Drittes Kapitel.

[216] Die Ankunft des Herrn Western, nebst anderen die väterliche Autorität betreffenden Dingen.


Madame Miller hatte das Zimmer kaum verlassen, als Herr Western hereintrat, obgleich erst nach einer kleinen Katzbalgerei zwischen ihm und seinen Sänftenträgern; denn die Kerle, welche ihre Ladung vor den Herkulessäulen aufgenommen, hatten sich keine Hoffnung[216] gemacht, inskünftige ferner einen guten Kunden an dem Junker zu haben; dabei waren sie durch seine Freigebigkeit noch mehr aufgemuntert. Er hatte ihnen von freien Stücken einige Groschen mehr gegeben, als ihnen nach der ordentlichen Taxe gebührte; sie forderten also ganz dreist noch einmal das Doppelte, welches den Junker so in Hitze brachte, daß er ihnen nicht nur vor der Thüre einige tüchtige Flüche an den Hals warf, sondern auch seinen Aerger noch nicht verdaut hatte, als er ins Zimmer trat; denn er schwur: alles Londoner Pack wäre ebensogut wie der Hof und dächte auf weiter nichts, als die adligen Leute vom Lande zu plündern. »Hol' mich alle Satan,« sagte er, »wenn ich nich lieber 'n d'n dicksten Regen gehn will, eh' sie mich wieder in ihre Handbahre kriegen soll'n! Sie hab'n mich auf'n Lumpenwege ärger zusammengeschüttelt, als mich der braune Blässe auf der längsten Fuchsjagd hätte schütteln können.«

Als sich sein Zorn über diese Angelegenheit ein wenig besänftigt hatte, fing er in einem ebenso heftigen Tone über eine andere wieder an. »Da,« sagte er, »da gehn hüdsche Dinge vor! Da haben die Hunde zuletzt ganz die Nase verlor'n, und da w'r meinen, wir haben's mit d'n Fuchs zu thun, hol's der Teufel! sieh da! so find't sich zuletzt, daß 's 'n Dachs ist.«

»Ich bitte Sie, lieber Herr Nachbar,« sagte Alwerth, »setzen Sie Ihre Metaphern beiseite und sprechen Sie ein wenig verständlicher für uns.« – »Nun denn,« sagte der Junker, »deutlich zu sagen, da sind w'r all diese Weile her in Furcht gewest, vor'n Hurkind von 'n Bankert, von jemand, was weiß ich's von wem? – Und da ist nun ein ander vertracktes Hurkind von Grafen, der auch wohl 'n Bankert sein mag, wenn mir's was anging, oder mich drum bekümmerte! Aber, solang ich lebe soll 'r mein' Tochter nicht kriegen, mit meiner Einwilligung nicht! Die Nation haben s' ausgezogen, aberst mich soll'n s'e nicht ausziehen, mein Land soll'n sie nicht über See und Meer nach ihren Freunden und Vettern schicken.«

»Sie setzen mich wirklich in Erstaunen, mein lieber Freund,« sagte Alwerth. – »Ja nu, der Hagel! Ich erstaune mich selbst,« antwortete Western. »Ich ging gester' abend zu mein'r Schwester, wie s' mich selbst beschieden hatte, und da geriet ich unter'n ganzen Saal voll Weibsen. Da war Ihr' Gnad'n Bellaston, und Ihr' Gnad'n Lis'beth, und Ihr' Gnad'n Kathrine, und der Teufel weiß, was all vor Gnaden mehr! Der Satan soll mich eh'r in d' Krallen kriegen, eh'r 'r mich wieder in so 'n Stall voll Betzen in Fischbeinröcken kriegt. Verdammt! lieber will ich mich von mein'n eign'n Hunden jag'n lassen, als es den alten Kerln Akton ging, wie's im Historienbuch steht, der in 'n Hasen verwandelt ward und den seine eignen Hunde verendeten und pfanalschten. Der Hagel! so arg is noch kein sterblicher Kerl vorm treiben gewesen! Wenn 'ch hier übersetzen wollt', packt' mich d' eine, wollt' 'ch 'n Satz zurückthun, schnapps! hatt' mich d' andre be'm Ohre. O, in der That, es ist die wichtigste Verbindung im ganzen Königreiche, sagt' eine Kousine« (hier bestrebte er sich, die Damen nachzuäffen). – »Ein gar sehr vorteilhaftes Anerbieten in der That, quiekt 'ne andre Kousine –[217] denn 'r müßt wissen, 's sind all's lauter Kousin'n, obschon ich s'e nicht halb in mein'm Leben gesehen habe. Gewißlich, sagte die fettwammige Pallunsche, Ihr' Gnaden von Bellaston, Herr Kousin, Sie müßten Ihren Verstand verliehen haben, wenn Sie nur dran denken könnten, ein solches Anerbieten von der Hand zu weisen.«

»Ha! ich fange an zu begreifen!« antwortete Alwerth. »Es hat jemand wegen Ihres Fräulein Tochter Heiratsvorschläge gethan, welche die Damen von Ihrer Familie genehm finden, die aber nicht nach Ihrem Sinne sind.«

»Mein'm Sinne?« sagte Western, »wie Teufel sollt's? Ich sag' ja, 's ist 'n Graf, und mit so 'n Volk, wissen's ja ein- vor allemal, mag ich mein Lebstag nichts zu thun hab'n. Hab' 'ch nicht ein'n von ihnen ein'n Fetzen Land abschlagen, das 'r mir vierfach bezahlen wollt' und 's gern zum Park gemacht hätt'? Und warum that ich's? Pur drum that ich's, weil ich mit 'n Hofvolke nichts zu teilen hab'n mag! Und nu sollt' 'ch ein'n davon meine Tochter geb'n, gar? Und steh' 'ch darzu nicht mit Ihn'n im Handel, Nachbar? und hab' ich wohl schon 'n mal wieder zurückgezogen, wenn 'ch einmal eing'schlag'n hab' und topp gesagt, he?«

»Was das nun anbetrifft, lieber Herr Nachbar,« sagte Herr Alwerth, »so entbinde ich Sie völlig von Ihrer Zusage. Kein Kontrakt kann bindend sein unter zwei Parteien, die keine Vollmacht hatten als sie ihn eingingen und auch nachher niemals die Macht erhalten können, ihn zu erfüllen.«

»Aber, 's Wetter!« antwortete Western, »'ch sage ja aber, daß 'ch d' Macht habe und 'n erfüllen will! Komm'n S'e gleich mit nach's Konsistorium, da will 'ch 'n Traubefehl holen, und so will 'ch nach Schwester gehn und 's Mädchen mit Gut'n oder mit G'walt wegnehmen, und sie soll 'n nehm'n oder 'ch will sie einsperr'n und Brot und Wasser soll s' essen solang sie lebt.«

»Herr Nachbar,« sagte Alwerth, »darf ich Sie bitten, meine Herzensmeinung über diese Sache anzuhören?« – »Anhören! Jawohl, w'rum nicht?« antwortete er. – »Wohlan denn, mein lieber Freund,« sagte Herr Alwerth, »ich kann es mit Wahrheit sagen, ohne Ihnen oder dem Fräulein ein Kompliment zu machen, daß ich diese Verbindung, als sie in Vorschlag kam, mit freudiger Begierde aus Achtung für Sie alle beide ergriff. Eine Verwandtschaft zwischen zwei Familien, deren Güter so nahe aneinanderliegen und unter welchen von jeher eine so gute nachbarliche Einigkeit und Freundschaft obgewaltet hat, schien mir eine sehr wünschenswerte Sache zu sein, und was das Fräulein betrifft, so versicherte mich nicht nur die einstimmige Meinung aller derer, die sie kannten, sondern auch meine eignen Bemerkungen, daß sie ein unschätzbares Kleinod für einen braven Ehemann sein würde. Ich will hier nichts von ihren persönlichen Eigenschaften sagen, welche ohne Widerrede vortrefflich sind. Ihre edle Empfindsamkeit, ihre Neigung zum Wohlthun, ihre Bescheidenheit, sind zu allgemein bekannt, um einer Lobrede zu bedürfen. Aber eine Eigenschaft besitzt sie, die das beste Weib, die jetzt eine der ersten unter den seligen Engeln ist, gleichfalls in einem[218] hohen Grade besaß und die, weil sie nicht von der schimmernden Art ist, der Beobachtung gewöhnlicher Menschen entgeht, wirklich wird sie so wenig bemerkt, daß mir das eigentliche Wort fehlt, womit ich sie bezeichnen könnte. Ich muß mich mit verneinenden Ausdrücken behelfen. Ich habe aus ihrem Munde niemals etwas Vorlautes oder dergleichen, was man beißende Einfälle nennt, gehört. Kein Jagen nach Witz, viel weniger nach derjenigen Art und Weisheit, welche bloß das Resultat von großer Belesenheit und Erfahrung ist und die ein junges Frauenzimmer, das damit Aufmerksamkeit erregen will, ebenso lächerlich kleidet als Hut, Stock und Degen einen Affen; keine Machtsprüche, keine entscheidende Meinungen, keine Kunstrichterei. So oft ich sie in Gesellschaft mit Männern gesehen habe, ist sie die Aufmersamkeit selbst gewesen mit der Bescheidenheit einer Lernenden und nicht mit dem Dünkel einer Lehrerin. Sie werden mir's verzeihen, daß ich sie einst, bloß um sie auf die Probe zu stellen, um ihre Meinung über einen Punkt bat, über welchen die Herren Schwöger und Quadrat streitig waren, worauf sie mit der liebenswürdigsten Bescheidenheit antwortete, Sie werden mir verzeihen, lieber Herr Alwerth, gewiß, Sie können mich im Ernste nicht für fähig halten, über eine Frage zu entscheiden, worüber zwei solche Gelehrte uneinig sind. – Schwöger und Quadrat, welche beide sich einer günstigen Entscheidung, jeder für seine Meinung, versichert hielten, unterstützten meine Bitte. Sie antwortete mit eben der gefälligen Heiterkeit: Sie werden mich ein- für allemal entschuldigen, denn ich mag keinen von Ihnen so hart kränken, daß ich mit meinem Urteil auf seine Seite träte. – In der That zeigte sie immer die willfährigste Achtung vor dem Verstand des männlichen Geschlechts, eine Eigenschaft, die an einer guten Ehegattin durchaus wesentlich ist. Ich will nur noch hinzusetzen, daß diese willfährige Achtung ihr wahrer Ernst sein muß, weil sie so sichtbarlich von aller Ziererei und Verstellung entfernt ist.«

Hier seufzte Blifil bitterlich, worauf Western, dem die Augen über das Lob, das seiner Sophie erteilt ward, voller Thränen standen, mit Schluchzen ausrief: »Sei nicht so lämmerherzig! Sollst sie ja hab'n! Teufel hol' mich, sollst sie hab'n und wenn sie auch noch zwanzigmal so gut wär'!«

»Vergessen Sie nicht, Herr Nachbar, daß Sie mir versprochen haben, Sie wollten mich aushören, ohne mich zu unterbrechen,« sagte Herr Alwerth. – »Nun, ich will's auch thun!« antwortete Western. »Kein Wörtchen will 'ch wieder sagen.«

»Nun, mein lieber Freund,« fuhr Alwerth fort, »ich habe mich solange bei den Verdiensten dieses Fräuleins aufgehalten, teils, weil ich wirklich in den Charakter verliebt bin, teils auch, damit es nicht scheinen möge, als ob ihr Vermögen (denn in dieser Rücksicht ist bei dieser Verbindung wirklich der Gewinn auf Seiten meines Neffen) mein hauptsächlichster Beweggrund gewesen wäre, warum ich den Vorschlag so begierig ergriffen habe. In der That wünschte ich herzlich, daß ein solches edles Kleinod in meine Familie kommen möchte. Allein ob ich mir gleich selbst viel Gutes wünsche, so möchte[219] ich's doch nicht stehlen oder mir Gewalt und Ungerechtigkeit zu schulden kommen lassen, um zu seinem Besitz zu gelangen. Nun ist es aber eine so ungerechte und tyrannische Handlung, ein Frauenzimmer wider ihren Willen und wider ihre Neigung zu einer Heirat zu zwingen, daß ich wünschte, die Gesetze des Landes könnten dergleichen völlig Einhalt thun. Jedoch ein richtiges Gewissen unterscheidet immer zwischen Recht und Unrecht, auch in solchen Staaten, wo die Einrichtung am fehlerhaftesten ist, und macht sich selbst die Gesetze, die die nachlässigen Gesetzgeber zu machen vergessen haben. Und dies ist zuverlässig einer von den Fällen, denn ist es nicht grausam, ja selbst gottlos, ein Frauenzimmer wider ihren Willen in einen Stand zu zwingen, in welchem sie von ihrer Aufführung vor dem höchsten und furchtbarsten Richterstuhle, und zwar auf Gefahr ihrer Seele Red' und Antwort zu geben hat? Die Pflichten dieses Standes mit erforderlicher Treue zu erfüllen, ist keine so leichte Sache, und wollen wir diese Bürde einem Weibe aufladen, wenn wir ihr zu gleicher Zeit allen den Beistand entziehen, durch welche sie fähig werden kann, sie zu tragen? Wollen wir ihr ihr Herz selbst entreißen, indem wir ihr Pflichten aufladen, denen kaum ein ungeteiltes Herz gewachsen ist? Ich muß hier so deutlich sprechen als möglich. Ich halte dafür, Eltern, welche also verfahren, machen sich aller der Vergehungen teilhaftig, die ihre Kinder sich nachher zu schulden kommen lassen, und müssen also notwendig erwarten, vor einem gerechten Richter an ihrer Bestrafung teilzuhaben. Aber gesetzt auch, sie könnten dies vermeiden; gütiger Gott! gibt es denn wohl eine Seele, die den Gedanken ertragen könnte, sie habe zur Verdammung ihrer Kinder beigetragen?«

»Aus diesen Ursachen, mein liebster Herr Nachbar, muß ich, weil ich sehe, daß die Neigungen dieses jungen Fräuleins höchst unglücklicherweise meinem Neffen entgegenstehen, alle ferneren Gedanken an die Ehre, die Sie ihm zudachten, ablehnen; ob ich Ihnen gleich dabei die Versicherung gebe, daß ich dafür beständig dankbar und erkenntlich bleiben werde.«

»Nun gut!« sagte Western und der Gift spritzte ihm aus den Lippen, sobald sie aufgestöpselt wurden. »Sie können nicht sagen, daß ich's nicht ausgehört hab'! Und nun werd'n Sie auch mich aushören, und wenn 'ch nicht Wort vor Wort widerlegen will, nun so will 'ch's zugeben, daß 's mit 'r ganzen Sach' nichts wird, da! Hauptsächlich und zuerst antworten Sie mir uf eine Frage, bitt' 'ch: Hab' ich sie nicht gezeugt? hab' ich sie nicht gezeugt? Was sagen Sie dazu? 's ist freilich ein kluger Vater, der sein eigen Kind kennt, sagt man, aber ich weiß doch, daß ich die besten Brief und Siegel hab'; denn 'ch habe sie groß gefüttert. Doch 'ch denke wohl, Sie mir zugeb'n, daß 'ch ihr Vater bün! und wenn 'ch das bün, muß ich denn nich mein eigen werd'n Kind regieren? Ich frag' Sie das, muß ich nicht mein eigen Kind regieren? Und wenn ich's in andern Stück'n regieren muß, so muß ich's doch wohl notwendig auch in däm Stück regieren, das ihr am meist'n wicht'g ist. Und was will 'ch denn, was verlang' ich denn darmit? Verlang' ich[220] wohl, daß s'e vor mich was thun soll? daß s'e mir was geb'n soll? – Das ist so kunträry, daß 'ch ja nur verlang', sie soll jetzunder mein halb Vermögen hinehm'n und das andre Halb wenn ich sterbe. Nun gut! wovor thu' ich das alles? Na! thu' 'chs nich, um s'e glücklich zu machen? Unsinnig sollt' man werden, wenn m'n die Leut' so schnickschnacken hört! Ja, wenn ich mich selbst wieder verehelichen wollt', so möcht' sie Ursach' haben ze krächzen und ze heulen! Aber o kunträry, hab' ich mir nicht mit mein'n liegenden Gründen die Hände so fest g'bunden, daß ich nicht wieder freien kann, wenn 'ch auch wollte? denn ich möcht' auf Gott's Erdboden das Weib sehn, das mich hab'n wollte. Was alle Teufel und Hölle! kann 'ch mehr thun? – Ich, darzu beitrag'n, daß sie verdammt würde! Ich! – Alle Hagel! da 'ch doch eher wollt', daß die ganze Welt lichterloh in der Hölle brennte, als daß 'r nur ihr klein Finger weh thät'. Vorwahr, Nachbar, Sie müssen's mir nicht vor übel nehm'n, aberst ich erstaune mich, daß Sie so schwätzen können und 'ch muß sagen, nehm'n Sie's wie Sie woll'n, 'ch hätt' Sie vor'n klügern Mann gehalten.«

Alwerth beantwortete diese bittere Anmerkung bloß mit einem Lächeln. Er konnte, wenn er auch gewollt hätte, durch dieses Lächeln nicht einmal die geringste Beimischung von Aerger oder Verachtung ausdrücken. Sein Lächeln über Thorheiten war wirklich immer von der Art, wie wir uns von den Engeln über die Einfaltspossen der Menschenkinder vorstellen können.

Nunmehr bat Blifil um die Erlaubnis, ein paar Worte reden zu dürfen. »Was das anbelangt,« sagte er, »daß dem Fräulein Gewalt und Zwang angethan werden sollte, da bewahre mich der Himmel, daß ich je darein willigen sollte! Mein Gewissen erlaubt mir nicht, irgend einem Menschen Gewalt zu thun, geschweige denn einem jungen Frauenzimmer, für welches ich, so grausam sie auch gegen mich sein mag, beständig die reinste und aufrichtigste Hochachtung unterhalten werde; dennoch aber habe ich gelesen, daß ein Frauenzimmer nur selten gegen die Beständigkeit unbeweglich bleiben soll. Warum sollte ich also nicht auch hoffen, durch eine solche Beständigkeit noch endlich diese Neigungen zu gewinnen, in welchen ich vielleicht künftighin keinen Nebenbuhler mehr habe? Denn was diesen Grafen betrifft, so ist Herr von Western so gütig, mich ihm vorzuziehn, und mein liebster Herr Onkel werden gewiß nicht in Abrede ziehn wollen, daß ein Vater bei diesen Vorfällen wenigstens eine verneinende Stimme habe. Ja, ich habe das liebe Fräulein selbst mehr als einmal sagen und beteuern gehört, daß sich solche Kinder nicht entschuldigen ließen, welche sich wider den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern verheirateten. Ueberdem finde ich auch nicht, obgleich die andern Damen von der Familie die Anwerbungen des Grafen zu begünstigen scheinen, daß das liebe Fräulein selbst geneigt sei, sich ihm zum Vorteil zu erklären. Ich bin dessen leider nur zu gewiß; ich bin nur mehr als zu gewiß, daß der böseste aller Menschen noch immer in ihrem Herzen die Oberhand hat.«

»Ja wohl, ja wohl, hat er!« schrie Western.[221]

»Aber zuverlässig doch,« fuhr Blifil fort, »wenn sie die Mordthat erfährt, die er begangen hat, und sollten auch die Gesetze ihm nicht ans Leben kommen, so –«

»Was 'st das?« schrie Western; »Mordthat? hat er 'ne Mordthat gethan, und ist Hoffnung, ihn auf'm Schaffot zu sehn? Toll de roll, tolloll deroll!« Hier fing er an zu singen und im Zimmer herumzuhüpfen.

»Kind,« sagte Alwerth, »diese deine unglückliche Leidenschaft macht mir vielen Kummer! Ich bedaure dich von Herzen und möchte gerne alle dem Gewissen nicht zuwiderlaufende Mittel anwenden, deine Wünsche zu befördern.«

»Weiter wünsche ich auch nichts!« rief Blifil. »Ich weiß, mein liebster Onkel hat eine bessre Meinung von mir, als zu denken, daß ich selbst in andre willigen würde.«

»Nun sieh,« sagte Alwerth, »du hast meine Einwilligung, zu schreiben und sie zu besuchen, wenn sie es erlauben will. Aber ich bestehe darauf – keinen Gedanken an Zwang! daß ich weiter von keinem Einsperren höre, oder daß dergleichen wieder vorgenommen werde!«

»Gut, gut!« schrie der Junker, »dergleichen soll denn nichts wied'r vorg'nomm'n werd'n. Woll'ns denn noch 'n bischen läng'r mit ansehn, was die Güte thun kann, un' wenn nun der Bub' erst durch Scharfrichters Hände gangen ist. Toll de roll loll! 'Ne bess're Zeitung hab' ich nicht gehört, alle mein Lebstage – so will ich woll wetten, soll all's geh'n, wie ich's hab'n will. Hört, liebster Alwerth, bitte, kommt und eßt heut Mittag bei mir in'n Herkelssäulen. Ich hab' 'ne Hammelsbrust bestellt, die soll'n sie rösten und jung Ribbchen Speck mit Pflaumen und 'n Huhn mit Brüh-Eiern. Wir woll'n ganz unter uns sein, müßten denn Lust haben den Herkelswirt mitzunehmen; den Pastor Schickelmann hab' ich hinunter geschickt nach Basingstocke, nach meiner Tabaksdos', die ich da hab' im Kruge liegen lassen, und ich wollt' s'e um all's in der Welt nich missen, denn 's ist 'ne alte Bekanntschaft, über zwanzig Jahr her. Das kann ich sag'n, der Herkelswirt ist ein recht schnak'scher Kumpen, Ihr werd't ihn entsetzlich lieb kriegen.«

Herr Alwerth ließ sich zuletzt diese Einladung gefallen und bald darauf ging der Junker von dannen, singend und springend über die Hoffnung, in kurzem das tragische Ende des armen Jones zu sehen.

Als er weggegangen war, nahm Herr Alwerth die vorige Materie sehr ernsthaft wieder vor. Er sagte zu seinem Neffen, er wünsche von ganzem Herzen, er möchte sich bestreben, eine Leidenschaft zu überwinden, »für welche ich dir,« sagte er, »nicht mit der mindesten Hoffnung schmeicheln kann. Es ist ein gemeiner Irrtum, daß der Widerwille eines Frauenzimmers durch Beständigkeit zu besiegen stehe. Gleichgültigkeit mag ihr vielleicht zuweilen nachgeben. Aber die gewöhnlichen Siege, welche ein Liebender durch die Beständigkeit gewinnt, sind über den Eigensinn, die Weltklugheit, Ziererei und oft über einen übertriebenen Grad von Leichtsinn,[222] welcher Frauenzimmer, die eben kein zu warmes Blut haben, verleitet, ihrer Eitelkeit dadurch zu fröhnen, daß sie ihre Liebhaber, auch wenn sie mit ihnen ganz wohl zufrieden sind, eine längere Zeit harren und schmachten lassen, und sich entschließen (wenn sie je einen festen Entschluß fassen können), es ihnen am Ende, obgleich ziemlich ärmlich, zu belohnen. Ein fester Widerwille aber, wie ich hier zu finden besorge, wird durch die Zeit vielmehr gestärkt als besiegt. Ueber dieses, mein Lieber, habe ich noch eine andre Besorgnis auf dem Herzen, die du entschuldigen mußt. Ich fürchte, ich fürchte, diese Leidenschaft, die du für dies schöne junge Mädchen nährest, hafte zu sehr an der Schönheit ihrer Person und sei des Namens der Liebe unwürdig, die doch die einzige Grundlage ehelicher Glückseligkeit ausmachen muß. Ein schönes Frauenzimmer bewundern, lieben, und auf ihren Besitz begierig sein, ohne auf ihre Gesinnungen zu achten, mag, wie ich befürchte, nur zu natürlich sein, dennoch, glaube ich, ist die Liebe nur ein Kind der Liebe; wenigstens weiß ich, und lass' es mir nicht leicht ausreden, daß es nicht in der menschlichen Natur liegt, ein Geschöpf zu lieben, von dem wir gewiß wissen, daß es uns haßt. Untersuche dein Herz mit allem Fleiße, mein lieber Sohn, und wenn du bei dieser Untersuchung nur den geringsten Argwohn von dieser Art fassen mußt, so wird dich, wie ich nicht zweifle, dein eignes Herz und deine eigne Tugend nötigen, eine so unstatthafte Leidenschaft aus deinem Herzen zu verdrängen und deine gesunde Vernunft wird dich bald in den stand setzen, es ohne zu schmerzhafte Empfindungen zu bewerkstelligen.«

Der Leser wird so ziemlich Blifils Antwort erraten. Sollte er aber auch zweifelhaft sein, so haben wir doch jetzt nicht Zeit, ihm darüber ein Mehreres zu sagen, weil unsre Geschichte zu Dingen von größerer Wichtigkeit eilt, und wir die Abwesenheit von Sophie nicht länger aushalten können.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 216-223.
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