Erstes Kapitel.

[90] Ein Versuch, zu erweisen, daß ein Autor um so besser schreiben wird, wenn er von dem Gegenstande, den er bearbeitet, einige Kenntnisse hat.


Dieweil verschiedene Herren zu diesen Zeiten bloß durch die wundervolle Kraft des Genies, ohne die mindeste Beihilfe von Gelehrsamkeit,[90] ohne einmal recht im stande zu sein, zu lesen, eine sehr ansehnliche Figur in der gelehrten Republik gemacht haben, so haben die neueren Kunstrichter, wie man mir gesagt hat, angefangen zu behaupten, alle Arten von Gelehrsamkeit wären einem Schriftsteller völlig unnütz und eigentlich weiter nichts als eine Art von Fesseln, welche man der natürlichen Lebhaftigkeit und Wirksamkeit der Imagination anlege, die dadurch niedergehalten und verhindert werde, sich zu der Höhe des Fluges zu schwingen, die sie sonst die Fähigkeit gehabt hätte zu erreichen.

Diese Lehre wird zu gegenwärtiger Zeit, wie ich fürchte, viel zu weit getrieben. Denn warum sollte das Bücherschreiben so sehr von allen übrigen Künsten verschieden sein? Die Leichtfüßigkeit eines Tanzmeisters leidet gar nicht dadurch, daß man ihn gelehrt hat, wie man die Glieder bewegen muß, und kein Handwerker führt deswegen seine Werkzeuge schlechter, weil er weiß, wie er sie gebrauchen soll. Ich meinesteils, ich kann mir nicht einbilden, daß Homer oder Virgil mit mehr Feuer geschrieben haben würden, wenn sie, anstatt im Besitz aller Gelehrsamkeit ihrer Zeit zu sein, wirklich ebenso unwissend gewesen wären, als die meisten Autoren unsrer Tage. Auch glaube ich nicht, daß alle die Imagination, das Feuer und die Beurteilungskraft eines Pitt die Reden hervorgebracht haben würden, welche den britischen Senat, zu diesen unsern Zeiten, in Ansehung der Beredsamkeit zum Nebenbuhler des griechischen und römischen machen, wäre er nicht in den Schriften des Demosthenes und Cicero dergestalt belesen gewesen, daß er ihren ganzen Geist in seine Reden übertrug, und mit ihrem Geiste auch zugleich ihre Wessenschaften.

Ich möchte hier nicht so verstanden werden, als bestünde ich darauf, daß ein jeglicher von meinen Brüdern eben den Schatz von gelehrten Kenntnissen besitzen sollte, der, wie Cicero uns bereden will, demjenigen nötig ist, der ein Redner sein will. Ganz und gar nicht! Ich bin vielmehr der Meinung, daß für einen Poeten nur sehr wenig, für den Kritiker noch weniger, und für den politischen Redner die wenigste Belesenheit erforderlich sei. Für den ersten reicht vielleicht Bussys Dichtkunst und einige wenige von unsren neueren Poeten völlig aus; für den zweiten ein mäßiges Bündel von Schauspielen, und für den letzten eine Olla Potrida von politischen Journalen.

Die Wahrheit zu sagen, verlange ich weiter nichts, als daß ein Mann einige wenige Kenntnisse von dem Gegenstande besitze, den er bearbeitet, zufolge der alten Maxime der Gesetze: Quam quisque norit artem in ea se exerceat. Mit dieser allein kann sich ein Schriftsteller zuweilen so ziemlich aus dem Handel ziehen, und ohne diese wird ihm freilich alle übrige Gelehrsamkeit in der ganzen Welt eben nicht sonderlich zu statten kommen.

Zum Beispiele laßt uns annehmen, daß Homer und Virgil, Aristoteles und Cicero, Thukydides und Livius, alle hätten zusammenkommen und alle ihre verschiedenen Talente in eine gemeinschaftliche Masse werfen können, um eine Abhandlung von der Tanzkunst zu[91] verfertigen, ich glaube, man wird gerne zugeben, daß sie nichts so Gutes herausgebracht hätten, als die vortreffliche Abhandlung, welche uns Herr Essex1 über den Gegenstand geliefert hat, unter dem Titel: Anfangsgründe der hochadeligen Erziehungskunst. Und in der That sollte man den vortrefflichen Herrn Broughton dahin vermögen können, die Feder in die Faust zu nehmen und die vorbesagten Anfangsgründe weiter auszuführen dadurch, daß er die wahren Grundsätze der Athletik zu Papier brächte, so zweifle ich, ob die Welt die geringste Ursache haben würde, zu bedauern, daß keiner von den großen Schriftstellern, weder unter den alten noch neueren, über diese edle und nützliche Kunst eine Abhandlung geschrieben hat.

Um in einer so klaren Sache nicht unnötigerweise die Beispiele zu häufen und gradeswegs auf meinen Punkt zu kommen, bin ich geneigt, dafürzuhalten, daß eine Ursache, warum manche unsrer heutigen Schriftsteller so sehr zu kurz kommen, wenn sie die Sitten und Manieren der vornehmen Welt beschreiben, vielleicht darin liegt, daß sie wirklich nicht das geringste davon wissen.

Dies ist eine Wissenschaft, welche zu erlangen unglücklicherweise nicht in dem Vermögen mancher Autoren steht. Bücher geben uns davon nur einen sehr unvollkommnen Begriff; die Schaubühne einen nicht viel bessern. Der artige junge Herr, der sich nach den ersten bildet, wird fast allemal ein Pedant werden, so wie der, der sich nach der letzten formiert, ein bloßer Stutzer.

So sind auch die Charaktere, die man nach diesen Modellen zeichnet, eben nicht richtiger gehalten, Vanbrugh und Congreve zeichneten nach der Natur. Die jenigen aber, welche sie kopieren, geben uns Zeichnungen, welche unsern heutigen Menschen so unähnlich sind, als es dem Hogarth ergehen würde, wenn er eine Thee- oder Spielgesellschaft in den Draperien eines Titian oder Vandyk malen wollte. Kurz, die Nachahmung fällt hier immer zu kurz. Das Gemälde muß nach der Natur selbst gemacht werden. Eine wahre Kenntnis der Welt gewinnt man nur durch den Umgang; und wenn man die Sitten und Manieren eines jeden Rangs kennen will, so muß man sie sehen.

Nun aber ist der Fall, daß man die höhern Stände unter den Sterblichen nicht so, wie den Ueberrest des Menschengeschlechts, auf den Gassen, in den Kramläden und auf den Kaffeehäusern umsonst zu sehn bekommen kann; und ebensowenig, gleich den großen, raren Tieren, das Stück um so und so viel öffentlich zeigt. Kurz, dies ist ein Schauspiel, wozu niemand zugelassen wird, der nicht eine oder die andere von folgenden Eigenschaften besitzt, nämlich: entweder vornehme Geburt, oder großen Reichtum, oder was so gut ist ist als alle beide, die rühmliche Profession eines Spielers. Und zum Unglück für die Welt mögen sich Personen mit diesen Eigenschaften nur selten mit dem schlechten Gewerbe der Schriftstellerei befassen; denn gewöhnlich läßt sich nur die niedrigere und ärmere Gattung[92] darauf ein, weil es ein Geschäft ist, wozu nach vieler Meinung gar keine Vorlage erfordert wird.

Daher bekommen wir denn die sonderbaren Mißgestalten in besetzten, gestickten Kleidern, in seidenen und brokadenen Roben, mit allerlei Frisur und ungeheuern Reifröcken, welche unter den Namen von Ministern, Präsidenten, Grafen und Baronen, und eben den weiblichen Benennungen, sich auf der Schaubühne herumtreiben, zum innigsten Vergnügen der Studenten und Kaufmannsburschen im Parterre, und des ehrlichen Bürgers und Handwerksmanns in den Logen und auf den Gallerien, und welche ebensowenig im wirklichen Leben anzutreffen sind, als der Centaur oder ein jedes anderes Geschöpf der verschrobenen Einbildungskraft. Um aber dem Leser ein Geheimnis zuzuraunen, so ist diese Kenntnis der vornehmen Welt zwar freilich notwendig genug, um allerlei Irrtümer zu vermeiden; aber eine erkleckliche Hilfsquelle ist sie gleichwohl nicht für einen Schriftsteller, welcher Komödien oder jene Art von Romanen schreibt, die gleich diesem, an dem ich arbeite, zur komischen Klasse gehören.

Was Pope von den Weibern sagt, läßt sich auf die meisten Menschen jener hohen Welt anwenden, daß sie nämlich so durchgängig aus Form und Affektation zusammengesetzt sind, daß sie ganz und gar keinen, wenigstens keinen sichtbaren Charakter haben. Ich will wagen es herauszusagen: daß das vornehmste Leben das schalste und langweiligste ist, und nur wenig Eigenes, Außerordentliches und Unterhaltendes hat. Die verschiedenen Gewerbe und Beschäftigungen der niedern Sphären bringen die große Mannigfaltigkeit von abstechenden Charakteren hervor. Dahingegen hier, die wenigen ausgenommen, welche der Ehrgeiz peitscht, und die noch wenigern, welche dem Vergnügen nachjagen, alles Eitelkeit und knechtische Nachahmung ist. Sich ankleiden, Karten spielen, essen und trinken, Bücklinge und Knickse machen, darin besteht das ganze Geschäft ihres Lebens.

Gleichwohl gibt es einige von diesem Range, über welche die Leidenschaft ihre Tyrannei ausübt und sie über die Schnur hinausschleudert, die der Wohlstand vorschreibt. Unter diesen zeichnen sich die Damen, durch ihre edle Dreistigkeit und eine gewisse vornehme Verachtung der Nachrede, von den schwachen Geschöpfen niederer Stände ebensosehr aus, als eine tugendhafte Dame von Stande sich durch die Feinheit und Delikatesse ihrer Gesinnungen und Empfindungen von dem ehrlichen Weibe eines Krämers und Handwerkers unterscheidet. Die hochgeborne Dame von Bellaston war von diesem dreisten Charakter; daß aber mein Leser auf dem Lande ja nicht den Schluß mache, dies sei die gewöhnliche Aufführung der Damen von Stande, oder, als hätten wir gemeint, sie als solche vorzustellen. Ebensogut könnten sie mei nen, wir hätten jeden Geistlichen durch Schwögern, oder jeden Offizier durch den Fähnrich Northerton vorstellen wollen.

Ich kenne wirklich keinen größern Irrtum als den, der fast durchgängig unter dem großen Haufen herrscht, welcher seine Meinung von einigen unwissenden Satirenschreibern entlehnt hat, nämlich:[93] unsere Zeiten mit dem Charakter der Unzucht zu stempeln. Ich bin vielmehr überzeugt, daß niemals weniger Liebeshändel unter Personen von Stande im Schwange gegangen sind, als gerade zu unsern Zeiten. Die heutigen Damen sind von ihren Müttern gelehrt worden, ihre Gedanken bloß auf Ehrgeiz und Eitelkeit zu heften und Liebe und Vergnügen ihrer Aufmerksamkeit für unwürdig zu achten. Da sie nun nachher durch die Vorsorge dieser Mütter vermählt wurden, ohne Ehemänner zu bekommen, so scheinen sie in diesen Gesinnungen so ziemlich befestigt zu sein; daher sie sich den folgenden schläfrigen Ueberrest ihres Lebens mit den freilich unschuldigern, aber wie ich besorge, auch kindischern Zeitvertreiben begnügen, deren bloße Erwähnung sich mit der Würde dieser Geschichte keineswegs vertragen möchte. Nach meiner demütigen Meinung also, ist das eigentliche Kennzeichen der gegenwärtigen Beaumonde viel eher Thorheit als Laster; und der einzige Beiname, den sie verdient, möchte kindischtändelnd heißen.

Fußnoten

1 In späteren Zeiten Mr. Noverre, übersetzt von Lessing und seinem Verleger.

A.d. Uebers.


Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 90-94.
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