Viertes Kapitel.

[287] Abenteuer mit einem Bettelmanne.


Eben als Rebhuhn die fromme christliche Meinung herausgesagt hatte, womit sich das vorige Kapitel beschloß, gelangten sie an einen Kreuzweg, wo sie ein lahmer Kerl in Lumpen um ein Almosen ansprach, worüber ihn Rebhuhn sehr anfuhr und sagte: »Jedes Kirchspiel müßte seine eignen Armen ernähren.« Hierbei fing Jones an zu lachen und fragte Rebhuhn, ob er sich, bei so viel christlicher Gesinnung im Munde nicht schäme, so wenig christliche Liebe im Herzen zu haben. »Seine Religion«, sagte er, »dient Ihm bloß dazu, seine Fehler zu entschuldigen, aber sie treibt Ihn nicht zur Tugend an. Kann ein Mensch, der wirklich ein Christ ist, sich enthalten einem Bruder beizuspringen, der sich in so bedürftigen Umständen befindet?« Und zu gleicher Zeit langte er mit der Hand in die Tasche und gab dem armen Mann ein Achtgroschenstück.

»Herr,« rief der Bettelmann, nachdem er sein »Lohn es Gott!« gesagt hatte; »ich habe hier ein kurioses Ding in meiner Tasche, welches ich eine Stunde Wegs von hier gefunden habe, wenn Ihr Exzellenz geruhen wollten, es zu kaufen. Ich wollt's nicht wagen allermann zu weisen; aber Ew. Exzellenz sind en so scharmanter Herr und so generös gegen Arme, daß Sie keinen Menschen im Verdacht haben werden und mein'n, er sei 'n Dieb, bloß darum, weil er arm ist.« Hierauf zog er ein kleines Taschenbuch mit vergoldetem Schlosse hervor, und gab es Herrn Jones in die Hände.

Jones öffnete es alsobald, und (errate Leser, was er fühlte!) sah gleich auf der ersten Seite die Worte: Sophie Western, geschrieben von ihrer eignen schönen Hand. Sowie er den Namen las, drückte er ihn augenblicklich fest an seine Lippen; er konnte es auch nicht vermeiden, in einige ausschweifende Entzückungen zu fallen, ungeachtet der Gegenwart seiner Gefährten. Vielleicht machten aber eben diese Entzückungen, daß er vergaß, daß er nicht allein sei.[287]

Während Jones das Buch beküßte und beschmatzte, als ob er eine vortreffliche, braungeröstete Kruste im Munde gehabt hätte, oder als ob er wirklich ein Bücherwurm oder ein Autor gewesen wäre, der nichts anders zu essen hat, denn sein eignes Werk, fiel ein Stück Papier aus seinen Blättern auf die Erde, welches Rebhuhn aufhob und Herrn Jones wieder zustellte, der es alsobald für eine Banknote erkannte. Es war wirklich eben dieselbige Banknote, welche Western seiner Tochter des Abends vor ihrer Abreise geschenkt hatte; und ein Jude wäre vor Freuden hoch aufgesprungen, wenn er sie ein Quart pro Cent unter hundert Pfund Sterlinge hätte kaufen können. Rebhuhns Augen funkelten bei dieser Neuigkeit, welche Jones mit lauter Stimme bekannt machte; und so funkelten auch die Augen (obgleich aus einer etwas verschiedenen Absicht) des armen Kerls, der die Brieftasche gefunden hatte, und welcher (ich hoffe aus einem Grundsatze von Ehrlichkeit) sie gar nicht aufgemacht hatte. Jedoch würden wir nicht redlich mit dem Leser verfahren, wenn wir unterließen, ihm von einem kleinen Umstande Nachricht zu geben, der hier vielleicht ein wenig wesentlich ist, nämlich, der Kerl konnte nicht lesen.

Jones, welcher nichts als reine Freuden und Entzücken über den Fund des Buchs gefühlt hatte, empfand bei dieser neuen Entdeckung eine Beimischung von Kummer; denn seine Einbildungskraft leitete ihn alsobald darauf, daß die Eigentümerin der Banknote ihrer vielleicht benötigt sein möchte, ehe es ihm möglich wäre, ihr solche wieder zuzustellen. Er unterrichtete hierauf den Finder, daß er die Dame kenne, der das Taschenbuch zugehörte, und daß er sich bemühen wolle, sie so bald als möglich aufzufinden und es ihr wieder zu bringen.

Das Taschenbuch war ein neuliches Geschenk, das Ihro Gnaden Fräulein von Western ihrer Nichte gegeben hatte. Es hatte seine acht Thaler gekostet, weil es von einem berühmten Galanteriehändler gekauft wor den. Der wahre Wert des vergoldeten Silbers aber, womit es beschlagen war, belief sich etwa auf zwölf Groschen, und diesen Preis würde besagter Galanteriehändler, weil das Buch noch gerade so sauber war, wie es aus seinem Laden gekommen, jetzt wieder dafür gegeben haben. Ein bedächtiger Mensch würde sich indessen die Unwissenheit des Bettelmanns gehörigerweise zu Nutze gemacht und nicht mehr als sechs oder auch als drei Groschen dafür geboten haben; ja, einige hätten vielleicht gar nichts gegeben, und es dem Kerl anheimgestellt, sein erstes Fundrecht einzuklagen; und einige gelehrte Doktoren und Lizentiaten möchten wohl dran zweifeln, ob er unter diesen Umständen besagte Klage hätte gültig machen können.[288]

Jones hingegen, der den Charakter der Großmut nicht im Verborgnen trug, und den vielleicht einige, nicht gar zu unbilliger Weise im Verdacht der Ausschweifungen gehabt haben, gab ohne Bedenken eine Guinee hin für das Buch. Der arme Mann, der seit langer Zeit keinen so großen Schatz besessen hatte, sagte Herrn Jones tausend Dank, und zeigte in seinen Gesichtsmuskeln nicht viel minderes Entzücken, als Jones hatte blicken lassen, wie er das erstemal den Namen: Sophie Western las.

Der Kerl war willig und bereit, unsere Reisenden nach dem Platze zu führen, woselbst er das Taschenbuch gefunden hatte. Sie machten sich also miteinander ungesäumt auf den Weg dahin; aber nicht so geschwind als Jones wünschte, weil sein Wegweiser zum Unglück lahm war, und höchstens nur eine englische Meile in einer Stunde gehen konnte. Wie demnach der Ort, über drei solcher Meilen davon lag, obgleich der Kerl weniger angegeben hatte, so bedürfen wir dem Leser nicht zu sagen, wie lange sie auf dem Wege zubrachten.

Unterwegs öffnete Jones das Buch wohl hundertmal, küßte es ebenso oft, sprach viel mit sich selbst und sehr wenig mit seinen Gefährten. Alles Dinge, worüber der Wegweiser gegen Rebhuhn einige Zeichen der Verwunderung blicken ließ, welcher mehr als einmal die Achseln zuckte und seufzend sagte: der arme Herr! Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano.

Endlich langten sie auf der eigentlichen Stelle an, wo Sophie unglücklicherweise ihr Taschenbuch fallen ließ, und wo es der Kerl ebenso glücklicherweise gefunden hatte. Hier wollte Jones seinen Wegweiser entlassen und schnellern Schrittes weiter gehn; der Kerl aber, bei dem das heftige Erstaunen und die Freude, welche der erste Empfang der Guinee erregt, jetzt schon ziemlich nachgelassen hatte, und der nunmehro Zeit gehabt sich besser zu fassen, nahm eine unzufriedene Miene an, kratzte sich hinter den Ohren und sagte: »Er hoffe, seine Xlenz würden ihm noch etwas mehr geben. Xlenz,« fuhr er fort, »werden, wie ich hoffe, in Erwägung ziehen, daß ich ja alles hätte behalten können, wenn ich nicht so ehrlich gewest wäre.« Und dies, wie der Leser gestehen muß, war wirklich auch wahr. »Wenn also das Papier da hundert Pfund wert ist, so verdient doch in Wahrheit, wer's gefunden hat, wohl mehr als eine Guinee. Noch dazu, wie wohl sein könnte, Ihr Xlenz bekämen die Dame nicht zu sehn, und geben es ihr nicht – und obwohl schon, Ihr Xlenz so aussehn und sprechen, wie 'n guter adlicher Herr, so hab' ich doch dafür keinen andern Bürgen, als Ihr Xlenz bares Wort; und das ist doch auch wahr, wenn sich der rechte Herr dazu nicht wieder finden sollte, so kommt's doch eigentlich demjenigen zu, der's zuerst[289] gefunden hat. Will hoffen, Ihr Xlenz, werden das alles in Bedenken nehmen. Ich bin nur 'n armer Mann, und deswegen begehr' und verlang' ich nicht alles, aber es ist doch recht und billig, daß ich meinen Teil bekomme. Ihr Xlenz sehen mir recht aus, als 'n wackrer Herr und werden, hoff' ich, meine Ehrlichkeit bedenken; denn ich hätte ja alles bis auf'n letzten Heller behalten können, und hätte kein Hund und Hahn darnach gekräht.« – »Ich versichr' Euch, auf meine Ehre, daß ich die rechte Eigentümerin kenne und es ihr wieder zustellen will.« – »Wohl gut, Ihr Xlenz,« antwortete der Kerl, »was das anbelangt, mögen's Ihr Xlenz halten wie Sie wollen, wenn Sie mir nur mein Teil geben, das will sagen, die eine Hälfte von dem Gelde, das andre mögen Ihr Xlenz selbst behalten, wenn's so gefällig ist!« Und dann schloß er damit, daß er einen erschrecklichen Eid schwur, er wollte niemals einer lebendigen Seele ein Wort davon sagen.

»Seht nur, Freund,« rief Jones, »die rechte Eignerin soll nun ein für allemal alles wieder haben, was sie verloren hat, und was nun ein ferneres Trinkgeld anbelangt, so kann ich für jetzt Euch das wirklich nicht geben, aber sagt mir Euren Namen und wo Ihr wohnt, und es ist mehr als möglich, daß Ihr einst weiter Ursache haben werdet, mit dem was Euch heute morgen begegnet ist, zufrieden zu sein.«

»Ich weiß nicht, was Sie mit Ihrem zufriedensein sagen wollen,« erwiderte der Kerl. »Es sieht wohl darnach aus, daß ich zufrieden sein muß, ob Sie der Dame das Geld wiedergeben oder nicht. Aber ich hoffe, Ihr Xlenz werden bedenken.« – »Kommt, kommt,« sagte Rebhuhn, »sagt dem gnäd'gen Herrn Euren Namen und wo man Euch finden kann, ich bin Euch Bürge, es wird Euch niemals gereuen, daß Ihr das Geld in seine Hände gegeben habt.« Als der Kerl weiter keine Hoffnung sah, wieder zum Besitz des Taschenbuchs zu gelangen, ließ er sich's endlich gefallen, seinen Namen und Wohnort zu sagen, welches Jones mit Sophiens Bleistift auf ein Stückchen Papier schrieb, und indem er das Papier zu eben dem Blatt legte, auf welches sie ihren Namen geschrieben hatte, rief er aus: »Da seht Ihr, Freund, Ihr seid der glücklichste Mensch auf Erden, ich habe Euren Namen zu dem Namen eines Engels gelegt.«

»Engel hin, Engel her,« antwortete der Kerl; »mir wäre mehr damit gedient, daß Sie mir entweder noch mehr Geld oder auch das Taschenbuch wiedergäben.« Jetzt spitzte Rebhuhn seinen Hahnenkamm, er gab dem armen Krüppel allerlei Schimpf- und Schandnamen und bestand platterdings darauf, ihn auszuprügeln. Jones aber wollte ein solches Verfahren nicht zugeben. Vielmehr sagte er dem Kerl, er würde gewiß Gelegenheit finden, ihm einen guten[290] Dienst zu erweisen, und damit ging er fort, so geschwind als ihn seine Füße tragen wollten, und Rebhuhn, dem die Gedanken an die hundert Pfund neuen Mut und Kräfte eingeflößt hatten, folgte seinem Führer; der Mann aber, welcher sich genötigt sah zurückzubleiben, ergoß sich in Verwünschungen aller beider so gut als seiner Eltern: »Denn hätten sie mich in die Armenschule geschickt,« rief er, »daß ich Lesen gelernt hätte und Schreiben und Rechnen, so hätt' ich ebensogut gewußt was die Sachen wert waren als andre Leute.«

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 287-291.
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