Der 49. Psalm

[839] Audite hoc omnes populi.


Lehrpsalm von Reichtum vnd Armůt.

Inn der weis: Got ist so gut dem etc.


1.

Hört zu, jr Völker all zugleich,

merkt all, die jr jz leben,

Baid, Herr vnd Knecht, baid, Arm vnd Reich:

mein Zung soll Lehrē geben,

Mein Mund von Weishait reden soll,

mein herz klughait betrachten wol,

mein Or solls merken eben.


2.

Ain guten Lehrspruch laßt vns hörn,

vnd auf der Harfen spilen

Sinnreich geticht, die man soll lehrn

vnd stäts vorsingen vilē:

Warum solt ich vil kränken mich

inn bösen tagen forchtsamlich,

wann ich nicht hab die vile?


3.

Warum solt ängsten ich mein Söl

inn disen kurzen tagen

Vm gut welches verschwindet schnell,

pflegt sein Bsitzer zu nagen?

Wann mirs der Gotlos schon verweißt,

mich vntertritt vnd sich hoch sträußt,

pflegt mir sehr nachzujagen,


4.

So sih doch, was han die doch mehr

die auf jr gut sich lasen

Vnd trotzen auf jr Reichtum sehr

vnd sicher sich mutmasen?

Kan jman kaufen auch damit

seim Pruder bei dem HERREN frid?

auch sich GOT selbs ablösen?


5.

Lös ainer mit seim Gelt vnd gut

seinen Freund aus der Höllen!

Kauf den Tod, das er jm nichts thut,

las jms Alter abstellen!

Dan ain Söl lösen zu vil kost,

da mans wol ewig anstehn loßt,

sein zil würd kainem fälen.


6.

Kainer hie ewig gschaffen ist,

sie müsen all verwäsen:

Ob er gleich lang lebt gsund vnd frisch,

wird sein doch nicht vergessen.

Dan man sicht, das solch kluge Leut

sterbē so wol als Thoren heut,

wie sehr sie sich vermessen,


7.

Vnd müsen als dan jr gros gut

andern doch hinterlasen,

Das Fremde mit jrm schwais vnd plut

aufs schnödest prangen, prassen:

Noch denkē sie, jr Haus vnn gschlecht

werd jmmerdar hie sein aufrecht,

jr wonung nie ablasen.


8.

Deshalben nennen sie das Land

nach jrē aigenen Namen,

Fräut sie, das sie sint weit bekant,

gros Ehr han, Freund vnd Stammen:

Dannoch können nicht pleiben sie

jnn solchem gut vnd Würden hie,

faren daher sie kamen.


9.

Ja müsen davon wie das Vieh,

des man nicht meh gedenket,

Weil sie wie das Vieh lebten hie,

welchs jrdischem nachhenket:

Sie ligen doch im finstern grab,

komt nieman der sie da erlab

mit Gaben oder gschänken.


10.

Wiwol nur Thorhait ist jr thun,

nach folgen jn vil Thoren,

Vnd lobens jr Nachkommen nun,

han auch solch weis erkorē,

Damit sie eilen zu dem Tod,

vnd störzen sich inn ewig Not,

ewig zu sein verloren.[839]


11.

Sie ligen inn der Höll wie Schaf,

das sie der Tod da nage,

Ir Leib wart im Grab auf die Straf,

wie ain Schaf auf dem Schragen:

Man treibt sie in dHöll Härdenweis,

das sie der Tod da waid zur Speis,

da ist heulen vnd klagen.


12.

Aber die Frommen werden, bald

vber sie herschen herlich,

Sie kommen noch frü gnug zu gwalt,

ir schmach wird noch wol ehrlich,

Vber der Frommen Söl aufgeht

die ewig helle Morgenröt,

scheinen wie die Sonn klärlich.


13.

Da des Wollüsters stärk vnd gstalt

das alter bald verzeret,

Vnn er aus seinem Haus vnd gwalt

ins Grab ganz schmählich färet:

Daselbs vergeht jr trotzen schnell,

sie müsen pleiben inn der Höll,

für sein stolz ists jm bescheret.


14.

Aber mein Söl würd GOT der Herr

aus der Hölln gwalt erlösen,

Dann mich hat angenommen er,

errett von allem bösen:

Derhalben las nicht jrren dich,

das ainer Reich würd äuserlich,

sein Haus bkom herlich wäsen:


15.

Dann er würd inn seim sterben morn

nichts vberal mit nemmen,

Noch jm sein herlichait nachfarn,

tod mus man sich sein schemen,

Wiwol er der Söl trost zuspricht

vnd alls nach gutem Leben richt,

auch viln gfallt dis fürnemmen.


16.

So faren sie jrn Vätern nach

vnd kain Licht nimmer sehen:

Kämen sie schon zum Alter hoch

wie jren Vätern gschehē,

Jdoch jnen solch kurze fräud

die ewig finsternus erlaid,

weil sie das Recht Licht schmehen.


17.

Kurz, wann ain Mensch inn Würden steht

vnd hat kainen verstande,

Er wie ain Viech davon vergeht,

diweil er nicht erkante

Das er ain Mensch geschaffen ist,

der nicht soll haben Vihisch glüst:

Wollust end sich auf schande.


Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Leipzig 1874, S. 839-840.
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