Der 143. Psalme

[817] Domine exaudi oratio. meā.


Ein schöner Betpsalm, vmb verzeihung der Sünd auß Gottes einiger gnad vnd that, on vnser gerechtigkeit herrurend.


1.

O Herr, erhöre mein gebette!

mein Gott, mein flehen doch vernim!

Nicht das ich solchs verdieuet hette,

dan ich mich dessen gar nicht rüm,


2.

Sonder vmm deiner warheit willen

vnd deiner grossen grechtigkeit

Wölst mir dein angsicht nit verhüllen,

weil dein gnad wärt in Ewigkeit.


3.

Geh ins gericht nicht mit deim knechte,

dan kein lebendiger sonst nit

Vor dir wird werden je gerechte,

der halben nur genad ich bitt.


4.

Der feind mein leben schlägt zu boden

vnn verfolget sehr meine sel,

Legt mich ins finster wie die Todten,

vor schreck der sünden ich mich queel.


5.

Vnd mein Geist ist in mir geängstigt,

mein hertz ist mir im leib verzeert,

In meim sinn ist alls widerspenstig,

mein gdancken seind mir vil beschwert.


6.

Aber in solchem meinem kummer

gedacht ich an die vorig zeit,

Wie das du hast verlassen nimmer

die deine hilff haben erbeit.


7.

Mich trösteten all deine thaten

vnd redt von deinen wercken nur,

Die alle sammt seind voll genaden,

drumb ich mit mein händen auffuhr,


8.

Vnn thete sie zu dir außbreitē,

mein sele die dürstet nach dir

Wie ein dürr land vnn dürre weiden

nach langem Regen mit begir.


9.

O, Herr, ich bit, mich bald erhöre,

mein geiste mir schier gar vergeht,

Verbirg dein andlitz nimmermehre,

eil, weil auff dich mein hoffnung steht.


10.

Auff das ich nicht gleich werde denen

die in die gruben faren hie,

Bey den verloren ist das sehnen,

las mich dein gnade hören frü.


11.

Dan ich auff dich hoffe vnd traue,

thu mir den weg kund drauff ich gang,

Das ich nur deinen wille schaue,

dan ich nach dir gäntzlich verlang.


12.

Erret mich von mein feinden allen,

zu dir hab ich meine zuflucht,

Lehr mich thun nach deim wolgefallen,

dan du bist mein Got, den ich sucht.


13.

Auff ebner ban für mich dein geiste,

erquick mich wiederumm, o Got,

Deins namens halben allermeiste

führ meine sel hie aus der Not.


14.

Von deiner gerechtigkeit wegē,

nit meins verdienst, der ist vmmsunst,

Wolst mein feind stören vnd erlegen

deiner güte halben vnd gunst.


15.

Verderb vnd bring vmm alle dise

so ängsten meine sel vnd sinn,

Auff das ich deinen beistand wisse,

dan ich dein knecht ja alzeit binn.


Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Leipzig 1874, S. 817-818.
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