Achtes Kapitel.

[118] Was zwischen Jones und dem alten Herrn Nachtigall vorfiel; nebst der Ankunft einer Person, die in dieser Geschichte noch nicht genannt ist.


Ungeachtet der Meinung des römischen Satirenschreibers, welcher Fortunen die Gottheit ableugnet, und ungeachtet eben der Meinung des Seneka, behauptet Cicero (der nach meinem Dafürhalten ein weiserer Mann war als beide), ausdrücklich das Gegenteil. Und gewiß ist es, im menschlichen Leben fallen so sonderbare, unbegreifliche Dinge vor, daß man geneigt wird zu glauben, es gehöre mehr dazu als menschliche Geschicklichkeit und Voraussicht, um sie hervorzubringen.

Von dieser Art war das, was jetzt unserm Herrn Jones begegnete, welcher den alten Herrn Nachtigall in einer solchen kritischen Minute antraf, daß Fortuna, wenn sie auch wirklich alle die göttliche Verehrung, die ihr zu Rom widerfuhr, völlig verdiente, keine andre ähnliche hätte erkünsteln können. Kurz, der alte Herr, und der Vater des jungen Frauenzimmers, das er für seinen Sohn bestimmte, waren einige stundenlang hart aneinander gewesen; und der letzte war jetzt eben weggegangen, und hatte den ersten in dem süßen Gedanken zurückgelassen, er habe in dem langen Dingen und Handeln zwischen den beiden Vätern des Bräutigams und der Braut den gewünschten Vorteil erhalten; ein Handel, bei welchem beide einander zu übervorteilen trachteten, und, wie es bei solchen Fällen nicht selten zu geschehen pflegt, den jeder mit der innigen Ueberzeugung geschlossen hatte, der Sieg sei auf seiner Seite.

Dieser Herr, den unser Jones jetzt besuchte, war, wie man's zu nennen pflegt, ein Weltmann; das will so viel sagen, als ein Mann, der seine Aufführung in dieser Welt so eingerichtet, wie jemand, der in der völligen Ueberzeugung, daß es keine zukünftige gibt, von der gegenwärtigen allen Nutzen ziehen will, den er nur immer ziehen kann. In seinen frühern Jahren hatte er Handelsgeschäfte getrieben, und nachdem er ein sehr ansehnliches Vermögen zusammengebracht, hatte er vor kurzem den Handel aufgegeben; oder um richtiger zu sprechen, er hatte sein Gewerbe mit Waren gegen Geschäfte mit barem Gelde vertauscht, wovon er beständig einen großen Vorrat zur Nachfrage in Bereitschaft liegen hatte, und wovon er sehr gut die höchsten Prozente zu machen verstand, zuweilen bei Verlegenheiten von Privatpersonen, und zuweilen auch bei Geldmangel des Staats. Er hatte sich dergestalt mit dem Gelde abgegeben, daß man fast zweifeln kann, ob er glaubte, daß außer diesem noch etwas wirkliches in der Welt vorhanden sei; soviel kann man wenigstens kühn behaupten, daß, nach seiner festen Ueberzeugung, sonst nichts einen wahren Wert habe.

Der Leser wird mir, denk' ich, zugeben, daß Fortuna keinen unschicklichern Mann für Herrn Jones hätte auftreiben können, um ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit eines guten Erfolgs anzugreifen, oder daß diese schäkerhafte Dame diesen Angriff hätte in eine ungelegenere Zeit spielen können.[119]

Weil demnach Geld immer das erste war, was diesem Herrn in den Gedanken obenan schwebte, so kam ihm auch, sobald er einen Fremden in seiner Wohnung erblickte, alsobald in den Sinn, ein solcher Fremder müsse gekommen sein, entweder um ihm Geld zu bringen, oder welches von ihm zu holen. Und je nachdem ihm eins oder das andere wahrscheinlicher vorkam, faßte er auch eine günstige oder ungünstige Meinung von der Person, die sich ihm nahte.

Zum Unglück für Jones hatte jetzt das Letzte das Uebergewicht, denn weil ihn den Tag vorher ein junger Herr besucht hatte, um ihm einen Wechsel über eine Spielschuld seines Sohnes zu präsentieren, so besorgte er gleich beim Anblick des Herrn Jones, er möchte mit einem solchen zweiten Papierchen angestochen kommen. Jones hatte ihm also kaum gesagt, daß er von seinem Sohne käme, als der in seinem Argwohn bestärkte alte Herr in eine Ausrufung aus brach: er gäbe sich unnütze Mühe! »Ist es denn möglich, mein Herr,« antwortete Jones, »daß Sie mein Anbringen erraten können?« – »Raten hin, raten her!« versetzte der Alte, »ich sag's noch einmal, der Herr gibt sich vergebliche Mühe! Was? Ich glaube, der Herr ist einer von den hübschen Zeisigen, die meinen Sohn zu dem Demmen und Schlemmen verführen, das ihn Fallit machen wird. Aber weder Wechsel noch Assignationen von ihm werd' ich mehr honorieren, das protestier' ich. Ich hoffe, er wird inskünftige alle solche Maskopeischaften aufkündigen, oder – wenn 'ch das nicht erwartete, wollt' ich keine Frau für ihn ausgesucht haben; denn ich mag nicht behilflich sein, jemand zu ruinieren.« – »Wie, mein Herr,« sagte Jones, »so hatten Sie diese Braut selbst für ihn ausgesucht?« – »Herr,« sagt der andre, »darf ich bitten zu wissen, was Sie die ganze Sache angeht?« – »O, mein teurer Herr Nachtigall,« erwiderte Jones, »nehmen Sie es nicht ungütig, daß ich vielen Teil an alle demjenigen nehme, was das Glück Ihres Sohnes betrifft, den ich so sehr ehre und wertschätze. Eben in dieser Angelegenheit bin ich hergekommen, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich über die Nachricht freue, die ich da von Ihnen vernehme; denn ich versichre Sie, Ihr Sohn ist ein Mann, den ich außerordentlich hochschätze. – Ja, ich kann Ihnen auch schwerlich sagen, wie große Hochachtung ich für Sie selbst hege, das Sie so großmütig, so edel, so gütig, so nachsichtig sind, eine solche Verbindung für Ihren Sohn zu treffen, – ein Frauenzimmer, das ihn, ich darf es schwören, zum glücklichsten Mann auf dem Erdboden machen wird.«

Ich wüßte kaum noch etwas, das die Menschen so fügsam unserm Wohlwollen empföhle, als wenn wir bei ihrem ersten Anblick etwas von ihnen gefürchtet haben. Wenn diese Besorgnis anfängt zu verschwinden, so vergessen wir bald die Furcht, die sie veranlaßte, und die Beruhigung, die wir darauf empfinden, meinen wir dann gerade den Personen zu verdanken zu haben, welche uns zuerst die Furcht einflößten.

So ging's dem alten Nachtigall, welcher nicht so bald merkte,[120] daß Jones keine Forderung brächte, wie er besorgt hatte, als es ihm in seiner Gegenwart recht wohl ward. »Mein lieber Herr, ich bitte,« sagte er, »belieben Sie sich doch zu setzen! Ich erinnere mich nicht, daß ich schon das Vergnügen gehabt hätte, Sie zu sehen. Aber, wenn Sie ein Freund von meinem Sohn sind und mir etwas zu sagen haben, was das junge Frauenzimmer angeht, so werde ich Sie mit Vergnügen anhören. Was das anlangt, daß sie ihn glücklich machen wird, so wirds nur an ihm liegen, wenn sies nicht thut. Ich habe das meinige gethan und habe für die Hauptsache gesorgt. Sie bringt ihm so viel zu, als nötig ist, einen jeden vernünftigen, klugen und verständigen Mann glücklich zu machen.« – »Das hat keinen Zweifel,« rief Jones, »denn sie ist selbst ein großer Schatz; so schön, so artig, von so sanftem Gemüt und von so guter Erziehung; sie ist wirklich ein Frauenzimmer von vielen Talenten, singt vortrefflich und spielt das Klavier mit Fertigkeit und Geschmack.« – »Von alle dem habe ich kein Wort gewußt,« antwortete der alte Herr; »denn gesehen habe ich die Braut mit keinem Auge, aber sie gefällt mir wegen dessen, was Sie da sagen, nicht übel, und am Vater gefällt mir's sehr wohl, daß er kein groß Aufhebens beim Kontrakte von diesen Eigenschaften gemacht hat. Daraus sieht man doch, daß er ein recht verständiger Mann ist. Ein einfältiger Kerl wäre kapabel gewesen, alle diese Artikel zu Gelde zu rechnen und in der Mitgabe mit anzuschlagen. Nein, das muß ich ihm ehrlich nachsagen, erwähnt hat er nicht einmal all' der Dinge und sie gehören doch gewiß beim Frauenzimmer nicht unter Tara und Rabatt.« – »Ich versichre, mein Herr,« sagte Jones, »sie besitzt diese Eigenschaften alle in einem sehr hohen Grade. Indessen glaubte ich meinerseits, Sie möchten einige kleine Einwendungen gehabt haben und der Partie nicht so recht geneigt gewesen sein, denn Ihr Sohn sagte mir, Sie hätten das Frauenzimmer niemals gesehn oder gesprochen, und deßwegen kam ich her, wenn das gewesen wäre, Sie zu bitten, zu beschwören, wenn Ihnen das Glück Ihres Sohnes teuer wäre, der Verbindung mit einem Frauenzimmer nicht entgegen zu sein, die nicht nur alle diejenigen guten Eigenschaften besitzt, deren ich erwähnt habe, sondern noch weit mehrere.« – »Wenn das Ihr Gewerbe war,« sagte der Alte, »so sind wir Ihnen beide sehr verbunden, und Sie können völlig ruhig sein; denn ich versichre Sie, ich war mit ihrer Mitgabe ganz wohl zufrieden.« – »Mein Herr,« antwortete Jones, »ich schätze Sie von Minute zu Minute immer höher. Sich so leicht befriedigen zu lassen, so mäßig zu sein über diesen Punkt, das ist ein Beweis von der Richtigkeit Ihres Verstandes sowohl, als von dem Adel Ihrer Seele.« – »Nu, so sehr mäßig, mein lieber junger Herr,« antwortete der Vater, »so entsetzlich mäßig bin ich doch nun auch eben nicht!« – »Immer edler,« erwiderte Jones. »Immer edler! und erlauben Sie mir hinzuzufügen, immer verständiger! Denn am Ende ist es freilich nicht viel weniger als barer Unsinn, das Geld für den einzigen Grund aller Glückseligkeit zu halten. Ein Frauenzimmer wie dieses mit ihrer geringen, oder eigentlich gar keiner Mitgabe[121] –« – »Ich finde,« rief der alte Herr, »Sie haben eine feine, richtige Idee vom Gelde! Oder Sie sind auch besser mit der Person, als mit ihren Vermögensumständen bekannt! Wie viel meinen Sie wohl, daß der Brautschatz beträgt?« – »Brautschatz!« sagte Jones; »nun, zu wenig, um für einen Mann, wie Ihren Sohn, den Namen zu verdienen.« – »Nu, nu, nu'« sagte der andre, »vielleicht hätte er eine bessre Partie thun können.« – »Das läugn' ich,« sagte Jones; »denn sie ist eins der besten Frauenzimmer.« – »Nichts darwider!« antwortete der andre. »Ich meine aber nur an Geld und Barschaften! – Und dennoch auch daran; wie viel meinen Sie wohl, daß sie Ihrem Freunde zubringt?« – »Wie viel?« rief Jones, »wie viel? Nun aufs höchste, vielleicht ein paar hundert Pfund Sterling.« – »Wollen Sie mich foppen, junger Herr?« sagte der Alte ein wenig krausstirnig. – »Nein, wahrhaftig nicht!« antwortete Jones. »Es ist mein Ernst; ja, ich glaube, ich habe eher zu viel gesagt als zu wenig. Wenn ich die Braut für zu arm halte, so bitte ich Sie um Verzeihung.« – »In der That, das thun Sie!« rief der Vater. »Ich weiß besser, daß sie über fünfzigmal so viel hat, und sie muß erst noch fünfzigmal so viel aufblechen, ehe ich einwillige, daß sie meinen Sohn heiratet.« – »Ja, nun aber,« sagte Jones, »es ist zu spät vom einwilligen zu sprechen, nunmehr – Wenn sie auch keine fünfzig Groschen hat, Ihr Sohn ist verheiratet.« – »Mein Sohn verheiratet!« antwortete der Alte mit Erstaunen. – »Je nun,« sagte Jones, »ich dachte, das wüßten Sie schon.« – »Mein Sohn verheiratet, mit Mademoiselle Harris!« antwortete er abermals. – »Mit Mademoiselle Harris?« sagte Jones. »Nein, mein Herr, mit Mademoiselle Nanette Miller, Tochter der Madame Miller, in deren Hause er Zimmer bewohnte; ein junges Frauenzimmer, welche, ungeachtet daß ihre Mutter Zimmer vermieten muß ...« – »Ist das Fopperei oder ists Ernst?« schrie der Vater in einem sehr feierlichen Tone. – »Mein Herr,« antwortete Jones, »Fopperei ist meine Sache gar nicht. Ich bin in dem ernsthaftesten Vorsatze zu Ihnen gekommen, weil ich dachte und wie ich jetzt wahr finde, daß Ihr Herr Sohn es nicht gewagt haben möchte, Ihnen eine Verbindung bekannt zu machen, die in Ansehung des Geldes so weit unter ihm ist; die aber der gute Name des Frauenzimmers nicht länger als ein Geheimnis dulden kann.«

Unterdessen daß noch der Vater da stand als einer, den eine Hiobspost der Sprache beraubt hat, trat ein Herr ins Zimmer, der ihn mit dem Brudernamen begrüßte.

Aber, obgleich diese beiden Männer dem Blute nach so nahe verwandt waren, so waren sie doch den Gesinnungen nach, so zu sagen, wahre Gegenfüßler. Der Bruder, welcher eben anlangte, hatte gleichfalls Handel getrieben; aber er hatte nicht so bald gefunden, daß er etwa 6000 Pfund verdient hatte, als er sich ein kleines Landgut kaufte, wohin er zu wohnen zog, die Tochter eines unbemittelten Landgeistlichen, ein junges Frauenzimmer heiratete, die zwar weder schön noch reich war, seine Wahl aber durch eine außerordentlich lustige und fröhliche Gemütsart auf sich lenkte.[122]

Mit dieser Gattin hatte er fünfundzwanzig Jahre hindurch ein Leben geführt, das mehr Aehnlichkeit mit jenen Zeiten hatte, welche gewisse Poeten für das goldne Alter ausgeben wollen, als mit dem unsrigen. Er hatte von ihr vier Kinder, wovon aber nur eins bis zu reifen Jahren gelangte, das er und seine Frau nach der gemeinen Redensart verzogen, das heißt mit der äußersten Liebe und Sorgfalt erzogen hatten; welche Liebe und Sorgfalt sie zu einem solchen Grade erwiderte, daß sie wirklich schon eine äußerst vorteilhafte Heirat mit einem Herrn von etwas über vierzig Jahr alt ausgeschlagen hatte, weil sie es nicht über ihr Herz bringen konnte, sich von ihren geliebten Eltern zu trennen.

Das junge Frauenzimmer, welches Herr Nachtigall für seinen Sohn bestimmt hatte, war eine nahe Nachbarin von seinem Bruder, und eine Bekannte von seiner Nichte, und eigentlich war es die bevorstehende Heirat, welche den Bruder jetzt zur Stadt gebracht hatte; freilich gerade eben nicht, um solche zu befördern, sondern seinem Bruder einen Plan aus dem Sinne zu reden, der nach seiner Einsicht zum gänzlichen Verderben seines Neffen ausschlagen müßte. Denn andre Folgen sah er von der Verbindung der Mademoiselle Harris nicht, ungeachtet der ansehnlichen Größe ihres Vermögens, weil weder ihre Person noch ihre Gemütsbeschaffenheit nach seiner Meinung eben eine eheliche Glückseligkeit erwarten ließ; denn sie war sehr lang, sehr schmächtig, sehr häßlich, sehr geziert, sehr einfältig und sehr boshaft.

Sein Bruder erwähnte also nicht so bald der Heirat seines Neffen mit Mademoiselle Miller, als er darüber eine herzliche Freude bezeigte, und nachdem der Vater seinen Sohn bitterlich heruntergerissen und das Urteil des Bettelngehens über ihn ausgesprochen hatte, ließ sich der Oheim folgendergestalt vernehmen:

»Wenn du ein bißchen kälter wärst, Bruder, so würde ich dich fragen, ob du deinen Sohn seinetwegen oder deiner selbst wegen liebst. Du würdest mir vermutlich antworten und ich vermute, du meinst es: Seinetwegen! Und ohne Zweifel meinst du durch die Heirat, die du für ihn ausgemacht hast, sein Glück zu befördern.

Nun aber, lieber Bruder, ist mir das Regeln geben für andrer Menschen Glückseligkeit noch immer als etwas sehr einfältiges vorgekommen, und das Bestehen auf diesen Regeln als sehr tyrannisch. Der Irrtum ist sehr gewöhnlich; aber bei alle dem bleibt's doch immer ein Irrtum, und wenn es bei andern Fällen einfältig ist, so ist es sogar völlig dumm beim heiraten, wobei die Glückseligkeit ganz allein von der gegenseitigen Neigung abhängt, welche die Verlobten gegeneinander tragen.

Ich habe es deßwegen beständig für sehr unvernünftig von den Eltern gehalten, wenn sie bei dieser Sache anstatt der Kinder haben wählen wollen, weil es unmöglich ist, die Neigung der Menschen mit Gewalt zu zwingen; ja, die Liebe flieht dergestalt allen Zwang, daß sie nicht einmal weiß, ob sie nicht vermöge einer unglücklichen aber unheilbaren Verkehrtheit unsrer Natur sich sogar gegen die Ueberredung empört und auflehnt.«[123]

»Und dabei ist freilich auch immer so viel wahr, daß, obgleich der Vater nicht wird vorschreiben wollen, wenn er klug ist, man ihn doch nach meiner Meinung bei dieser Gelegenheit auch fragen müsse und er nach aller Billigkeit wenigstens ein verneinendes Votum haben sollte. Ich gestehe also, daß mein Neffe, da er sich verheiratet hat, ohne dich um Rat zu fragen, einen Fehler begangen hat. Aber ganz ehrlich gesprochen, Bruder, bist du an diesem Fehler nicht selbst ein wenig schuld? Haben ihm nicht deine oft wiederholten Erklärungen über diesen Punkt die moralische Gewißheit gegeben, daß du nicht einwilligen werdest, wo es an Reichtum fehlte? Und sage nur, dein ganzer jetziger Aerger, woher kommt er? Ist's nicht bloß der Abgang des Vermögens, der dich in Harnisch jagt? Und, wenn er nun auch gegen den kindlichen Gehorsam gesündigt hätte, hast du denn nicht auch dein väterliches Ansehn viel zu hoch gespannt, da du ihn ohne sein Wissen an eine Frau ordentlicherweise verhandeltest, die du selbst nie gesehen hast? Und hättest du sie gesehn und so gut gekannt, wie ich sie kenne, so wäre es Raserei von dir gewesen, nur jemals daran zu denken, sie in deine Familie zu bringen.

Bei alledem gestehe ich, daß mein Neffe gefehlt hat. Aber ein unverzeihlicher Fehler ist es gewiß auch nicht. Er hat in einer Angelegenheit ohne deine Einwilligung gehandelt, wobei er solche hätte begehren sollen. Es ist aber auch eine Angelegenheit, die hauptsächlich ihn selbst und sein eignes Wohlsein betrifft. Du mußt und wirst zugeben, daß du bloß auf sein Wohl sahst, und wenn er nun unglücklicherweise von dir verschieden denkt und in seinen Begriffen von Glückseligkeit geirrt hat, willst du deswegen, Bruder, wenn du deinen Sohn liebst, ihn immer weiter ins Unglück bringen? Willst du die übeln Folgen seiner einfältigen Wahl noch vermehren? Willst du mit allem Fleiße eine Heirat gewiß unglücklich machen, die es zufälligerweise werden könnte? Mit einem Worte, Bruder, willst du seine Umstände deswegen so kümmerlich machen als du kannst, weil er nicht in deiner Gewalt gelassen hat, sie so wohlhabend zu machen, als du wolltest?«

Durch die Kraft des wahren katholischen Glaubens wirkte der heilige Antonius mit seiner Predigt auf die Fische; Orpheus und Amphion triebens ein wenig weiter und setzten durch die Zaubergewalt der Musik unbeseelte Dinge in Bewegung. Wunderwerke beides! Aber weder Geschichte noch Fabel haben von jemanden ein Beispiel aufbewahrt, der durch Gründe über eingewurzelten Geiz zu siegen vermocht hätte.

Herr Nachtigall, der Vater, anstatt es nur zu versuchen, seinem Bruder zu antworten, begnügte sich bloß damit, daß er sagte, sie wären über ihre Kinderzucht niemals einerlei Meinung gewesen. »Ich wünschte, Bruder,« sagte er, »du hättest es damit gut sein lassen, daß du dich um deine eigne Tochter bekümmertest und hättest dir niemals mit meinem Sohne die geringste Mühe gegeben, der, wie ich glaube, ebensowenig durch deine Lehren, als durch deine Beispiele viel gewonnen hat.« Denn der junge Nachtigall war von[124] seinem Oheim aus der Taufe gehoben und hatte sich mehr bei diesem, als bei seinem Vater aufgehalten, daß sonach der Onkel oft erklärt hatte, er habe seinen Neffen fast ebenso lieb, als seine eigne Tochter.

Jones war ganz entzückt über diesen herrlichen Mann, und als sie fanden, daß der Vater, anstatt sich besänftigen zu lassen, nur immer noch mehr aufgebracht wurde, so führte Jones den Oheim zu seinem Neffen nach Madame Millers Hause.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 118-125.
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