Der 30. Psalme

[835] Exaltabo te Domine.


Inn des ersten Psalmen Weis.


1.

Ich will, O HERR, erheben dich,

dan du hast mich erhaben:

Du ließst mein Feind nicht fräuen sich,

wie sehr sie mich vmgaben:

HERR mein GOT, da ich zu dir schrai,

machst mich gesund, des ich mich fräu,

weil mein Söl pleibt vnbgraben.


2.

Mein Söl hast gfüret aus der Höll,

du hast mich lebend bhalten

For denen die drein furen schnell:

deshalb wolt nicht verhalten

Des HERREN lob, jr Hailgē all,

lobt seine Hailigkait mit schall,

sein gdächtnus zuerhalten.


3.

Dā sein zorn wärt ain augēplick,

vnn sein Güt durchs ganz lebē.

Lust hat er, dz er gern erquick

vnd mög das leben geben.

Drum wan den abend wärt das laid,

geht morgens widerum auf fräud,

vns nicht zu vberheben.


4.

Da mirs wol ging, sprach ich dazu,

ich lig nimmer darnider,

Dan da dirs gful, da machtest du

meinen Berg stark hinwider,

Aber da dein Antliz wendst ab,

erschrak ich vnd betrübt mich drab,

vnd rufet zu dir wider.


5.

Ich stehet dir, vnn sprach ›O GOT,

was ist an meim Plut nutze?

Wan ich fahr inn die Gruben tod

vnd nicht empfind dein schutze,

Wirt dir, HERR, dancken auch der Staub,

vnd verkünden dein treu vnd Glaub?

wird nicht mein Feind dan trutzē?


6.

HERR, hör vnn sei genädig mir,

Herr, du mein Helfer seie!‹

Als bald ich solches klaget dir,

kehrst inn Raien mein Reue:

Du hast ausgzogen meinen sack,

vnd mich vmgürt mit fräuden strack,

damit ich mich dein fräue.


7.

Drum soll lobsingen dich mein Ehr,

mein Zung vnd Saitenspile,

Vnd sollen still sein nimmermehr,

weil dein hilf ist on zile.

Herr mein GOT, ich will dancken dir

für deinn Güte für vnd für,

O GOT, stärk mir den willen!


Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Leipzig 1874, S. 835.
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