? vollkommnes und gerechtes Fräulein Western,« sagte die Tante, »willst du leugnen, daß du noch gestern einen Brief von ihm empfangen hast?« – »Einen Brief, gnädige Tante?« antwortete Sophie ein wenig bestürzt. – »Ich verbitte mir die Unhöflichkeit, Jüngferchen,« versetzte die Tante, »mir meine Worte nachzusprechen! Ich sage einen Brief! Ja! und ich verlange, ohne viel Weitläufigkeit, daß du mir ihn zeigst.« – »Das Lügen ist nicht meine Sache!« sagte Sophie. »Ich habe freilich einen Brief empfangen, aber ohne mein Begehren, und ich kann wirklich sagen wider meinen Willen.« – »Wirklich, wirklich, Jüngferchen?« schrie die Tante. »Du solltest dich schämen, es zu gestehn, daß du ihn überhaupt angenommen hast! Aber wo ist der Brief, denn ich will ihn sehn!«

Sophie besann sich ein wenig, bevor sie auf dieses gebieterische Begehren eine Antwort erteilte, und entschuldigte sich endlich bloß damit, daß sie erklärte, sie habe den Brief nicht bei sich, welches in der That wahr war. Worauf die Tante, der nun vollends alle Geduld riß, ihrer Nichte die kurze Frage vorlegte: ob sie sich entschließen wollte, den Grafen zu heiraten oder nicht? Worauf sie die stärkste Verneinung erhielt. Ihro Hochwohlgeboren Gnaden Fräulein Tante von Western geruhten hierauf mit einem wackern Fluch oder etwas dem ähnlichen zu beteuern, daß sie ihre ungehorsame Niece gleich des nächsten Morgens früh den Händen ihres Vaters überantworten wollte.

Sophie begann hierauf sich mit ihrer Tante folgendermaßen in Gründe und Gegengründe einzulassen: »Warum, gnädigste Tante, soll ich denn überhaupt gezwungen werden zu heiraten? Ueberlegen Sie doch, ich bitte, für wie grausam Sie das in Ihrem eigenen[241] Falle gehalten haben würden, und wie weit gütiger Ihre Eltern gegen Sie waren, daß sie Ihnen Ihre eigene Freiheit ließen. Was hab' ich gethan, wodurch ich diese Freiheit verwirkt hätte? Ich will niemals heiraten, weder gegen die Einwilligung meines Vaters, noch auch ohne vorher Sie um die Ihrige zu bitten. Und sollt' ich darum bitten, und einer von beiden sollte glauben, sie mir verweigern zu müssen, so ist es ja alsdann noch immer Zeit genug, mich zu einer andern Verbindung zu nötigen.« – »Wie ich so was nur noch anhören kann!« rief die Tante, »von einem Mädchen, die grade in diesem Augenblick einen Brief von einem Mörder in der Tasche hat?« – »Ich habe keinen solchen Brief bei mir, versichere ich Sie,« antwortete Sophie; »und wenn er ein Mörder ist, so wird er bald in solche Umstände kommen, worin er Ihnen keine ferneren Besorgnisse erwecken kann.« – »Wie? Fräulein von Western,« sagte die Tante, »kannst du die Frechheit haben, auf diese Weise von ihm zu sprechen, und mir ins Angesicht deine Liebe für einen solchen Schuft zu gestehen!« – »In Wahrheit, gnädigste Tante,« sagte Sophie, »Sie geben meinen Worten eine sonderbare Auslegung.« – »In Wahrheit, gnädiges Fräulein von Western,« schrie die Tante, »ich werde diese Begegnung nicht länger dulden! Diese Art mit mir umzugehen, hast du von deinem Vater gelernt. Er hat dich gelehrt mich Lügen zu strafen. Er hat dich durch sein falsches Edukationssystem durch und durch verzogen; und, wenn es Gottes Wille ist, so wird er noch die Freude erleben, die Früchte davon einzuernten. Noch einmal sag' ich's dir, morgen früh will ich dich wieder zu ihm bringen. Ich will alle meine Hilfstruppen aus dem Felde ziehen und hinfüro, wie der weise König von Preußen, mich völlig neutral verhalten. Ihr seid beide viel zu weise, um euch an meine Maßregeln zu halten. Und somit richte dich darauf ein, denn morgen früh sollst du mein Haus räumen.«

Sophie that alle Gegenvorstellungen, deren sie fähig war; aber ihre Tante war taub gegen alles, was sie sagte. In dieser Entschließung müssen wir sie jetzt verlassen, weil gar keine Hoffnung vorhanden zu sein scheint, sie davon abzubringen.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 237-242.
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