Siebentes Kapitel.

[234] Ein rührender Auftritt zwischen Herrn Alwerth und Madame Miller.


Als Herr Alwerth von seinem Mittagessen wieder nach Hause kam, hatte Madame Miller mit ihm eine lange Unterredung, worin sie ihm erzählte, daß Jones unglücklicherweise alles verloren hätte, was er so gütig gewesen, ihm bei ihrer Trennung zu schenken, und zugleich die Not, in welche ihn dieser Verlust gebracht, über welches alles sie die ausführlichste Nachricht von dem getreuen Plappermatz, Rebhuhn, erhalten hatte. Hierauf erklärte sie die Verbindlichkeiten, welche ihr Jones auferlegt hatte; nicht eben, daß sie das, was ihre Tochter betraf, alles so haarklein erzählt hätte, denn ob sie gleich zu Herrn Alwerth das größte Zutrauen hegte und ob sie gleich nicht hoffen durfte, daß sie eine Geschichte geheimhalten könnte, die zum Unglück schon mehr als einem halben Dutzend Personen bekannt war, so konnte sie es doch nicht über sich erhalten, solcher Umstände zu erwähnen, welche auf die Keuschheit ihrer armen Nanette ein zu nachteiliges Licht hätten werfen müssen. Ueber diesen Teil ihres Zeugnisses glitt sie so behutsam hinweg, als ob sie vor einem Richter gestanden und über einen von ihrer Tochter begangenen Kindermord verhört worden wäre.

Alwerth sagte, es gäbe wenig so durchaus lasterhafte Menschen, daß nicht wenigstens etwas Gutes an ihnen zu finden sein sollte. »Unterdessen,« sagte er, »kann ich nicht in Abrede sein, daß Sie dem Burschen einige Verbindlichkeiten haben, so schlecht er übrigens ist, und deswegen will ich auch alles entschuldigen, was bis dahin[234] vorgegangen ist. Aber ich muß darauf bestehen, daß Sie mir seinen Namen nicht weiter nennen mögen, denn ich versichre Sie, es war nach der vollkommensten und deutlichsten Ueberzeugung, daß ich mich zu den Maßregeln entschloß, die ich mit ihm genommen habe.« – »Wohl, mein teuerster Herr von Alwerth,« sagte sie, »aber ich zweifle im geringsten nicht, die Zeit wird alle Dinge nach ihren wahren und natürlichen Farben aufdecken und wird Sie überführen, daß dieser arme junge Mensch weit mehr Verdienste um Sie hat, als gewisse andre Personen, deren Namen ich nicht nennen will.«

»Madame!« sagte Alwerth mit einem kleinen Stirnrunzeln, »ich mag keine nachteiligen Anmerkungen über meinen Neffen hören, und wenn Sie noch ein Wort von dieser Art sagen, so werde ich in dem Augenblicke aus Ihrem Hause ziehen. Es ist der würdigste, beste Jüngling, und ich wiederhole es Ihnen noch einmal, er hat seine Freundschaft für diesen Burschen dadurch fast bis zur Tadelnswürdigkeit übertrieben, daß er die schwärzesten Thaten von ihm zu lange verhehlt hat. Die Undankbarkeit des Taugenichts gegen diesen edlen jungen Menschen nehm' ich ihm am meisten übel, denn, Madame, ich habe die größte Ursach' zu glauben, daß er eine List erdacht hatte, wodurch er meinem Neffen meine Gunst entwenden und sich statt seiner in meine Erbschaft einschleichen wollte.«

»Ich kann Sie versichern, mein teuerster Herr von Alwerth,« antwortete Madame Miller ein wenig erschrocken (denn obgleich Herr Alwerth in seinem freundlichen Lächeln äußerst sanft und leutselig aussah, so war er doch furchtbar, wenn er die Stirne in Falten zog): »Ich werde niemals wider irgend einen Herrn etwas sprechen, von dem es Ihnen gefällig ist, gut zu denken; ein solches Betragen würde sich für mich gar nicht geziemen, besonders insoferne der Herr Ihr nächster Blutsfreund ist; aber, liebster Herr von Alwerth, Sie müssen mir nicht böse werden, nein gewiß! das müssen Sie nicht, weil ich diesem armen Schlucker wohlwill. Sicher, ich mag ihn wohl so nennen, ob Sie mir's gleich vordem übel genommen hätten, wenn ich seiner nur im geringsten in Unehren gedacht hätte. Wie oft habe ich's von Ihnen gehört, daß Sie ihn Ihren Sohn nannten? Wie oft haben Sie mit mir mit aller Liebe eines Vaters von ihm geplaudert? Mein teuerster, gütigster Herr von Alwerth, ich kann die häufigen Ausdrücke der Zärtlichkeit nicht vergessen, die mancherlei herrlichen Sachen, die Sie mir erzählten von seiner Schönheit, von seinen Geistesgaben, von seinen Tugenden, von seinem guten Herzen und von seiner Großmut. – Nein gewiß, ich kann es nie vergessen, denn ich finde, daß alles zutrifft. Ich habe selbst eigne Erfahrung davon; sie haben meine Familie errettet, diese Tugenden. Sie müssen mir diese Thränen verzeihen, gütigster Freund! wie könnte ich umhin, zu weinen, wenn ich an die entsetzlichen Unglücksfälle denke, die dieser arme Jüngling erlitten hat, dem ich so viel schuldig bin! Wenn ich an den Verlust Ihrer Gewogenheit denke, die er, wie ich sicher weiß, höher als sein Leben schätzte, so muß, so muß ich über ihn weinen. Und hätten Sie ein Schwert in der Hand und wollten mir's durchs Herz stoßen, wenn ich's nicht ließe, so müßte ich über[235] das Elend eines Menschen weinen und jammern, den Sie geliebt haben und den ich ewig lieben werde.«

Herr Alwerth war von dieser Rede nicht wenig bewegt, doch schien es nicht vom Zorne zu sein; denn nach einem kurzen Stillschweigen faßte er Madame Miller bei der Hand und sagte zu ihr mit einer Stimme, der man noch die Rührung anhörte »Kommen Sie, Madame; lassen Sie uns ein wenig auf Ihre Tochter denken! Ich kann Sie nicht tadeln, daß Sie sich über eine Verbindung freuen, die nach allem Anscheine so vorteilhaft für sie ist. Sie wissen aber wohl, daß diese Vorteile größtenteils von der Aussöhnung mit dem Vater abhängen. Ich kenne Herrn Nachtigall, den Vater, recht gut und habe ehemals mit ihm Geschäfte gehabt. Ich will ihn besuchen und zusehn, was ich Ihnen bei dieser Sache für Dienste leisten kann. Ich glaube, er hat sein Herz ein wenig an's Zeitliche gehängt, da dies gleichwohl sein einziges Kind ist und die Sache sich nicht mehr ändern läßt, so läßt er sich vielleicht mit der Zeit noch wohl zur Vernunft bringen. Ich will gewiß alles thun, was ich für Sie thun kann, darauf verlassen Sie sich.«

Die arme, edle Frau sagte Herrn Alwerth zu wiederholtenmalen den innigsten Dank für dies gütige und großmütige Erbieten, und konnte sich auch nicht enthalten, diese Gelegenheit abermals zu ergreifen, um ihre Dankbarkeit gegen Jones auszudrücken: »Denn ihm habe ich,« sagte sie, »den Anlaß zu verdanken, mein teuerster Wohlthäter, daß Sie sich diese Mühe für mich geben wollen.« Alwerth wehrte ihr liebreich, weiter zu reden. Er war aber ein viel zu guter Mann, um im Ernste über die Wirkung so edler Grundsätze, von welchen Madame Miller getrieben wurde, ungehalten sein zu können. Und in der That, hätte nicht dieser neue Handel seinen vorigen Zorn gegen Jones wieder angeflammt, so war es möglich, daß er sich durch die Erzählung von einer That, der die Bosheit selbst keinen schlechten Beweggrund zu schreiben konnte, ein wenig hätte erweichen lassen.

Herr Alwerth und Madame Miller waren über eine Stunde beisammen gewesen, als ihrer Unterredung durch die Ankunft des Herrn Blifil und einer andern Person ein Ende gemacht ward, welche andre Person keine geringere war als Herr Dowling, der Prokurator, welcher nunmehr ein großer Liebling vom Herrn Blifil geworden war und den Herr Alwerth auf Bitten seines Neffen zu seinem Anwalte in Geldsachen gemacht und ihn gleichfalls dem Herrn Western empfohlen hatte, von dem der Prokurator das Versprechen erhielt, bei ihm bei nächster Erledigung ebendasselbe Amt zu erhalten, und bis dahin trug ihm der Junker einstweilen einige Geldgeschäfte auf, welche er in London wegen Hypothekschulden auszumachen hatte.

Dies war das Hauptgeschäft, welches damals Herrn Dowling zur Stadt brachte; deswegen nahm er die Gelegenheit wahr, Herrn Alwerth zugleich einiges Geld mitzubringen und ihm bei der Gelegenheit von andern häuslichen Vorgängen Bericht zu erstatten, welches alles wir aber, da es zu trockne Materien sind, um in dieser Geschichte einen Platz zu verdienen, den Oheim, Neffen und ihren Anwalt[236] unter sich abmachen lassen und zu andern Materien übergehn wollen.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 234-237.
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