Neuntes Kapitel.

[9] Enthält wenig mehr als ein paar seltsame Bemerkungen.


Jones hatte ungefähr eine halbe Stunde in einem besondern Zimmer zugebracht, als er wieder in die Küche kam und mit dringender Eile von dem Wirte verlangte, ihn wissen zu lassen, was zu bezahlen wäre. Und das Mißvergnügen, welches Rebhuhn darüber empfand, daß er genötigt war, ein warmes Kamin und seine liebe Kanne mit vortrefflichem Malzsaft zu verlassen, ward dadurch einigermaßen versüßt, wie er hörte, daß er nicht weiter zu Fuße reisen sollte. Denn Jones hatte den Pferdeburschen durch goldene Gründe überredet, ihn nach dem Gasthofe zurückzubringen, wohin er vorher das Fräulein Sophie geführt hatte. Indessen willigte der Bursche nur mit der Bedingung darein, daß sein andrer Kamerad in dieser Schenke auf ihn warten müßte, weil, da der Wirt zu Upton ein genauer Bekannter von dem Wirt zu Gloucester war, es einmal früher oder später dem letztern zu Ohren kommen könnte, daß seine Pferde an mehr als eine Person verliehen worden, und solchergestalt der Knecht verbunden sein möchte, die Gelder zu berechnen, welche er sehr weislich gesonnen war, in seinen eignen Sack zu stecken.

Wir waren genötigt, dieses Umstandes zu erwähnen, so unbedeutend er scheinen mag, weil er Herrn Jones' Abreise um ein ziemliches verzögerte. Denn die Ehrlichkeit dieses letztern Kerls war ziemlich groß, – das heißt: von ziemlich großem Preise und würde Herrn Jones ziemlich viel gekostet haben, wenn nicht Rebhuhn, der, wie wir schon gesagt, einen sehr verschlagenen Kopf hatte, ganz listig eine halbe Krone dran gewendet hätte, um solche derweilen in der Schenke zu verzehren, da er die Rückkehr seines Kameraden[9] erwartete. Von dieser halben Krone hatte der Wirt nicht so bald die Witterung bekommen, als ihn die Gier darnach so heftig und überredend schreien ließ, daß der Kerl sehr bald überstimmt wurde, und für eine halbe Krone mehr, die er für seine Versäumnis forderte, den Handel einging. Hier können wir nicht umhin zu bemerken, wie unter den niedrigsten Menschen so tiefe Politik anzutreffen ist, daß sich große Männer oft zu viel auf ihre große Spitzfindigkeit im Ueberschnellen einbilden, weil es ihnen darin oft Leute aus der geringsten Menschenklasse gar häufig noch zuvorthun.

Als nunmehr die Pferde vorgeführt waren, sprang Jones ungesäumt auf den Quersattel, auf welchem seine teure Sophie gesessen hatte. Der Knecht bot ihm zwar sehr höflicherweise den seinigen an, aber er behielt den Quersattel vermutlich bloß weil er weicher war. Rebhuhn, obgleich ein ebenso großer Weichling als Jones, konnte dennoch den Gedanken nicht ausstehen, seine Mannheit zu erniedrigen, nahm also das Anerbieten des Burschen an, und nun, da Jones auf dem Quersattel, der Vorreiter auf den Jungfer Honorias sich gesetzt, und Rebhuhn das dritte Pferd beschritten hatte, ritten sie ihres Weges von dannen, und innerhalb vier Stunden erreichten sie den Gasthof, woselbst der Leser schon so lange Zeit zugebracht hat. Rebhuhn war den ganzen Weg über sehr munter und fröhlich, und erwähnte gegen Herrn Jones sehr oft der vielen guten Vorbedeutungen auf sein künftiges gutes Glück, welches ihm seit kurzem so günstig gewesen, und von dem der Leser, wenn er auch noch so wenig abergläubisch ist, gestehen muß, daß es sich ihm besonders hold und gewogen erzeigt habe. Rebhuhn hatte überdem noch mehr Gefallen an dem Pfade, den sein Kompagnon jetzt betrat, als an der Bahn der Ehre, auf welcher er kurz vorher noch fortschritt, und aus eben diesen Vorbedeutungen, welche dem Pädagogen einen guten Ausgang versicherten, erwarb er auch erst eine klare Idee von der Liebschaft zwischen Jones und Sophie, worauf er bis dahin nicht sonderlich gemerkt hatte, weil er der Ursache von Jones' Wanderschaft auf einer falschen Fährte nachspürte, und in Ansehung dessen, was zu Upton vorfiel, so war er, ehe er dahin gelangte, und nachdem er den Ort wieder verlassen, zu arg von der Furcht geplagt, um einen andern Schluß daraus zu ziehen, als Jones sei geradezu verrückt im Kopfe, ein Wahn, der sich nicht übel zu der Meinung reimte, die er bereits von seiner außerordentlichen Wildheit gefaßt hatte, und aus welcher sich, wie er dachte, sein Betragen bei ihrer Abreise aus Gloucester so ungezwungen erklären ließe, wie es ihm vorgekommen war. Unterdessen war ihm seine gegenwärtige Reise ganz gemütlich, und er fing nun an, viel würdigere Begriffe von seines Freundes Verstande zu hegen.[10]

Die Glocke hatte eben drei geschlagen, als sie ankamen, und Jones bestellte sogleich wieder Postpferde; zum Unglück war eben kein Pferd im ganzen Orte zu haben. Dies wird den Leser eben nicht wunder nehmen, wenn er bedenkt, in welchem Wirrwarr sich damals die ganze Nation und besonders diese Gegend befand, zu einer Zeit, da die Expressen zu jeder Stunde bei Tag und Nacht hin- und herritten.

Jones gab sich alle mögliche Mühe, seinen bisherigen Vorreiter zu bewegen, ihn noch bis Coventry zu bringen; aber er war unerbittlich. Dieweil er noch im Hofe bei dem Vorreiter stand, um ihm zuzureden, kam eine Person zu ihm, grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen und erkundigte sich, wie sich die ganze gute Familie in Sommersetshire befände, und da Jones die Augen auf diese Person warf, erkannte er solche alsbald für Herrn Dowling, den Gerichtsprokurator, mit welchem er zu Gloucester gegessen hatte, und erwiderte seinen Gruß mit vieler Höflichkeit.

Dowling riet Herrn Jones ernstlich davon ab, diesen Abend noch weiter zu gehen, und unterstützte seinen Rat mit manchen unwiderleglichen Gründen, zum Beispiel, es würde schon finster, die Wege wären schlecht, und er würde bei hellem Tage viel besser fortkommen können, und mehr von eben der Wichtigkeit, von welchen Jones einige sich selbst schon gesagt hatte; aber so wie sie damals nichts gefruchtet hatten, so waren sie auch jetzt fruchtlos, und er beharrte steif und fest auf seinem Vorsatz, sogar wenn er genötigt sein sollte, zu Fuß zu gehen.

Als der ehrliche Herr Prokurator fand, daß er Herrn Jones nicht bereden könnte zu bleiben, so wandte er sich eben so nachdrücklich an den Pferdeknecht, um ihn zu bereden, daß er Herrn Jones weiter brächte. Er führte manche Gründe an, um ihn zu bewegen, diesen kurzen Weg noch zu übernehmen, und schloß zuletzt mit diesen Worten: »Meint Ihr denn, der Herr werde Euch Eure Mühe nicht reichlich belohnen?« Zwei sind Einem fast in allen und jeden Dingen an Kräften überlegen. Aber der überlegne Vorteil, welchen diese vereinte Kraft bei Ueberredungen und Bitten hat, muß jedem aufmerksamen Beobachter sichtbar gewesen sein, denn er muß oft gesehen haben, daß, wenn ein Vater, eine Mutter, eine Ehefrau, oder sonst eine andre Person von häuslicher Macht und Gewalt gegen alle Gründe, welche ein einzelner Mann anführen konnte, steif und fest auf ihrer Weigerung beharrten, sie hernach sich auf Wiederholung eben dieser Gründe ergaben, wenn solche von einer zweiten oder dritten Person kamen, die sich der Sache unterzog, ohne sich die Mühe zu geben, zu ihrem Behuf irgend etwas Neues vorzubringen. Und hieraus ist vielleicht die Redensart entstanden,[11] einen Vorschlag oder eine Anrede unterstützen helfen, welche zweite Person bei allen öffentlichen Debatten, im Parlament sowohl als in andern Versammlungen von solcher Wichtigkeit ist, daß ohne sie auf keinen Vorschlag geachtet wird. Daher kommt's auch wahrscheinlicherweise, daß wir vor unsern öffentlichen Gerichtsbänken oft einen gelehrten Herrn (gewöhnlich einen graduierten Juristen) stundenlang eben dasselbige wiederholen hören, was ein andrer gelehrter Herr von seinen Kollegen eben vorher gesagt hatte. Anstatt hiervon die Gründe auszumachen, wollen wir nach unsrer gewöhnlichen Weise fortfahren, davon ein Beispiel in dem Betragen des vorgenannten Burschen aufzustellen, welcher sich der Ueberredung des Herrn Dowling fügte, und dem Herrn Jones versprach, ihn noch einmal auf dem Quersattel reiten zu lassen, aber drauf bestand, daß er dem armen Vieh vorher ein gutes Futter geben müßte, weil es, wie er sagte, einen großen Weg gemacht und scharf gelaufen wäre. In der That war diese Vorsicht des Kerls unnötig, denn Jones würde dies ungeachtet seiner Eile und Ungeduld von selbst befohlen haben, war er doch keineswegs einerlei Meinung mit jenen, welche Tiere für bloße Maschinen halten, und wenn sie ihre Sporen in das Fell ihrer Pferde setzen, sich einbilden, Sporn und Pferd hätten einerlei Empfindungsvermögen gegen Schmerzen.

Unter der Weile, daß die Pferde ihren Hafer fraßen oder vielmehr wir voraussetzen, daß sie ihn fraßen, (denn unterdessen, daß der Kerl Sorge trug, sein selbst in der Küche zu pflegen, trug der Hausknecht große Sorge, daß sein Hafer nicht im Stalle drauf ginge,) begleitete Herr Jones den Herrn Dowling auf dessen dringendes Verlangen nach seinem Zimmer, wo sie sich zu einer Flasche Wein mit einander niedersetzten.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 9-12.
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